Die 1960er- und 1970er-Jahre waren (nicht nur) in den Augen von Hunter S. Thompson „seltsame Jahrzehnte“, gleichzeitig fielen die produktivsten Schaffensphasen des Gonzo-Journalisten in eben jene Dekaden. Zwischen Race Riots, Vietnam und Watergate war der Lack des Amerikanischen Traums reichlich abgeblättert. Blast – Wo die Büffel röhren (OT: Where the Buffalo Roam) ist ein Streifzug durch die Thompson’schen Episoden und Ergüsse dieser desillusionierenden Ära.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Universal Pictures.

„Kein Grund zur Panik – ist nur Redaktionsschluss.“ Hunter S. Thompson spürt wieder einmal eine Deadline im Nacken. Das Verpassen einer solchen hat ihn zur Ikone eines neuartigen Journalismus gemacht. 1970 soll HST, wie ihn seine Anhänger abkürzen, für das Magazin Scanlan’s Monthly über das Kentucky Derby berichten. Weil er den Abgabetermin nicht einhalten kann, sendet er seinem Verleger seine ungefilterten Notizen zu. Ein Kollege empfängt Thompsons wildes Geschreibsel – und ist begeistert: „Forget all this shit you’ve been writing, this is it; this is pure Gonzo. If this is a start, keep rolling.“ Thompson „rollt“, wie ihm geheißen. Sein Stil prägt nicht nur den New Journalism, sondern auch das Rolling Stone Magazine in seinen Anfangsjahren.

Blast heißt in Wo die Büffel röhren das fiktive Gegenstück zum Rolling Stone. Dessen Chefredateur Marty Lewis (Bruno Kriby) wartet bereits ungeduldig auf Thompsons (Bill Murray) Zeilen. Doch seine Edelfeder ringt, verbarrikadiert im Arbeitszimmer seiner Ranch in Woody Creek, Colorado, mit einer ausgewachsenen Schreibblockade. Sein routinemäßiger Alkohol- und Drogenkonsum vermag die Blockade nicht zu lösen, er befeuert lediglich die Paranoia. „Für das, was ich Schreibe, bin ich nicht mehr verantwortlich zu machen“, schiebt Thompson schon jetzt sein Alibi vor.

Hunter S. Thompson (Bill Murray) und Carl Laszlo (als Richard Nixon, gespielt von Peter Boyle) sind unzertrennlich. Ob Thompson es will oder nicht.
Hunter S. Thompson (Bill Murray) und Carl Laszlo (als Richard Nixon, gespielt von Peter Boyle) sind unzertrennlich. Ob Thompson es will oder nicht.

Die Todesfee schreit
nach Büffelfleisch

Dieser ins Stocken geratene Schreibprozess ist die erzählerische Klammer von Wo die Büffel röhren. Womit der erste gravierende Unterschied zu Fear and Loathing in Las Vegas – der Vergleich mit Terry Gilliams Kultfilm aus dem Jahre 1998 ist unausweichlich – benannt ist: Bill Murray spielt den echten Thompson, Johnny Depp verkörpert Raoul Duke, ein fiktives Alter Ego Thompsons. Wobei: Realität und Fiktion sind bei HST, der die Grenzen dieser Kategorien bewusst aufhebt, nur schwer auseinanderzuhalten.

Diese Ungewissheit liegt wie ein Schleier über der episodenhaften Erzählung von Wo die Büffeln röhren, die sich Elemente aus mehreren literarischen Werken Thompsons, darunter Fear and Loathing on the Campaign Trail ’72, The Great Shark Hunt und auch Fear and Loathing in Las Vegas herausgreift. Die zentrale Idee für den Film ist einem Rolling Stone-Artikel entlehnt. The Banshee Screams for Buffalo Meat (dt: Die Todesfee schreit nach Büffelfleisch, erschienen in der Oktober-Ausgabe von 1977) ist Thompsons Nachruf auf Oscar Zeta Acosta: Jurist und Bürgerrechtsaktivist, Wegbegleiter Thompsons und Vorlage für den samoanischen Anwaaaalt Dr. Gonzo in Fear and Loathing in Las Vegas (gespielt von Benicio del Toro).

Der 2006 verstorbene Peter Boyle spielt in Wo die Büffel röhren das Acosta-Alter Ego Carl Laszlo.
Der 2006 verstorbene Peter Boyle spielt in Wo die Büffel röhren das Acosta-Alter Ego Carl Laszlo.

Die Freundschaft zu Acosta ist der rote Faden in Wo die Büffel röhren

HST lernt Acosta im Sommer 1967 kennen. Der Anwalt wird 1971 Gegenstand von Thompsons Berichterstattung. Unter der Überschrift Strange Rumblings in Aztlan macht der Journalist im – wo sonst? – Rolling Stone auf die sozialen Ungerechtigkeiten in den Armenvierteln von Los Angeles aufmerksam. Der Beitrag handelt auch von den juristischen Bemühungen Acostas, einer repressiven, zum Teil rassistisch motivierten Auslegung des Strafrechtes in der Metropole entgegenzutreten. Zwischen den beiden entwickelt sich eine enge Freundschaft, die in der Folge auch Differenzen übersteht.

Noch im selben Jahr begeben sich Thompson und Acosta gemeinsam auf jene rauschhafte Reise nach Las Vegas, die den Anarcho-Journalisten zu seinem Schlüsselwerk inspiriert. Acosta, mexikanischer Abstammung, ist über die Charakterisierung seines Alter Egos Dr. Gonzo, insbesondere über die Beschreibung als „300 Pfund-schwerer Samoaner“, derart erbost, dass er zunächst seine Freigabe zur Veröffentlichung verweigert. Da umfangreiche Änderungen jedoch die Erscheinung von Fear and Loathing in Las Vegas deutlich verzögern würden, lenkt Acosta ein, unter der Bedingung, dass sein Name und Konterfei auf dem finalen Schutzdeckel zu sehen sind.

Die Nixon-Maske als Sinnbild für den Niedergang des American Dream. Ein Lügen-Präsident als Oberhaupt einer großartigen Nation, die - wie sich in den 1960er-/70er-Jahren herausstellt - gar nicht so großartig ist.
Die Nixon-Maske als Sinnbild für den Niedergang des American Dream. Ein Lügen-Präsident als Oberhaupt einer großartigen Nation, die – wie sich in den 1960er-/70er-Jahren herausstellt – gar nicht so großartig ist.

Die verstummenden Büffel als Abgesang des American Dream

Die Biographie Acostas ist schillernd wie schwer greifbar. Besondere Bedeutung kommt der Chicano-Bewegung zu, ab 1968 setzt er sich als Anwalt für die Rechte in den USA lebender Mexikaner ein. Anfang der 1970er-Jahre betätigt er sich auch schriftstellerisch, er hinterlässt zwei Bücher, darunter Autobiography of a Brown Buffalo. Acosta bezeichnet sich selbst gerne als braunen Büffel – in Anspielung auf das „fette, braune, zottelige, schnaubende amerikanische Tier, das fast vom Aussterben bedroht ist“. Der Büffel steht im Kontext der Acosta’schen, aber auch Thompson’schen Veröffentlichungen für den Amerikanischen Traum, der von seinen eigenen Landsleuten gejagt und ausgebeutet wurde, bis beinahe nichts mehr von ihm übrig geblieben ist. „Oh, give me a home where the buffalo roam“, heißt es im alten Cowboy-Song Home on the Range, seit 1947 offizielles Lied des US-Staates Kansas. Ohne das vitale Röhren der Büffel ist die Heimat nicht mehr das, was sie mal war.

Thompson beschreibt Acosta in The Banshee Screams for Buffalo Meat folgendermaßen: „Ernsthafte Straßenschlachten waren nicht Oscar’s Ding, aber in einer Kneipenschlägerei war er die Hölle auf Rädern. Jedwede Kombination aus einem 113 Kilogramm schweren Mexikaner und LSD-25 ist eine potentiell tödliche Gefahr für alles innerhalb ihrer Reichweite – aber wenn der betreffende Mexikaner in der Tat ein stockwütender Chicano-Anwalt ist, absolut ohne Furcht vor allem, was auf weniger als drei Beinen geht, und sich in der de facto suizidalen Überzeugung befindet, dass er mit 33 Jahren sterben wird – so wie Jesus Christus –, dann hat man wirklich ein Problem am Hals.“

Sein Freund hält etwas länger durch als Jesus Christus, wenn auch, aller Vermutung nach, nicht allzu lange. Acosta ist 39 Jahre alt, als er 1974 spurlos in oder vor Mexiko verschwindet. Heute nimmt man an, dass der umtriebige Aktivist ermordet wurde, entweder aus politischen Gründen oder aber im Zusammenhang mit einem Drogen-Deal. Kurz vor seinem Verschwinden teilt Acosta seinem Sohn Marco am Telefon mit, er werde ein „Boot voller weißem Schnee besteigen.“

Seinen Versuch, die Persönlichkeit des Oscar Zeta Acosta zu ergründen, veröffentlichte Dokumentarfilmer Phillip Rodriguez im Jahr 2018. Produziert wurde The Rise and Fall of the Brown Buffalo von Dr. Gonzo-Darsteller Benicio Del Toro.

Die Szene kenne ich doch!! So oder so ähnlich fängt Terry Gilliams Fear in Loathing in Las Vegas an. Thompson und Laszlo traumatisieren einen Anhalter nachhaltig.
Die Szene kenne ich doch!! So oder so ähnlich fängt Terry Gilliams Fear in Loathing in Las Vegas an. Thompson und Laszlo traumatisieren einen Anhalter nachhaltig.

Aus Oscar Zeta Acosta wird in Wo die Büffel röhren Carl Laszlo

Warum dieser biographische Einschub? Anders als Fear and Loathing in Las Vegas, der auch ohne das Vorwissen zur Thompson-Folklore als wahnwitziger Drogentrip funktioniert, ist Wo die Büffel röhren erklärungsbedürftig. Wer sich ohne jeglichen Hintergrund in den Sessel schwingt, dürfte von der Aneinanderreihung skurriler Begebenheiten schnell gelangweilt sein. Die Freundschaft zu Acosta, der aus Gründen der Fiktionalisierung erneut anders heißt, Carl Laszlo nämlich, ist der Kitt, der die Einzelszenen zusammenhält.

Laszlo, von Schauspieler Peter Boyle als eine Art wahnsinniger großer Bruder zum Leben erweckt, taucht immer dann auf, wenn es für Thompsons darum geht, ein journalistisch verwertbares Ergebnis abzuliefern: Mal ist er Muse, etwa wenn er – wie zu Beginn des Films – mit exzentrisch- idealistischen Plädoyers Kiffer und Kleinkriminelle vor Gericht verteidigt. Mal ist er Gegenspieler, weil er Thompson von seinem eigentlichen Auftrag abbringt. Wegen Laszlo verpasst Thompson erst das Superbowl-Finale, später das Flugzeug, in dem der Pressetross sitzt, der Nixons Wahlkampfkampagne begleitet. Und als ob dieses Hin und Her nicht schon anstrengend genug wäre, steht schließlich die Frage im Raum: Handelt es sich bei Carl Laszlo überhaupt um eine reale Figur? Oder ist der Anwalt eine halluzinatorische Manifestation Thompsons innerer Kämpfe?

Ein Whsikey lockert die Schreibblockade - oder auch nicht. Thompsons Alkohol- und Drogenkonsum spielt natürlich auch in Wo die Büffel röhren eine Rolle.
Ein Whsikey lockert die Schreibblockade – oder auch nicht. Thompsons Alkohol- und Drogenkonsum spielt natürlich auch in Wo die Büffel röhren eine Rolle.

Gonzo-Spirit in einer
ansonsten biederen Komödie

Dabei ist Wo die Büffel röhren eindeutiger als Fear and Loathing in Las Vegas, platter als sein berühmter Nachfahre. Formal gibt er sich klar als Komödie zu erkennen, die Inszenierung von Art Linson, der mit Wo die Büffel röhren seine erste von zwei Regiearbeiten abliefert , ist geradezu bieder-konventionell. Der Rauschzustand von Gilliams Fear And Loathing in Las Vegas, den das Publikum der Gegenwart in aller Regel zuerst sieht, schrumpft inszenatorisch auf das Niveau einer Sketch-Parade zusammen. Wo die Büffel röhren ist ein Film, der sich an Thompson-Fans richtet, seine Zielgruppe allerdings nicht befriedigt. Was nicht zuletzt daran liegt, dass der Meister selbst kein gutes Haar an dem Film lässt.

In einer Hinsicht ist der Film ein brauchbares Vorbild: Er fängt den Gonzo-Spirit ganz gut ein*. Wo die Büffeln röhren bemüht sich, den Erzählstil Thompsons zu imitieren und ins Filmische zu übertragen. Bei dieser Transferleistung bleibt die literarische Qualität auf der Strecke, das formale Prinzip jedoch erhalten. Nie können wir uns sicher sein, was sich wie hat zugetragen. Der Film mixt Fakten mit Fiktion. In der Logik Thompsons ist solcher erzählerischer Mix wahrhaftiger als eine objektive Berichterstattung (deren Möglichkeit im New Journalism generell verneint wird). Helge Timmerberg, ein deutscher Vertreter dieser Strömung, formuliert das Wesen des Gonzo-Journalisten wie folgt: „Ein Gonzo-Journalist ist jemand, der es zu mühsam findet, in einer durch und durch verrückten Welt so zu tun, als sei der Reporter der einzig Normale weit und breit.“ Diese Attitüde bringt Bill Murray in seinem Schauspiel auf den Punkt.

* Tom Noga, Autor des Radio-Features The Crazy Never Die – Die lange Nacht des Hunter S. Thompson und Gast in Folge #15 von journalistenfilme.de – der Podcast über Hunter S. Thompson und Hollywood, widerspricht dieser Aussage vehement. Mehr dazu im Podcast, der – wie auch dieser Beitrag – Teil unseres Hunter S. Thompson-Specials ist!

Thompson, wo ist mein Artikel? Blast-Chefredakteur Marty Lewis (Bruno Kriby) wird allmählich unruhig.
Thompson, wo ist mein Artikel? Blast-Chefredakteur Marty Lewis (Bruno Kriby) wird allmählich unruhig.

Wo die Büffel röhren und
der Gonzo-Journalismus

Darüber hinaus ist die Darstellung der neo-journalistischen Arbeit in Wo die Büffel röhren Arbeit ein Porträt dessen, was wir heute unter Gonzo-Journalismus verstehen – ein Umstand, der wohl aller Wahrscheinlichkeit nach darauf zurückzuführen ist, dass Thompsons Bild in der Popkultur unsere Vorstellung vom Gonzo-Journalismus überhaupt erst geprägt hat. Der Gonzo-Journalismus in Wo die Büffel röhren folgt zunächst keinen erkennbaren Regeln, sollte Bill Murrays Thompson irgendwann eigene, subjektive Leitlinien für sich aufgestellt haben, dann passt er sie jedenfalls der Situation entsprechend an. Eine prinzipielle Anti-Prinzipientreue, die bis zum Schluss hält – und ausgerechnet dann in einem Verrat mündet. Aber der Reihe nach.

In ihrem Aufsatz Buy the Ticket, Take The Ride: Hunter S. Thompson’s Gonzo Journalist in the Movies fächert Maya Meinert das Bild des Gonzo-Journalisten in Wo die Büffel röhren und Fear and Loathing in Las Vegas* in sechs Leitmotive auf: in den Journalisten als Gesetzesbrecher, den Journalisten als Lügner, den drogenkonsumierenden Journalist, den impulsiven / gewalttätigen Journalisten, den armen Journalisten und den Journalisten, der sich zu Höherem berufen sieht.

* Alter Ego Paul Kemp in Rum Diary von 2011, wie Raoul Duke ebenfalls von Thompson-Buddy Johnny Depp gespielt, bleibt unbetrachtet.

Die Ikone und seine Fans. Thompson spricht auf einer Gonzo-Veranstaltung zu seinen Jüngerinnen und Jüngern.
Die Ikone und seine Fans. Thompson spricht auf einer Gonzo-Veranstaltung zu seinen Jüngerinnen und Jüngern.

„Ich würde es nie erwägen, Alkohol, Drogen oder Gewalt zu empfehlen“

Freilich sind das keine Eigenschaften, die der Gonzo-Journalist für sich gepachtet hat, diese Attribute kommen auch in „herkömmlichen“ Journalistenfiguren zum Vorschein. Die ersten vier Leitmotive kennzeichnen vor allem journalistische Negativ-Beispiele. Jedes einzelne Motiv für sich genommen würde schon ausreichen, um eine Journalistenfigur zu diskreditieren. HST repräsentiert sie allesamt, und ist doch ein gefeiertes Vorbild. „Ich würde nie erwägen, Alkohol, Drogen oder Gewalt zu empfehlen. Aber in meinem Fall hat es funktioniert“, sagt HST in Wo die Büffel röhren. Er steht dabei auf einem Podium, der Saal ist voller Bewunderinnen und Nacheiferer, die nur gekommen sind, um den Hunter dozieren zu hören. Die Menge johlt.

Thompson schreibt auf der Schreibmaschine, während er Auto fährt, sediert einen Kollegen und stielt dessen Identität, um Richard Nixon auf der Herren-Toilette aufzulauern. Er trinkt, schnupft und raucht unentwegt, überzieht Spesenkonten und strapaziert die Geduld seines Auftragsgebers mit überzogenen Forderungen. Und auch die Gewalt gehört zu Thompsons Repertoire. Zwar verletzt er niemanden ernsthaft, in Wo die Buffalo Roam richten sich die Ausbrüche vor allem gegen die Technik. In einer Szene schießt er mit einem Revolver auf ein Faxgerät.

Der echte Thompson schätzte am Journalismus vor allem den Presseausweis. Denn der verschaffte ihm Zugang in die erste Reihe. In dieser Szene lässt sich Murrays Thompson von Laszlo abbringen, den Super Bowl zu besuchen.
Der echte Thompson schätzte am Journalismus vor allem den Presseausweis. Denn der verschaffte ihm Zugang in die erste Reihe. In dieser Szene lässt sich Murrays Thompson von Laszlo abbringen, den Super Bowl zu besuchen.

Für Thompson ist der Journalismus nur ein Ticket in Cockpit der Action

Alle diese Maßnahmen werden durch eine journalistische Notwendigkeit gedeckt. Bei aller Anarchie sieht sich Murrays Thompson als Journalist, der am Ende Zeilen zu Papier bringen wird, die die Welt bedeuten. Der echte Thompson hingegen versteht sich mehr als Schriftsteller, denn als Journalist. Für ihn ist der Journalismus keine Berufung, sondern ein notwendiger Broterwerb, der ihm die wertvolle Zeit für seine literarischen Ausflüge raubt. Am ehesten schätzte er seinen Presseausweis, sein Ticket ins „Cockpit der Action“. In der finalen Begegnung auf dem Rollfeld – Thompson hat soeben den Presse-Flieger zum nächsten Groß-Event auf Nixons Wahltournee verpasst – provoziert Laszlo seinen Freund genau mit diesem Zwiespalt: „Du bist Schriftsteller, kein Journalist!“. Thompson lässt die Vernunft, sprich den Journalismus, siegen. Er liefert pünktlich seinen Artikel ab.

Vielleicht ist es dieses un-gonzo-hafte Happy End, das den echten Thompson dazu bewegt, den Film als „horrible pile of crap“ abzukanzeln. Beschweren darf er sich eigentlich nicht. Nachdem Produzent Thom Mount (Natural Born Killers) den Betrag von 100.000 US-Dollar an den Nachlassfond seines Freundes und Chicano-Aktivisten Oscar Zeta Acosta überwiesen hat, gibt der Autor Ende der 1970er-Jahre seinen Artikel The Bashee Screams for Buffalo Meat für eine Verfilmung frei, ohne je einen Drehbuchentwurf zu Gesicht bekommen zu haben.

Weil die mehrfach in Angriff genommene Adaption von Fear and Loathing in Las Vegas in der Produktionshölle schmort (mehr zur schwierigen Produktionsgeschichte in diesem Beitrag), geht Thompson davon aus, dass auch dieser Film niemals realisiert wird. „Then all of a sudden there was some moment of terrible horror when I realized they were going to make the movie“, wird er im Frühjahr 1980 in einem Artikel in den College Papers des Rolling Stone zitiert. Überschrift: „Hunter Thompson cashed his check.“ Am 25. April startet Wo die Büffel röhren in den Staaten.

Der echte Thompson schätzte am Journalismus vor allem den Presseausweis. Denn der verschaffte ihm Zugang in die erste Reihe. In dieser Szene lässt sich Murrays Thompson von Laszlo abbringen, den Super Bowl zu besuchen.
Hunter S. Thompson und seine Manierismen: Bill Murray müht sich, den Arnarcho-Literaten zu imitieren, kommt aber nicht an die Klasse Johnny Depps in Fear and Loathing in Las Vegas heran.

Als Bill Murray beinahe auf der Thompson-Ranch ertrank…

Der Literat hat sämtliche Kontrollansprüche abgetreten, damit er für das Endprodukt nicht einstehen muss. Ob Thompson wirklich so unbeteiligt war, wie er im Nachgang kokettiert – Thompson wird in den Credits als executive consultant geführt, besteht aber auf der Darstellung, er habe nicht mehr als „Maschinengewehre am Set abgefeuert“ – ist mehr als fraglich. Regisseur Art Linson und Drehbuch John Kaye verbringen drei „action-geladene“ Tage auf Thompsons Ranch, in deren Verlauf sie in die drogengeschwängerte Welt des Gonzo-Journalisten eintauchen. Acht Monate später liefert Kaye sein fertiges Skript ab. Kaye beklagt zahlreiche Einmischungen. Thompson und Murray hätten Szenen noch am Set umgeschrieben, erinnert sich der Autor, der sich seinerseits von den Dreharbeiten distanziert, da er an einem gewissen Punkt aus der Produktion ausgestiegen sei.

Der Schriftsteller und der Schauspieler, der ihn im Film porträtiert, kommen dafür umso besser miteinander klar. Beide verbringen mehrere Tage und Nächte auf Thompsons Anwesen. Sie trinken und konsumieren, was das Arsenal des Doktors hergibt, philosophieren und werden handgreiflich. Der Legende nach ersäuft Bill Murray eines Abends beinahe, an einem Stuhl gefesselt, in Thompsons Swimming Pool, weil ein ehrgeizig geführter Houdini-Contest außer Kontrolle gerät.

Murray ist Ende der 1970er-Jahre einer der Stars von Saturday Night Live, außerhalb dieses Comedy-Formats ein eher unbeschriebenes Blatt. Der Mann, der im Laufe seiner Karriere zwischen den Extremen „lustlos“ und „on fire“ wandelt, bereitet sich wie ein Besessener auf Wo die Büffel röhren vor. Murray mutiert zum Method Actor, verliert sich in der Rolle, wird zum Ebenbild Thompsons. Selbst als er nach den Dreharbeiten ans Set von Saturday Night Live zurückkehrt, steift er die Manierismen des Gonzo-Reporters noch nicht ab – und strapaziert damit Nerven seiner Kolleginnen und Kollegen.

Eine Zeit lang war Bill Murray Hunter S. Thompson. Der Schauspieler trägt die Manierismen des exzentrischen Autors auch nach den Dreharbeiten noch zur Schau.
Eine Zeit lang war Bill Murray Hunter S. Thompson. Der Schauspieler trägt die Manierismen des exzentrischen Autors auch nach den Dreharbeiten noch zur Schau.

Horrible pile of crap: Das Röhren wird zum Rohrkrepierer

An Murray liegt es nicht, dass Wo die Büffeln röhren ohne Thompsons „Seal of approval“ auskommen muss. In den Augen des Vorlagengebers holt der Hauptdarsteller das Beste aus seiner Rolle heraus. Er sieht die Fehler vor allem im Drehbuch begründet. „You can’t beat a bad script“, erklärt Thompson später einem Interview, um im selben Atemzug nachzulegen: „It was just a horrible movie. A cartoon. But Bill Murray did a good job. We actually wrote and shot several different endings and beginnings and they all got cut out in the end. It was disappointing. Not to mention that I have to live with it. It’s like go into a bar somewhere and people start to giggle and you don’t know why, and they’re all watching that fucking movie.“

Der Passus „We actually wrote and shot several different endings“, stellt Thompsons erklärte Passivität in Frage. Es ist ohnehin schwer vorstellbar, dass jemand wie er, der sonst kein Blatt vor dem Mund nahm, ausgerechnet bei der filmischen Übersetzung seiner Ideen und Gedanken für ein Mainstream-Publikum still hielt. Allerdings: Eine Filmproduktion ist kein experimenteller Nährboden für Gonzo, schon gar nicht, wenn ein Major-Studio wie Universal an einem vier Millionen US-Dollar Budget beteiligt ist und ein Neuling auf dem Regiestuhl seine Chance auf eine Hollywood-Karriere wahren will. Art Linson ist von der Hit-Qualität seines Films überzeugt, verliert sich aber in den Fragmenten des Skripts.

Wo die Büffel röhren erhält vernichtende Kritiken

Auch Hauptdarsteller Murray zeigt sich besorgt über die mangelnde Kontinuität in der Handlung. Anfang 1980 finden Aufnahmen einer Erzählerstimme statt, die helfen soll, die Episoden zu verbinden. Die Sneak-Previews im März 1980 zeigen eine Fassung, in der die zusätzliche Stimme fehlt. Auch zwei abschließende Szenen, von denen Murray denkt, dass sie das Ende abrunden, sind in dieser Version nicht enthalten. Der Thompson-Darsteller ist außer sich, das Studio trommelt die Crew nochmal zu einem Last-Minute-Dreh für ein weiteres Ende zusammen. Eine Pressevorführung wird drei Tage vor dem offiziellen Kinostart abgesagt – wegen anhaltender Probleme im Schnitt.

Die letzten notdürftigen Anpassungen können den Film nicht mehr retten. Die Kritik straft Wo die Büffel röhren für die nicht vorhandene Stringenz in der Erzählung ab. Auch der schmähliche Umgang mit Thompsons Quellmaterial, die Trivialisierung seiner Ergüsse, wird gerügt. Chefkritiker Roger Ebert versteht die Beziehung zwischen Thompson und Laszlo nicht: „We get bizarre episodes but no insights.“ Beim Kinopublikum tritt ein, was ich eingangs beschrieben habe – das allgemeine Gefühl von Ratlosigkeit. Der Film spielt 6,6 Millionen US-Dollar ein und landet damit auf Platz 43 im US-Box Office des Kinojahres 1980. Platz 1 belegt in diesem Ranking übrigens der zweite Teil einer Space-Opera aus der Feder eines gewissen George Lucas, der damit 203 Millionen Dollar allein an den US-Kassen generiert.

Peter Boyle und Bill Murray überstanden den Misserfolg von Wo die Büffel röhren schadlos. Was man für andere Beteiligte nicht festhalten kann.
Peter Boyle und Bill Murray überstanden den Misserfolg von Wo die Büffel röhren schadlos. Was man für andere Beteiligte nicht festhalten kann.

Karriere-Knick für Linson und Kaye, Boost für Boyle und Murray

Ein vergleichbarer Erfolg bleibt den Lebensläufen von Art Linson und John Kay verwehrt. Schlimmer noch: Den Makel einer in den Sand gesetzten Thompson-Adaption werden beide nicht mehr los. Art Linson dreht mit The Wild Life, ein Comedy-Drama aus der Feder eines anderen berühmten Rolling Stone-Schreiberlings: Cameron Crowe (siehe auch: Almost Famous), einen weiteren Langfilm, bevor er sich, immerhin recht erfolgreich, aufs Produzieren (u.a. The Untouchables, Fight Club, Into The Wild) verlegt.

John Kays Karriere im Filmbusiness hat sich fürs Erste erledigt, er wechselt ins Schriftstellerfach. 20 Jahre später wagt er nochmal ein Comeback. Kaye schreibt das Buch für eine Rom-Com mit dem Titel Forever Lulu und darf sogar Regie führen. Der Cast ist namhafter als der Film, der im Jahre 2000 erscheint und an den sich, weitere 20 Jahre später, kaum jemand mehr erinnert. In den Hauptrollen sind Melanie Griffith und Patrick Swayze zu sehen. Außerdem spielt ein gerade mal volljähriger Joseph Gordon-Levitt mit. Über die weiteren Karrieren von Acosta-Darsteller Peter Boyle und Bill Murray muss man keine großen Worte verlieren. Boyle spielte als nächstes zwischen den Comedy-Schwergewichten Marty Feldman und Andy Kaufman in der Religionssatire Dreist und gottesfürchtig (OT: In God we Tru$t) mit, Murray in Harold Ramis Komödie Caddyshack – Wahnsinn mit Handycap.

Wie ein Missing-Link zwischen Kultvorlage und Kultverfilmung

Durch seine Mitwirkung in Kultfilmen wie Ghostbusters, Die Geister, die ich rief oder auch Und täglich grüßt das Murmeltier ist Bill Murrays Performance in Wo die Büffel röhren in Vergessenheit geraten, zumal der Titel „ultimatives Thompson-Double“ Johnny Depp gebührt. Der Saturday Night Live-Murray legt irgendwann den devotionalen HST-Dreiklang aus Sonnenhut, getönter Fliegerbrille und Zigarettenspitze zur Seite, eine tiefe Freundschaft, wie sie Thompson und Depp pflegen werden, entwickelt sich zwischen diesen beiden nicht. Murray darf sich rühmen, den Weg für Fear and Loathing in Las Vegas geebnet zu haben. Nach Wo die Büffel röhren gelten Thompsons Werke nicht mehr als un-, sondern nur noch als schwer verfilmbar. Ein seltsamer Film, der wie ein Missing Link zwischen Kultvorlage und Kultverfilmung klemmt, zur Zeit seiner Entstehung vieles falsch gemacht hat, aus heutiger Sicht jedoch Sinn ergibt. Irgendwie Gonzo.

Dieser Beitrag ist Teil unseres Specials über Hunter S. Thompson. Weitere Beiträge:
Alles Gonzo, oder was? Unsere Besprechung zu Fear and Loathing in Las Vegas.
journalistenfilme.de – der Podcast: Hollywood und Thompson – das filmische Erbe des Gonzo-Literaten. Gast ist der HST-Experte und Autor des Radio-Features „Die lange Nacht des Hunter S. Thompson“, Tom Noga.


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