Man nehme: Eine wahre Verschwörungstheorie, eine Kurzgeschichte aus der Feder von H.P. Lovecraft sowie eine Prise Hunter S. Thompson und lasse eine Journalistin dieser Mixtur auf den Grund gehen. Keine Frage, die Prämisse von Banshee Chapter ist reichlich krude. Doch am Ende stehen ein respektabler Low Budget-Horrorfilm und eine Heldin im Mittelpunkt, die irgendwo zwischen Laurie Strode, Ellen Ripley und Nellie Bly gesiedelt ist.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Koch Media.

Online-Journalistin Anne Roland (Katia Winter, bekannt aus der Sleepy Hollow-Serie) wird auf das Verschwinden ihres ehemaligen Kommilitonen James Hirsch (Michael McMillian, True Blood) aufmerksam. Sie weiß nur, dass sich ihr Freund als Autor mit dem berüchtigten MKULTRA-Projekt auseinandersetzte: Von den 1950er- bis in die 1970er-Jahre hinein forschte der US-amerikanische Geheimdienst an Möglichkeiten der Bewusstseins- und Gedankenkontrolle und setzte dabei halluzinogene Drogen wie LSD ein. Eine dieser experimentellen Substanzen von damals hat Hirsch in die Finger bekommen, wie Roland den persönlichen Aufzeichnung ihres alten Studienkollegen entnimmt. Unter anderem existiert ein Handyvideo, das Hirsch bei der Einnahme der Chemikalie zeigt. Aufgenommen wurde es von einem Bekannten – für die Polizei ist dieser Zeuge der einzige logische Hauptverdächtige. Wir aber wissen, dass Hirsch von unheimlichen Erscheinungen heimgesucht wurde. Protagonistin Roland allerdings ist noch sorglos und nimmt die Ermittlungen auf.

Horrorfilme sind ein beliebter Tummelplatz für Journalist*innen (siehe hier und hier), unerklärliche Phänomene ziehen sie geradezu an. Aus dramaturgischer Sicht sind sie willkommene Erfüllungsgehilf*innen, wenn es darum geht, für den Wahrheitsgehalt einer Gruselgeschichte zu bürgen. Wobei sie besonders erfolgreich sind, wenn sie scheitern. Journalist*innen gelten als objektiv, aufgeklärt und unvoreingenommen – wenn sie schon das Unerklärliche nicht erklären können, wer soll dann noch dazu in der Lage sein? Man könnte annehmen, dass sie von der Sensation angelockt werden – Nessie oder Bigfoot auf Seite 1 wären schließlich ein Knaller. Doch gerade diese Sensationsgier würde sie als zuverlässige Zeug*innen diskreditieren. Reporter*innen in Horror- und Mysteryfilmen werden meist durch ein persönliches Interesse in den Fall hineingezogen. Prominente Beispiele sind Filme wie The Ring oder The Mothman Prophecies. Ein konkreter Recherche-Auftrag als Story-Katalysator will erstmal schlüssig konstruiert sein. (Ein eher wackeliges Beispiel: In The Shrine interessiert sich eine US-Lokaljournalistin für verschwundene Rucksacktouristen in Polen).

Anne Roland (Katia Winter) ist die Heroine im Horrorfilm Banshee Chapter. Und als investigative Reporterin beinahe übernatürlich tough.
Anne Roland (Katia Winter) ist die Heroine im Horrorfilm Banshee Chapter. Und als investigative Reporterin beinahe übernatürlich tough.

Anne Roland: Investigativ-Journalistin von Zauberhand

Auch die Recherchen der Journalistin Anne Roland sind persönlich motiviert. Wir sehen zwar, wie sie sich immer wieder in ihre Redaktion zurückzieht, um sich mit ihrer Vorgesetzten auszutauschen. Doch letztlich beschränken sich diese Szenen auf ihre erzählerische Funktion. Nie geht es in diesen Gesprächen zwischen Reporterin und Redaktionsleiterin um eine mögliche Veröffentlichung. Diese Momente sind dazu da, damit wir auf den Stand der Dinge gebracht werden. Denn Banshee Chapter schmeißt ziemlich viele Zutaten in den Topf. Kaum etwas wird richtig erklärt, vieles für selbstverständlich genommen. Dazu gehört, dass wir es mit einer fast schon zauberhaft guten Journalistin zu tun haben. Ein Beispiel: In einer frühen Szene entlarvt sie einen Amateurfunker als ehemaligen NSA-Mitarbeiter. Woher sie von seiner wahren Identität weiß, ist irrelevant. Wichtig ist nur, dass sie es weiß. Niemand macht ihr etwas vor. An ihrer Redaktionspinnwand hängt ein Schild mit der Aufschrift „investigative reporting“. Noch Fragen?

Furchtlos wie sie ist, stürzt sie sich in eine Undercover-Recherche im Drogensumpf. Dort trifft sie auf den Schriftsteller Thomas Blackburn (Ted Levine, u.a. Heat und Das Schweigen der Lämmer), ein emeritierter Hunter S. Thompson, der seit acht Jahren nichts mehr zu Papier gebracht hat und lieber mit experimentellen Rauschmitteln hantiert. Der HST-Bezug ist gewollt, Blackburn eine Hommage an den Gonzo-Journalisten (siehe Fear and Loathing in Las Vegas, Blast – Wo die Büffel röhren), gleichzeitig aber ein Schatten seiner selbst. „Ich bin ein Mythos“, erklärt er – und stolpert dabei aus einer örtlichen Spelunke.

Seine Rolle ist die des in der Einöde der Wüste gestrandeten Verschwörungsgurus, der Roland mit seinen vermeintlichen Hirngespinsten auf die richtige Spur führt: „Du hast keine Ahnung, welche dreckigen Geschäfte die US-Regierung in den vergangenen 200 Jahren an ihren Bürgern verbrochen hat – und Du willst was über CIA-Gehirnwäsche erfahren?“ Am Ende – beide haben soeben in den Wüstensand gepinkelt und blicken sich nun über die Distanz eines Kofferraumes in die Augen – kann Blackburn nur anerkennend nicken: „Du lässt dich wahrlich nicht so leicht erschrecken“. Es ist in der Tat erstaunlich, wie gefasst die Reporterin agiert, obwohl sie gerade erst unangenehme Bekanntschaft mit einem Wesen aus einer anderen Dimension geschlossen hat. Anne Roland ist fast schon übernatürlich tough. Eine starke Frauenfigur, die in den allermeisten Situationen die Initiative behält, die leider jedoch ohne Ecken und Kanten, ohne eine echte Entwicklung daherkommt.

Banshee Chapter ist ein Low Budget-Film - dafür aber echt entsprechend inszeniert. Auch, weil Regisseur Blair Erickson das Creature Design nie ganz entblößt.
Banshee Chapter ist ein Low Budget-Film – dafür aber echt entsprechend inszeniert. Auch, weil Regisseur Blair Erickson das Creature Design nie ganz entblößt.

Banshee Chapter: Wie ein Lehrstück von der YouTube-Akademie

Der Reiz von Banshee Chapter liegt in der kruden Zusammenstellung der Story-Elemente, die über ein nicht minder krudes Konglomerat aus Found-Footage, Digi- und Handy-Cam-Videos sowie Material aus Polizei- und Überwachungskameras miteinander verschmolzen werden. Ein wirrer Trip, der sich anfühlt, als wäre er der Zwirbeldrüse eines Aluhutträgers entsprungen. Inszenatorisch erinnert das Ergebnis an eine schwurbelige Pseudo-Dokumentation aus den Untiefen der YouTube-Akademie. Ein Eindruck der gerade zu Beginn durch den Einschub realer Filmdokumente verstärkt wird. In der Eröffnungsmontage sehen wir beispielsweise Bill Clinton, wie er sich beim amerikanischen Volk für die MKULTRA-Experimente entschuldigt. Tatsächlich sind die Aufnahmen aus dem Kontext gerissen. Dieses Sorry des ehemaligen US-Präsidenten galt in Wirklichkeit den Opfer eines langjährigen Gesundheitsskandals: Die so genannte Tuskegee-Studie hatte zum Ziel, den natürlichen Verlauf von Syphilis-Erkrankungen zu erforschen. Der Haken: Die – meist bettelarmen – Probanden wurden über ihre Krankheit im Unklaren gelassen, viele waren durch unterlassene Behandlungen zum Tode verurteilt.

Banshee Chapter pickt sich jene Wahrheiten heraus, die der Film für sein Setup benötigt. Die MKULTRA-Experimente der CIA sind dokumentiert (gleichwohl wurde der überwiegende Teil der Akten auf Anordnung des damaligen CIA-Direktor Richard Helms vernichtet) und gelten unter Verschwörungstheoretikern als Beleg für die Stichhaltigkeit weiterer Verschwörungstheorien. Nach dem Motto: Wer als Regierung derart grausame Menschenversuche billigt, der muss zwangsläufig auch Chemtrails gegen die eigene Bevölkerung einsetzen und Zwillingstürme sprengen. Dass das Bekanntwerden von MKULTRA eine zentrale Formel gegen Verschwörungstheorien stützt, nämlich die Wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand die Wahrheit ausplaudert, je größer der Kreis der Mitwisser ist, bleibt in diesen Nicht-Zusammenhängen natürlich unerwähnt. Wer Näheres zu den Hintergründen des Forschungsprogramms erfahren möchte, dem sei die entsprechende Episode des Hoaxilla-Podcasts empfohlen.

Ted Levine spielt den Hunter S. Thompson-Verschnitt Thomas Blackburn. Spoiler: Das Nasenbluten ist keine Folge eines übermäßigen Kokain-Kunsums.
Ted Levine spielt den Hunter S. Thompson-Verschnitt Thomas Blackburn. Spoiler: Das Nasenbluten ist keine Folge eines übermäßigen Kokain-Kunsums.

Treffen sich H.P. Lovecraft und Hunter S. Thompson in der Wüste

Eine weitere große Inspiration für Banshee Chapter entstammt der fantastischen Literatur. Der Film basiert auf einer Kurzgeschichte aus der Feder des Horrorautors H.P. Lovecraft. In From Beyond geht es um einen Wissenschaftler, der mithilfe einer Apparatur fremde Dimensionen sichtbar macht. Auf der anderen Seite lauern jedoch unheimliche Wesen, die ihrerseits einen Blick auf unsere Welt werfen. From Beyond findet in Banshee Chapter explizit Erwähnung: Kurz bevor Anne Roland mit der schrecklichen Wahrheit konfrontiert wird, fasst Blackburn Lovecrafts Geschichte im Sinne eines Foreshadowing zusammen. Ein nicht gerade subtiler, aber doch ganz stimmungsvoller Moment.

Generell ist die Atmosphäre die ganz große Stärke von Banshee Chapter, was umso erstaunlicher ist, wenn man bedenkt, dass der Film an gerade mal 28 Tagen gedreht wurde und das Budget unter einer Million US-Dollar gelegen haben soll. Zugegeben, Banshee Chapter ist ein kleines Jump-Scare-Festival, doch der Film setzt seine lauten Erschrecker gekonnt ein. Diese Momente sind nicht willkürlich über die Handlung verteilt, sie kündigen sich langsam an und wirken dadurch umso befreiender. Hilfreich ist dabei, dass Regisseur Blair Erickson das Creature Design nie ganz entblößt. Und dass geisterhafte Rundfunkübertragungen per se unheimlich sind, wissen wir schließlich seit John Carpenters The Fog.

Blutige Recherche - Anne Roland nimmt eine ganze Menge auf sich, um das Geheimnis von Banshee Chapter zu lösen.
Blutige Recherche – Anne Roland nimmt eine ganze Menge auf sich, um das Geheimnis von Banshee Chapter zu lösen.

Was Boll und Nolan mit
Banshee Chapter zu tun haben…

Man sollte keine filmischen Offenbarungen oder großen Medienreflexionen erwarten. Banshee Chapter ist „nur“ ein kleiner, fieser Schocker, der von seiner Thematik und Inszenierung her hervorragend ins postfaktische Zeitalter passt.

Kleiner Trivia-Bonus zum Abschluss: Ob die folgenden Anekdoten wahr oder erfunden sind, weiß vermutlich nur Jonathan Frakes. Doch spinnert wie wir bei journalistenfilme.de nun mal drauf sind, können und wollen wir sie nicht verschweigen. Dass das Drehbuch von Banshee Chapter einst der erste Story-Draft für Uwe Bolls Videospielverfilmung Alone in the Dark gewesen sein soll, klingt aufgrund der Lovecraft’schen Bezüge ja noch ganz plausibel. Dass Christopher Nolan jedoch ernsthaft für die Regie von Banshee Chapter im Gespräch gewesen sein soll – eher war die Mondlandung inszeniert.


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