Gnome, Oger und Multibären: In Disneys Animationsserie Gravity Falls gehen die Zwillinge Dipper und Mable den Mysterien Oregons auf den Grund. Zu den wiederkehrenden Nebenfiguren gehört Toby Determined. Der hinterwäldlerische Lokaljournalist ist den Geschwistern keine große Hilfe. Im Gegenteil: Toby Determined ist sogar Part einer Verschwörung, die den Bürgern von Gravity Falls einen Teil ihrer Identität raubt.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Disney.

Gravity Falls lässt sich wie eine Mischung aus SpongeBob Schwammkopf, Die Simpsons und Akte X beschreiben – und kommt für eine Disney-Produktion angenehm wagemutig daher: Kindlich überdreht, aber mit allerlei Anspielungen und erwachsenem Humor gespickt, spult die Serie Monster of the Week-Folgen ab, die über eine Rahmenmythologie miteinander verbunden sind. Helden sind die Beinahe-Teenager-Zwillinge Dipper und Mable. Bruder und Schwester verbringen den Sommer in der Obhut ihres Großonkels Stan, der am Rande eines verschlafenen Nestes in Oregon die Mystery Shack betreibt – eine als Kuriositätenkabinett getarnte Touristenfalle. Dort stellt der „Gronkel“ mit bauernfängerischer Freude falsche Einhörner und Yetis zur Schau. Dabei sind die Wälder von Gravity Falls geradezu von echten Fabelwesen bevölkert.

Gleich zu Beginn der Serie fällt Dipper ein rätselhaftes Notizbuch in die Hände, in dem irgendjemand umfassendes Wissen über die unheimlichen Erscheinungen in der Gegend zusammengetragen hat. „Vertraue niemanden“, warnt der unbekannte Autor im Vorwort – X-Philies horchen auf: Neben „Die Wahrheit ist irgendwo da draußen“ ist „Vertraue niemanden“ eines von zwei Leitmottos in Chris Carters legendären X-Files. Folge für Folge lösen die beiden Kinder die Geheimnisse von Gravity Falls. Mal mehr, mal weniger diskret. Aber immer höchst amüsant. Mit dem Start von Disney+ ist die kurzweilige, zweistaffelige Serie von Netflix ins Disney-eigene Streaming-Angebot umgezogen.

Eine der zahlreichen wie skurrilen Nebenfiguren in Gravity Falls ist Tobias „Toby“ Determined. Toby ist der Herausgeber des Lokalblattes Gravity Falls Gossiper und darüber hinaus eine Karikatur seines Berufsstandes: Ein untersetzter und dick bebrillter Reporter, der Schnauzer, Hosenträger und einen breitkrempigen Filzhut trägt – Letzterer ist ein beliebtes Merkmal fiktiver Journalisten, wie man sie vor allem allem aus Comics und älteren Filmen kennt. Anstatt des berüchtigten „Presse“-Schildchens steckt ein Zettel mit der Aufschrift „HAT“ in seinem Hutband. Nach einem flüchtigen Kurzauftritt in Folge 1.02, tritt Toby in der dritten Episode der ersten Staffel („Stan verliert den Kopf“ / OT: „Headhunters“) während einer Pressekonferenz anlässlich der Eröffnung von Stans Wachsfigurenkabinett erstmals nennenswert in Erscheinung. Was dem ersten Anschein nach wie ein Mikrofon in seiner Hand aussieht, ist in Wirklichkeit eine stattliche Bratenpipette.

Witzfigur: Lokaljournalist Toby Determined tritt von einem Fettnäpfchen ins nächste.
Witzfigur: Lokaljournalist Toby Determined tritt von einem Fettnäpfchen ins nächste.

Der Journalist wird zur Zielscheibe beiläufiger Sketche

Der Journalist ist für die peinlichen Momente in der Show vorgesehen. In der eben erwähnten Folge wird Toby verdächtigt, die Wachsfiguren in Stans neuem Museum enthauptet zu haben. Am Ende stellt sich heraus, er konnte es nicht gewesen sein, denn zur fraglichen Tatzeit saß Toby in heimischen Kleiderschrank, wo er mit einem Starschnitt seiner heimlichen Flamme, die erfolgreiche Fernsehreporterin Shandra Jimenez, knutschte. Im Laufe der Serie wird Toby immer wieder zur Zielscheibe beiläufiger Sketche. In der Folge „Zombie-Koraoke“ (OT: „Scary-oke“), Auftakt der zweiten Staffel, wird er von zwei FBI-Agenten zunächst für einen untoten Wiedergänger gehalten. Bis einer der beiden Ermittler bemerkt, bei Toby handele es sich lediglich um einen „sehr hässlichen Mann“.

Die häufigen Enttäuschungen und Zurückweisungen haben Spuren im Leben des Tobias Determined hinterlassen. Die Figur zeichnet sich durch eine ausgeprägte Unsicher- und Verklemmtheit aus, auf kurzzeitige Zwischenhochs folgen ganz schnell wieder hängende Schultern. Offensichtlich ist Toby nicht zufrieden mit dem, was er erreicht hat. In „Der Zeitwunsch“ (Episode 2.08, OT: Blendin’s Game) stimmt er ein lautes Klagelied auf einer Geburtstagsfeier an. Vorausgegangen ist eine verpatzte Tanzeinlage, da Toby in der Serie schon ganz andere Dinge missglückt sind, erschließt sich dieser Gefühlsausbruch nicht sofort. Bis Dipper und Mabel später in der Folge in die Zeit zurückreisen und auf einen jungen Toby treffen, der von einer Karriere am Broadway träumt.

Toby Determined wird im Laufe der Serie sogar zum Handlanger der Bösewichte. Was Mable und Dipper natürlich gar nicht gefällt.
Toby Determined wird im Laufe der Serie sogar zum Handlanger der Bösewichte. Was Mable und Dipper natürlich gar nicht gefällt.

Toby Determined schleppt die Fake News in die Provinz

Es fällt auf, dass der Journalist in einer Serie, in der es nur so vor Rätseln und Mysterien wimmelt, nichts zu deren Aufklärung beitragen darf. Geschweige denn journalistische Funktionen erfüllt. Gerade von einem Lokaljournalisten, der an einem Ort verwurzelt ist, dort lebt und aufgewachsen ist, erwartet man, dass er zur Stiftung einer gemeinschaftlichen Identität beiträgt. Stattdessen schleppt Toby den Fake News-Journalismus in die Provinz ein. Schlimmer noch: Zwischenzeitlich mutiert die Figur sogar zum Handlanger diverser Antagonisten.

In Folge 1.04, „Mabels Verehrer“ (OT: „The Hand that rock the Mabel“) lockt Toby Dipper unter dem Vorwand eines Interviews in eine Falle – Gideon, der Zehnjährige mit Allmachtsfantasien, möchte Dipper um die Ecke bringen und hat Toby mit der Aussicht auf Shandra Jimenez‘ Telefonnummer zur Kollaboration überredet. Später, in Staffel 2 (Folge 2.07., „Die Gesellschaft des Blinden Auges“, OT: „The Society of the Blinded Eye“, stellt sich heraus, dass der Reporter Teil einer Verschwörung ist, die die Erinnerungen der Bürger von Gravity Falls löscht und so die Existenz übernatürlicher Phänomene in der Nachbarschaft vertuscht. Mabel und Dipper gelingt es, die Gesellschaft des Blinden Auges zu zerschlagen, Toby geht unbehelligt seines Weges.

Gravity Falls lässt sich wie eine Mischung aus SpongeBob Schwammkopf, Die Simpsons und Akte X beschreiben
Gravity Falls lässt sich wie eine Mischung aus SpongeBob Schwammkopf, Die Simpsons und Akte X beschreiben.

Erst fremdbestimmt, später emanzipiert

Letztendlich scheint sich niemand in Gravity Falls an Tobys Interpretation eines Lokaljournalisten zu stoßen. Als hätte sich jeder mit der Qualität seiner Berichterstattung abgefunden, im Endeffekt ist er ja auch nur ein Kauz unter vielen. Toby gehört zum Inventar des Städtchens, als Bösewicht taugt er ohnehin nur bedingt. Dafür taumelt er zu fremdgesteuert durch die Serie. Seine Machenschaften lassen sich entweder auf seinen Minderwertigkeitskomplex oder aber auf die bannhafte Aura von Gravity Falls zurückführen. Toby ist einfach nicht sich selbst – darauf deutet schon sein sprechender Name hin. Toby Determined kommt von „to be determined“ und heißt soviel wie „bestimmt werden.“

Doch wie für die meisten Figuren hält das Serienfinale auch für Toby einen versöhnlichen Schluss bereit. Das Seltsamageddon macht aus dem tollpatschigen Hasenfuß einen furchtlosen Wasteland-Kämpfer mit Irokesenschnitt. Nachdem das Ende der Welt abgewendet ist, bewahrt sich Toby seine post-apokalyptische Punk-Attitüde. Nun mit übergroßem Selbstbewusstsein ausgestattet, lässt er den Gravitiy Falls Gossiper hinter sich und steigt in Shandra Jimenez‘ Sendung zum Sportmoderator auf. Toby Determined nennt sich fortan „der unglaubliche T.“ (OT: Bodacious T.) und berichtet über eine Sportart namens „Death Ball“. Werbung für seinen Berufsstand macht er so zwar immer noch nicht. Aber nach den vielen Gags auf seine Kosten sei ihm der Ruhm gegönnt.


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