Groundhog Day Journalism

Ein Evergreen zum Jahreswechsel: Und täglich grüßt das Murmeltier ist einer dieser Filme, die derzeit wieder durchs Privatfernsehen flimmern – als wollten die Senderverantwortlichen auf programmatische Art und Weise das Vertrauen zunichte machen, dass sich im neuen Jahr etwas ändern könnte. Der mürrische Wetterfrosch Phil Connors steckt in einer Zeitschleife fest. Ein Gefühl, das viele Journalisten allzu gut nachempfinden können. Nicht umsonst ist der Filmtitel zu einer geflügelten Überschrift geworden. Dabei gibt es Hoffnung.

Von Patrick Torma. Bildmaterial: Columbia Pictures.

Die Kommune hat ihren Haushalt mal wieder überzogen? Die Koalitionsverhandlung ziehen sich ewig hin? Blogger und Journalisten gehen sich zum wiederholten Mal publizistisch an die Gurgel? Wann immer der erwartbare Stillstand eintritt, tappst das täglich grüßende Nagetier durch die Gazetten und Online-Portale. Dabei zeugt das Murmeltier in der Überschrift nicht nur von mangelndem Einfallsreichtum; schließlich ist seine ständige Wiederkehr genauso erquickend wie das eigentliche Problem, das sich nicht aus der Welt bringen lässt. Schlimmer noch, der Nager droht das Kontinuum zwischen Produzenten und Rezipienten zu zerreißen. Der Popularität der Komödie ist es zu verdanken, dass der Leser weiß, was dieses ominöse Murmeltier zu bedeuten hat – im Westen nichts Neues nämlich. Stellt sich die Frage, wieso er einen Artikel lesen soll, der auf einer Nicht-Nachricht basiert? Das Phil’sche Paradoxon ist perfekt.

Dabei ist die Geschichte von Und täglich grüßt das Murmeltier herrlich unkompliziert. Der misanthropisch veranlangte Meteorologe Phil Connors (Bill Murray) reist in die Kleinstadt Punxsutawney, um für seinen Sender über den Groundhog Day zu berichten. Jedes Jahr warten die Menschen freudig darauf, dass ihnen Murmeltier Phil das Wetter für die nächsten sechs Wochen prophezeit. Sieht Connors pelziger Namensvetter seinen eigenen Schatten, müssen sich die Menschen auf einen längeren Winter einstellen. Ist kein Schatten in Sicht, ist der Frühling nicht mehr fern. Nachdem er das Spektakel medial abgefrühstückt hat, möchte Connors das Nest fluchtartig verlassen. Das provinzielle Event ist ihm ein Graus.

Szene aus dem Film Und täglich grüßt das Murmeltier: Phil Connors bereichtet live vom Murmeltiertag!

Zyniker am Mikrofon: der misanthropisch veranlagte Phil Connors macht keinen Hehl aus seiner Verachtung für die Provinz.

Der Zauber des Murmeltiers

Doch ein Schneesturm verhindert die Abfahrt, sein Filmteam und er sind gezwungen, eine weitere Nacht in dem Ort zu verbringen. Anstatt der Rückfahrt wartet auf Phil Connors seine ganz persönliche Vorhölle: Er erlebt den gleichen Murmeltiertag immer wieder und wieder. Einfach so. Man ahnt, dass kosmische Kräfte am Werk sind, die dem Miesepeter vom Dienst eine Lektion erteilen, wie die Zeitschleife zustande kommt, erklärt das Drehbuch allerdings nicht. Zumindest nicht in der fertigen Fassung. In einem früheren Entwurf sollte Connors von einer enttäuschten Verflossenen verflucht werden.

Dieser Voodoo hätte den Film seines Zaubers beraubt. Schließlich funktioniert Und täglich grüßt das Murmeltier wie ein kalendarisch verspätetes Weihnachtsmärchen: Ein egozentrischer Griesgram entdeckt die Nächstenliebe und verwandelt sich in den größten Wohltäter, den seine Mitmenschen je erlebt haben. Tatsächlich ähnelt die Entwicklung von Phil Connor der des grantigen Ebenezer Scrooge in Charles Dickens‘ A Christmas Carrol. Jenen Geizhals, den Bill Murray fünf Jahre zuvor in einer modernen Adaption des Dickens-Klassikers porträtierte: In Die Geister, die ich rief heißt Ebenezer Scrooge Francis Xavier Cross und ist ausführender Produzent eines Fernsehsenders.

Szene aus dem Film Und täglich grüßt das Murmeltier: Phil Conners steht mit dem falschen Fuß auf - und erlebt den gleichen Tag immer wieder und wieder.

Griesgram: Phil Connors steht mit dem falschen Fuß auf, der Wecker muss dran glauben. Kein Wunder, erlebt er doch den gleichen Tag immer und immer wieder!

Wetteransager oder Journalist?

In Und täglich grüßt das Murmeltier mimt Murray also einen Wettermann. Wieder einen Medienmenschen: Was müssen die in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren für Arschlöcher gewesen sein. Sehr zum Leidwesen des Journalismus, den die Komödie ungewollt (?) in Sippenhaft nimmt, obwohl sie nur Spurenelemente eines Journalistenfilms enthält. Phil Connors ist – formal betrachtet – kein Journalist, sondern ein moderierender Meteorologe, ein Wetteransager.

In der Außenwahrnehmung ist das Bild des Journalisten allerdings ein diffuses. In einer Zeit, in der Journalisten Gameshows moderieren und Sprecher ohne journalistische Ausbildung journalistische Formate präsentieren, fällt es den Menschen zunehmend schwer, zu differenzieren, wer Journalist ist und wer nicht. Im Zweifelsfall ist jeder Mikrofon-Halter vor der Kamera, der kein Liedchen trällert, ein Journalist.

Szene aus dem Film Und täglich grüßt das Murmeltier: Philconnor und sein Filmteam, bestehend aus Aufnahmeleiterin Rita und Kameramann Larry.

Das Fernsehteam um Phil Connors, bestehend aus Love Interest Rita und Comic Relief Larry, macht gute Miene zum bösen Wettermann.

Runter vom hohen Murmeltier

Mit seichten Quizmastern und lauten Krawall-Talkern in einen Topf geworfen zu werden, das ist die Horrorvorstellung für jeden um Seriosität bemühten Journalisten, tatsächlich aber ein Phänomen, das Soziologen und Journalismusforscher wie Siegfried Weischenberg längst beobachten. Das liegt weniger an der Medienkompetenz des Zuschauers. Das Problem fehlender Trennschärfe ist hausgemacht: Wenn sich subjektive Meinungen unter die objektive Berichterstattung mischen, boulevardeske Stilmittel und Inhalte die seriöse Nachricht unterwandern und unbedeutenden Mitteilungen in den Redaktionen bisweilen zu viel Relevanz beigemessen wird, so dass der Journalismus bei wichtigen Themen als Frühwarnsystem versagt, dürfen wir Journalisten uns gerne an die eigene Nase fassen.

Ohnehin gilt: Auf hohen Rössern reiten ziemt sich nicht. Die Berufsbezeichnung Journalist ist nicht geschützt, die Grenzen zu benachbarten Betätigungsfeldern sind fließend. „Journalismus bezeichnet die periodische publizistische Arbeit von Journalisten bei der Presse, in Online-Medien oder im Rundfunk mit dem Ziel, Öffentlichkeit herzustellen“, lautet die Wikipedia-Definition – Phil Connors Live-Schalte von der Murmeltier-Messe in Punxsutawney hiervon auszunehmen, fällt schwer. So trivial das Sujet seiner Berichterstattung erscheinen mag.

Szene aus dem Film Und täglich grüßt das Murmeltier: Phil Conners trifft auf seinen alten Schulfreund, den Versicherungsmakler Ned.

„Phil? Bist Du das?“ – „Unter anderem“: In jedem Journalist steckt ein Phil Connors. Wer von uns hat das täglich grüßende Murmeltier noch nicht verflucht?

In jedem Journalist steckt ein Phil Connors

Auch wenn es schmerzhaft ist: In jedem Journalist steckt ein Phil Connors. Jeder, der regelmäßig für ein Medium oder mehrere Medien berichtet, wird mit wiederkehrenden Ereignissen konfrontiert. Die alljährliche Jahrespressekonferenz, die immer gleiche Wahlberichterstattung, das von Mal zu Mal immer unerträglicher werdende Hoppeditzerwachen auf dem Rathausplatz. Selbst der aufregendste Job kommt nicht ohne Routine aus.

Der Journalist besitzt nun zwei Optionen. Entweder er ergibt sich seinem Schicksal und lässt gelangweilt das Murmeltier tanzen. Oder aber er bricht aus seinem Murmeltierrad aus, indem er das Gewohnte aus einer neuen Perspektive heraus betrachtet. Neue Darstellungsformen in der Wahlberichterstattung ausprobiert. Mit neuen Tools experimentiert. Mit Mehrwert über den Schützenzug berichtet, so dass der Artikel mehr Leser als die zwanzig Schützen mit Zeitungsabonnement erreicht. Oder ausgelatschte Geschichten ohne Nachrichtenwert gleich ganz unter den Tisch fallen lässt. Schließlich findet auch der längste Murmeltiertag irgendwann sein Ende.

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