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BILD-Bashing & DDR-Propaganda: Ich – Axel Cäsar Springer (1968 bis 1970)

Propaganda trifft TV-Geschichte: Mit Ich – Axel Cäsar Springer gab die DDR ihren Blick auf den mächtigsten Medienmogul der BRD preis.

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Propaganda trifft TV-Geschichte: Mit Ich – Axel Cäsar Springer gab die DDR ihren Blick auf den mächtigsten Medienmogul der BRD preis.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Studio Hamburg Enterprises.

„Kein einzelner Mann in Deutschland hat vor Hitler und seit Hitler so viel Macht kumuliert, Bismarck und die beiden Kaiser ausgenommen.“ Dieses unschmeichelhafte wie ehrfürchtige Urteil über Axel Springer fällte einst SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein. Nun sind Hitler-Vergleiche in 99,9999 Prozent der Fälle daneben. Unbestritten ist: Mit der BILD-Zeitung schuf Springer das wirkungsmächtigste Medium Deutschlands.

Sein aus dem englischen Sprachraum importierter Boulevard-Journalismus fiel in der frisch bestellten Nachkriegsmedienlandschaft auf fruchtbaren Boden. Weil sie sich als Zeitung des kleinen Mannes inszenierte, die den Mächtigen auf die Finger schaute, eroberte die BILD die Sympathien vieler Leser*innen. Springers aggressive Distributionspolitik verhalf seinen berüchtigten vier Buchstaben rasch zu Reichweite und Einfluss. Bisweilen nahm der Aufstieg des deutschen „Citizen Kane“ kometenhafte Züge an, dass er sich berufen fühlte, auf die Entwicklung der Bundesrepublik einzuwirken – ein verlegerischer Eifer, der sich zeitweise in einem ausgewiesenen Messias-Komplex niederschlug.

Ich – Axel Cäsar Springer ist ein echtes Mammutwerk

Axel Springers überlieferter Größenwahn ist nur eine Angriffsfläche unter vielen. Neben Augstein arbeiteten sich unzählige Menschen an dem Jahrhundertverleger ab. Kritiker, politische Gegner und die verlegerische Konkurrenz, aber auch Historiker und Biografen. Springers Werdegang steckt voller Widersprüchlichkeiten, die eine Annäherung erschweren. Auch der Fernsehfunk der DDR (DFF) unternahm in den Jahren 1968 bis 1970 den Versuch, den Erfolg des Medienunternehmers aus dem Westen zu erklären – mithilfe eines Fünfteilers, der sein Publikum mit „Tatsachen und Deutungen“ eindeckte. Der Titel: Ich – Axel Cäsar Springer.

Ein echtes Mammutwerk, nicht nur gemessen an seiner zehnstündigen Spielzeit. 7 Millionen DDR-Mark ließ sich das staatliche Fernsehen diesen Riemen kosten. Zum Vergleich: Die teuerste Filmproduktion der DDR – Goya, ein Beitrag über das Leben und das Werk des spanischen Künstlers, – verschlang 1971 12 Millionen DDR-Mark. Den Rekord als teuerste Fernsehproduktion des Ostens hält Sachsens Glanz und Preußens Gloria. Eine Gemeinschaftsproduktion des DDR-Fernsehens und der Volksfilmschmiede DEFA, Kostenpunkt: 20 Millionen DDR-Mark. Anfang der 1980er-Jahre war das.

Ich - Axel Cäsar Springer ist - nicht nur aus damaliger Sicht - hochkarätig besetzt. Horst Drinda als Axel Springer wurde von der DDR mit dem Nationalpreis geadelt, stellvertretend fürs Ensemble.
Ich – Axel Cäsar Springer ist – nicht nur aus damaliger Sicht – hochkarätig besetzt. Horst Drinda als Axel Springer wurde von der DDR mit dem Nationalpreis geadelt, stellvertretend fürs Ensemble.

Warum arbeitete sich die DDR an Axel Springer ab?

Die Besetzungsliste von Ich – Axel Cäsar Springer versammelt das damalige Who’s who des DDR-Schauspiels. Allen voran zu nennen ist Horst Drinda, einer der bekanntesten Theater- und Fernsehschauspieler dieser Ära. Er gibt eine beeindruckende Vorstellung als Axel Springer ab. In weiteren Rollen sind unter anderem Wolfgang Kaiser, Otto Mellies, Hans-Peter Minetti, Rolf Hoppe, Walter Jupé, Gerhard Bienert sowie Kurt Böwe zu sehen. Die DDR zeichnete das hochkarätige Ensemble dieses TV-Mehrteilers mit dem Nationalpreis III. Klasse aus, „für hervorragende Leistungen auf den Gebieten der Kunst“. Horst Drinda nahm die Auszeichnung stellvertretend für das Kollektiv entgegen.

Warum das DDR-Fernsehen keine Kosten und Mühen scheute, um das Wirken einer Westpersönlichkeit haarklein zu sezieren, klären wir noch. Der Film folgt wichtigen Etappen in der Biografie Springers, beginnend mit seinen journalistisch-publizistischen Anfängen im Dritten Reich. Weil er sich in Hitlers Nazi-Deutschland als engagierter, aber mäßiger begabter Redakteur schadlos hält und als ideologisch unbefleckt gilt, gelingt es ihm nach Kriegsende, im britischen Sektor seine erste Zeitungslizenz zu erwerben. Mit welchen Mitteln, davon erzählt der erste von fünf rund zweistündigen Teilen: „Vom schweren Anfang“ positioniert Springer in die Nähe von ehemaligen Nazi-Größen und Nutznießern, die ihm Zugang zum Kapital verschaffen.

Bewunderung für das Feinbild aus dem Westen

In den weiteren Folgen „Männer werden gemacht“ und „Seid nett zueinander“ dekonstruiert die Serie den Aufstieg Springers, der sich aus einem rücksichtslosen Geschäftsgebaren und einem für deutsche Verhältnisse neuartigen Journalismus speist. Ursprünglich als Dreiteiler konzipiert, bildet die Gründung der BILD-Zeitung den vorläufigen Schlusspunkt der Narration. Unter dem Eindruck des Erfolgs der im Jahr 1968 ausgestrahlten Episoden legten die Macher zwei weitere Serienteile nach. „Der gemachte Mann“ und „Der Königsmacher“ sind bewusste Nadelstiche in einem Klima verhärteter Fronten, sowohl auf dem diplomatischen Parkett zwischen BRD und DDR als auch mit Blick auf die gärenden Diskurse in der Bundesrepublik. Mittendrin statt nur dabei: Die Springer-Presse. Feindbild der Linken jenseits und diesseits der Grenze.

Gleichwohl musste dieses Feindbild erst reifen. Auch aufseiten der DDR. Anfangs, in den ersten Jahren der vollzogenen Teilung Deutschlands, blickte die SED-Führung zwiegespalten auf das sprießende Springer-Imperium. Einerseits verkörperte Springer das westdeutsche Unternehmertum und somit den Idealtypus des kapitalistischen Bonzens. Andererseits erkannten die sozialistischen Regierungschefs Springers medialen Einfluss in der Bundesrepublik an, gerne hätte die Führungsriege ein ähnliches Machtinstrument in der eigenen Presselandschaft installiert. Einen Versuch, ein Ost-Pendant zur BILD zu etablieren, gab es: Die NEUE BILD-Zeitung ahmte den effekthascherischen Stil und die knackigen Schlagzeilen des Originals mit dem Zungenschlag der DDR nach – ohne nachhaltigen Erfolg.

Drinda alias Springer in Moskau. Der Verleger reist mit großen Plänen an, wird aber von der sowjetischen Führung im Schnee stehengelassen. Ein Affront, das Springers Haltung zum Kommunismus verschärft.
Drinda alias Springer in Moskau. Der Verleger reist mit großen Plänen an, wird aber von der sowjetischen Führung im Schnee stehengelassen. Ein Affront, der Springers Haltung zum Kommunismus verschärft.

Springers Reise nach Moskau 1958 macht die DDR nervös

Ab 1958 erkaltete diese insgeheime Bewunderung merklich. Als Wendepunkt gilt Springers Reise nach Moskau, die viel über das damalige Selbstverständnis des Zeitungsverlegers verrät: Axel Springer beabsichtigte, mit dem Führer der Sowjetunion, Nikita Chruschtschow, über die Bedingungen der Wiedervereinigung zu verhandeln. Allerdings blieben ihm in der Machtzentrale des Ostblocks die Türen verschlossen. Von den Sowjets hingehalten, verfestigte sich seine antikommunistische Haltung. Die SED-Oberen wiederum registrierten den Alleingang des Medienmoguls mit Sorge. So unwahrscheinlich sie zu diesem Zeitpunkt gewesen sein mag, jedwede Form der Annäherung zwischen der Bundesrepublik und der UdSSR hätte womöglich die Position der DDR geschwächt. Die Ironie dieser Geschichte hält der Historiker Jochen Staadt in einem Interview mit der WELT fest: „Nicht, weil [Axel Springer] ein kalter Krieger war, sondern, weil er den friedlichen Ausgleich mit der Sowjetunion suchte, kam sein Verlag SED und Stasi in die Quere.“

Springer schlug fortan schärfere Töne an. Auch der Umzug seines Verlages von Hamburg nach West-Berlin besaß Symbolcharakter. Das neue Verlagshochhaus in unmittelbarer Nähe zur Mauer schielte wie Saurons Auge aus der Herr der Ringe in die Ostzone herüber, wachte über die geteilte Stadt, die – wäre es nach dem Willen der sozialistischen Parteichefs gegangen – irgendwann hätte in die DDR übergehen sollen. Die DDR reagierte ihrerseits, indem sie den Verlag verstärkt unter Beobachtung nahm. Zudem versuchte sie, die Springer-kritische Stimmung in der Bundesrepublik zu instrumentalisieren. Ich – Axel Cäsar Springer fällt nicht zufällig in die Ära der Studentenproteste, die sich auch gegen die Revolver-Berichterstattung der Springer-Medien (Parole: Enteignet Springer!, siehe Die verlorene Ehre der Katharina Blum) richteten und die, rückblickend gesehen, diplomatischen Sprengstoff für die deutsch-deutschen Beziehungen bargen. Heute weiß man, dass der Polizeibeamte Karl-Heinz Kurras, der die tödlichen Schüsse auf den Studenten Benno Ohnesorg abgab, bis 1967 als Inoffizieller Mitarbeiter für das Ministerium der DDR-Staatssicherheit gelistet war. Womit nicht angedeutet werden soll, dass die DDR den Schießbefehl erteilte.

Springer und die Stasi: Woher hatten die Autoren ihr Wissen?

Wohl aber, dass sie die Proteste ausschlachtete. Der erste Teil von Ich – Axel Cäsar Springer erschien am 17. März 1968, ein Dreivierteljahr nach dem Staatsbesuch des persischen Schahs mit tödlichem Ende für Ohnesorg, und wenige Wochen vor dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968, einer Galionsfigur der Bewegung. In der Regel werden Biografien dann gedreht, wenn man das Leben einer Person überblickt. Ich – Axel Cäsar Springer mischt sich in die Geschichte ein. Die Produktion ist ein zeitgenössisches Propagandawerk, das sämtliche Register zieht und dabei zwischen erstaunlicher Pedanterie und entblößender Grobschlächtigkeit schwankt.

Den Großteil der Erzählungen machen konspirative Hinterzimmergeschäfte und private Gespräche aus, weswegen klar sein dürfte, dass die Drehbuchautoren ihrer Fantasie freien Lauf ließen. Der Untertitel „Tatsachen und Deutungen“ gibt es ja unumwunden zu. Springer alias Horst Drinda gibt in seinem Eröffnungsplädoyer zu Protokoll: „Ich bin eine Institution, mich kann man nicht erklären.“ „Wenn er nicht reden will, muss man andere sprechen lassen“, kommentiert der Erzähler vielsagend aus dem Off. Gleichwohl stützt sich der Film auf eine Vielzahl von Begegnungen und Episoden, die – zumindest im Grundsatz – faktisch belegt sind. Also: Woher haben die Autoren dieses Wissen?

Ich - Axel Cäsar Springer pendelt zwischen entblößender Grobschlächtigkeit und erstaunlicher Pedanterie.
Ich – Axel Cäsar Springer pendelt zwischen entblößender Grobschlächtigkeit und erstaunlicher Pedanterie.

Fakt vs Fiktion: Wie zuverlässig ist Ich – Axel Cäsar Springer?

Eine Antwort liefert erneut der Historiker Jochen Staadt, der zusammen mit seinen Kollegen Tobias Voigt und Stefan Wolle das „Feind-Bild Springer“ untersuchte und dabei die Rolle der Stasi ins Visier nahm. Ihren Forschungen nach war Ich – Axel Cäsar Springer Chefsache: Stasi-Boss Erich Mielke sei über die „Operation“ informiert gewesen. Eine Arbeitsgruppe in der Abteilung der Aufklärung habe die Drehbuchautoren Karl Georg Egel und Harri Czepuck nicht nur mit „Informationen angefüttert“, sondern maßgeblich am Skript mitgeschrieben. Die „Erkenntnisse“ stammten aus dem Innersten des Springer-Verlags selbst.

Der lange Arm der Stasi reichte wohl bis ins Vorzimmer der Chefetage – eine Sekretärin Springers soll eine Beziehung mit dem Stasi-Romeo „IM Gerd“ unterhalten haben. Harri Czepuck hingegen, von 1967 bis 1981 Vorsitzender des DDR-Journalistenverbandes, schwächte den Einfluss der Stasi auf die Produktion ab: Er berief sich auf sein „jahrelanges Quellenstudium“. Man habe lediglich „nützliches“ Material zur „Finanzierung und zum Aufbau Springers“ erhalten. Wer Details erfahren möchte: Die Dokumentation Bespitzelt Springer! geht auf die Details der Spionage-Aktivitäten gegen Springer ein.

Wie „zuverlässig“ kann Ich – Axel Cäsar Springer unter diesen Vorzeichen sein? Zehn Stunden sind natürlich eine Menge Holz, zu viel, um Kleinholz daraus zu machen. Aber ich will versuchen, ausgewählte Sequenzen zu beleuchten, um aufzuzeigen, wie geschickt (oder auch nicht) die Autoren zu Werke gingen.

Vorab jedoch einige Beobachtungen zur Figurenzeichnung an sich. Der Film bringt durchaus Faszination für seinen Protagonisten auf. Andernfalls wäre es schwierig gewesen, einen solchen biografischen Verriss dramaturgisch wirksam auszurichten und das Publikum bei Laune zu halten. Keine Frage: Drindas Springer ist ein Opportunist, ein Säufer, ein Schürzenjäger, ein Geisteskranker, ein schlechter Journalist, der „Nachrichten redigiert wie ein Dachdecker“.

Der Elefant im Raum: Springer und die SS-Millionen

Er kann aber auch anders. Vor allem dann, wenn sich ihm die Gelegenheit bietet, seine publizistischen Gegner auszuspielen und seine Machtfülle zu erweitern. Dröhnende Fanfare künden von der bevorstehenden Metamorphose vom tölpelhaften Hausierer zum gewieften Taktiker, Springer beweist unternehmerische Weitsicht und lässt sogar seinen Charme spielen. Gerade in den ersten drei Episoden schwingt Bewunderung für einen Macher mit, der die geldgierigen und geltungssüchtigen Eliten der Bundesrepublik und die allzu bequemen Besatzungsmächte des Westens um den Finger zu wickeln weiß.

Der echte Springer reagierte übrigens gelassen auf Ich – Axel Cäsar Springer. „Ich habe gestaunt, dass die für meine Rolle einen so gut aussehenden Schauspieler genommen haben“, kommentierte er trocken. Was womöglich lobender gemeint war, als es den Anschein hatte. Auch wenn vieles überzogen ist: Der Film porträtiert Springer als komplexen, ambivalenten Menschen. Erst in den eilig nachproduzierten Episoden vier und fünf verkommt der Protagonist zur Karikatur.

Kommen wir damit zum „Elefanten“, der im Raum steht, wenn von Ich – Axel Cäsar Springer die Rede ist. Der Film brandmarkt Springer als Profiteur von SS-Geldern. Nährboden für dessen Erfolg ist ein brauner Sumpf aus Nazis und industriellen Nutznießern, die sich für ihre Unterstützung Einfluss in der neuen Bundesrepublik erhoffen. Eine Sichtweise, die sich bis heute hartnäckig hält. Weswegen der Historiker Tobias Voigt gar von „einem kleinen Erfolg der Stasi“ spricht. Zweifelsohne ist Axel Springers Umgang mit dem Nationalsozialismus ein widersprüchlicher. Der Film macht sich die in seiner Biografie vorhandenen Brüche zunutze, um eine weitschweifige Verschwörungstheorie spinnen. Zu diesen Brüchen gehört unter anderem die Trennung von seiner ersten, jüdischstämmigen Ehefrau Martha.

War der Aufstieg Springers begünstigt von Nazis und SS-Millionen? Ich - Axel Cäsar Springer legt eine Verschwörung nahe, die es so nicht gab.
War der Aufstieg Springers begünstigt von Nazis und SS-Millionen? Ich – Axel Cäsar Springer legt eine Verschwörung nahe, die es so nicht gab.

Springers widersprüchliches Verhältnis zum Dritten Reich

Dass die Ehe 1938 geschieden wurde, weil Springer fremdgegangen war, wie der Historiker Dimirij Belkin festhält, interessiert den Film wenig. Diese Scheidung, sie passt ins Bild eines jungen Redakteurs, der im Nationalsozialismus auffiel, indem er sich bedeckt hielt. Oder wie es der Springer-Biograf Michael Jürgs konstatiert: „Er hat brav gemacht, was jeder anständige Journalist macht – ein Volontariat und geschrieben. Sonst hat er sich erfolgreich davor gedrückt, eingezogen zu werden, durch Atteste, die besagten, er sei schwer krank. Und er hat die Damen erobert.“ Springers kompromissloser Einsatz für die Aussöhnung mit Israel, den er in die Redaktionsstatuten seiner BILD-Zeitung verankerte, mag durchaus aus einem persönlichen Schuldempfinden resultieren, wie Belkin einräumt. Ebenso, dass er Holocaust-Überlebende und Verfolgte des Nazi-Regimes in seinem Haus beschäftigte – an der Seite von überzeugten Nationalsozialisten.

Ein weiterer Grund, weshalb die Theorie vom Nazi-Kapital als Schmieröl der Springer-Maschinerie so verführerisch, so glaubhaft mundet: Bereits ab 1946 setzten die Behörden in den westlichen Besatzungszonen, insbesondere in der britischen und der französischen, die Entnazifizierung nur noch halbherzig durch, um den Aufbau einer funktionierenden Gesellschaft nicht zu gefährden. Politik, Recht und Wirtschaft, Bildung und Forschung, Sport und Unterhaltung: In die Entstehungszeit von Ich – Axel Cäsar Springer fällt auch die Erkenntnis, dass Nazis in sämtliche Bereiche des bundesdeutschen Lebens reintegriert worden waren. Dass Springer in den Nachkriegsjahren mit Geschäftspartnern mit fragwürdiger Vergangenheit verhandelte, erschien nicht bloß wahrscheinlich, sondern plausibel. Insbesondere in der antifaschistischen Logik der DDR, die sich als „neues besseres Deutschland“ verstand und die alleinige Verantwortung für die Gräuel des Zweiten Weltkrieges in der BRD verortete.

Eine Räuberpistole als Verschwörungstheorie

Allein: Für einen Nazi-Pakt Springers, ein wirtschaftliches Wachstum aus der Asche ermordeter Juden, gibt es keine Belege. Der Film konstruiert die Legende eines SS-Schatzes, der über Umwege auf das Konto einer Kölner Privatbank landet, die wiederum mit einem Hamburger Kreditinstitut verbandelt ist. Allein die räumliche Nähe zu Springer genügt, um eine Verschwörung zu belegen. Nicht glaubwürdiger wird diese Räuberpistole dadurch, dass sie in einem bizarren Verhältnis zu einem SS-Spross (Otto Mellies) homoerotisch aufgeladen wird. Die Homosexualität als Keimzelle aller Unmoral zu kennzeichnen, war damals schon ein schäbiger Kniff. Jedenfalls sollen Gesprächsprotokolle der Stasi belegen, dass die Beteiligten sehr wohl wussten, welche Fabeln sie auftischten – siehe besagtes Interview mit dem Historiker-Trio Staadt / Voigt / Wolle.

Ein vergnüglicheres Beispiel scherenschnittartiger Ost-West-Dualität bietet der Vergleich zweier Auslandsreisen, die der Film genüsslich ausgekostet. So reist Springer 1958 in die USA, wo er den exzentrischen Luftfahrtpionier Howard Hughes in seinem Bond-Bösewicht-mäßigen Hygiene-Stockwerk besucht. Dass sich der echte Hughes erst 1966 in die Isolation des Desert Inn-Hotels begab – was soll’s? Über den Dächern des Glücksspielmolochs Las Vegas konspiriert es sich umso anrüchiger. „Angst ist die beste Droge für Wohlverhalten“, raunt Hughes, dieser potente Verschwörer, seinem Gast zu. Als vorgeblicher Strippenzieher kündet er von der Geburt einer neuen Supermacht von Rechtsaußen. Springer werde schon bald erkennen, dass er soeben mit dem richtigen Amerika paktiert habe. Der freut sich unbeholfen über eine neue Bündnisoption, sollte sein eigentlicher Plan nicht aufgehen.

Axel Springer trifft auf Howard Hughes. Sagen wir es mal so: Der reiche Unternehmer hat nicht mehr alle Latten am kapitalistischen Zaun.

Vom Glücksspielmoloch Las Vegas ins kulturbeschlagene Moskaus

Quasi mit dem Anschlussflug geht es gen Moskau. Springer hofft, mit Chruschtschow über eine gesamtdeutsche Lösung verhandeln zu können. Dort angekommen, hält sich der Film ans Protokoll der Geschichte. Denn der große Parteivorsitzende hat Besseres zu tun und lässt den Besucher vertrösten. Dafür dürfen er und seine Delegation die Freuden der kulturbeschlagenen Sowjet-Nation genießen. Kunst, Oper, Folklore. Das volle Programm. Banause Springer weiß nichts von alledem zu würdigen. Drinda spielt sein komisches Können aus, beleidigt wie ein kleines Kind rauscht Springer aus der russischen Hauptstadt ab. Die eigentliche Pointe ergibt sich aus der wahnwitzigen Conclusio des Erzählers. Der behauptet allen Ernstes, die USA würden sich von nun an vor der Unberechenbarkeit des wild gewordenen Unterhändlers und dessen Blätterrauschen fürchten. In Wirklichkeit waren es ja die Absender dieser Klamotte, die sich von der Medienmacht Springers bedroht sahen.

Subtilität ist nicht die Stärke von Ich – Axel Cäsar Springer. Die kapitalistische Metaphorik schwappt geradezu durch die Bildsprache des Films. In einer Szene bittet Springer einen Mitarbeiter zum Rapport in ein Restaurant. Eigentlich hat der Untergebene nichts falsch gemacht, lediglich Springers journalistische Leitlinien umgesetzt. Weil der Blattmacher allerdings politischen Druck verspürt, benötigt er einen Sündenbock. Der mächtige Verlagschef entlässt einen verdienten Mann in die Arbeitslosigkeit. Der Kellner serviert eine letzte Henkersmahlzeit – Haifischflossensuppe nach Art des Hauses.

Wenn DDR-Polemik auf die der BILD-Zeitung trifft

Am interessantesten ist Ich – Axel Cäsar Springer, wenn sich die Kritik durch jene Einfallstore zwängt, die Springer eigenhändig abgedruckte, und DDR-Polemik auf die der BILD-Zeitung trifft. An mehreren Stellen verliest der Erzähler reißerische BILD-Schlagzeilen. Ostzonen-Suppenwürfel bringen Krebstod ist ein besonders anschauliches Beispiel aus dem unerschöpflichen Fundus fabelhafter Springer-Headlines. Gerade auf der Ebene der Textkritik lässt der Mehrteiler die meiste Sorgfalt walten. Kein Wunder: Die Überschriften und Artikel der BILD sind verbrieft und lassen sich überprüfen. Die nicht zu leugnende Akribie der Autoren, gepaart mit der unbändigen Freude an der Suggestion, kommt in einer kleinen, aber wirkungsvollen Episode in der Schlussepisode zum Vorschein.

Wir befinden uns im Jahre 1963. US-Präsident John F. Kennedy ist zu Besuch in West-Berlin. Bevor er die berühmten Worte „Ich bin ein Berliner“ aussprechen wird, kurvt der präsidiale Tross durch die Straßen der Stadt, Menschen jubeln ihm zu. Auch Axel Springer in Person von Horst Drinda macht dem Staatsgast den Hof, am neuen Verlagsgebäude wartet er mit einem Willkommensgruß. Kennedy biegt um die Ecke, Springer setzt zu seiner feierlichen Rede an, nur um verdutzt festzustellen, dass die Kolonne keine Anstalten macht, die Fahrtgeschwindigkeit zu drosseln. Wie ein begossener Pudel bleibt Springer zurück – der Stachel der Nichtbeachtung sitzt tief.

Kommunistenkrawall, Krebstod bringende Ostzonen-Suppenwürfel – die Serie weidet den reißerischen Stil der BILD-Zeitung genüsslich aus – ist am Ende aber keinen Deut besser.

Springers vermeintlicher Affront gegen John F. Kennedy

Wir wissen, wie die Geschichte für Kennedy ausgeht. Wenige Monate später stirbt er nach einem Attentat in Dallas – bei der BILD grübeln sie über die Schlagzeile für die morgige Ausgabe. „Präsident Kennedy erschossen“, lautet der erste Entwurf. Springer grätscht dazwischen: Er lässt das Wort Präsident streichen. Es ist ein Akt später Rache. Er, Axel Springer, spricht Kennedy den Präsidenten-Status ab. Nicht nur, weil der nun tot ist – Springers Anerkennung hatte Kennedy in dem Moment verspielt, als er achtlos am Verlagsgebäude vorbeifuhr. Um der Genugtuung Genüge zu tun, legt der in seiner Ehre gekränkte Zeitungsmacher nach. Im Innenteil fällt ihm eine Anzeige ins Auge: Thomy’s Röstzwiebeln. Die Annonce bewirbt die Vorteile des gebratenen Lauchgewächs: Kein Schälen. Kein Schneiden. Keine Tränen. Er hievt die Anzeige auf den Titel, sie wird seine Schmähung abrunden. Die Botschaft: Springer weint Kennedy keine Träne hinterher.

Diese Szene wirkt zu konstruiert, um wahr zu sein. Bis man besagte Titelseite vom 23. November 1963 betrachtet. Die Schlagzeile ohne Präsidenten-Zusatz, die gibt es. Und auch Thomy’s Röstzwiebeln (nur echt mit Deppenapostroph) finden sich wieder. Was nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass diese Kombination eine überlegte war, geschweige denn von der Verlagsleitung angeordnet wurde. Aber diese Anekdote veranschaulicht, wie vorbildlich die Macher des Films ihre Hausaufgaben erledigten – im Sinne der Interpretation, versteht sich.

Das Journalismusverständnis von Axel Springer

Wenig Spielraum für Interpretationen bieten die redaktionellen Richtlinien im Hause Springer. Wenn Axel Springer seine Belegschaft auf seinen neuen Stil der Berichterstattung einschwört und das „Führerprinzip, modern interpretiert, pro-semitisch“ zum Leitmotiv erhebt, dann ist das natürlich Folklore im Sinne der DDR-Kritik unter großzügiger Zuhilfenahme der Nazi-Keule. Wenn derselbe Springer aber davon spricht, der Leser müsse glauben, „er schreibe die Zeitung selbst“, trifft dies den Kern seines Journalismusverständnisses. Springer goutierte die Arbeit seiner US-amerikanischen und britischen Kolleg*innen. Bewunderte er US-Journalismus für seine Meinungsfreude in politischen und gesellschaftlichen Fragen, ganz in der Tradition der Verleger-Legenden Hearst und Pulitzer, schaute er sich vom Blätterrauschen Großbritannien das Gespür für die Sensationen des Alltags ab. „Das wird eine Mischung aus Daily Mirror und Gartenlaube“, hält eine Journalistin während der konstituierenden Redaktionskonferenz fest.

Überliefert ist auch die Neigung der Springer-Verantwortlichen, ihre Zielgruppe geringzuschätzen. Gleich zu Beginn heißt es: „Primitive Hirne benötigen primitive Worte. Wir drucken keine Literatur.“ Später Springer hüllt sein Vorhaben in Marketingsprech. Ziel sei es, die 100 wichtigsten Informationen auszuwerten und aufzubereiten. Informationen „die der Bürger braucht, um wieder der Bürger zu sein, wie wir ihn brauchen.“ Was in der freien Übersetzung so viel heißt wie: Liebe Leserin, lieber Leser, BILD Dir ruhig Deine Meinung. Solange es die der BILD ist.

Nachdenklicher Blick in die Zukunft: am Ende der Serie hat Springer seine Hoffnung auf eine Wiedervereinigung von BRD und DDR noch nicht aufgeben.

Eine Millionenproduktion vergammelt im Giftschrank

BILD-Bashing beherrscht Ich – Axel Cäsar Springer im Schlaf, in diesen Momenten möchte man dem Film anerkennend zunicken. Gewiss: Was das journalistische Gebaren der Springer-Presse betrifft, musste das Autoren-Team lediglich auf bestehende Kritik aufsatteln. Bedenkt man, dass die Macher über ihr Publikum nicht viel anders dachten als die BILD über ihre Leser*innenschaft, dann hat sich das mit der Anerkennung ohnehin gleich wieder erledigt.

Offensichtlich wurden sich die DDR-Oberen bald schon der Bigotterie ihres Fernsehschauspiels gewahr. Zwar strahlte das DDR-Fernsehen die ersten drei Teile vor der Premiere der nachgelagerten Episoden vier und fünf ein zweites Mal aus. Danach aber verschwand die millionenschwere Produktion im Giftschrank. Weitere Wiederholungen sind nicht überliefert, mit ihren radikalen Ansichten und persönlichen Anfeindungen passte sie schon zu Beginn der 1970er-Jahre nicht mehr in die aktuelle politische Linie – allmählich setzte Tauwetter zwischen den beiden deutschen Staaten ein. Dass es so kommen würde, hatten Egel und Czepuck – aller sozialistischen Treue zum Trotz – geahnt, vielleicht sogar gehofft. Sollte dies ihr frommer Wunsch gewesen sein, waren sie klug genug, diesen Wunsch in den Mund des Klassenfeindes zu legen. Dem Abspann entgegenfahrend, beschwört der Drinda-Springer die Wiedervereinigung. Sein Ziel liegt 20 Jahre in der Ferne. Der echte Springer erreichte es nicht: Er starb 1985 in West-Berlin.


Ich – Axel Cäsar Springer ist Fernsehgeschichte – unter der Maßgabe sollte man den Mehrteiler betrachten. Der Blick auf Einzelszenen lohnt, gerade in seinen Aussagen über den Springer-Journalismus ist der Film am aussagekräftigsten. Am Stück war der Film für mich schwer zu ertragen, und das lag nicht allein an der zehnstündigen Laufzeit. Wenn Du dennoch am Film interessiert bist – über den folgenden Affiliate-Link kannst Du ihn erwerben. Du unterstützt gleichzeitig journalistenfilme.de.

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COMMENTS

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    parker030 3 weeks ago

    wow. slow clap. nicht schlecht, diese leistung. chapeau.
    mit keinem einzigen wort springer im schlechten licht dargestellt. meisterleistung im jahre 2021, mit der rassistischen, nationalistischen BILD zeitung und all den anderen print-erzeugnissen, mit denen springer seit jahrzehnten die bestes propaganda betreibt, die man für geld kaufen kann.

    ich werde mir die doku einmal teilweise versuchen anzuschauen, mal sehen ob ich das material in voller länge überhaupt irgendwo finde. ich fänd es sehr interessant zu sehen, opb es einfach genau die gleichen vorwürfe sind, die dem springer verlage heute und seit jahrzehnten gemacht werden. ob sie damals schon so klar sichtbar gewesen sind. und wieso irgendwer diesen rassistischen, menschenverachtenden verein auch nur ansatzweise verteidigen kann.

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      Verstehe den Kommentar nicht so recht. Mir ging es nicht darum, Springer bzw. den Verlag in irgendein Licht zu rücken – weder vorteilhaft noch schlecht. Sondern den Blick der DDR auf Springer seinerzeit zu beleuchten.

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