Sean Reynolds lebt auf großem Fuß: Der Investigativ-Reporter hat unlängst seine Karriere mit einer Recherche über den sagenumwobenen Bigfoot beschädigt. Das hält ihn allerdings nicht davon ab, erneut zu einer kryptozoologischen Expedition zu blasen. Das schmeckt nicht jedem im Wald: Bigfoot – Der Blutrausch einer Legende ist behäbiger Found FootageMurks.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Los Studios.

Eben hat Sean 75.000 US-Dollar von der Bank abgehoben. Das Geld ist für einen vermeintlichen Bigfoot-Jäger bestimmt, der von sich behauptet, er bewahre ein erlegtes Exemplar in der Tiefkühltruhe auf. Unsereins meldet arge Bedenken an, 75.000 Schleifen für einen Hoax sind eine Menge Holz. Sean hingegen ist felsenfest von der Rentabilität dieses Investments überzeugt. Zugegeben: Vergleichen mit den Millionen, die der Stern für gefälschte Hitler-Tagebücher hinblätterte, ist ein Fake-Sasquatch on the rocks ein Schnapper.

Die journalistische Motivation hinter diesem Ausflug wackelt gehörig, analog zur Kameraführung in diesem Found-Footage-Horror (der Originaltitel – Bigfoot – The Lost Coast Tapes – ist mit Blick aufs Genre eindeutiger als die bescheuerte, fast schon schwindlerische Eindeutschung). Denn Sean ist sich dessen bewusst, dass ihn „der Verrückte“ mit der Bigfoot-Leiche „nur verarschen“ wolle. Es ist nicht ganz klar, ob nicht doch ein wenig Resthoffnung in ihm glimmt, einen echten Waldmenschen auf Film zu bannen. Sean jedenfalls verkauft uns dieses Unternehmen als Flucht nach vorne, indem er seinen Fehlschlag von damals ummünzt: Die Jagd nach Bigfoot wird zum ironisch gebrochenen Reality-TV. Statt Pulitzer hat er nun den Emmy im Blick. Seine Karriere als ernsthafter Journalist hat Sean also abgeschrieben.

Nur bedingt kamerascheu: Journalist Sean Reynolds

Journalist Sean und seine Flucht nach vorne: Nach einer misslungenen Recherche zu Bigfoot soll  die Dokumentation eines Hoaxes seine Karriere retten.
Journalist Sean und seine Flucht nach vorne: Nach einer misslungenen Recherche zu Bigfoot soll die Dokumentation eines Hoaxes seine Karriere retten.

Da verwundert es wenig, dass nicht jeder im Sender von diesem persönlichen PR-Stunt begeistert ist. Freund und Tontechniker Curtis etwa sieht gar nicht ein, seinen guten Namen für diese „Horrorshow“ herzugeben. Weshalb er seine Absage an Sean allerdings mit einem Hinweis auf seine Hautfarbe garnieren muss („Kein Schwarzer bei klarem Verstand würde mit einem Haufen Weißer in die Wälder gehen“), erschließt sich nicht ganz. Stattdessen muss Sean auf das nervöse Jesse Eisenberg-look-a-like Kevin zurückgreifen. Zum Team gehören außerdem Kameramann Darryl, Typ sorgenloser Surfer-Dude, und Robyn, spirituell veranlagte Producerin und Ex-Freundin von Sean.

Gemeinsam macht sich diese Ansammlung von Klischees auf ins Hinterland. Nach einigen Verfahrern (ja, das ist so spannend wie es klingt) werden sie von einem Kontaktmann namens Drybeck eingesammelt. Die Pseudo-Dokumentarfilmer wechseln die Fahrzeuge, dass sie ihre Köpfe für die Weiterfahrt in sichtundurchlässige Säcke hüllen sollen, sorgt nur bei Nörgel-Kevin für ein ungutes Gefühl („Das ist ja wie bei den Taliban“). Sean dagegen wittert Reality TV-Gold. „Lasst die Kameras glühen, damit wir keine Lücken im Material haben“, ordnet er als Kopf der Jagdgesellschaft noch an. Was die multiplen Blickwinkel im weiteren Verlauf der Hatz erklärt. Warum Drybeck jedoch einerseits Sichtschutz anordnet, andererseits keine Probleme mit laufenden Kameras zu haben scheint, ist eine nur der vielen offenen Fragen am Wegesrand.

Gehen Sie weiter, hier gibt
es nichts zu sehen

Ober, der Kryptid nimmt den Wein: Bigfoot-Jäger Drybeck fährt groß auf. Erst die Spirituosen, dann die Schauermärchen.
Ober, der Kryptid nimmt den Wein: Bigfoot-Jäger Drybeck fährt groß auf. Erst die Spirituosen, dann die Schauermärchen.

Der Rest der Handlung ist schnell erzählt: In der von der Zivilisation abgeschnittenen Einöde stellt sich heraus, dass am Bigfoot-Mythos doch etwas dran ist. Was der gefallene Sean lange nicht wahrhaben will, seine Gutgläubigkeit, die ihn die Karriere gekostet hat, kompensiert er nun mit einer arrogant-übersteigerten Skepsis. Was Drybeck wiederum mit einem „Hat Ihr Psychiater Ihnen diese aggressive, journalistische Herangehensweise vorgeschlagen?“ quittiert. Der Journalist verliert zunehmend die Fassung, weniger aufgrund der Ereignisse im Pfadfinderlager – die nehmen erst nach einer geschlagenen Stunde an Fahrt auf – sondern aufgrund des persönlichen Drucks, der mit diesem Projekt verbunden ist.

Sean wird herrisch, übervorteilt seine Crew und reißt mehr und mehr die Dokumentation an sich, die er nach seinem Gusto und ohne Rücksicht auf Verluste inszeniert. Schlimm, weil unberührt von dieser Entwicklung, sind die anzüglichen Bemerkungen, mit denen er seine Producerin Robyn überzieht. Die findet das alles natürlich ganz charmant und fällt Sean tatsächlich in die Arme…

Dass Bigfoot – Der Blutrausch einer Legende kein Film zum Ernstnehmen ist, war zu erwarten. Für einen Horrorfilm ist die Chose aber – sowohl buchstäblich als auch im übertragenen Sinne – eine blutleere Veranstaltung. Spannung kommt allerhöchstens in den letzten Minuten auf, alles andere ist Found Footage der behäbigen Sorte. Dabei hätte die Prämisse – Journalisten spüren einem legendärem Missing Link nach – Potenzial. Vor allem wenn sich vor Augen hält, dass der Mythos um Bigfoot nicht zuletzt durch die Regenbogenpresse kultiviert wurde.

Die wahre Geschichte über
Bigfoot und dessen Mythos

Hat es im Urin: Robyn, spirituell veranlagt, merkt, dass etwas nicht stimmt. Schließlich raschelt es verdächtig im Busch.
Hat es im Urin: Robyn, spirituell veranlagt, merkt, dass etwas nicht stimmt. Schließlich raschelt es verdächtig im Busch.

Die Legende des haarigen Kryptiden geht auf indianische Erzählungen um 1850 zurück, ihren Durchbruch feierte sie rund hundert Jahre später. 1958 kommentierte der Journalist Andrew Genzoli von der Humboldt Times mit spitzer Feder den Fußspurenfund des Holzfällerunternehmers und späteren Bigfoot-Forschers Wallace. Vielleicht hause in den Wäldern Nord-Kalifornien ja ein Verwandter des Yetis, ulkte der Reporter in seiner Kolumne, die als locker-leichte Sonntagsunterhaltung gedacht war. Heute weiß man, dank der Beichte seines Sohnes, dass Wallace diese Abdrücke mithilfe von aus Holz geschnitzten Füßen angefertigt hat. Ende der 1950er-Jahre jedoch entwickelte der Scherz eine „ungeheure“ Eigendynamik. Als Reaktion auf die Resonanz unter der Leserschaft gingen Genzoli und seine Kollegen der Geschichte weiter nach. Andere Medien griffen die Berichte auf und machten Bigfoot zu einem nationalen Phänomen.

Über 60 Jahre später sind die allermeisten „Belege“ für die Existenz des Urviechs entkräftet. Allein die Tatsache, dass in all diesen Jahrzehnten keine überzeugenden Überreste wie Knochen gefunden wurden, macht einen Ausbruch Bigfoots aus dem Reich der Fabeln unwahrscheinlich. Doch in der Logik der Bigfoot-Gläubigen lassen fehlende Beweise den umgekehrten Schluss zu: Noch ist nichts widerlegt. Solange darf Bigfoot noch durch den Blätterwald stampfen. Und durch uninspirierte C-Movies.


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