Ein Reporter stalkt einem psychopathischen Pärchen hinterher – und wird selbst zum Psychopathen. Oliver Stones Kultfilm Natural Born Killers kritisiert die Bigotterie der Medien und lässt mit dem Dokutainment-Host Wayne Gale einen wahren Serienkiller-Groupie walten. Die Quittung gibt es in Form von Blei.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Warner Home Video.

Zur Person: Ted Bundy, John Wayne Gacy, Charles Manson – das ist die mörderische Trinität, an die Wayne Gale (Robert Downey Jr.) glaubt. Bis zu dem Tag, an dem Mick (Woody Harrelson) und Mallory (Juliette Lewis) die Bildfläche betreten. Der narzisstische Host der boulevardesken Real Crime-Show American Maniacs heftet sich an die Fersen des Killer-Pärchens. Er trägt maßgeblich dazu bei, dass die beiden von den Medien zu einer zeitgenössischen Version von Bonnie und Clyde hochgejazzt werden. Die Öffentlichkeit feiert die Massenmörder wie Superstars.

Als Mick und Mallory in ihrem blutrünstigen Roadtrip gestoppt und verhaftet werden, ergibt sich für Wayne Gale sich plötzlich die Gelegenheit, ein Exklusivinterview mit Mick zu führen – live und zur besten Sendezeit, am Abend des Super Bowls. Doch die Gesprächssituation im Hochsicherheitstrakt eskaliert: Mick überwältigt die Sicherheitskräfte, bewaffnet sich und befreit seine Freundin. Gemeinsam schießen sie sich ihren Weg aus der Anstalt frei, in der nebenbei ein gewalttätiger Aufstand tobt. An ihrer Seite: Wayne Gale, der den Ausbruch on air kommentiert und sogar selbst zur Waffe greift.

Der Film: Natural Born Killers ist einer der kontroversesten Streifen der 1990er-Jahre – und das nicht nur, weil sich Drehbuchautor Quentin Tarantino und Regisseur Oliver Stone über die Umsetzung zerstritten. Die einen feiern ihn aufgrund seiner zahllosen visuellen Einfälle und seiner beißenden Schonungslosigkeit als Kultfilm. Die anderen sehen in ihm ein gewaltverherrlichendes Machwerk, das reale Mordtaten wie das Littleton-Schulmassaker inspiriert haben soll (siehe auch Natural Born Killers copycat crimes). So oder so: Natural Born Killers ist ein wuchtiger, schmerzhafter Film.

Wer macht Mörder? Bei Oliver Stone trägt der Reporter Wayne Gale (Robert Downey Jr.) nicht nur Mitverantwortung, er ist Mittäter.

Wer macht Mörder? Bei Oliver Stone trägt der Reporter Wayne Gale (Robert Downey Jr.) nicht nur Mitverantwortung, er ist Mittäter.

Der Reporter als Psychopath

Die Funktion: Versteht man Natural Born Killers nicht als bloße Zurschaustellung, dann findet man in dem Film jede Menge Kritik an den Mechanismen der Medien. Dazu gehören formale Stilmittel wie Ego-(Shooter)-Perspektive und MTV-Schnitt, die für ein immer hastigeres Seherlebnis einstehen, das keine Langeweile erduldet. Inhaltlich richtet sich Natural Born Killers  gegen die Bigotterie des Fernsehens, das seine moralische Überlegenheit gegenüber dem „Schund“ aus Kino und Videothek betont, andererseits mit sensationsheischender Pseudo-Berichterstattung um die Gunst der Zuschauer buhlt. Wie zum Beweis flimmert gegen Ende des Films eine Collage mit TV- „Stars“ seiner Zeit über den Schirm: Zu sehen sind unter anderem Ex-Footballer und Schauspieler O.J. Simpson, Eisläuferin Tonya Harding und die Brüder Lyle und Erik Menendez, ihre gemeinsame Verbindung ist das immense mediale Neugierde an ihren Kriminalfällen.

Wayne Gale ist ein Vertreter jener Reporter-Kaste, die diese Neugierde anfächert. Er steht für einen Anything goes-Journalismus, der unter dem Deckmantel des öffentlichen Interesses jede Grenze überschreitet, immer auf den nächsten, noch lauteren, noch krasseren Knall spekulierend. Ohne Rücksicht auf Verluste, einzig und allein der Quote verpflichtet, driftet Gale in eine Gedankenwelt aus Kalkül und Wahnsinn ab, die sich von der eines Psychopathen kaum noch unterscheidet. In der Frage „Wer macht eigentlich einen Mörder?“ schiebt Filmemacher Stone den schwarzen Peter an die Nachrichtenmedien zurück – mehr noch, er macht Wayne Gale im wahrsten Sinne des Wortes zum Mittäter, indem er den Reporter Gefängniswärter abknallen lässt.

Bezeichnend ist, dass Stone den Journalisten bestraft, das eigentliche Mördergespann aber davonkommen lässt. Mick und Mallory sind als (vermeintlich) geborene Killer zu nichts anderem in der Lage. Wayne Gale jedoch hat sich bewusst auf dieses Niveau heruntergelassen. Deshalb erkennen Mick und Mallory Gale nicht als einer der ihren an und richten den Berichterstatter hin.

Serienkiller als Medienlieblinge: Natural Born Killers prangert die morbide Sensationsgeilheit unserer (Medien-)Gesellschaft an.

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Die Inspiration für Wayne Gale

Film- und Lesetipps: Einen ähnlichen Reportertypus, wenn auch nicht in letzter Konsequenz, verkörpert Tony Pope in Predator 2. Den Journalisten in eindeutiger Mittäterschaft gibt es in der belgischen Mockumentary Mann beißt Hund zu sehen. Lesenswerte Texte zu Natural Born Killers und der (Medien-)Kritik: Schlangen in einer wahnsinnigen Welt auf wilsonsdachboden.com. Visual born witness: Zur Zeugenschaft der visiblen Kamera auf medienimpulse.at.

Triva: Ursprünglich hatte Oliver Stone den echten Tabloid-Journalisten Geraldo Michael Riviera für die Rolle des Wayne Gale vorgesehen. Was dem folgendem Dialog zwischen Mick und Wayne, in dem sie sich die beiden über die quotenreichste Folge von America’s Maniac unterhalten, eine besonders ironische Note verliehen hätte:

Wayne Gale: I have a television show, and every couple of weeks we do, you know, as part of our thing on current America we do a-a profile on a different serial killer.
Mickey: Technically mass murderer.
Wayne Gale: Whatever you want. Anyway, the episode we did on Mickey and Mallory was one of the most popular.
Mickey: Ever did one on John Wayne Gacy?
Wayne Gale: Eh… Yeah. Yeah.
Mickey: Who got the higher rating?
Wayne Gale: You blew him away.
Mickey: What about that crazy motherfucker, Ted Bundy?
Wayne Gale: Oh, that crazy guy? No, you- you got the larger Nielsen share. You’re big. Yes, yes.
Mickey: Good.
Wayne Gale: Yes. What I want to get…
Mickey: What about Manson?
Wayne Gale: [pause]  Manson beat you.
Mickey: It’s pretty hard to beat the king.

Dazu muss man wissen: Riviera hat Charlson Manson tatsächlich in Gefangenschaft interviewt. Stone entschied sich jedoch, einen echten Schauspieler zu casten. Nach Wayne Gale schlüpfte Robert Downey Jr. 2009 ein zweites Mal in die Rolle eines Journalisten. In Der Solist spielt er einen Reporter, der auf der Straße einem musikalisch hochbegabten Obdachlosen (Jamie Foxx) begegnet.


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