Hermann Willié Knobel Schtonk

Ob es nun Hitlers Frauen oder Hitlers Flugscheiben über Neuschwabenland sind, Hitlers Helfer oder Hitlers Hoden – jeder weiß: Hitler sells. Dem Stern wurde dieser Führerkult zum Verhängnis. Was als bedeutendster Scoop in die Geschichte des Magazins eingehen sollte, mutierte zum größten Medienskandal der Bundesrepublik: Die Veröffentlichung der Hitler-Tagebücher. Der Film Schtonk! spitzt die   grotesken Ereignisse auf wunderbar beängstigende Art und Weise zu. Dabei ging es Regisseur Helmut Dietl nicht allein darum, die Chronologie des Skandals zu veralbern. Schtonk! arbeitet auf, wozu die Bonner Republik nicht in der Lage war.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: EuroVideo Medien GmbH.

Anfang der 1980er-Jahre wittert der Stern-Star-Reporter Gerd Heidemann die Weltsensation. Über den Mittelsmann Jakob Tiefenthäler gerät der Journalist an den Militaria-Händler Fritz Stiefel. In dessen Sammlung stößt er auf jene Zeilen, die das Dritte Reich bedeuten sollen. Des Führers Tagebuch! Was Heidemann nicht weiß (und später nicht wahrhaben will): Fritz Stiefel lässt sich bereits seit einigen Jahren gefälschte Dokumente, darunter vermeintliche Kunstwerke des Malers Adolf Hitler, unterjubeln. Von wem, das wollen Tiefenthäler und Stiefel nicht verraten. Doch Heidemanns ohnehin starke Obsession für Nazi-Krempel – 1973 erwirbt er eine Motorjacht des Reichmarschalls Hermann Göring! – kennt von nun an kein Halten mehr. Der finanziell in Schieflage geratene Reporter muss dieses Tagebuch auswerten und vermarkten.

Nur wie? Heidemanns Vertrag mit dem Stern läuft aus. Thomas Walde, Ressortleiter für Zeitgeschichte, überzeugt den langjährigen Kriegsberichterstatter, die Tagebücher für das Gruner + Jahr-Flaggschiff zu beschaffen. Da es Heidemann zunächst nicht gelingt, die Bezugsquelle ausfindig zu machen, recherchiert er, ob und wie die Tagebücher des Führers überhaupt in den Umlauf geraten konnten. Nährboden liefern Gerüchte über ein verschollenes Flugzeug, das wenige Tage vor der Kapitulation des Deutschen Reiches aus dem eingekesselten Berlin abgehoben und im bayrischen Wald verunglückt sein soll. An Bord wird allerhand geheimes Zeug vermutet.

Spektakulärer Scoop? Hermann Willié lässt sich für die Entdeckung der Hilter-Tagebücher feiern. Der Untergang kommt noch.

Spektakulärer Scoop? Hermann Willié lässt sich für die Entdeckung der Hilter-Tagebücher feiern. Der Untergang kommt noch.

Echte Geschichte – falsche Tagebücher

Der Reporter lokalisiert den tatsächlichen Absturzort. Dieser befindet sich bei Börnersdorf in der DDR, nahe der Grenze zur Tschechoslowakei. Dort liegt die Besatzung des Flugzeugs begraben. Von der Ladung fehlt jede Spur. Für Heidemann ist jedoch klar: Auf diesem Wege sind Hitlers Tagebücher abhanden gekommen. Felsenfest von der Echtheit der Dokumente überzeugt, wendet er sich erneut an Tiefenthäler. Diesmal bliebt er hartnäckig und bietet dem Beschaffer zwei Millionen DM für die Kopien an – ohne die Rückendeckung des Sterns wohlgemerkt. Tiefenthäler informiert seinen Kontakt – den Kunstfälscher Konrad Kujau. Er ist der Urheber der vermeintlichen Hitler-Ergüsse, die Heidemann in Fritz Stiefels Villa zu Gesicht bekam.

Kujau, von Haus aus Maler, hatte heraus gefunden, dass sich mit der Leichtgläubigkeit von Altnazis und NS-Fetischisten gutes Geld verdienen lässt. Selbst wenn seine Fälschungen aufflögen – wer gäbe sich schon die Blöße, weil er sich einen falschen Hitler andrehen ließ? Eine Presseanfrage ist allerdings ein Kaliber, das es nicht zu unterschätzen gilt. Kujau zögert, stimmt schließlich doch einer Kontaktaufnahme zu. Im Telefonat unterstreicht Heidemann sein Interesse an den Büchern, er erzählt Kujau von seinen Recherchen und seinem Fund in Börnersdorf. Der bauernschlaue Fälscher schaltet sofort: Er wird Heidemanns Erkenntnisse in die Tagebücher einfließen lassen und ihm damit eine zusätzliche Bestätigung liefern.

Vom Loser-Typen zum herrischen Fatzke: Hermann Willié steigt der Ruhm zu Kopf. Erst recht im NS-Wohlfühl-Bademantel.

Vom Loser-Typen zum herrischen Fatzke: Hermann Willié steigt der Ruhm zu Kopf. Erst recht im NS-Wohlfühl-Bademantel.

9,3 Millionen DM für einen Fake

Der Köder ist ausgelegt. Gerd Heidemann und Thomas Walde übergehen die Chefredaktion des Sterns – schließlich soll der Kreis der Mitwisser so klein wie möglich gehalten werden – und wenden sich direkt an die Verlagsleitung. Die bewilligt ein Budget für den Ankauf der Kladden, die Kujau „beschaffen“ wird. Erst ist von 27 Bänden die Rede, am Ende sind es 62 Bücher, die der geschickte Nachahmer in Akkordarbeit anfertigt. Dem Verlag sind die Schriftstücke 9,3 Millionen wert – schließlich plant man im Hause Gruner + Jahr mit einer globalen Vermarktung. Die Verantwortlichen wissen: Hitler sells. Und das weltweit.

Das Problem bei der gesamten Geheimniskrämerei: Eine echte, wissenschaftliche Analyse der Hitler-Tagebücher findet nicht statt. Nur wenige Historiker, darunter der Brite Hugh Trevor-Roper, dürfen einen flüchtigen Blick auf die Schmöker erhaschen. Und die sind bereit, die wissenschaftliche Einordnung zugunsten der Sensation fahren zu lassen. Der Wunsch ist Vater des Gedankens. Nicht nur bei den Stern-Verantwortlichen. Sondern auch bei den Professoren, die danach lechzen, die Geschichte des Dritten Reiches in weiten Teilen umzuschreiben.

Noch ist Hermann Willié (Götz George) der Liebling der Verlagsoberen. Einen Schmatzer von Harald Juhnke gibt es zum Honorar dazu,

Noch ist Hermann Willié (Götz George) der Liebling der Verlagsoberen. Einen Schmatzer von Harald Juhnke gibt es zum Honorar dazu.

Mit Pomp und Pauken ins Verderben

Beseelt vom Hitler-Hype werden die Hinweise auf eine mögliche Fälschung ignoriert. Zeitzeugen bezweifeln die Echtheit. Sie attestieren Hitler eine regelrechte Schreibfaulheit – ausgerechnet der Mann, der weite Teile seines wirren Manifestes Mein Kampf diktiert haben will (neuere Untersuchungen deuten daraufhin, dass Hitler zumindest selbst die Schreibmaschine klackern ließ), sollte der Welt einen umfangreichen, handschriftlichen Nachlass hinterlassen haben? Bekanntschaften aus dem braunen Sumpf machen Heidemann höchstpersönlich auf historische Ungereimtheiten aufmerksam, doch der point of no return ist in den Augen aller Beteiligten längst überschritten. Zuviel Geld ist geflossen, die Eingeweihten haben sich auf die Weltsensation eingeschworen.

Wer sich inwieweit bewusst hat täuschen lassen oder gar etwas ahnte, das werden wir wohl erst dann erfahren, sollten einzelne Akteure von damals zur Lebensbeichte ansetzen. Fakt ist: In einer mediengeschichtlich denkwürdigen Pressekonferenz kündigt der Stern am 25. April 1983 die Veröffentlichung der Hitler-Tagebücher an, zu einem Zeitpunkt, an dem das Ergebnis der materialtechnischen Prüfung durch das Bundeskriminalamt noch nicht vorliegt. In das gewaltige Medienecho mischen sich zahlreiche kritische Stimmen. Hugh Trevor-Ropert selbst revidiert in einer ZDF-Gesprächsrunde am Vorabend der Veröffentlichung sein Urteil. Solange kein Beweis für die Echtheit vorläge, seien die Hitler-Tagebücher als Fälschung zu betrachten. Da läuft die Druckerpresse schon heiß: Am Donnerstag, 28. April, titelt der Stern: Hitlers Tagebücher entdeckt. Eine Woche später vermelden die Agenturen das Ergebnis des BKA-Gutachtens. Das Papier, auf dem die Hitler-Tagebücher geschrieben sind, enthält Weißmacher, die erst nach 1950 in der Herstellung verarbeitet wurden…

Braun, brauner, am braunsten. Altnazis schmücken sich mit vermeintlicher Hitler-Kunst. Dass sie der Fälscher Dr. Knobel (oben, Uwe Ochsenknecht) an der Nase herumführt, ahnen sie nicht.

Braun, brauner, am braunsten. Altnazis schmücken sich mit vermeintlicher Hitler-Kunst. Dass sie der Fälscher Dr. Knobel (oben, Uwe Ochsenknecht) an der Nase herumführt, ahnen sie nicht.

Steilvorlage für Aufklärer Helmut Dietl

Nie zuvor und nie wieder danach ist ein etabliertes und weitgehend anerkanntes Medium derart sehenden Auges auf eine publizistische Katastrophe zugesteuert: Die Stern-Verantwortlichen torpedieren ihre eigene Reputation, indem sie alle journalistische Sorgfalt fahren lassen – mit schwerwiegenden Folgen für die Auflage des Magazins, aber auch für das Ansehen der Presse im Allgemeinen. Bis heute gilt die Veröffentlichung der Hitler-Tagebücher als ein besonders eindringliches Mahnmal für die Sensationsgeilheit der Medien.

Die Ereignisse der frühen 1980er-Jahre sind für Helmut Dietl ein gefundenes Fressen. Bereits mit Kir Royal, seiner TV-Serie Aus dem Leben eines Klatschreporters, schießt sich der Regisseur 1986 auf den Boulevardjournalismus ein. Unvergessen ist die Begegnung zwischen Generaldirektor Heinrich Haffenloher und Schickeria-Reporter Baby Schimmerlos: Mario Adorfs „Isch scheiß disch sowat von zu mit meinem Geld“-Monolog ist deutsche Fernsehgeschichte. In der Episode Adieu Claire thematisiert Dietl ein gesellschaftliches Problem, das gerade in dem Skandal um die Kujau-Fälschungen zum Tragen kommt: die in der Bonner Republik nur leidlich vorangetriebene Aufarbeitung der NS-Vergangenheit.

Der Fälscher und seine Musen. Die Ferres (Mitte) buhlt um die Aufmerksamkeits des Kunstnachahmers Dr. Knobel.

Der Fälscher und seine Musen. Die Ferres (Mitte) buhlt um die Aufmerksamkeits des Kunstnachahmers Dr. Knobel.

Herzensprojekt Schtonk!

Auf dieses gestörte Verhältnis der Deutschen zu ihrer Geschichte hinzuweisen, das ist Dietl ein wichtiges Anliegen. Auch deshalb lässt der gebürtige Münchener all‘ sein Herzblut in die Verfilmung der Stern-Affäre fließen. In fast drei Jahren schreibt er Teile des Drehbuchs bis zu achtzehnmal um und leiert der Bavaria Produktionsgesellschaft ein Millionenbudget aus den Rippen. Auch aus Nordrhein-Westfalen fließt Geld. Schtonk! ist der erste Film, für den ein Förderantrag bei der Filmstiftung NRW eingeht. Am Ende stehen Dietl knapp 14 Millionen DM zur Verfügung – zu Beginn der 1990er Jahre ist das eine Hausnummer, deutsche Blockbuster kosten zu dieser Zeit die Hälfte.

Im Gegensatz zu den Stern-Millionen rentiert sich dieses Investment. Mit 2,1 Millionen Besuchern in Deutschland verfehlt Schtonk! nur knapp die Top Ten des Kinojahres 1992. Auch international findet die deutsche Produktion Beachtung: Die Academy honoriert Dietls satirische Abrechnung mit einer Oscar-Nominierung in der Kategorie Bester ausländischer Film. Doch noch wichtiger ist, was bleibt: Während Blödeleien wie Otto – der Liebesfilm, der ebenfalls 1992 in den Kinos anläuft und Schtonk! an den Kinokassen übertrumpft, heute allerhöchstens als nostalgisches Timepiece des deutschen Humors herhalten, geht Schtonk! als eine der wichtigsten Komödien in die Filmgeschichte der BRD ein – als eine deutsche Nachkriegsreplik auf Charlie Chaplins Der große Diktator.

Das große Vorbild: Charlie Chaplins Der große Diktator. Von Adenoid Hynkel stammt das Kunstwort "Schtonk". Bildmaterial: United Artists.

Das große Vorbild: Charlie Chaplins Der große Diktator. Von Adenoid Hynkel stammt das Kunstwort „Schtonk“. Bildmaterial: United Artists.

Von Adenoid Hynkel zu Hermann Willié

Tatsächlich ist der Titel Schtonk! auf Chaplins Hitler-Parodie zurückzuführen. Andenoid Hynckels greift in seiner kakophonischen Tirade mehrfach auf das Wort Schtonk zurück: „Demokratsie Schtonk! Liberty Schtonk! Free Sprekken Schtonk!“ Schon der Kontext verheißt nichts Gutes, hinzu kommt die phonetische Nähe zum deutschen Wort Stunk. Ob diese Nähe in der Hynkel-Rede beabsichtigt oder Zufall war, ist unklar. Bei Dietl ist der Name Programm.

Obwohl in seinen Einzelszenen wahnsinnig überdreht, hangelt sich Schtonk! recht genau an der echten Chronologie rund um die Veröffentlichung der Hitler-Tagebücher entlang. Viele der oben beschriebenen Ereignisse finden sich in der Filmhandlung wieder. Die Recherchetour nach Börnersdorf etwa. Die Verhandlungen um die Tagebücher, inklusive der exakten, so weit bekannten Ankaufpreise. Und natürlich die legendäre Pressekonferenz, die im Rausch der Protagonisten zur Propagandaveranstaltung verzerrt. Ein Eishauch der Geschichte weht, es müffelt verdächtig nach Goebbels berüchtigter Sportpalastrede. Nach dem Motto: Wollt Ihr die totale Sensation!? Die Figuren auf dem Podest, allen voran das filmische Heidemann-Pendant Hermann Willié (gespielt von Götz George), sind keine Führerkultisten mehr, sie erheben sich selbst zu Kultfiguren. Das Siegerlächeln mutiert zur herrischen Fratze, das Victory-Zeichen zum Hitlergruß.

Das ist doch eindeutig ein "A"! "A" für Adolf! Leider nein, leider gar nicht. Kujau hat improvisiert, als er die passenden Buchstaben nicht zur Hand hatte. Sehr schön zu sehen auf diesem Ausschnitt vom Stern-Cover vom 28. April 1983.

Das ist doch eindeutig ein A! A für Adolf! Leider nein, leider gar nicht. Kujau improvisierte, als er die passenden Buchstaben nicht zur Hand hatte. Sehr schön zu sehen auf diesem Ausschnitt des Stern-Covers vom 28. April 1983.

Führers Hund auf dem Einband?

Dietl trägt dick auf – und doch schimmert unter dem Kleister der Satire stets die Realität durch. Mehr noch: Die wahren Ereignisse erscheinen im Sog der Überzeichnung noch viel absurder. Ein Bespiel: In einer Szene fällt Verantwortlichen des Sterns – im Film in HHExpress umbenannt – auf, dass auf dem Einband eines Tagebuchs die gotischen Initialen FH prangen. Wofür die Buchstaben wohl stehen? Führer Hitler? Führers Hund? Führers Hand? Ein bizarrer Dialog, der umso bizarrer wirkt, wenn man sich vor Augen hält, dass er in Wirklichkeit stattgefunden hat. Nicht wortwörtlich. Aber vom Grundsatz her, als irgendjemandem die ungewöhnlichen Initialen auffielen. Kujau hatte, als er die goldenen Lettern auf den Einband klebte, kein A aus dem passenden Schrifttypensatz Engravers Old English normal parat. Stattdessen verwendete er ein F. Ein frühes Indiz, dass die Schriftstücke womöglich doch nicht so authentisch sind, wie gehofft. Die Stern-Verantwortlichen wischen jeden Zweifel beiseite.

Der Film zeigt auf wundervolle und gleichzeitig erschreckende Weise, welche Eigendynamik die Gier nach Nazisensationen entwickelt. Anfangs ist Verlagsleiter Dr. Guntram Wieland (Ulrich Mühe) wenig von Willés Recherchen erbaut. „Den Nazi-Scheiß will keiner hören“, pampt er seinen Star- und Skandalreporter an. Aus ihm spricht die Verdrängung der Bonner Republik. Erst als sich andeutet, dass „weite Teile der Geschichte des Dritten Reiches umgeschrieben werden müssen“, verfällt Wieland dem Wahn und lässt fortan alle Vernunft vermissen. Ob in dieser Geisteshaltung die Hoffnung auf einen Freispruch in der Frage der deutschen Kollektivschuld mitschwingt, wird im Film nicht ganz klar. Im Kontext der wahren Ereignisse erscheint diese These keineswegs abwegig. In den Tagebüchern distanziert sich Kujaus Hitler von den radikalen Ideen seiner Handlager, die Übergriffe in der Reichspogromnacht im November 1938 verurteilt er. Das sind die Zeilen, nach denen sich Revisionisten die Finger lecken.

Die Metamorphose ist abgeschlossen. Fälscher Knobel versetzt sich während der Anfertigung der Tagebücher nicht nur in Hitler hinein - ihm wird plötzlich ganz blümerrrrant....

Die Metamorphose ist abgeschlossen. Fälscher Knobel versetzt sich während der Anfertigung der Tagebücher nicht nur in Hitler hinein – ihm wird plötzlich ganz blümerrrrant….

Aus Konrad Kujau wird Dr. Knobel

Bei der Darstellung der Figuren nimmt sich Dietl mehr Freiheiten heraus. Uwe Ochsenknecht spielt den Kunstfälscher Dr. Knobel, der seinem Vorbild Konrad Kujau in keiner Weise ähnlich sieht. Aus dem berechnenden, stets auf seinen Vorteil bedachten Fälscher wird ein Stümper, der seine Nachahmungen völlig unbedarft angeht. Die Dokumente bearbeitet er mit Bügeleisen und Toaster, um ihnen den historischen Schliff mitzugeben. Dem echten Kujau mögen zwar einige Schnitzer unterlaufen sein – tatsächlich war seine Herangehensweise eine akribische. Er lieferte „bessere“ Arbeit ab als im Film dargestellt. Unter anderem ließ Kujau Hitler-typische Rechtschreibfehler einfließen. Was nicht heißt, dass die Stern-Reporter nie und nimmer die Echtheit der Tagebücher widerlegen hätten können. Sie wollten die Wahrheit nicht sehen.

Symbolfigur für das Leugnen von Tatsachen ist Hermann Willié, angeleht an den echten Gerd Heidemann. Auch hier nimmt sich der Film künstlerische Freiheiten heraus. War der echte Heidemann vor dessen Demontage ein dekorierter Starreporter, ist die von Götz George herrlich überzogen gespielte Figur das komplette Gegenteil. Ein Loser-Typ, ein Möchtegern-Lebemann, der in der High Society aufgrund seiner unbedarften, sozial verkümmerten Fasson belächelt und abgekanzelt wird. „Schmierig, das ist genau das richtige Wort“, heißt es über ihn. Er selbst sieht sich „als Gefühlsmensch“. „Was für ein gewöhnlicher Zug für einen Reporter“, entgegnet Görings fiktive Nichte Frey Freifrau von Hepp auf Williés unbeholfene Charmeoffensive. So einer hat die Überkompensation bitter nötig. Womit Hermann Willié nicht nur sämtliche Klischees eines Schmalspurjournalisten bedient, sondern gleichzeitig zum Wiedergänger eines ideologisch verwirrten Wiener Kunstmalers zu Beginn des 20. Jahrhunderts avanciert. Der Größenwahn nimmt seinen Lauf und kulminiert in der Sportplast-artigen Pressekonferenz. Ein (kurzer) Triumph des Williés.

Hermann Willié wanzt sich an die Nichte des Reichmarschalls Göring heran. "Schmierig, das ist das richtige Wort", heißt es über den Schmuddelreporter in Schtonk!

Hermann Willié wanzt sich an die Nichte des Reichmarschalls Göring heran. „Schmierig, das ist das richtige Wort“, heißt es über den Schmuddelreporter in Schtonk!

Hermann Willié und Gerd Heidemann

Wie gesagt: Dietl trägt in Schtonk! dick auf, was an der durchkomponierten und gnadenlos überzeichneten Slapstick-Figur des Hermann Willé besonders deutlich wird. Betrachtet man Originalaufnahmen von jener Pressekonferenz im Frühjahr des Jahres 1983, sieht man einen posierenden Gerd Heidemann. Ich meine, einen gewissen Stolz in seinem Blick zu erkennen, aber auch einen Ausdruck des Unbehagens. Wäre es allein nach Heidemann gegangen, hätte er die Auswertung aller verfügbaren Bände abgewartet, doch letztlich soll er sich dem publizistischen Druck der scharrenden Verleger gebeugt haben. Erste Gerüchte über die vermeintliche Sensationsentdeckung schreckten die Verantwortlichen zusätzlich auf.

Kollegen beschreiben den Journalisten als einen hervorragenden Rechercheur, der – einmal von einer Geschichte felsenfest überzeugt – gleichzeitig äußerst kritikresistent gewesen sei. Wahrscheinlich ist, dass Gerd Heidemann die – zum Teil deutlichen –  Anzeichen für einen Schwindel nicht sehen wollte. Heidemanns schwer zu widerlegende Faszination für das Dritte Reich spricht für diese These. Für einen Reporter, der sich mit dem Kauf der Göring-Yacht Carin II in finanzielle Schwierigkeiten bringt, mit der Tochter des NS-Reichsmarschalls (die im Film zur Nichte gemacht wird) verkehrt und Kontakte zu ehemaligen SS-Oberen pflegt, ist ein spektakulärer Hitler-Scoop der Gralsfund schlechthin. Dabei greift er journalistisch in die Scheiße.

Der braune Muff der Vergangenheit

Diese Tatsache macht Gerd Heidemann in der öffentlichen Wahrnehmung zum größten Depp dieser Geschichte. Das spiegelt sich auch im Epilog des Skandals wider: Zwar werden sowohl Heidemann als auch Kujau strafrechtlich belangt (Heidemann aufgrund der Vermutung, er habe Stern-Gelder für den Ankauf der gefälschten Tagebücher unterschlagen). Während der Fälscher jedoch seine Bekanntheit nutzt, um nach der Haftentlassung ein Repro-Atelier aufzubauen, büßt Heidemann seine Reputation ein und lebt zeitweise von Sozialhilfe. Der Stern erleidet einen immensen Imageschaden, bis heute wird das Magazin mit den falschen Hitler-Tagebüchern in Verbindung gebracht. Allerdings: Das Blatt hat sich erholt (laut Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) lag der Stern im ersten Quartal 2016 auflagentechnisch gleichauf mit dem SPIEGEL). Gerd Heidemann nicht.

Nicht, dass man Mitleid mit ihm haben müsste. Und doch ist Heidemann nur ein kleines Rädchen. Dessen filmisches Pendant mag zwar die zentrale Witzfigur in Schtonk! sein, letztendlich ist sie nur ein Vehikel, ein naives Medium, das die Mär von Onkel Hitlers Aufzeichnungen in die Öffentlichkeit zerrt. Schockierender ist  der fruchtbare Boden, auf den diese Mär fällt. Hitler sells. Aber nur, weil es genügend Abnehmer gibt. Schtonk! hat die Medien im Visier, zielt aber vor allem auf die Doppelmoral einer Nachkriegsgesellschaft, die ihre Fortschrittlichkeit und Aufgeklärtheit gegenüber der Vätergeneration betont, insgeheim aber doch ganz gerne am braunen Muff der Vergangenheit schnuppert. Das macht Schtonk! zu einem Produkt seiner Zeit. Und doch irgendwie zeitlos. Leider.

Hörtipp: Der Lichtspielplatz-Podcast über Journalismusskandale: Schtonk!, Shattered Glass & Bad Boy Kummer.

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