Ein Prequel zu Fear and Loathing in Las Vegas? Nach Hunter S. Thompsons Tod im Jahre 2005 setzte sein Freund Johnny Depp alles daran, ein lange verschollenes Frühwerk des Gonzo-Journalisten zu verfilmen. In The Rum Diary sieht sich das Thompson-Alter Ego Paul Kemp, ein junger Journalist, mit den Irrungen und Wirrungen auf Puerto Rico konfrontiert. Als offizielles Außengebiet der USA ist die Karibik-Insel ein Brückenkopf des American Dream: Ein Konzept, mit dem Thompson zeitlebens auf dem Kriegsfuß stand.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Universum.

Paul Kemp (Johnny Depp) wacht verkatert in einem Hotelzimmer auf. Fit ist anders. Doch es bleibt keine Zeit, den Rausch auszuschlafen. Stattdessen steht ein Vorstellungsgespräch mit Edward Lotterman (Richard Jenkins), Chefredakteur der puerto-ricanischen Hauptstadtzeitung The San Juan Star, auf dem Plan. Zwar wäre dieser Paul Kemp lieber Schriftsteller, damit dieser Wunsch Realität allerdings wird, müssten es seine Manuskripte einmal über die Eingangsstapel der Lektoren hinausschaffen. Hilft alles nichts. Irgendwie muss Geld reinkommen. Also sucht der Jungspund sein Glück unter der karibischen Sonne. Puerto Rico scheint weit weg von dem, was Kemp in seinem eskapistischen Anflug hinter sich lassen möchte, gleichzeitig muss er sich nicht völlig umkrempeln: die Insel liegt im Einflussbereich der Vereinigten Staaten. Dass die Dinge wahrlich nicht so viel anders laufen als auf dem Festland, wird der journalistische Novize noch feststellen.

Chefredakteur Lotterman (herrlich nervös: Richard Jenkins) ist angespannt. Die Auflage rauscht in den Keller - und mit Paul Kemp hat er nun eine weitere Schapsnase am Hals.
Chefredakteur Lotterman (herrlich nervös: Richard Jenkins) ist angespannt. Die Auflage rauscht in den Keller – und mit Paul Kemp hat er nun eine weitere Schapsnase am Hals.

Die Auflage kackt ab – Printkrise unter Sonnenschein

Weil Kemp keine handfesten Referenzen vorweisen kann und er somit fürchten muss, selbst für eine Gutsherrenzeitung wie The San Juan Star unvermittelbar zu sein, erfindet er einige Stationen im Lebenslauf. Lotterman durchschaut diesen Zug: „Diese Vita kann man gepflegt in den Müll werfen.“ Der Redaktionsleiter weiß: Zu ihm kommen nur die Abgebrannten, die Unfähigen, die Säufer.

Doch zur Wahrheit gehört auch: Er kann sich kaum erlauben, halbwegs willige Aspiranten wegzuschicken. The San Juan Star benötigt dringend frisches Blut, die Auflage, sie „kackt ab“. Kemp scheint nicht gerade der geeignete Kandidat für eine Transfusion, Lotterman merkt sofort, dass da noch ordentlich Restalkohol durch die Adern des Anwärters rauscht. Aber welche Wahl hat er schon? Moburg (Giovanni Ribisi), sein Reporter für Kriminalität und Religiöses, kann sich nicht mal mehr auf den Füßen halten.

Paul Kemp (Johnny Depp) ist mit seinen Aufgaben in der Redaktion des San Juan Star wenig einverstanden. Er vergeudet seine Zeit mit Horoskopen und bowlingsüchtigen Touris.
Paul Kemp (Johnny Depp) ist mit seinen Aufgaben in der Redaktion des San Juan Star wenig einverstanden. Er vergeudet seine Zeit mit Horoskopen und bowlingsüchtigen Touris.

Zynische Berichte
aus dem Urlaubsparadies

Kemp erhält seine Chance – und erfüllt die Erwartungen seines Chefs vor allem in einer Hinsicht: Der Neue fügt sich nahtlos ins redaktionelle Heer der Trunkenbolde ein. Als am Ende einer Woche eine horrende Hotelrechnung reinflattert, ist Lotterman nicht mehr gewillt, Kemps Mini-Bar-Plünderungen zu subventionieren. Der Neuzugang kommt bei Bob Sala (Michael Rispoli) und Moburg unter. Fließend Wasser gibt es nicht. Dafür fließt der Rum in Strömen. Das Zuckerrohr-Destillat in rauen Mengen kommt gerade recht, ist es doch bestens geeignet, den Ärger über den stumpfsinnigen Dienst in der Redaktion zu betäuben. Kemp ist für die Horoskope zuständig und interviewt US-amerikanische Touristen, die auf den hoteleigenen Bowlingbahnen dem perfekten Spiel nachjagen, anstatt sich für Land und Leute zu interessieren.

Schön gehört? Unsere Podcast-Episode über Hunter S. Thompson und sein filmisches Erbe in Hollywood – mit Gast Tom Noga.

Entsprechend entgeistert fallen Kemps Berichte aus. „Zu politisch, zu zynisch“, urteilt Lotterman. „Die Touris wollen vom Aufschwung lesen.“ Bloß nicht den amerikanischen Traum zerstören, lautet die Redaktionsdevise. Puerto Rico ist so etwas wie der karibische Brückenkopf des American Dream, gerade jetzt, wo die USA Kuba an die Revolution verloren haben. „Wenn man die Leute weckt, dann wollen sie ihr Geld zurück“, stimmt der Redaktionsleiter den Blues des desillusionierten Reporters an.

„Das sind keine News, das ist kommerzielle Realität“

Vor zehn, vielleicht vor fünf Jahren noch, hätte er sich wie Kemp um die Kämpfe der puerto-ricanischen Arbeiterschaft gekümmert. Heute weiß er: „Sie können wiso nichts ändern. Das sind keine News, das ist kommerzielle Realität.“ Zu dieser Realität gehört die Abhängigkeit von den Anzeigenkunden, und die enttäusche man besser nicht. „Ich bin auch einer von denen, die unser Blatt nicht gerne lesen“, meint Lotterman entschuldigend. Man merkt, dass es ihm nicht daran gelegen ist, seine Mitarbeiter „auf Linie“ zu bringen. Vielmehr möchte er sie vor allzu großen Enttäuschungen (und noch größeren Alkoholproblemem) bewahren. Dass sein letzter Funke Idealismus erloschen ist, kann er letztlich ebenso wenig verbergen wie die Haarlosigkeit unter seinem unnatürlich sitzenden Toupet.

Unter dem Eindruck stetiger Frustration wird Paul Kemp empfänglich für die Verlockungen der PR. Der ehemalige Schreiberling und mittlerweile erfolgreiche Makler Hal Sanderson (Aaron Eckhart) sucht eine talentierte Feder, der die Werbebroschüre für ein bevorstehendes Mega-Bauprojekt textlich veredelt. Die Aussicht auf Vorschüsse, eine Wohnung mit Meerblick und Sandersons Freundin Chenault (Amber Heard) lassen ihn zunächst über jene baupolitische Schweinereien hinwegsehen, die nichts anderes als die Ausbeutung des Paradieses samt seiner Bevölkerung bedeuten.

Trio Infernale: Sala, Kemp und Moburg (Giovanni Ribisi, von rechts) wollen Puerto Rico vor der Ausbeutung durch US-amerikanische Investoren warnen.
Trio Infernale: Sala (Michael Rispoli), Kemp und Moburg (Giovanni Ribisi, von rechts) wollen Puerto Rico vor der Ausbeutung durch US-amerikanische Investoren warnen.

The Rum Diary ist eine ungewohnte journalistische Schwärmerei

Es dauert nicht lange, da meldet sich Kemps Gewissen. The Rum Diary ist bittere Journalistenromantik – gemeinsam mit seinen Kollegen Sala, der sein Honorar mit Hahnenkämpfen aufbessert, und Moburg, der zwischendurch gerne Hitler-Reden auf Schallplatte hört, begehrt das Thompson-Alter Ego Paul Kemp gegen die „Domestizierung“ Puerto Ricos auf. Das Insel-Idyll darf keine gesichtslose, unterdrückte Enklave des amerikanischen Albtraums werden. Um die Wahrheit zu verbreiten, nehmen sie sogar private Gelder in die Hand. Doch die Redaktionsräume sind bereits geräumt, die Druckermaschinen demontiert. Kemp sieht keine Veranlassung mehr, in Puerto Rico zu auszuharren. Er stiehlt eine von Sandersons Segelyachten und schippert zurück gen Staaten, wo er – so verraten es uns die Texteinblendungen in der letzten Einstellung – zu einem der wichtigsten und einflussreichsten Journalisten aufsteigt.

Das Schlussbild, ja das gesamte Finale, ist eine journalistisch-utopische Schwärmerei, die auf dem ersten Blick nicht zu Hunter S. Thompson, dem berühmten Autoren der Vorlage und Begründer des Gonzo-Stils, passen will. Dessen Verhältnis zum Journalismus war ein gespaltenes: Thompson sah seinen Presseausweis als Türöffner, als „Ticket ins Cockpit der Action“, schlussendlich war der Journalismus für ihn nicht mehr als Brotwerb, ganz sicher keine Berufung. HST, wie er sich selbst abkürzte, sah sich primär als Schriftsteller – und gut bezahlte Reporter-Jobs versetzten ihn in die Lage, seiner eigentlichen Leidenschaft nachzugehen.

Der junge Hunter S. Thompson, nicht auf Puerto Rico, sondern auf Aruba. Macht nix. Die Aufnahme ist gut genug für das Cover von The Rum Diary.
Der junge Hunter S. Thompson, nicht auf Puerto Rico, sondern auf Aruba. Macht nix. Die Aufnahme ist gut genug für das Cover von The Rum Diary.

Frühwerk und Prequel zu Fear and Loathing in Las Vegas

Nun ist The Rum Diary ein Frühwerk des Autors, das mit 40 Jahren Verspätung das Licht der Veröffentlichung erblickte. Als er die ersten Seiten tippte, war Thompson Anfang 20. Jung und voller Träume, wie er selbst in Interviews verriet. Seine ersten Sehnsüchte wurden mit The Rum Diary zunichte gemacht: Thompson gab das Buch auf, nachdem es mehrere Verleger abgelehnt hatten. Das Manuskript galt seitdem als verschollen, bis es – so will es die Legende – Thompson und sein enger Freund Johnny Depp im Zuge der Vorbereitung auf die Dreharbeiten von Fear and Loathing in Las Vegas wiederentdeckten: „It was about 1997, and I happened upon this cardboard box, in there was the manuscript for The Rum Diary. He hadn’t seen it since ’59-’60 when he wrote it and threw it in a box. We started reading from it and it was awfully good.“

HST mochte den Gedanken, an den Ursprung seines Schaffens und seines Stils zurückzukehren. Letztlich sei es auch Thompsons Idee gewesen, die verlorenen Zeilen in einen Film umzumünzen, beteuerte Depp. Die Adaptionen von The Banshee Screams for Buffalo Meat (Blast – Wo die Büffel röhren, Regie: Art Linson, 1980) und Fear and Loathing in Las Vegas (Regie: Terry Gilliam, 1998) hatte der Autor über sich ergehen lassen. Er strich das Geld für die Rechte ein, begleitete die Dreharbeiten mehr oder weniger konstruktiv und fällte am Ende ein wahlweise vernichtendes (Blast) bzw. anerkennendes (Fear and Loathing) Urteil.

Den Weg für die Verfilmung von The Rum Diary bereitete Thompson aktiv mit, wie sich Depp erinnerte: [W]e had designs and plans and went out [to Puerto Rico] and had a song and dance and tried to find money to get this thing made.“ Auch die Entscheidung, Bruce Robinson zu einem Comeback auf dem Regiestuhl zu bewegen – der Filmemacher und Autor des Kriegsreporterdramas The Killing Fields hatte mit Hollywood gebrochen – sei eine gemeinsame gewesen.

Johnny Depp in der Rolle von Paul Kemp. Nach dem Suizid von Hunter S. Thompson legte sich der Schauspieler und Freund mächtig ins Zeug, um die Verfilmung von The Rum Diary Wirklichkeit werden zu lassen.
Johnny Depp in der Rolle von Paul Kemp. Nach dem Suizid von Hunter S. Thompson legte sich der Schauspieler und Freund mächtig ins Zeug, um die Verfilmung von The Rum Diary Wirklichkeit werden zu lassen.

Verfilmung war nach Thompsons Tod ein Herzensprojekt für Depp

Ob Thompson DIE treibende Kraft hinter diesen Plänen war, darf bezweifelt werden. Thompson lebte bereits in den 1990er-Jahren recht zurückgezogen auf seiner Ranch in Aspen, Colorado. Der körperliche Verfall machte sich langsam, aber deutlich bemerkbar, dazu die Depressionen über ein Leben, das in seinen Augen sein Haltbarkeitsdatum überschritten hatte. Er verlegte sich in dieser Zeit aufs Schreiben von politischen Kommentaren und Magazin-Stücken. Ein 1994 angekündigter Roman mit dem Titel Polo is my life wurde nie veröffentlicht.

Nachdem der exzentrische Autor 2005 Suizid begangen hatte, zündete Depp die Kanone, die Thompsons Asche über dessen Anwesen verstreute. Der Schauspieler machte The Rum Diary zu seinem Herzensprojekt, für das er lange Wege ging. Durch die Brille der Produzenten betrachtet, ist ein Roman wie The Rum Diary alles andere als hitverdächtig. Nicht zu vergessen: Die beiden Thompson-Verfilmungen zuvor waren keine kommerziellen Erfolge. Blast – Wo die Büffel röhren ging an der Kinokasse unter und beschädigte die Karrieren von Regisseur Art Linson und Drehbuchautor John Kaye nachhaltig. Fear and Loathing in Las Vegas avancierte erst im Nachgang, auf DVD, zum Kultfilm. Ein Ruf, der – nicht nur, aber ganz besonders – durch Gilliams unnachahmlich inszenierte Drogentrips begünstigt wurde.

Amber Heard spielt Chenault, Freundin des Unternehmers Hal Sanderson. Natürlich wird die Beziehung mit der Ankunft Paul Kemps verkompliziert.
Amber Heard spielt Chenault, Freundin des Unternehmers Hal Sanderson. Natürlich wird die Beziehung mit der Ankunft Paul Kemps verkompliziert.

Ohne Fledermausland hat es
The Rum Diary schwer

Mit Abstechern ins Fledermausland und Reptiloiden an der Hotelbar kann The Rum Diary nicht aufwarten. Das Buch ist von den Eindrücken geprägt, die der junge Thompson in Puerto Rico einfing. 1960 reiste der Nachwuchsreporter nach San Juan, um dort für die Sportzeitung El Sportivo zu schreiben. Die Zeitung schloss schon bald ihr Büro, weshalb sich Thompson mit Arbeiten für verschiedene Auftraggeber über Wasser hielt – er schrieb Artikel für Zeitungen wie die englischsprachige San Juan Star (um die es im Film geht) und den New York Herald Tribune, er verdingte sich aber auch als PR-Schreiber für verschiedene Unternehmen.

Puerto Rico galt seit 1898 Außengebiet der USA, ohne jemals die Befugnisse eines teilsouveränen Bundesstaates erhalten zu haben. Der Inselstaat war seit jeher eine Marionette, die Außenpolitik wurde von Washington aus bestimmt. Die kubanische Revolution ab 1953 blieb nicht ohne Folgen für Puerto Rico. Die Insel rückte als Urlaubsdomizil für US-Touristen in den Fokus, erlebte in den 1950er- und 1960er-Jahren einen industriellen wie baulichen Boom. Wie überall auf der Welt profitierten längst nicht alle von der Konjunktur. Die Schere zwischen arm und reich weitete sich, mehr und mehr ausländische Spekulanten trachteten nach ihrem Anteil.

Verkatert, aber noch nicht auf Äther. Noch berauscht sich das Thompson-Alter Ego Kemp ausschließlich mit Alk.
Verkatert, aber noch nicht auf Äther. Kemps Alkoholkonsum ist ganz sicher nicht zu verharmlosen. Im Vergleich zu Raoul Duke ist Kemp allerdings straight edge.

Noch kein Gonzo-Journalismus – Paul Kemp ist auf dem Weg dorthin

Vieles von dieser Stimmungslage findet sich in The Rum Diary wieder. Figuren und Ereignisse dürften ihren Ursprung in der Realität gehabt haben. Gleichwohl ist The Rum Diary noch kein Gonzo. Das Buch enthält Spurenelemente seines späteren Stils. Dazu gehört, dass Thompson mit Paul Kemp ein Alter Ego erschuf, das an seiner statt durch die episodische Handlung schlittert. Allerdings ist The Rum Diary wohl das Werk in Thompsons Œuvre, dass sich am eindeutigsten der Fiktion zuordnen lässt. Von dem rauschhaften Tagebuch-Charakter eines Fear and Loathing in Las Vegas, in dem die Grenzen zwischen Erlebtem und Erfundenem verschwimmen, ist The Rum Diary weit entfernt.

Thompson hatte die Handlung um zwei Jahre vorlegt. Die Geschichte von Kemp spielt sich im Jahre 1958 ab – und ist für HST-Verhältnisse recht brav. Das gilt auch für die Exzesse. Keine Drogen, nur Alk. Ausgerechnet die einzige Szene in Film, in der Paul Kemp und seine Kollegen mit harten Drogen experimentieren, ist eine Erfindung des Drehbuchs. Generell gibt es einige deutliche Unterschiede zwischen Vorlage und Adaption. Was angesichts der Sprunghaftigkeit des Quellmaterials nicht verwundert.

Die im Buch enthaltene Figur Yeamon wird im Film aufgelöst - indem ihre Charakterzüge auf die Gegenspieler Kemp und Sanderson umgelegt werden.
Die im Buch enthaltene Figur Yeamon wird im Film aufgelöst – indem ihre Charakterzüge auf die Gegenspieler Kemp und Sanderson umgelegt werden.

Deutliche Unterschiede im
direkten Vergleich Buch vs. Film

So löst der Film die im Buch enthaltene Figur Yeamon auf und teilt dessen Charakterzüge unter Protagonist Paul Kemp und Unternehmer Sanderson auf. Yeamon ist ein Redaktionskollege von Kemp, zusammen mit Mitbewohner Sala bildet das Trio eine unheilige Dreifaltigkeit. Wobei Yeamon eine Spiegelfigur für Kemp ist: Yeamon begehrt, was Kemp sich nicht zu begehren traut. Das gilt vor allem das Love Interest Chenault, das im Film wiederum mit Sanderson zusammen ist. Außerdem kommt Lotterman „ungeschoren“ davon. Verschwindet der miesepetrige Chefredakteur nach der Schließung der San Juan Star im Film einfach von der Bildfläche, erleidet er im Buch einen tödlichen Herzinfarkt – nachdem Teile der Redaktion seine Ermordung geplant haben, aus Frust über ausstehende Gehälter.

Besonders deutlich weicht der Film in seinem Schlussakkord von der Vorlage ab. Das bitter-süße Ende, das ganz und gar nicht nach Thompson klingen mag, weil es klassisch an das journalistische Pflichtbewusstsein appelliert, unterstreicht, weshalb The Rum Diary wie eine arrangierte Ehe daherkommt. Eine mäandernde, von Rum beseelte Odyssee vor traumhafter Karibik-Kulisse, das liest sich auf dem Papier ganz schön (und sieht auch im fertigen Film hervorragend aus). Aber alle wissen: Thompson und Hollywood, das passt nicht so richtig. Thompson mag, als er an The Rum Diary schrieb, idealistisch(er) gepolt gewesen sein. Das Ende ist jedoch ein Zugeständnis an die Sehgewohnheiten eines Mainstream-Publikums, das nach dem Abspann mit einer „Moral von der Geschichte’“ aus dem Kino entlassen werden will. Ein Zugeständnis, das dem Quellmaterial nicht innewohnt.

Was hätte Hunter S. Thompson wohl zu dieser Verfilmung gesagt?

Ob Thompson mit dieser Interpretation seines Jugendromans einverstanden gewesen wäre? Auf die Frage, was der Hunter wohl zu The Rum Diary gesagt hätte, antwortete Johnny Depp: „Er würde zunächst eine sarkastische Bemerkung machen, dann etwas Poetisches sagen. Anschließend würde er alle Blumen aus dem Kübel herausreißen und sie den Ladies schenken.“ Dies wäre wohl eine sehr versöhnliche Kritik gewesen.

Weitere Filmbesprechungen zum Thema Hunter S. Thompson:

Blast – Wo die Büffel röhren
Fear and Loathing in Las Vegas

Unser Podcast-Special: Hunter S. Thompson & Hollywood – mit Gast Tom Noga


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