Nellie Bly war eine journalistische Pionierin. Nicht nur, weil sie erfolgreich als Reporterin arbeitete, in einer Zeit, in der Frauen vielerorts nicht mal uneingeschränkten Zugang zur Bildung besaßen. Mit ihren Enthüllungen über die unhaltbaren Zustände in einer New Yorker Nervenheilanstalt machte sie eine neue Form des investigativen Journalismus populär – die der verdeckten Recherche. 10 Days in a Madhouse erzählt ihre Geschichte.

1884: Eine junge Frau schreibt einen Leserbrief. Elizabeth Jane Cochran nimmt Anstoß an einen frauenfeindlichen Kommentar in der Pittsburgh Dispatch. Ein Denkzettel, der nicht jedem Herrn in der Redaktion schmeckt. Doch der Verleger der Zeitung, George Madden, ist von der Tonalität und Wortwahl begeistert – so sehr, dass er der 20-Jährigen eine Beschäftigung als Reporterin anbietet. Da Cochran gerade arbeitssuchend ist und – der Legende nach – seit jeher von einer Karriere als Journalistin träumt, nimmt sie dieses Angebot dankend an.

In ihren ersten Monaten recherchiert sie im Umfeld von Arbeiterinnen. Sie macht auf die widrigen Umstände aufmerksam, denen die Frauen ausgeliefert sind. Die junge Reporterin schreibt sich früh in den Fokus, ihre Redaktion schickt sie als Auslandskorrespondentin nach Mexiko. Dort erfährt die Überfliegerin einen Dämpfer. Sie eckt mit ihren Berichten über die unverhältnismäßige Verhaftung eines regimekritischen Kollegen. Man(n) legt ihr in Regierungskreisen nahe, dass sie das Land besser verlasse – andernfalls blühe ihre eine ähnliche Behandlung. Nellie Bly, wie sich Elizabeth Jane Cochran in Anlehnung an die afro-amerikanische Heldin aus einem gleichnamigen Stephen Foster-Song fortan nennt, beherzigt diesen „Hinweis“ . Zurück in den Staaten wird sie beim Dispatch in die Redaktion für „Frauenthemen“ versetzt – für die aufstrebende Reporterin das Zeichen, ihr Glück woanders zu suchen.

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Nellie Bly (Caroline Barry), neu in New York, und geradezu beseelt, Karriere als Journalistin zu machen.

Nellie Bly und die New York World

1887 stellt sich Nellie Bly bei der New York World vor. Eine Zeitung, die auf dem besten Wege ist, zu einem Flaggschiff im Pulitzer-Imperium aufzusteigen. Dabei weilt das Blatt erst seit vier Jahren im Besitz des Medienmoguls. Tatsächlich werden die Reportagen der Bly noch einen erheblichen Anteil an dieser Entwicklung haben. Anfangs jedoch stößt eine Schreiberin in den Reihen männlich besetzter Reporterstellen auf Skepsis. Sie schlägt der Chefredaktion einige Recherchethemen vor. Unter anderem will sie eine investigative Geschichte über die Hoffnung europäischer Einwanderer schreiben und sich auf einem Immigrantendampfer von Europa in die USA unter die Ärmsten der Armen mischen.

Blys Vorschläge überzeugen nicht. Noch nicht. Allerdings wabern da diese Gerüchte von Blackwell’s Island, einem schmalen Eiland im East River (heute als Roosevelt Island bekannt), herüber. In der dortigen Nervenheilanstalt soll es zu menschenunwürdigen Behandlungen von Frauen kommen. Weil man diese Geschichte nur schlecht mit einem männlichen Kollegen besetzen kann, erhält Nellie Bly ihre Chance. Der Plan: Unter dem Vorwand einer psychischen Erkrankung soll die Journalistin eine Einweisung ins New York City Lunatic Asylum erwirken und zehn Tage lang als Patientin getarnt den Alltag in der Einrichtung dokumentieren.

Hier läuft was gewalttätig schief: In der New Yorker Nervenheilanstalt sind unschöne Szenen an der Tagesordnung.
Hier läuft was gewalttätig schief: In der New Yorker Nervenheilanstalt sind unschöne Szenen an der Tagesordnung.

Eine Rattenfalle für Menschen

An diesem Punkt im Bly’schen Lebenslauf steigt 10 Day in a Madhouse ein. Nellie Bly, gespielt von der Newcomerin Caroline Barry, ist soeben in New York angekommen, geradezu beseelt von ihrem Kindheitstraum (welcher, derart aufdringlich aus dem Off vorgetragen, wie biografische Folklore anmutet), als Journalistin zu arbeiten. Bei ihrem Antrittsbesuch in den Räumen der New York World nimmt sie Joseph Pulitzer höchstpersönlich in Augenschein. Der prominente Verleger ist alles andere als enthusiastisch, doch der Chefredakteur verweist auf Nellie Blys „ausgezeichente Referenzen“ . Nur eine Sache ist dem Blattmacher nicht ganz geheuer: „Ihr permanentes Lächeln macht mir Angst“. Soll heißen: Bly geht als perfekte Irre durch.

Tatsächlich gelingt es der Journalistin, ihrer Umgebung eine mentale Erkrankung vorzuspielen. Nach einer schelmenstückartigen Auftaktepisode tauscht Nellie Bly ihre bürgerliche Garderobe gegen das karge Gewand einer Anstaltsinsassin. Die Stimmung kippt ins Melodramatische. Die verdeckte Ermittlerin beobachtet die ganze Bandbreite unwürdiger Bedingungen. Mangelnde Hygiene, Ratten und andere Ungeziefer in den Unterbringungen, verschimmeltes Essen, das Ruhigstellen der Patientinnen mithilfe von Opiaten, Gewalt in jeglicher Ausprägung, bis hin zu sadistisch-tödlichen Behandlungsmethoden. Als ob das nicht genug wäre, erfährt die Insassin auf Zeit, dass viele ihrer Genossinnen geistig gesund bzw. erst unter dem Eindruck der Misshandlungen zusammengebrochen sind. Im New York City Lunatic Aslyum werden Frauen eingesperrt, die in der Welt da draußen keine Stimme besitzen: Alleinstehende Einwanderinnen. Vagabundinnen. Ehefrauen, die ins Irrenhaus abgeschoben wurden, weil sich ihre Männer lieber mit jüngeren Gespielinnen vergnügen. Bly nennt die Einrichtung daher eine „Rattenfalle für Menschen“.

Da möchte man gar nicht hinhören: 10 Days in a Madhouse spielte lächerliche 14.000 Us-Dollar ein.
Da möchte man gar nicht hinhören: 10 Days in a Madhouse spielte lächerliche 14.000 Us-Dollar ein.

10 Days in a Madhouse:
Eine Ikone floppt

Diese Verbrechen deckt 10 Days in a Madhouse, über 130 Jahre später, nochmal auf. Allein: Der Film versagt dabei, das Martyrium dieser Frauen würdig abzubilden. Mit C-Movie-Niveau ist die Qualität auf allen Ebenen noch freundlich umschreiben. Es ist erstaunlich, wie billig ein 12 Millionen US-Dollar schweres Produktionsbudget aussehen kann. Der unerfahrene Cast – mit Highlander Christopher Lambert hat man das Top Billing in einer Nebenrolle versenkt – müht sich, der Geschichte die nötige Gravitas einzuhauchen, vieles jedoch bleibt unfreiwillig komisch. Schade um das Thema, das mehr Aufmerksamkeit verdient hat. Dass den Produktionskosten von 10 Days in a Madhouse lächerliche 14.000 Dollar Einspielergebnis gegenüberstehen, ist jedenfalls nicht allein am mangelnden Interesse des Publikums festzumachen.

Denn in den USA ist Nellie Bly eine durchaus präsente Ikone. Eine Vorreiterin, die vielfach – auch lange nach ihrem Tode – mit Honorierungen bedacht wurde. Der Reporterin zu Ehren wurde ein Freizeitpark im New Yorker Stadtteil Brooklyn benannt (der inzwischen unter dem Adventurer’s Park wiedereröffnet wurde). Seit 1978 vergibt der New York Press Club den Nellie Bly Cub Reporter Award an journalistische Newcomer. Ihre Figur war und ist Thema in Filmen und Serien. Beispielsweise diente sie der Journalistin Laura Winters (Sarah Paulson), Protagonistin der zweiten Staffel der Anthologie-Serie American Horror Story, als Vorlage. In dieser geht die Reporterin der Geschichte eines geisteskranken Killers auf den Grund. Weil sie der Anstaltsleitung zu sehr auf die Füße tritt, wird sie kurzerhand als Patientin im Sanatorium festgehalten.

  Blys Aufenthalt in der New Yorker Einrichtung gilt oftmals als Geburtsstunde der verdeckten Recherche.
Blys Aufenthalt in der New Yorker Einrichtung gilt oftmals als Geburtsstunde der verdeckten Recherche.

Der Mythos Nellie Bly lebt weiter

Kurz: Der Mythos Nellie Bly lebt – selbst eine veritable Box Office-Bombe wie 10 Days in a Madhouse vermag ihm nichts anzuhaben. Zumindest hielt dieser Misserfolg das US-Kabelnetzwerk Lifetime 2019 nicht davon ab, dieselbe Geschichte unter dem Titel Escaping the Madhouse: The Nellie Bly Story nochmal zu verfilmen. Dieses Mal mit der wesentlich bekannteren Christina Ricci in der Hauptrolle. Blys Aufenthalt in der New Yorker Einrichtung, die auch als Hölle von Blackwell’s Island gefürchtet war, gilt nicht nur als Lehrstück, sondern oftmals auch als Geburtsstunde der verdeckten Recherche.

Wobei man nicht unterschlagen sollte, dass die Muckraker-Bewegung im US-Journalismus, als eine Art Antwort auf die sensationsgierige Berichterstattung der Yellow Press, bereits in den 1870er-Jahren an Fahrt aufnimmt. Außerdem ist Nellie Bly nicht der erste Pressemensch, der undercover aus einer Nervenanstalt berichtet – diese „Ehre“ gebührt dem Tribune-Reporter Julius Chambers, der sich bereits 1872 in das Bloomingdale Asylum schmuggelt. Unbestritten ist: Erst Nelly Blys Insider-Bericht bleibt in kollektiven Erinnerung haften – wegen seines Einflusses auf das Frauenbild der damaligen Zeit einerseits, wegen seines journalistischen Impacts andererseits.

Guckt skeptisch: Die Männerwelt.
Guckt skeptisch: Die Männerwelt.

Ein Insider-Bericht mit Impact

Der in der New York World als Zweiteiler veröffentliche Bericht gilt als der bis dato erfolgreichste Artikel in der Ägide Pulitzers. Nur wenig später werden ihre Recherchen in Buchform herausgegeben. Die Resonanz ist enorm, eine unabhängige Kommission nimmt sich der Zustände im New York City Lunatic Asylum an. Dort geraten sämtliche Abläufe auf den Prüfstand. Blys Veröffentlichungen wird heute zugeschrieben, dass sie die Bedingungen im New Yorker Gesundheits- und Pflegewesen verbesserten. Für das schwarze Schaf unter den Heilstätten gilt dies aber nur bedingt, wie man inzwischen weiß. Es dauert nur wenige Jahre, und das negative Image des New Yoker City Lunatic Asylum, das dafür berüchtigt ist, dass die Heimleitung verurteilte Gewaltverbrecher aus den benachbarten Strafanstalten als Wärter rekrutiert, ist wieder hergestellt. 1884 wird das Heim endgültig stillgelegt.

Nellie Blys Stern hingegen leuchtet einige Jahre weiter. Der Scoop versetzt sie in die Lage, ihre eigenen Artikelideen in der Redaktion durchzusetzen. Aufhänger ihres nächsten und zweiten großen Erfolges ist ein literarischer: Sie wandelt auf den Spuren von Phileas Fogg, indem sie die Route der Hauptfigur aus Jules Vernes berühmtem Roman In 80 Tagen um die Welt bereist. Die junge Reporterin unterbietet Foggs fiktive Bestzeit und stellt ihrerseits einen echten Rekord auf. Sie benötigt für die fast 41.000 Kilometer lange Reise nur 72 Tage, sechs Stunden, elf Minuten und vierzehn Sekunden. Niemals zuvor war irgendjemand schneller unterwegs. Weil sie weite Abschnitte ihrer Weltreise alleine bewältigt, wird sie als Ikone der Frauenbewegung gefeiert. Selbst ihre ignorante, zum Teil rassistische Geisteshaltung, die in ihrem Reisebericht durchschimmert und von den Editoren späterer Fassungen verschleiert wird, ändert nichts daran. Im Gegenteil: Ihr Buch Around the world in 72 days wird ein noch größerer Hit als Ten Day in a Mad-House.

Tut mir leid, die Bildunterzeile muss sein: Es kann nur einen geben. Weils Christopher "Highlander" Lambert ist. Und für die Bild-Text-Schere.
Tut mir leid, die Bildunterzeile muss sein: Es kann nur einen geben. Weils Christopher „Highlander“ Lambert ist. Und für die Bild-Text-Schere.

Zeitlebens eine Pionierin

Ihre Vorbildfunktion behält Nellie Bly zeitlebens bei. 1895 ehelicht sie 31-jährig einen mehr als doppelt so alten Millionär, dessen Unternehmen sie nach seinem Tode im Jahre 1904 führt. Um ihrer Rolle als weiblicher CEO gerecht zu werden, nimmt sie sich eine fast zehnjährige Auszeit vom Journalismus. Als sie in den Schoss des Schreibens zurückkehrt, hat sie nichts von ihrem Pioniergeist eingebüßt. Sie kämpft für Einführung des Frauenwahlrechts und berichtet während des Ersten Weltkrieges von der Ostfront. Weil sie für eine britische Spionin gehalten wird, landet sie zwischenzeitlich im Gefängnis. Als sie 1922, im Alter von 57 Jahren, an einer Lungenentzündung verstirbt, liegt ein – aus heutiger Sicht – viel zu kurzes, aber bewegtes Leben hinter ihr. Ein Leben, das mehr verdient hat als diese schrottige Verfilmung.


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