Schuster, bleib bei deinen Leisten. Olle Binsenweisheit und abgeschmackter Einstieg für eine Filmbesprechung. Im Falle von der Netflix-Produktion Das Letzte, was er wollte passt dieses alte Sprichwort voll ins Bild. Journalistin Elena McMahon vollzieht den Quereinstieg ins Waffengeschäft. Was der Beginn einer extremen Undercover-Recherche hätte sein können, entpuppt sich als Anfang vom Ende einer Journalistinnen-Figur, von der man dachte, sie mache es besser als andere.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Netflix.

Mittelamerika versinkt im Bürgerkrieg: Ob Nicaragua oder El Salvador, Guatemala oder Grenada – 1984 brechen Revolution und Konterrevolution wie Wellen über diese Staaten herein und reißen jedwede Ordnung fort. Die Vereinigten Staaten beobachten mit Argusaugen, wie sich die Machtverhältnisse in ihrem kontinentalen Vorgarten verschieben. Mitte der 1980er-Jahre fürchtet die Supermacht nichts mehr als die Ausbreitung kommunistischer Ideologien in der unmittelbaren Nachbarschaft. Administration und Geheimdienste überlassen nichts dem Zufall und unterstützen – mal mehr, mal weniger verdeckt – Machthaber bzw. Oppositionelle, die bereit sind, der roten Gefahr Einhalt zu gebieten. Dass diese Kräfte meist autoritär eingestellt sind, spielt den heimlichen Gönnern kaum ins Gewissen. Der Zweck heiligt die Mittel. Leidtragende sind die ohnehin schon darbenden Zivilisten, die dem Terror auf den Straßen ihrer Heimat nicht entfliehen können.

Die Journalistinnen Elena McMahon (Anne Hathaway, Interstellar) und Alma Guerrero (Rosie Perez, Birds of Prey) dokumentieren im Dschungel El Salvadors einen Ausschnitt fragwürdiger US-amerikanischer Containment-Politik. Das repressive salvadorianische Militärregime fürchtet einen politischen Umsturz wie in Nicaragua und drängt die Gegenseite in den bewaffneten Widerstand. Ab 1980 eskalieren die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Guerilla, im Jahr darauf erklärt der damalige US-Außenminister Alexander Haig El Salvador zum „Testfeld des Kalten Krieges“. Das kleine Land versinkt in der Gewalt.

Der Stift ist mächtiger als das Gewehr - oder so ähnlich. Inmitten von bewaffneten Rebellen zückt Elenea McMahon (Anne Hathaway) ihr Schreibgerät.
Der Stift ist mächtiger als das Gewehr – oder so ähnlich. Inmitten von bewaffneten Rebellen zückt Elenea McMahon (Anne Hathaway) ihr Schreibgerät.

Elena McMahon und ihr unverwüstliches Kampfgerät

In Begleitung von Rebellen stoßen die Reporterinnen auf Zeugnisse eines Massakers, Fotografin Guerrero hält das Grauen verkohlter Leichname in Bildern fest. Munitionsfunde legen den Schluss nahe, dass die Todesschwadronen der salvadorianischen Regierung Gewehre aus US-Beständen als Mordwerkzeuge verwenden. Inmitten von bewaffneten Paramilitärs zückt Elena McMahon ihr Kampfgerät: einen Stift. Stoisch kniet sie am Fuße eines Leichenberges, um Notizen anzufertigen. Fest entschlossen, die Schweinereien ihrer Regierung publik zu machen. Noch fehlen ihr die entscheidenden Puzzleteile, wie sie in einem Monolog voller W-Fragen aus dem Off durchblicken lässt: Wer stellt Geld über Leben? Wer sind die Kriegstreiber? Und wieso schert sich niemand darum, dass in Zentralamerika Menschen sterben?

Zurück in den USA, konfrontiert Elena McMahon die Mächtigen mit ihren Erkenntnissen. Kaum hat sie mit kritischen Nachfragen die Aufmerksamkeit von Außenminister George Shultz (Julian Gamble, House of Cards) und dessen politischem Berater Treat Morrison (Ben Affleck, siehe auch Gone Girl, State of Play) erregt, wird in den Hinterzimmern fleißig konspiriert. „Sie ist unerschrocken und übereifrig, um es vorsichtig auszudrücken“, analysiert Morrison die Lage. Doch der PR-Profi brütet bereits einen Plan aus: Mithilfe eines geeigneten Spins könne es gelingen, die Journalistin für die eigenen Zwecke einzuspannen. „Dann wird sie zu einem Megafon, das Sie nicht festhalten müssen.“

Klassische Einstellung? Anfangs schaut alles danach aus, als sei der Journalistenfilm auf dem Weg. Nach etwa 20 Minuten gerät "Das Letzte, was er wollte" gehörig ins Trudeln.
Klassische Einstellung? Anfangs schaut alles danach aus, als sei der Journalistenfilm auf dem Weg. Nach etwa 20 Minuten gerät „Das Letzte, was er wollte“ gehörig ins Trudeln.

„Das Letzte, was er wollte“ beginnt als klassischer Kriegsreporterfilm

Allerdings scheint sich das Problem McMahon von selbst zu lösen: Die Journalistin – von ihrem Redaktionsleiter zuvor eingenordet („Das Capitol macht Druck“) – zieht sich aufgrund der sich abzeichnenden Demenz ihres Vaters ins Privatleben zurück. Was die Strippenzieher in ihren Hinterzimmerbüros noch nicht ahnen: Ihrer Familie zuliebe erklärt sich Elena McMahon bereit, den letzten offenen Deal ihres waffenschiebenden Daddys (Willem Dafoe, Platoon) zu in trockene Tücher zu bringen.

Das Letzte, was er wollte beginnt wie ein klassischer Kriegsreporterfilm: Mit einer Montage authentischer Filmschnipsel und der Vorstellung einer Journalistin, die furchtlos ihren Job verrichtet. Zumindest äußerlich lässt sie sich im Angesicht der Schrecken nichts anmerken. Innerlich jedoch brodelt es in ihr. Elena McMahon lebt ihre Wächterfunktion, wird die Reporterin an der Ausübung dieser Funktion gehindert, legt sie sich notfalls auch mit Vorgesetzten an. Ihren Abzug – in ihren Augen ein unverzeihlicher Sündenfall – aus dem Auslandsressort quittiert sie mit harschen Worten. „Es geht um Menschenleben! Das kann man nicht ignorieren“, appelliert sie an das journalistische Gewissen ihres Chefs.

Elena McMahon setzt die Waffen einer Frau ein. Welche das sind, fragen Sie? Schöne Augen? Busenblitzer? Nein, die Figur tappt (noch) nicht in die Sexfalle. Hier verschwestert sie sich mit der Frau des Außenministers.
Elena McMahon setzt die Waffen einer Frau ein. Welche das sind, fragen Sie? Schöne Augen? Busenblitzer? Nein, die Figur tappt (noch) nicht in die Sexfalle. Hier verschwestert sie sich mit der Frau des Außenministers.

Die Waffen einer Frau, mal anders eingesetzt – ein Hoffnungsschimmer

Vergebens. Elena McMahon wird, wie die meisten ihrer Kollegen, der Wahlkampfberichterstattung zugeteilt. Das Rennen um das Weiße Haus überlagert alles. Doch der nachrichtendienstliche Einsatz an der Heimatfront birgt auch Vorteile. Plötzlich ist McMahon den Entscheidern in Washington so nah wie nie. Auf einer Benefizveranstaltung gelingt es der Reporterin, sich an den Tisch des Außenministers zu schmuggeln. Dabei setzt sie die Waffen einer Frau ein, die erfreulicherweise mal nicht mit Äußerlichkeiten und/oder sexuellen Reizen gleichzusetzen sind. Elena McMahon unterläuft die Erwartungen, indem sie sich mit der Ehefrau des Ministers verschwestert. Die setzt sich nämlich für wohltätige Zwecke ein. Wäre es der guten Sache nicht dienlich, wenn über dieses wichtige Engagement berichtet würde? Das muss selbst Schatzi, der zweitwichtigste Politiker des Landes, einsehen.

Zugegeben, es handelt sich bei dieser Vorgehensweise um emotionale Erpressung bzw. um den Versuch eines Kuhhandels (Berichterstattung gegen Insinder-Infos). Dennoch fällt diese Szene wohltuend aus dem Rahmen. Für einen Moment scheint es, Das Letzte, was er wollte serviere uns mit Elena McMahon eine gut geschriebene Journalistinnen-Figur, die mit plumpen, aber immer noch gängigen Rollenmustern bricht. Dafür würde man auch über ein anderes Stereotyp hinwegsehen. Die Reporterin steckt sich eine Kippe nach der anderen an, dass man fast schon den Eindruck gewinnt, der vergilbte Look des Films sei auf McMahons Dauergequarze zurückzuführen. Doch bald schon fällt die Illusion in sich zusammen: Ihr Auftritt auf dem Benefizball ist ihr letzter wacher Moment als Journalistin. Der Film mutiert nach dieser Episode zum Polit-/Spionage-Thriller. Oder besser: Er verhebt sich an diesen Genres.

Starke Frau, schwaches Drehbuch: Elena McMahon hätte eine interessante Journalistinnen-Figur sein können. Am Ende geht ihr die Luft aus - und das nicht wegen der vielen Zigaretten, die sie sich im Laufe des Films ansteckt.
Starke Frau, schwaches Drehbuch: Elena McMahon hätte eine interessante Journalistinnen-Figur sein können. Am Ende geht ihr die Luft aus – und das nicht wegen der vielen Zigaretten, die sie sich im Laufe des Films ansteckt.

Nicht nachvollziehbar – die Wandlung der Elena McMahon

Die Buchverfilmung Das Letzte, was er wollte wurde mit Spannung von Fans und Kritikern erwartet. Nicht zuletzt, weil die oftmals fragmentarisch erzählten Romane der Journalistin Joan Didion als schwer verfilmbar gelten. Dass Streaming-Riese Netflix den Film ohne großen Rummel ins Programm aufnahm, erwies sich im Nachhinein als verräterisches Omen. Nicht ganz das Desaster, das in vielen Reviews heraufbeschworen wurde, ist Das Letzte, was er wollte weit entfernt davon, ein guter Film zu sein. Den Drehbuchautoren ist es nicht gelungen, die komplexe Handlung der Romanvorlage schlüssig zu verdichten, die Motivationen der vielen und plötzlich auftauchenden Figuren bleiben im Dunkeln.

Beispielsweise ist nicht nachvollziehbar, weshalb die eingangs unkorrumpierbare Wahrheitssucherin McMahon so plötzlich die Seiten wechselt. Man könnte es so drehen, dass ihr der Deal Zugang zu Insiderwissen und Beweisen ermöglicht. Und so eine verdeckte Recherche einleiten. Der Film vergisst jedoch, ein solches journalistisches Motiv für ihren Sinneswandel zu etablieren, weswegen die Rückbesinnung der Protagonistin im Schlussdrittel („Was bleibt, ist die Story“) völlig aus der Luft gegriffen erscheint. Zu allem Überfluss landet McMahon doch noch im Bett eines Informanten. Zwar geht es der Reporterin in dieser Situation nicht um unmittelbar um die Erschleichung von Informationen. Der Film ist bemüht, seiner Hauptfigur verletzliche wie unerschütterliche Züge mitzugeben (ultimativ versinnbildlicht in der amputierten Brust), stolpert dabei jedoch über ein weiteres, ärgerliches Klischee.

Das ist das Kernproblem von Das Letzte, was er wollte: Der Film versucht seiner Komplexität zu entkommen, indem er die allermeiste Zeit über gängige Routinen des Journalisten-, Spionage- und Polit-Films abspult, ohne das diese Elemente sinnhaft miteinander verknüpfen. Das Letzte, was er wollte verkommt so zur Blackbox. Motive lassen sich vielleicht nachträglich rekonstruieren. Doch wer will das schon, nachdem jegliches Interesse an den Figuren abhanden gekommen ist? Für eine Journalistin lässt Elena McMahon jedenfalls verdammt viele Fragen unbeantwortet. Wie diese hier: Was sollte das?

Das Letzte, was er wollte ist exklusiv auf Netflix abrufbar.