Batman V Superman

Der Journalist als Superheld – wenn eine Figur dieses Motiv bedient, dann Superman höchstpersönlich. Auf den ersten, flüchtigen Blick mag Clark Kents Profession wie eine bloße Tarnidentität anmuten, wer jedoch tiefer in die Comic-Materie einsteigt, merkt schnell, dass Supermans Berufswahl keine willkürliche war. Jerry Siegel und Joe Shuster, die geistigen Väter des stählernen Helden, verfolgten selbst journalistische Ambitionen. Dementsprechend ließen sie ein gewisses Journalistenbild in ihre Geschichten einfließen. Wie sich dieses Bild im Laufe der Zeit gewandelt hat, diese Frage ist eine eigene Folge von journalistic relief wert. Bis dahin schauen wir auf das merkwürdige Geschäftsgebaren des Daily Planet in Zack Synders Batman v Superman.

Von Patrick Torma. Bildmaterial: Warner Bros. Pictures.

Der Daily Planet ist die Tageszeitung in der fiktiven Stadt Metropolis und  Arbeitgeber von Supermans menschlicher Identität Clark Kent. Am Ende von Man of Steel (ich beziehe mich rein auf die Filme des geplanten Cinematic Universe von DC) sehen wir, wie Superman (Henry Cavill) seinen Dienst beim Daily Planet antritt. Damit folgt er einerseits seiner Freundin Lois Lane; die Pulitzer-Preis gekrönte Journalistin ist ebenfalls bei dieser Zeitung angestellt. Andererseits folgt Kent seiner Bestimmung als Held.

Der, der in brenzligen Situationen stets zur Stelle ist, will auch im Alltag für Gerechtigkeit sorgen. Journalismus, das ist für den Snyder-Superman vorrangig ein Werkzeug, um den Bösen das Handwerk zu legen. Und damit der Inbegriff des ultimativ Guten. Löblich, aber problematisch: Schließlich haben wir es mit der Auffassung eines Außerirdischen zu tun, der seinen Platz in der Welt noch finden muss. Zumal er den Begriff der vierten Gewalt neu interpretiert: „Wenn die Polizei nichts tut, dann müssen wir handeln“, fordert er Perry White, seines Zeichens Chefredakteur des Daily Planet, auf. Denkt man Supermans Forderung zu Ende, hieße das: Der Journalismus gäbe seine Kontrollfunktion auf und würde selbst zum Vollzugsorgan der Exekutive (bzw. der Moralvorstellungen eines Kryptoniers). Gut gemeint ist eben nicht immer journalistisch sauber. Dass Superhelden in Journalistentarnung dazu tendieren, ihre menschlichen Befugnisse für ihre übermenschlichen Zwecke auszunutzen, dokumentiert Daniel D. Snyder in seinem lesenswerten Artikel Peter Parker and Clark Kent: Very Unethical Journalists.

Das Daily Planet-Dreigestirn: Vorzeige-Journalistin Lois Lane, Reporter-Rebell Clark Kent und der ahnungslose, selbstverliebte Chefredakteur Perry White.

Das Daily Planet-Dreigestirn: Vorzeige-Journalistin Lois Lane, Reporter-Rebell Clark Kent und der ahnungslose, selbstverliebte Chefredakteur Perry White.

Eier! Wir brauchen Eier!

Grundsätzlich ist der Journalismus in Batman v Superman ein positiv besetztes, ehrenwertes Betätigungsfeld. Offenbar wird das in der Figur der Lois Lane (Amy Adams), die ihre journalistische Arbeit als Dienst an der Menschheit interpretiert. Dabei schreckt sie als knallharte Investigativjournalistin vor nichts zurück: Einen Informanten verfolgt sie bis auf die Herrentoilette („Sie haben ja Eier!“). Ein klassisches Szenenbild, das man aus vielen Journalisten-, Gerichts- und Polizeifilmen kennt (u.a. aus Alan J. Pakulas Die Unbestechlichen), bedeutet die Klofrontation doch einen massiven Eingriff in die Privatsphäre, gleichzeitig schafft die Begegnung auf dem Stillen Örtchen neues Vertrauen, nicht selten ist sie der Auftakt eines konspirativen Verhältnisses. So auch in diesem Fall: Fortan trifft Lois Lane ihre Regierungsquelle an weniger kompromittierenden, dafür aber an umso geheimeren Orten.

Das ist aber nichts im Vergleich zur Aktion, mit der uns Batman v Superman die Figur der Lois Lane vorstellt: Einen patriarchischen Terrortrupp im Hinterland aufzusuchen, das ist wohl das Härteste, was eine westliche Journalistin derzeit bringen kann. Der Warlord is not amused: „Ich rede nicht mit einer Lady“. Lois Lane erweist sich als schlagfertig: „Ich bin keine Lady. Ich bin Journalistin.“ Nur um im nächsten Moment in das Kostüm der Damsel in Distress zu schlüpfen. Ohne Superman geht’s nicht.

"Niemand liest mehr Zeitung." Sagt Perry White, Chefredakteur des Daily Planet. Er könnte genauso gut sagen: "Print ist tot". Oder: "Journalismus ist scheiße."

„Niemand liest mehr Zeitung.“ Sagt Perry White, Chefredakteur des Daily Planet. Er könnte genauso gut sagen: „Print ist tot“. Oder: „Journalismus ist scheiße.“

Daily Planet ist ein zahnloser Papiertiger

Bei allem Resepekt, den sich Lois Lane nichtsdestotrotz mit ihrer Arbeit verdient: Der Journalismus, insbesondere der Printjournalismus, in Batman v Superman ist ein machtloser – weswegen Clark Kents Aufruf zum Paradigmenwechsel etwas radikal, im Grundsatz aber nur allzu verständlich erscheint. Zumindest, wenn wir von Supermans Motivation als Weltenretter absehen. Der Daily Planet ist schließlich ein zahnloser Papiertiger. Die Zeitung kann nur das bringen, was schon passiert ist. Als die Hölle über Metropolis hereinbricht, informiert sich die Belegschaft des Daily Planet durch das Nachrichtenfernsehen. Nur Clark Kent und Lois Lane befinden sich im (längst nicht mehr journalistischen) Außeneinsatz.

Wer das Geschäftsgebaren des Daily Planet genauer betrachtet, stellt fest, dass der Bedeutungsverlust hausgemacht ist. Die Tageszeitung von Metropolis kastriert sich selbst. Chefredakteur Perry White (Laurence Fishburne), grenzdebil wie Karla Kolumna mit imaginären Schlagzeilen jonglierend, trifft reihenweise fragwürdige Entscheidungen. Über das Treiben von Batman will er nicht berichten, auch nicht über die zunehmende Kriminalität im Hafenviertel. Ob er allen Ernstes glaube, dass arme Menschen keine Zeitung läsen, will Kent von seinem Boss wissen. Perry Whites Antwort ist entwaffnend wie bezeichnend: „Niemand liest mehr Zeitung!“

"Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?" Anstatt die Welt zu retten, muss sich Clark Kent mit Football-Berichterstattung und Klatsch-Journalismus herumschlagen.

„Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?“ Anstatt die Welt zu retten, muss sich Clark Kent mit Football-Berichterstattung und Klatsch-Journalismus herumschlagen.

Kent als journalistischer Erfüllungsgehilfe

Der Chefredakteur hat seine Zeitung aufgegeben. Und schickt Clark Kent zum Football und anschließend zum High Society-Treff im Hause Lex Luthor. So kann man die Wertigkeit seiner Publikation weiter ramponieren. Dass Clark Kent einmal zum eierlegenden, wollmilchgebenden Erfüllungsgehilfen eines einfalls- und mutlosen Journalismus mutiert, damit hätte er am Ende von Man of Steel ganz sicher nicht gerechnet. Das erklärt auch die Lücken in Kents Allgemeinbildung: Wie sonst ist es möglich, dass ein Daily Planet-Reporter Bruce Wayne nicht (er-)kennt, den reichsten und wichtigsten Industriellen aus der benachbarten Comic-Stadt Gotham City?

Der Journalismus in Batman v Superman ächzt unter … ja, worunter eigentlich? Unter jener Identitätskrise, der sich viele Medienhäuser in der Realität gegenüber sehen und die Zack Synder auf den Daily Planet überträgt? Oder aber unter der Last einer nicht immer hieb- und stichfesten Logik eines überambitionierten Films, der bei dem brechstangenartigem Versuch, ein DC-Gegengewicht zum erfolgreichen Marvel Cinematic Universe zu etablieren, in Einzelteile zerbröselt? Plädoyer oder Offenbarungseid? Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte.