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Nackt im Kartenhaus: Der Enthüllungsjournalismus der Zoe Barnes – House of Cards

Zoe Barnes HOuse of Cards Journalism

Mit Mobbing und Intrigen ins Weiße Haus: Wo viel Macht zu verteilen ist, da sind die Soziopathen nicht weit. Was liegt da näher, als den Politikbetrieb in House of Cards für bare Münze zu nehmen? Frank Underwoods (Kevin Spacey) Hinterzimmermachenschaften schreien  nach investigativem Enthüllungsjournalismus. Doch Reporterin Zoe Barnes (Kate Mara) lässt lieber die eigenen Hüllen fallen.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Netflix.

— Auch wenn ich mich bemüht habe: Der Text enthält Spoiler zu den ersten drei Staffeln der Serie! —

Skrupellos und Spaß dabei: Die Netflix-Serie House of Cards erzählt die Geschichte von Frank Underwood. Der Demokrat gilt in seiner Partei als Strippenzieher. Egal ob es darum geht, notwendige Mehrheiten im Kongress sicherzustellen oder Abweichler innerhalb des eigenen Lagers wieder auf Kurs zu bringen – Frank Underwood weiß, wie er die Sache anzugehen hat. So einer, das ist klar, strebt nach höherem. Ein Posten im Kabinett des neuen Präsidenten Garrett Walker scheint sicher, doch der Abgeordnete wird übergangen. Als Mehrheitsführer im Kongress sei er am wertvollsten, befindet der neue Machthaber. Der „gnadenlose Pragmatist“ (Underwood über Underwood) hingegen sieht sich um die Lorbeeren seiner politischen Arbeit gebracht.

Von nun an greift Frank Underwood selbst nach dem Präsidentenamt. Dabei ist ihm jedes Mittel recht: Underwood ist ein machthungriger Karrierist. Verschlagen, manipulativ, wortwörtlich bereit, über Leichen zu gehen. Keiner, den man sich zum Nachbarn wünscht. Und doch schauen Millionen mit Vergnügen zu. Das liegt ganz sicher an Kevin Spacey, der Frank Underwood eine teuflische Würde verleiht, die einerseits beängstigend ist, im selben Augenblick aber in den Bann zieht – nicht zuletzt, weil er immer wieder mit der vierten Wand bricht und den Zuschauer in seine intriganten Pläne einweiht. Der Betrachter wird zum Mitwisser. Einmal mittendrin, verwandelt sich die schnöde Politik in ein fesselndes Drama, wie es das Kino nur selten hinbekommt. Nicht umsonst gilt House of Cards als Paradebeispiel für die neue Überlegenheit des Quality-TV.

Ein typischer Frank Underwood: Mit diabolischem Blick wendet sich der demokratische Mehrheitsführer dem Publikum zu, um es in seine Pläne einzuweihen. Der Zuschauer wird zum Mitwisser.

Ein typischer Frank Underwood: Mit diabolischem Blick wendet sich der demokratische Mehrheitsführer dem Publikum zu, um es in seine Pläne einzuweihen. Der Zuschauer wird zum Mitwisser.

Realistische Politik in House of Cards?

In den meisten Filmen werden Politiker wahlweise als inkompetente Günstlinge, korrupte Aasgeier oder strahlende (US-)Helden dargestellt. So wie es der Plot gerade verlangt. Hauptsache plakativ. Als serielles Format gönnt sich House of Cards den Luxus, ein dichtes Netz aus Machenschaften zu spinnen, in dem selbst politikscheue Zuscheher kleben bleiben. Jede Figur in diesem Sumpf verfolgt ihre eigene Agenda. Der Zuschauer hat das Gefühl, dass er mehr als die üblichen Klischees vorgesetzt bekommt – und sieht sich doch in seinem Bild bestätigt: Dass es in der Politik weniger um Sachargumente geht, sondern vielmehr um Beziehungen und Ränkespiele.

House of Cards genießt den Ruf einer „realistischen“ Serie. Das Drehbuch basiert auf dem gleichnamigen Roman des ehemaligen Politikers Michael Dobbs, der selbst jahrelang als Drahtzieher der britischen Conservative Party fungierte und heute als Serien-Produzent auftritt. Zuspruch gibt es von prominenter Seite, allen voran von  Edelfans wie Barack Obama oder Bill Clinton, die sich mal mehr, mal weniger augenzwinkernd zum Wahrheitsgehalt der Serie äußerten. „99 Prozent von House of Cards stimmen mit der Realität überein. Aber es ist unmöglich, dermaßen schnell ein Bildungsgesetz zu verabschieden“, soll Ex-Präsident Clinton im persönlichen Gespräch mit Hauptdarsteller Spacey einmal gesagt haben. In Deutschland erklärte der ehemalige Umweltminister Jürgen Trittin, vieles in House of Cards kein „Fernsehen, sondern Wirklichkeit.“ Unterstützung gibt es auch aus der Forschung: „Als Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus hat Frank Underwood viele Deals ausgehandelt, um für bestimmte Gesetze genügend Stimmen zu bekommen – so funktioniert das tatsächlich in der US-Politik“, urteilt die amerikanische Politikwissenschaftlerin Wendy Schiller.

Tom Hammerschmidt ist Chefredakteur des Washington Herald und ein Journalist alter Schule: In erster Linie ist er daran interessiert, die verbleibenden Zeitungsabonnenten zu halten. Internet? Das ist neumodischer Schnickschnack!

Tom Hammerschmidt ist Chefredakteur des Washington Herald und ein Journalist alter Schule: In erster Linie ist er daran interessiert, die verbleibenden Zeitungsabonnenten zu halten. Internet? Das ist neumodischer Schnickschnack!

Starke Politik, schwacher Journalismus

Man kann es nicht leugnen: In seinen besten Momenten ist House of Cards spannendes Polit-TV. In seinen schlechtesten schrumpft die preisgekrönte Serie auf Soap-Niveau zusammen. Etwa dann, wenn sich Frank Underwood und dessen Frau zu einem Dreier mit ihrem Leibwächter Meechum hinreißen lassen. Der Rest ist der Stoff, aus dem (gute) Thriller gemacht sind. Den Vize- und anschließend den Präsidenten aus den Ämtern zu verdrängen, um schließlich selbst Platz im Oval Office zu nehmen, wäre in der Realität ein wohl schwieriges Unterfangen. Erst recht mit einem Mordkomplott auf dem Kerbholz. „In Wahrheit wären einem wohl die Medien auf die Schliche gekommen“, ist sich zumindest Wendy Schiller sicher.

Hoffen wir, dass Wendy Schiller Recht behält, was die Leistungsfähigkeit der echten Medien betrifft. Die Medien in House of Cards bieten Frank Underwood jedenfalls keinen Einhalt. Zwar lässt die Serie keinen Zweifel daran, dass der investigative Journalismus ein hohes Gut ist, zum Schuss kommen die Journalisten allerdings nicht. Das liegt in erster Linie an der Allmacht des Protagonisten, der sich gar nicht lange mit unbequemen Fragestellern herumschlägt. Aber nicht ausschließlich. Ein Teil des Problems ist hausgemacht: Der Journalismus in House of Cards ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass er den Mächtigen ein Bein stellen kann. Mal sind es redaktionelle Zwänge oder finanzielle Engpässe, die eine Veröffentlichung bzw. tiefer gehende Recherche verhindern, mal sind die einzelnen Journalistenfiguren nicht fähig oder willens, ihre journalistische Pflicht auszuüben.

Sie kommt der Wahrheit in der dritten Staffel gefährlich nahe: Ayla Sayyad vom Wall Street Telegraph. Doch als sie ihre Schuldigkeit getan hat, wird ihr die Presseakkreditierung entzogen. Ohne Lobby schreibt sie in den luftleeren Raum.

Sie kommt der Wahrheit in der dritten Staffel gefährlich nahe: Ayla Sayyad vom Wall Street Telegraph. Doch als sie ihre Schuldigkeit getan hat, wird ihr die Presseakkreditierung entzogen. Ohne Lobby schreibt sie in den luftleeren Raum hinein.

Journalisten in HoC sind nur Nebendarsteller

Der Chef-Redakteur des Washington Herald, Tom Hammerschmidt, etwa scheitert an seiner Unfähigkeit, die Zeichen der Zeit zu erkennen (Staffel 1). Janine Skorsky, zu Beginn der Serie immerhin verantwortliche Politikredakteurin in ihrem Hause, zieht sich aus dem Journalismus zurück, als ihr die Sache zu heiß wird (Staffel 2). Ayla Sayyad vom Wall Street Telegraph wird die Presseakkreditierung für das Weiße Haus entzogen und verfügt anschließend nicht mehr über die Lobby, um die von ihr aufgedeckten Querverbindungen publik zu machen (Staffel 3). Obwohl sie zum Teil sehr nahe an der Wahrheit dran sind, durchaus wichtige Funktionen in der Erzählung erfüllen, bleiben die Journalisten in House of Cards nur Außenstehende. Kate Baldwin, Ayla Sayyads engagierte Nachfolgerin, stellt zumindest die richtigen Fragen und könnte – Stand Ende der dritten Staffel – im weiteren Verlauf eine gewichtige Rolle einnehmen. Wobei: So, wie die Serie bisher funktioniert – am Ende gewinnt immer Frank Underwood – besteht wenig Anlass zur Hoffnung.

Eine Figur sticht aus dieser Melange aus journalistischer Nebendarstellern heraus: Zoe Barnes. Nicht unbedingt, weil sie eine besonders gute Journalistin wäre. Sondern, weil sie eine Schlüsselfigur der ersten Staffel ist. Zu Beginn der Serie tritt Zoe Barnes als grünschnäbelige, aber ambitionierte Journalistin auf, die ihren Platz in der Redaktion des Washington Herald noch finden muss. Die Arrivierten machen es ihr nicht leicht: Die für das Weiße Haus zuständige Politikredakteurin Janine Skorsky denkt nicht daran, der Neuen auf Augenhöhe zu begegnen, Chefredakteur Hammerschmidt ist ein Vertreter der alten Schule und bremst Zoe Barnes in ihrer Begeisterung für Neue Medien aus.

Folgenreiches Treffen: Der Politiker Frank Underwood und die Journalistin Zoe Barnes sitzen bald im selben Boot. So harmonisch wie auf dem Gemälde im Hintergrund wird's aber nicht.

Folgenreiches Treffen: Der Politiker Frank Underwood und die Journalistin Zoe Barnes sitzen bald im selben Boot. So harmonisch wie auf dem Gemälde im Hintergrund wird’s aber nicht.

Zoe Barnes und der Pakt mit dem Teufel

Ihr Standing verbessert sich schlagartig, als sie mit einem Insider-Bericht für Aufsehen sorgt. Die brisanten Informationen stammen von Frank Underwood. Der ausgebuffte Politiker ahnt sofort, welches „Potenzial“ in Zoe Barnes schlummert. Eine junge Anfängerin, die sich in zwei Ellenbogen-Branchen gleichzeitig behaupten muss, ist ganz sicher empfänglich für die eine oder andere Anschubhilfe. Er verschleiert noch nicht mal seine wahren Motive, als er der Nachwuchsjournalistin eine Zusammenarbeit offeriert. Underwood wittert die Gelegenheit, seine politischen Widersacher medial auszuspielen. Im Gegenzug bietet er der Reporterin Informationen aus dem Umfeld des Weißen Haus an. Zoes Barnes steigt auf diesen Deal ein. Mehr noch: Sie sichert ihm ihre bedingungslose Unterstützung zu. Solange sie über die Hintergründe in der Politik informiert werde, sei sie bereit, alles zu schreiben. Der Zuschauer weiß: Zoe Barnes hat soeben einen Pakt mit dem Teufel unterschrieben.

Menschlich mag man ihr diesen Opportunismus nachsehen: Macht ist verführerisch. Frank Underwood öffnet ihr eine Tür, die für andere ein ganzes Leben lang verschlossen bleibt. Indem sie jedoch durch diese Tür hindurch geht, verspielt Zoe Barnes ihren Kredit als ernstzunehmende Journalistin. Sie verstößt gegen die ethischen Grundsätze ihres Berufstandes. Es wird nicht das letzte Mal bleiben. Im Gegenteil, es kommt noch doller: Barnes und Underwood tauschen im Verlauf der Staffel nicht nur Informationen, sondern auch Körpersäfte aus. Als hätte man es geahnt. Wieso sollte eine Journalistin heutzutage auch ohne den Tauschhandel Sex gegen Informationen auskommen können?

Hey Du! Willst Du eine Fünf kaufen?? - Eine Fünf??? - Pssst! Ja genauuu! Konspiratives Treffen in der U-Bahn zwischen Zoes Barnes und Frank Underwood beinahe inkognito.

„Hey Du! Willst Du eine Fünf kaufen??“ – „Eine Fünf???“ – „Pssst! Ja genauuu!“ Konspiratives Treffen in der U-Bahn zwischen Zoes Barnes und Frank Underwood beinahe inkognito.

Die Journalistin wird zur Hure gemacht

Die Intention hinter diesem Motiv mag aus dramaturgischer Sicht einleuchten: Einmal eng umschlungen, lassen sich Privates und Berufliches nur schwer voneinander trennen. Sex verkompliziert eine Beziehung, Begierde und Eifersucht verleiten zu Affekthandlungen. Einer wie Frank Underwood, der in seiner Rolle als kalkulierender Menschenfänger im Abgeordnetenhaus unantastbar scheint, wirkt plötzlich verletzlich: Wie ein alternder Dandy, der sich mit jungem Gemüse frisch hält; wohl wissend, dass ihm seine Gespielin intellektuell nicht das Wasser reichen kann, während sich seine Ehefrau in die Arme eines Nebenbuhlers sinken lässt. Das ist Drama, Baby!

Aus feministischer Sicht ist eine Journalistinnenfigur wie Zoe Barnes allerdings ein Schlag ins Gesicht. Journalistinnen, die mit ihren Informanten ins Bett springen, verlieren nicht nur ihre journalistische Unversehrtheit, sie werden de facto zu Huren gemacht. Wer nun einwendet, Zoe Barnes setze ihre Reize bewusst ein, um einen Vorteil zu erlangen – dieses Argument der Selbstbestimmung zieht an dieser Stelle nicht: Zoe Barnes ist zu naiv und unerfahren, um eine ebenbürtige Gegenspielerin zu sein. Sie weiß nicht, worauf sie sich einlässt; sie erliegt der Verführung. Mit ihrer Zustimmung zu diesem Deal hat sie bereits verloren. Denn auch das ist ein beliebtes Motiv in amerikanischen Produktionen: Fiktive Journalistinnen müssen für den Verlust ihrer Unschuld büßen – und vor dem Publikum zu Kreuze kriechen. Man denke etwa an Figuren wie Heather Holloway (Thank you for smoking) oder Nina Romina (Nightcrawler). Auch Zoe Barnes – so viel sei verraten – kommt nicht ungeschoren davon.

Janine Skorsky (links) ist die verantwortliche Politikredakteur beim Herald. Erst traut sie Zoe nicht über den Weg, später tauschen die beiden Frauengeschichten aus.

„Mit wem schläfst Du?“ Janine Skorsky (links) ist die verantwortliche Politikredakteur beim Herald. Erst traut sie Zoe nicht über den Weg, später tauschen die beiden Frauengeschichten aus.

HoC: Mal reaktionär, mal up to date

Das von vielen für seine Beziehungsgeflechte hochgelobte House of Cards zeigt sich ausgerechnet in der Darstellung von Journalistinnen reichlich reaktionär. Besonders problematisch: Die Serie greift das Bild von der berechnenden Kurtisane im Journalistinnengewand nicht nur auf, sie kultiviert dieses Bild geradezu. Der sexuell motivierte Beischlaf ist in House of Cards ein akzeptierter Brauch unter ambitionierten Jungreporterinnen. Als Zoe Barnes mit den exklusiven Infos in der Redaktion aufschlägt, lautet die erste Frage: „Mit wem schläfst Du?“ Als seien Auskünfte, die über die offiziellen Verlautbarungen hinaus gehen, gar nicht mehr auf anderem Wege zu beschaffen. Ausgerechnet die verantwortliche Politikredakteurin Janine Skorsky sieht in der dieser Form der Intensivrecherche nichts Verwerfliches: „Ich habe früher mit jedem gevögelt, jedem einen geblasen, um eine gute Story zu bekommen.“

Der Umgang mit Zoe Barnes ist insofern ärgerlich, weil House of Cards durchaus in der Lage ist, richtige und wichtige Fragen zum Zustand moderner (Polit-)Berichterstattung zu stellen. In dem Clinch zwischen Barnes und Chefredakteur Hammerschmidt etwa steckt nicht nur ein Geschlechterkampf (hier schlägt sich House of Cards übrigens auf die Seite der Frau…), in ihm spiegelt sich der Konflikt zwischen Print und Online wider. Hammerschmidt ist ein Zeitungsredakteur alter Schule, der primär für die schrumpfende Massse der Abonnenten schreibt, während Zoes Barnes die Vorzüge der Berichterstattung im Netz und in den Sozialen Medien bevorzugt. Frustriert wechselt sie in die Redaktion des Online-Magazins Slugline, das ohne die starren Hiercharchien eines Zeitungsverlages auskommt und in dem die Demarkationslinie zwischen Journalisten und Bloggern verschwimmt. Wie sich Slugline finanziell trägt, darüber schweigt sich House of Cards aus, offenbar ist das Projekt aber erfolgreich genug, um verheißungsvolle Reportersternchen anzuheuern. Selbst Janine Skorsky wechselt später die Seiten.

Journalistin Kate Baldwin stellt in der dritten Staffel die richtigen Fragen. Das macht Hoffnung für die vierte Staffel, die ich demnächst bingewatche. Wobei: Mit dem Kleider-Anbehalten hat es Frau Baldwin auch nicht so...

Journalistin Kate Baldwin stellt in der dritten Staffel die richtigen Fragen. Das macht Hoffnung für die vierte Staffel, die ich demnächst bingewatche. Wobei: Mit dem Kleider-Anbehalten hat es Frau Baldwin auch nicht so…

Die Digitalisierung des Journalismus

House of Cards veranschaulicht, welche Herausforderungen die Digitalisierung des Journalismus mit sich bringt. So zeigt die Serie zeigt etwa die Vor- und Nachteile von Nachrichten in Echtzeit. Traditionelle Medien wie der Washington Herald stehen verstärkt unter Zugzwang: Journalistische Angebote im Netz entziehen der Zeitung nicht nur Leser (und damit zahlende Kunden), sie bedeuten zusätzliche Konkurrenz, wenn es darum geht, Geschichten exklusiv zu verbreiten. Der Produktionszyklus aus Themenkonferenz, Redaktionsschluss und Druckerpresse kollidiert mit der Schnelllebigkeit des Internets. Daraus ergibt sich ein Recherchedruck – wie lange kann es sich ein Journalist erlauben, eine Story auf Herz und Nieren zu prüfen, ohne dass andere zuvorkommen? Dieser Druck spielt den Mächtigen wie Frank Underwood in die Karten, die mit vorgeschobener Großzügigkeit ihre Brotkrumen auswerfen, um die öffentliche Meinung zum richtigen Zeitpunkt zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

Gleichwohl eröffnet die Digitalisierung den Medienschaffenden neue Freiheiten: Im Internet sind die Journalisten frei von Zeilenbegrenzungen und redaktionellen Zwängen, sie können ihrerseits ihre Berichterstattung an der öffentlichen Meinung ausrichten. Journalistinnen wie Zoe Barnes wissen, wie ihre Leserschaft tickt, weil sie den Dialog im Netz suchen. Die Erkenntnisse hieraus weiß sie für ihre eigenen Zwecke auszunutzen. In Zeiten, in denen Journalisten verstärkt als Freelancer unterwegs sind, kommt mehr denn je darauf an, gezieltes Eigenmarketing zu betreiben. Zoes Barnes baut ihren Namen mit Hilfe der Sozialen Medien zu einer Marke aus. Diese Marke ist zur Halbzeit der ersten Staffel so stark, dass ein Tweet von ihr ausreicht, um eine Gender-Debatte anzustoßen, die ihrem Chefredakteur Tom Hammerschmidt den Job kostet. (Wobei ein Chef, der seine Mitarbeiterin als „Fotze“ bezeichnet, auch ohne veritablen Shitstorm zu Fall gekommen wäre…)

House of Cards verhandelt diesen Konflikt zwischen alten und neuen Medien nicht zu Ende, in den beiden folgenden Staffeln kehrt die Serie zum etablierten Zeitungsjournalismus zurück. Was bleibt, ist das Problem der Distanz. Auch wenn das Verhältnis zwischen Zoe Barnes und Frank Underwood ausufert: Kontakte zwischen Journalisten und Politkern sind natürlich Bestandteil des Geschäfts. Ohne Beziehungen geht, wie in vielen Bereichen des Lebens, bekanntlich wenig. Doch anstatt die Grenzen dieser Verbindung auszuloten, tappt House of Cards unbeholfen in die Sexfalle. Schade, denn das hat diese ansonsten großartige Serie gar nicht nötig.

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6 Comments

  1. Interessante Aspekte, hatte ich von der Seite noch nicht betrachtet. In der vierten Staffel übrigens werden Journalisten weiterhin eine Rolle spielen, dann kommt auch einer der erwähnten noch mal zum Zug und sorgt vielleicht dafür, dass die bisherige Darstellung seines Berufstandes hier noch mal überarbeitet wird.

    • Patrick

      Habe ich auch schon gehört, dass die vierte Staffel einigen journalistischen Input bietet. Bin gespannt, wie es mit Kate Baldwin weitergeht. Und ob die Ereignisse der ersten bzw. zweiten Staffel nochmal Frank Underwood einholen!

      Jetzt muss nur Netflix nachlegen. Tröpfchenweise bin ich für Serien nicht zu haben! 😉

  2. Joerg

    „Tröpfchenweise“: In der Tat, das große Problem der Serien-Rezeption. Von daher könnte sich journalistenfilme.de um THE NEWSROOM kümmern; einer Serie, die mit drei Staffeln abgeschlossen ist. In ihr gibt es allerdings in jeder Folge Journalisten zu sehen. Keine Ahnung, wie lang ein Artikel dazu ausfallen würde. Vielleicht vorher die fünfte Staffel von THE WIRE ins Visier nehmen, in der die Journalismus-Perspektive zum Tragen kommt. Oje, der Qualitätsserienhype …

    • Patrick

      Hallo Jörg,

      The Wire – Season 5 und The Newsroom werden mir von Serien-Fans immer wieder mal ans Herz gelegt.

      Tatsächlich habe ich die erste Staffel von The Newsroom schon gesichtet. Die Serie macht es mir nicht leicht: Eigentlich könnte man zu jeder einzelnen Folge einen Beitrag machen, da immer wieder neue Themen und Aspekte der Berichterstattung aufgegriffen werden. Andererseits habe ich mich echt durch die erste Staffel gequält – die soapigen Beziehungskisten mit ihren auf mega intelligent geschliffenen Dialogen haben mir die Lust auf Staffel 2 und 3 genommen…

      • Joerg

        Hallo Patrick,

        die forcierte Dialog-Brillanz und der Soap-Anteil sind in der Tat kritikwürdig. Interessiert hätte mich in diesem Fall, ob das journalistische Geschehen im Newsroom annähernd irgendeiner Realität entspricht. Wobei ich vermute, dass es zwischen TV und Print große Unterschiede gibt. Mein Arbeitgeber hat den Newsroom jedenfalls, aus Gründen, die nichts zur Sache tun, wieder ad acta gelegt.

        • Patrick

          Auf mich wirkte die komplette Serie sehr konstruiert. Meine Erfahrung, was das Geschehen in amerikanischen TV-Newsrooms betrifft, ist allerdings eher marginal ;). Mir kam die Serie wie ein großes „So sollte Journalismus funktionieren“-Medley vor. Von der Intention her lobenswert, in der Ausführung zu viel erhobener Zeigefinger.

          Auch wenn sie sehr schwarz-weiß verhandelt wurden – die journalistischen Konfliktlinien in den einzelnen Folgen sind eine Betrachtung wert. Deshalb habe ich The Newsroom noch nicht völlig abgeschrieben.

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