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Es gibt Journalisten, die stellen sich selbstlos in den Dienst der Wahrheit. Es gibt Journalisten, die schrecken nicht davor zurück, ihre Mutter für eine gute Story zu verhökern. Und es gibt Spider Jerusalem. Der „Scheißreporter“ aus Warren Ellis Neo Noir-Comic Transmetropolitan ist der Stinkefinger unter den fiktiven Journalisten.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Vertigo/Panini Comics.

Ein paranoider Junkie haust einsam in einer entlegenen Gebirgshütte. Selbstschussanlagen und Anthraxfallen bewahren ihn seit fünf Jahren erfolgreich vor dem Kontakt mit der Außenwelt. Bis ein Telefonklingeln die wahnhafte Einsiedler-Idylle durchbricht. Am anderen Ende der Leitung meldet sich der Verleger und erkundigt sich nach den zwei vertraglich vereinbarten, längst überfälligen Büchern. Spider Jerusalem hat natürlich nicht eine Zeile zu Papier gebracht. Der Vorschuss ist für „Drogen, Essen und Kabelfernsehen“ verjubelt. Zerknirscht kehrt der verlotterte Eigenbrötler in die Realität zurück.

Der Prophet steigt von seinem Berg hinab; an dessen Fuße wartet das Cyber-Moloch Transmetropolitan. Ein Alienschmelztiegel, in dem Korruption, Dekadenz und Konsumterror regieren. Spider Jerusalem kann seine Hochstimmung nur schwer verbergen: „Ich bin ein Scheißreporter. Wieder mal.“ Die erste Amtshandlung fällt dementsprechend überschwänglich aus. Noch auf dem Weg in die Stadt pulverisiert er mit dem Raketenwerfer von der Rückbank eine Spelunke. Keine Frage: Dieser Mann braucht die Zivilisation nur zu wittern, um akkuten Brechreiz zu verspüren. Und doch muss er sich mit ihr arrangieren, um seinen vertraglichen Pflichten nachzukommen.

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Der Prophet steigt von seinem Berg herab: Spider Jerusalem, der verlotterte Einsiedler, wird zurück in die Zivilisation gezwungen!

Radikale Arbeitsbeschaffungsmaßnahme

Spider Jerusalem benötigt einen Brot- und Butter-Job. „Job heißt schreiben. Nein schlimmer: Als fester Redakteur arbeiten. Oder als freier Mitarbeiter. Herrgott, ich habe nicht mal eine Journalistenversicherung.“ Der Großteil der „Freien“ unter uns Lesern kann nachempfinden, wie bescheiden sich ein solcher Kaltstart anfühlt. Wenn die Aufträge rar und die Handlungsspielräume eng sind. Klinken putzen macht wenig Freude, wenn man eigentlich nur schreiben möchte. Das sieht auch Spider Jerusalem so. Der Anarcho-Reporter bevorzugt jedoch eine radikalere Art der Akquise. Er platzt mit vorgehaltener Kanone in die nächstbeste Redaktion hinein – und schlendert mit einer Festanstellung, Dienstwohnung und Kreditkarte wieder hinaus. Spider Jerusalem. Heimlicher Held aller Schreiberlinge, die im Niedriglohnsektor Zeilen dreschen.

Nicht minder resolut ist Spider Jerusalem im Beschaffen wertvoller Informationen. Die Kippe ins Auge lockert die Zunge, der Tritt in die Weichteile öffnet die Türe. Für den hünenhaften Concierge eines Striplokals hat Spider Jerusalem nur einen Bordsteinkick übrig. Selbst der Präsident von Transmetropolitan wird beim Pissen belästigt. Mit Scharmützeln hält er sich nicht auf. Wieso nicht? „Mit diesem Mist muss ich mich nicht abgeben. Ich bin Journalist“, lautet die trockene Antwort.

Schizophrenes Vergnügen mit Spider Jerusalem

Exzessive Schimpfkanonaden und eruptive Gewaltausbrüche – Spider Jerusalem ist schier unkontrollierbar. Getriggert wird dieser Kontrollverlust durch die Ablehnung jedweder Autorität und ein übersteigertes Rechtsempfinden, das mit der Bigotterie einer restriktiven, dystopischen Gesellschaft kollidiert. Die Tatsache, dass Spider Jerusalem seinen eigenen Wertekompass selbst immer wieder neu nachjustieren muss, macht Transmetropolitan zu einem schizophrenen Lesevergnügen. In einem Moment hat der kahlköpfige Irre mit der markanten Brille nichts als Zynismus und Verachtung für seine Umwelt übrig. Nur um im nächsten zum Rächer der Enterbten zu mutieren. Wenn es um die Rechte der Unterdrückten am untersten Ende der Hackordnung geht, nimmt die Rechtschaffenheit plötzlich ungeahnte Ausmaße an.

Als die transmetropolitanische Polizei etwa eine Demonstration intergalaktischer Transvestiten niederknüppelt, thront Spider Jerusalem weit oben über dem Geschehen und hackt wie ein Wahnsinniger seine Beobachtungen in die Tastatur. Das Ergebnis ist ein wilder Stream of Conciousness, ein schonungslos anklagender, gonzo’esker Liveticker (tatsächlich ist die Figur von der Ikone des Gonzo-Journalismus, Hunter S. Thompson, inspiriert), der sich mit jedem weiteren eingeschlagenen Schädel weiter radikalisiert. Das kann man aus journalistisch-handwerklicher Sicht bedenklich finden. Eines muss man Spider Jerusalem jedoch attestieren. Er provoziert nicht der Provokation wegen. Spider Jerusalem schreibt nicht aus Sensationslust und schon gar nicht der Lorbeeren wegen.

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Der Stinkefinge unter den fiktiven Journalisten: Spider Jerusalem ist unkontrollierbar. Aber auf seine eigene – journalistische – Weise auch rechtschaffen.

Ein pubertärer Journalistentraum

Spider Jerusalem schreibt, weil er von der reinigenden Kraft seiner Profession überzeugt ist: „Journalismus ist wie eine Kanone. Nur eine Kugel im Lauf. Und wenn Du genau zielst, kannst Du der Welt eine Kniescheibe wegballern.“ Das Beste: Es funktioniert. Der Polizeimob stoppt das Massaker, die Anstifter im Hintergrund zittern. „Es ist die Pflicht des Journalisten, Furcht in die Herzen der Kriminellen zu säen“, gibt er seine (Helden-)Sicht auf die Dinge wieder. Da Regierung und organisiertes Verbrechen in Transmetropolitan synonym zu verwenden sind, ist das eine nachvollziehbare Sicht.

Transmetropolitan ist wie ein pubertärer Journalistentraum. Spider Jerusalem ist destruktiv und selbstzerstörerisch veranlagt – auf der anderen Seite von starken Idealen beseelt. Das macht ihn – abseits von seiner krawalligen Art – zu einer Projektionsfläche. Auf die Eskapaden kann man im gesetzten Alter getrost verzichten. Eine Extra-Portion Cojones, einen idealistischen Refill, nimmt man allerdings gerne mit.

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