Schon wieder 13 neue Horrorfilme mit Journalisten? Und jetzt noch im Jahrestakt? Wir melken die Gruselpresse solange, bis uns die Filme ausgehen. Auch wenn 2020 schon grauenhaft genug war – Vorhang auf für Gruselpresse III – Resurrection. Mit dabei: Horror-Ikonen, trashige Heuler und ein alter Bekannter. Happy Halloween.

Text: Patrick Torma

Halloween (2018)

Gewagtes Schachbild: Journalist Aaron versucht Michael Myers konfrontativ matt zu setzen. Doch der befreit sich mithilfe einer Rochade. Bildmaterial: Universal Pictures.
Gewagtes Schachspiel: Journalist Aaron versucht Michael Myers konfrontativ matt zu setzen. Doch der befreit sich mithilfe einer Rochade. Bildmaterial: Universal Pictures.

Starten wir mit einer Ikone des Horror-Genres. Michael Myers ist zurück. Mal wieder. Die 2018er-Iteration ignoriert, was drölfzig Fortsetzungen und Reboots nach John Carpenters Meilenstein verzapft haben. Halloween schließt an die Ereignisse des Ur-Slashers an, schlappe 40 Jahre später. Weshalb wir zwei investigative Journalisten mit Faible für True Crime-Geschichten vorgesetzt bekommen, die uns auf den Stand von damals bringen.

Für ihren Podcast besuchen die Reporter Aaron und Dana Michael Myers in der Psychiatrie, wo sie den Killer mit der Originalmaske aus dem Fundus der Staatsanwaltschaft konfrontieren („Können Sie sie fühlen?“). Anschließend ködern sie Laurie Strode (Jamie Lee Curtis), Überlebende der Halloween-Nacht von 1978, mit fluffigen 3.000 Dollar für ein Exklusivinterview. Doch weder Myers noch Strode sind besonders auskunftsfreudig. Stattdessen müssen sie feststellen, dass nicht allen alten Geschichten ein öffentliches Interesse innewohnt …

Bigfoot – Der Blutrausch einer Legende (2012)

Journalist Sean und seine Flucht nach vorne: Nach einer misslungenen Recherche zu Bigfoot soll noch die Dokumentationen eines Hoaxes seine Karriere retten.
Sean auf großspuriger Safari: Der Journalist will den sagenumwobenen Bigfoot dingfest machen. Bildmaterial: Lighthouse Home Entertainment.

Olle Kamellen, die Zweite: Sean Reynolds jagt einer uralten Sage hinterher – und bezahlt mit seiner Karriere. Eine großspurige Dokumentation über Amerikas Lieblings-Kryptiden bringt den TV-Journalisten in Verruf. Was ihn nicht daran hindert, gleich zur nächsten Expedition zu trommeln. Eben hat er 75.000 Dollar von der Bank abgehoben, Empfänger soll ein Mann sein, der behauptet, er habe eine Sasquatch-Leiche geborgen.

Unsereins riecht den sündhaft teuren Fehlschlag gegen den Wind. Sean tarnt seine Unbelehrbarkeit mit seinem neugewonnenen Geschäftssinn: Mit Hilfe seiner klischeebeladenen Crew will der Reporter X-Factor-mäßiges Reality-TV herunterkurbeln. Sollte sich der tiefgefrorene Bigfoot als kalte Ente erweisen, lässt sich der Ausflug sicher als Mystery-Schelmenstück vermarkten. Doch irgendetwas im Wald hat was gegen den Ausverkauf und erwirkt eine (semi-)blutige Gegendarstellung. Bigfoot – Der Blutrausch einer Legende ist müder Found Footage-Murks. Wer dennoch mehr zur Großmannssucht im Blätterwald lesen möchte, im Rahmen unseres diesjährigen Horror-Programms haben wir den Film ausführlicher besprochen.

Pontypool (2008)

Outlaw am Mikrofon: Grant Mazzy ist kein Freund des beschaulichen Lokaljournalismus. Der Mittelfinger schwingt in seinen Ansagen mit. Eine Zombie-Apokalypse erdet den Moderator. Bildmaterial: Euro Video.

I talked with a zombie: In Pontypool startet Radiomoderator Grant Mazzy (Stephen McHattie) missmutig in den Morgen. Die journalistischen Pflichten in der verschneiten Einöde sind ihm ein Graus. Plötzlich machen Augenzeugenberichte über tollwütige Überfälle die Runde. Abgeschnitten vom Rest der Welt versucht Mazzy die Nachrichtenlage einzuordnen.

Pontypool ist eine Horror-Indie-Perle, die sich vor Orson Welles Hörspieladaption von H.G. Wells War of the Worlds verneigt. Wir bekommen den Untergang der Welt beinahe ausschließlich verbal vermittelt. Der Film ist ein fiktives Fallbeispiel einer Berichterstattung in Extremsituationen. Und er verbindet das Grauen mit einer linguistischen Komponente. In Sachen Cleverness ist Pontypool vielen Zombie-Filmen eine Schlurf-Spur voraus.

In Folge #6 von journalistenfilme.de – der Podcast lauschen wir mit Podgast David Müller (Radio NRW), wie sich der Horror in Pontypool entspinnt.

Abattoir (2016)

Feldrecherche: Jouralistin Julia schreibt über die üblen Folgen austauschbarer Fahrstuhlmusik. Bildmaterial: Constantin Film.
Feldrecherche: Jouralistin Julia schreibt über die üblen Folgen austauschbarer Fahrstuhlmusik. Bildmaterial: Constantin Film.

Die Immobilien-Journalistin Julia geht beruflich steil. Doch dann wird die Familie ihrer Schwester bestialisch ermordet. Die Polizei ist keine große Hilfe, weshalb die Reporterin eigenmächtig einer mysteriösen Spur nachgeht. Die geheimnisvolle Torwächterin Allie besitzt den Schlüssel zu einem Spukhaus – das titelgebende Abattoir (deutsch: Schlachthaus) – mit unendlich vielen Räumen, in denen allerhand Schauer-Szenarien, aber auch die eine Wahrheit warten.

Abattoir beginnt wie ein vielversprechender Story-Pitch. Auf dem Papier liest sich die Prämisse spannend. Mit fortdauernder Spielzeit zeigt sich: Abattoir ist ein filmischer Click Bait-Artikel ohne echte Seele.

Sisters – Die Schwestern des Bösen (1973)

Die Journalistin Grace Collier ist Zeugin eines grausigen Mordes in der Wohnung gegenüber. Erinnert an Das Fenster zum Hof? Aber ja! Brian da Palma Frühwerk Sisters ist aber mehr als ein Hitchcock-Klon. Bildmaterial: Indigo.

Die Lokalreporterin Grace Collier beobachtet aus dem Fenster heraus einen Mord in der Nachbarwohnung. Ein junger Mann wird brutal erstochen. Doch die alarmierte Polizei schenkt ihr keinen Glauben – der Schauplatz ist nicht etwa Dunkeldeutschland im Jahre 2020, sondern Staten Island 1973. Von dort aus führt die Spur in eine Heilanstalt und in die Abgründe der menschlichen Seele.

Brian da Palma schuf mit Sisters – Die Schwestern des Bösen einen alptraumhaften wie intelligenten Thriller mit Horror-Anleihen, der sich inhaltlich wie formal an Hitchcock anschmiegt, in beiden Belangen gleichzeitig kräftig aufsattelt. Herauskommt ein Film über den Spanner in jedem von uns. Erfreulich aus dem Blinkwinkel dieses Blogs: Die Journalistin ist nicht bloß Mittel zum Zweck, sie verhandelt wichtige Fragen zum Thema.

In Folge #10 von journalistenfilme.de – der Podcast schauen wir mit Patrick Lohmeier (Bahnhofskino) genauer hin.

Tag des Zorns (1985)

Wallraff auf neuer Intensivrecherche. Getarnt als Hochseefischer überzeugt er sich von der unartgerechten Haltung unglückseliger Riesenkalmare.
Wallraff auf neuer Intensivrecherche. Getarnt als Hochseefischer überzeugt er sich von der unartgerechten Haltung unglückseliger Riesenkalmare.

Ein weiterer Beitrag mit dem Prädikat „aus filmhistorischer Sicht interessant“. „Eine sowjetische Filmutopie aus dem Gorki-Studio“, heißt es auf dem DDR-Filmplakat über Tag des Zorns. Der TV-Reporter Betli untersucht eine Einrichtung, die in einem abgeschiedenen Naturschutzgebiet liegt. Dort sollen Wissenschaftler Experimente an Menschen durchführen. Betli kommt der Wahrheit gefährlich nahe…

Manche Zusammenfassungen im Netz (etwa die der imdb) suggerieren, der sowjetische Film spiele in den USA oder in einem nicht näher benannten westlichen Land. Wobei die porträtierte Landbevölkerung eher nach Kolchose als nach Community aussieht. Andere glauben, bei dem Film handle es sich um eine verdeckte Kritik am eigenen Regime. So oder so: Typisch für den sowjetischen Sci-Fi-Film besticht Tag des Zorns durch seine ruhige, fast mystische Inszenierung, die Züge eines Tarkovskijs (Solaris, Stalker) trägt.

The Gamma People (1956)

Sensation: Die Blue Man Group strebt einen Imagewandel an. Bildmaterial: Columbia.
Sensation: Die Blue Man Group strebt einen Imagewandel an. Bildmaterial: Columbia.

Nochmal verstrahlte Wissenschaftler und menschliche Versuchskaninchen – allerdings unter (eindeutig) umgekehrten Vorzeichen. In diesem 50er-Jahre-Reißer stranden zwei Journalisten in einer Ostblock-Ortschaft (als Drehort musste Österreich herhalten), nachdem sich einfach mal ihr Abteil vom fahrenden Zug löst. Dort stellen sie fest, dass sich einige Bewohner verdächtig verhalten. Offensichtlich pflegt der Dorfwissenschaftler einen allzu lockeren Umgang mit Gammastrahlung. Ein Fall für die Wissenschaftsredaktion.

The Gamma Pepole ist ein typischer Vertreter des 1950er-Jahre-Sci-Fi-Kinos, das die Angst vor dem Atom thematisiert bzw. ausschlachtet. In einer frühen Rolle als Kameramann zu sehen ist übrigens Sir Leslie Phillips vor seinem Durchbruch als ernstzunehmender Mime.

The Revenge of the Radioactive Reporter (1990)

Warum liegt hier atomarer Giftmüll? Journalist David stellt unbequeme Fragen.  Bildmaterial: CIC Video.
Warum liegt hier atomarer Giftmüll? Journalist David stellt unbequeme Fragen. Bildmaterial: CIC Video.

Lockern wir die Trash-Schrauben endgültig: The Revenge of the Radioactive Reporter ist das Gegenstück zum Journalistenfilm-Klassiker Das China Syndrom. Journalist David kommt einem Komplott in einem Atomkraftwerk auf die Schliche, weswegen er prompt im nuklearen Abfall versenkt wird. Was ihn aber nicht davon abhält, weiter zu investigieren – sieht man von kleinen Nebenwirkungen der Kontaminierung ab.

Billig bis zur Schamgrenze, ist The Revenge of the Radioactive Reporter lediglich für bierselige Runden zu gebrauchen. Dagegen ist Tromas Toxic Avengers Gold.

Dead Men Don’t Die (1990)

Barry Barron (Elliott Gould) legt in Dead Men Don't Die eine eher ungesunde Gesichtsfarbe an den Tag.
Liebling, ich habe den Nachrichtenmoderator zombifiziert: Elliott Gould alias Barry Barron wurde nach seinem Ableben von einer Voodoo-Priesterin reanimiert und schaut nun käsig drein. Bildmaterial: KSM.

Zombie-Zeitungen sind das journalistische Grauen der Neuzeit. Dagegen ist das Zombie-Fernsehen in Dead Men Don’t Die für anderthalb Schmunzler gut: Der Nachrichtenmoderator Barry Barron (Elliott Gould) wird nach einem Anflug von investigativem Eifer in einer Tiefgarage erschossen. Facility-Managerin Chakufah (Mabel King) ist zufällig nebenberufliche Voodoo-Priesterin und holt den Anchorman zurück ins Reich der Lebenden. Nur weist Barron nach diesem Erweckungserlebnis eine ziemlich ungesunde Gesichtsfarbe auf.

Verdatterter als Heiner Bremer im Nachtjournal schleppt sich Dead Men Don’t Die durch seine Zoten, vom Teleprompter abgelesene Moderationen versprühen mehr Hingabe als diese leidlich komische Zombie-Klamotte. Nie hat eine Kettensäge mehr gefehlt als in diesem Film.

Banshee Chapter (2013)

Anne Roland (Katia Winter) ist die Heroine im Horrorfilm Banshee Chapter. Und als investigative Reporterin beinahe übernatürlich tough.
Anne Roland (Katia Winter) ist die Heldin im angenehm kruden Banshee Chapter. Und als investigative Reporterin übernatürlich tough. Bildmaterial: Koch Media.

Aluhut-Folklore, Lovecraft-Horror und eine Prise Hunter S. Thompson. Banshee Chapter sind eine krude Mischung. Aber eine, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Online-Journalistin Anne Roland geht den Experimenten ihres alten Studienfreundes James nach. Der knallt sich halluzinogene Mittelchen rein, die die CIA im Rahmen ihres berüchtigten MKULTRA-Projektes verabreicht haben soll, und verschwindet spurlos. Die Undercover-Recherche im Drogensumpf wird zum Horror-Trip.

Die inszenatorischen Versatzstücke dieses Low-Bugdet-Gruslers sind genauso vielfältig wie seine popkulturellen Story-Anleihen: Klassische Kameraarbeit vermengt sich mit Found Footage, wird um Aufnahmen aus Polizei- und Überwachungskameras ergänzt und mit aus dem Kontext gerissenen Archivbildern aufgebläht. Das Ergebnis wirkt wie eine Pseudo-Dokumentation aus den Untiefen der YouTube-Akademie. Post-faktischer Horror am Puls der Zeit. Irgendwie sehenswert.

Mehr zu Banshee Chapter in unserer ausführlichen Besprechung aus dem Oktober 2020.

Crucifixton (2017)

Jeder bitte nur ein Kreuz. Sorry, die Bildunterschrift musste sein. Bildmaterial: Tiberius Film.
Jeder bitte nur ein Kreuz. Sorry, die Bildunterschrift musste sein. Bildmaterial: Tiberius Film.

Vom Verschwörungsgeschwurbel zu wahren Begebenheiten. Was im Horrorsektor freilich nichts heißen muss. 2005 sorgt der Fall der 23-jährigen Maricica Irina Cornici für Schlagzeilen. Im rumänischen Kloster in Tanacu an ein Kreuz gefesselt, stirbt die Frau eines qualvollen Todes. Ein Priester und vier Nonnen geben an, Cornici sei vom Teufel besessen gewesen. Crucifixion kapert diesen realen Hintergrund: In dem Film recherchiert die US-Journalistin Nicole die Hintergründe einer fehlgeschlagenen Dämonenaustreibung.

Ein Beitrag aus der Abteilung „Und täglich grüßt das Murmeltier“: Crucifixion bietet nichts, was man nicht schon in anderen Exorzismus-Streifen gesehen hätte. Für diese chronische Ideenarmut gibt es einen Rüffel aus der Redaktionskonferenz.

Kochendes Blut (1970)

Homestory mit Karloff: Der Journalist Claude Marchand besucht den blinden Künstler Franz Badulescu. Dessen Skulpturen sind der letzte Schrei … Bildmaterial: Castle View Film / AL!VE.

Für einen Sommer ist die andalusische Mittelmeerküste das Mekka der Kunstszene. Hier erschafft der Künstler Badelescu (Boris Karloff) seine Skulpturen nach dem Vorbild berühmter Malereien. Verteufelt lebensecht, versteht sich. Claude Marchand (Jean-Pierre Aumont), Journalist, Lebemann und Lustmolch, ist zur Homestory mit dem blinden Künstler verabredet – und kommt nach einigen Sugar Daddy-haften Eskapaden (sowie der erbärmlichsten Karnevalsfeier, die je auf Film gebannt wurde) dem Geheimnis seiner Werke auf die Schliche.

Kochendes Blut ist ein dilettantischer House of Wax-Klon, über den es sich herrlich abledern lässt. Wäre nicht der ehrwürdige Boris Karloff in der Hauptrolle zu bedauern. Im Rollstuhl sitzend spielt er den gesamten Cast an die Wand, um dann ziemlich unwürdig abzutreten. Karloff selbst starb wenige Zeit nach den Dreharbeiten, den fertigen Film sah er glücklicherweise nicht mehr.

Bride of the Monster (1955)

Ist das nicht? Ja, Bela Lugosi spielt in Bride of the Monster an der Seite von Wrestling-Legende Tor Johnson.
Ist das nicht? Ja, Bela Lugosi spielt in Bride of the Monster an der Seite von Wrestling-Legende Tor Johnson.

Wer Karloff sagt, muss auch Lugosi sagen. Zumindest sind wir an dieser Stelle dazu verpflichtet. Zum dritten Mal in Folge beschließen wir unser Bestiarium des journalistischen Horrors mit dem Hungaro-Gentleman. Keiner weist die Presse so distinguiert in die Schranken wie Bela Lugosi, da könnten sich einige Wirrköpfe eine Scheibe abschneiden. Allerdings: In Bride of the Monster ist Lugosi so traurig anzusehen wie Karloff in Kochendes Blut. Mindestens.

Bride of the Monster – deutsch: Die Rache des Würgers – gehört zu den letzten Spielfilmauftritten des Dracula-Darstellers und wurde von einem gewissen Ed Wood „verbrochen“, jegliche Fragen zur Qualität dieses Streifens erübrigen sich also. Die Story: Dr. Eric Vornoff (Lugosi) verwandelt in seinem sumpfigen Laboratorium Ahnungslose in atomare Superpersönlichkeiten. Es obliegt der Journalistin Janet Lawton den Tag zu retten. Das einzig Gute an diesem Film: Er ist Public Domain, sodass wir Euch wieder mit einem Heuler entlassen können. Happy Halloween!

Frühere Teile unserer Serie: 
Gruselpresse Part One: Journalisten in Horrorfilmen
Gruselpresse Part Two: Return of the Gruselpresse

Ihr kennt weitere Horrorfilme mit Journalist*innen in schauerlichen Rollen? Sachdienliche Hinweis nehme ich immer gerne entgegen!