Die Presse als Ausweg aus der Armut: Buscapé wächst in einem Elendsviertel Rio de Janerios auf. Während seine Jugendfreunde der Verlockung nach schnellem Geld erliegen, behält der Heranwachsende die Bodenhaftung. Behilflich ist dabei sein Berufswunsch: Buscapé träumt davon, ein Fotograf zu sein.

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Mitte 1960er-Jahre drängten unzählige Menschen aus den ländlichen Regionen in die Metropole Rio de Janerio. Um ihnen eine Bleibe zu ermöglichen, zogen die Behörden in rasantem Tempo eine Trabantenstadt mit dem wohlklingenden Namen
Cidade de Deus hoch. Doch die City of God entpuppte sich als Hölle auf Erden. Ohne Aussicht auf wirtschaftliche Teilhabe und gesellschaftlichen Aufstieg blieben die Bewohner unter sich. Die CCD, wie die Einheimischen ihr Quartier nennen, verkam zu einem Elendsviertel, das lange für die ausufernde Drogenkriminalität und eine Vielzahl von Gewaltverbrechen berüchtigt war.

1997 veröffentlichte der brasilianische Schriftsteller Paulo Lins sein Buch City of God, in dem er die Geschichten mehrerer fiktiver Bewohner des Bairros – aber auch eigene Erfahrungen – miteinander verwebte. Der gleichnamige Film aus dem Jahre 2002 ist die fiebrig-fuliminante Quintessenz von Paulo Lins Werk. Der herausragende wie rasante Schnitt, die sich immer wieder wandelnde Bildregie, die sich an den Farben und Stilen der 60er-, 70er- und 80er-Jahre orientiert, die Tatsache, dass die meisten Rollen mit Laien besetzt wurden – all das macht City of God zu einem intensiven Erlebnis. Ein Erlebnis, das bei der Oscar-Verleihung 2004 das Pech hatte, dass die Rückkehr des Königs stellvertretend für Peter Jacksons komplette Herr der Ringe-Trilogie abräumen durfte.

Buscapé ist mittendrin - und doch nur Außenstehender. Von der Gang-Szene hält er sich, so gut es geht, fern.
Buscapé ist mittendrin – und doch nur Außenstehender. Von der Gang-Szene hält er sich, so gut es geht, fern.

Buscapé: Narrative Instanz
und Außenstehender

Die Figur, die uns in City of God von Anfang bis Ende begleitet, heißt Buscapé. Wobei: Umgekehrt wird ein Schuh draus. Buscapé ist stets präsent und interagiert mit den handelnden Personen. Mit den Gangstern Locke, Bené oder Karotte hat er Berührungspunkte, er wird aber nie ein Teil der Szene. Als narrative Instanz bleibt er ein Außenstehender – die Gelegenheiten, sich stärker zu involvieren, gehen schief oder aber er lässt sie ungenutzt. Zur Rolle des Beobachters passt: Buscapé träumt davon, einmal ein richtiger Fotograf zu sein.

In diesem Traum steckt die Sehnsucht nach einem Ausweg aus der Favela. Der Journalismus in City of God steht für das Bürgertum – im positiven wie im negativen. In der Redaktion, in der Buscapé zunächst als technisch-praktische Aushilfe tätig ist, ist er der einzige Afrobrasilianer. In der Wohnung einer Reporterin, die Buscapé für eine Nacht aufnimmt, duscht er zum ersten Mal in seinem Leben heiß. Eine Premiere, die Buscapés Gastgeberin kaum fassen kann. Ihre persönliche Ahnungslosigkeit, ihr Nicht-Wahrhaben-Wollen, steht stellvertretend für das Unwissen der Presse: Sie besitzt keinerlei Vorstellung davon, wie das Leben in der Favela tatsächlich aussieht – sei es, weil sich die gut situierten Reporter davor fürchten, umkämpftes Terrain zu betreten, oder weil sie glauben, die Lage der Menschen in der City of God besäße für ihre Leserschaft keinerlei Relevanz. Solange die Gewalt nicht überschwappt und die Drogen verfügbar bleiben, ist die Welt in Rio ja in Ordnung.

In der City of God regiert das Gesetz des Stärkeren. Deshalb rotten sich schon die Kleinsten zu Banden zusammen. Für Buscapé bedeutet eine Karriere als Fotoreporter der Ausbruch aus diesem Regelkreis.
In der City of God regiert das Gesetz des Stärkeren. Deshalb rotten sich schon die Kleinsten zu Banden zusammen. Für Buscapé bedeutet eine Karriere als Fotoreporter der Ausbruch aus diesem Regelkreis.

Der Journalismus als
Symbol der Bürgerlichkeit

Besonders offensichtlich wird diese bürgerliche Ignoranz in dem Verhalten der Reporterin, die Buscapés private Abzüge ungefragt ins Blatt hievt. Während der Bandenkrieg im Viertel tobt, wird Buscapé vom schießwütigen Gangboss Locke aufgefordert, ihn und seine Meute in Szene zu setzen. Der Fotograf tut wie ihm geheißen und lässt den Film in der Redaktion mehr oder weniger heimlich entwickeln. In einem unbeobachteten Moment entdeckt besagte Reporterin die Aufnahmen – am nächsten Morgen zieren Lockes Posen die Titelseite der Tageszeitung. Buscapé ist alles andere als erfreut, fürchtet er doch, dass die Zeitung mit diesem Foto sein Todesurteil abgedruckt hat. Die verantwortliche Redakteurin und die umstehenden Kollegen können Buscapés Ängste nicht nachvollziehen. Stattdessen beschwichtigen sie ihn mit der Aussicht auf einen festen Job.

Alles, was es brauche, um diese Chance zu ergreifen, seien weitere Aufnahmen aus der Favela. Derartige Zustände müssten doch dokumentiert werden, appellieren die arrivierten Reporter an die journalistische Ehre. Die tatsächliche Triebfeder ist trivialer. Buscapés goldener Schuss hat die Augen der Redakteure zum Leuchten gebracht – Fotos von Mord und Totschlag scheinen der Auflage der Zeitung zuträglich. Weil die Gier nach Sensationen in dem Jobangebot mitschwingt, ist Buscapé nicht restlos überzeugt. Mit professionellem Fotoequipment in den Händen wirkt der Gedanke an den sozialen Aufstieg jedoch gar nicht mehr so abwegig. Obendrein löst sich die Todesangst in Luft auf. Was Buscapé nicht in den Sinn fallen wollte: dass sich Locke durch seinen Seite 1-Auftritt gebauchpinselt fühlt. Monatelang hatte die Presse seinen Widersacher, den wortgewandten Mané, hofiert. Nun erfährt die gesamte Welt endlich einmal, wer wirklich das Sagen in der City of God hat.

Posieren für die Titelseite. Buscapés Aufnahmen von Lockes Gang werden von einer eifrigen Redakteurin ins Blatt gehievt. Solche Bilder hat es noch nie gegeben. Was auch eine Menge über die brasilianische Presse aussagt.
Posieren für die Titelseite. Buscapés Aufnahmen von Lockes Gang werden von einer eifrigen Redakteurin ins Blatt gehievt. Solche Bilder hat es noch nie gegeben. Was auch eine Menge über die brasilianische Presse aussagt.

Statement zum Standing
der Presse in Brasilien

Lockes Ruhm hält nicht lange an. Die Straßenschlachten befinden sich auf ihrem Höhepunkt, als Locke verhaftet wird. Buscapé folgt den Polizisten, die den Gefangenen in ein Bandenversteck führen. Dort nehmen sie ihm die Handschellen ab und leeren eine kleine Truhe mit brasilianischen Reais. Offensichtlich eine Schmiergeldkiste. „Schön wieder auffüllen“, geben sie ihm zu verstehen. Dazu kommt es nicht. Kaum ist die Polizei fort, wird Locke von den Mitgliedern einer Nachwuchsbande ermordet – eine neue Generation von Gangstern, die er seinem straffen Regiment im Viertel selbst hochgezüchtet hat. Es gelingt Buscapé, diese Szenen unbeobachtet auf Film zu bannen.

In der Dunkelkammer steht Buscapé vor einer weitreichenden Entscheidung: „Wenn ich des Bild abliefere (das des toten Locke), bekomme ich einen Job. Das andere (das die Korruption der Polizei belegt) kommt auf die Titelseite. Locke kann mir nichts mehr anhaben. Die Bullen allerdings schon noch.“ Er lässt das politisch brisante Foto verschwinden und „begnügt“ sich mit dem Abdruck von Lockes Leichnam. Buscapé kommt seinem Traum einen Schritt näher, er erhält eine Praktikantenstelle. Der Film endet mit den Worten: „Niemand nennt mich mehr Buscapé. Ich bin jetzt Fotograf.“

Der Ausweg scheint geglückt. Die volle Wahrheit hält er zurück. Der Insider entscheidet sich für ein Leben als Outsider. Dahinter steckt auch ein Statement zum Standing der Presse in Brasilien – um deren Freiheit war es in diesem Land (wie auch auf dem restlichen südamerikanischen Kontinent) nie überragend bestellt. Im aktuellen Ranking (Stand 2019) zur Pressefreiheit belegt Brasilien Platz 105 – vor Nepal und hinter Montenegro.


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