Ein Journalist ohne echte Chance: In Alan J. Pakulas zweitem Teil seiner berühmten Paranoia-Trilogie jagt der Lokalreporter Joseph Frady der ominösen Parallax Corporation hinterher, von der er glaubt, sie stehe mit dem Mord an einem Senator in Verbindung. Die Recherche wird zur Sisyphosaufgabe. Frady ist zwar Zeuge einer Verschwörung, doch es gelingt ihm nicht, die Hintermänner in die Öffentlichkeit zu zerren. Damit ist The Parallax View, wie der Film im Original heißt, die Antithese zu Pakulas Die Unbestechlichen.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Paramount.

In Die Unbestechlichen, Alan J. Pakulas grandiosem Abschluss seines paranoiden Filmdreiers, bringen zwei grünschnäbelige Reporter den mächtigsten Mann Amerikaners im Alleingang zu Fall. Mit historischem Abstand ist diese Sichtweise eine verkürzte. Blickt man auf die damaligen Verhältnisse in den USA, dann lässt sich dennoch nachvollziehen, weshalb sich Hollywood nach Stoffen verzehrte, die von individueller Standhaftigkeit und Auflehnung gegenüber der institutionellen Allmacht erzählen. Vietnam und Watergate stürzten das US-Selbstbewusstsein Ende der 1960er-/1970er-Jahre in eine tiefe Depression, zumal sich das Land von Hoffnungsträgern wie den Kennedy-Brüdern oder Martin Luther King hatte bitter verabschieden müssen. Der amerikanische Traum lag in Trümmern, zerschmettert von einer Politik und ihren Handlagern, die vorgaben, im Interesse des Allgemeinwohls zu handeln.

Und dennoch: Das angestimmte Loblied auf den Journalismus und die damit verbundene Hoffnung auf eine Restauration beschädigter Ideale sind bemerkenswert, wenn man Die Unbestechlichen mit Alan J. Pakulas nur zwei Jahre zuvor veröffentlichten Vorgängerfilm vergleicht. In Zeuge einer Verschwörung geht es ebenfalls um einen Reporter, der einer groß angelegten Vertuschung auf die Schliche kommt. Doch im Gegensatz zu Bob Woodward und Carl Bernstein ist Joseph Frady kein Erfolg beschieden. Schlimmer noch: Trotz aller Anstrengungen ist das (journalistische) Individuum in diesem Film machtlos.

Joseph Frady (Warren Beaty) hält die Nase gerne in den Wind. Nicht nur bei diesem Segeltörn.
Joseph Frady (Warren Beaty) hält die Nase gerne in den Wind. Nicht nur bei diesem Segeltörn.

Joseph Frady und die schöpferische Verantwortungslosigkeit

Dabei bringt Joseph Frady (Warren Beatty, Reds) alle wesentlichen Attribute mit, die einen erfolgreichen Enthüllungsjournalisten ausmachen. Dazu gehören eine gesunde Skepsis und eine gehörige Portion Schneid. Frady hört nie auf, unbequeme Nachfragen zu stellen – und das nicht immer zum Wohlgefallen der publizistischen Heeresleitung. Chefredakteur Bill Rintels führt ein eher beschauliches Regiment. Schließlich sind wir hier nicht bei der New York Times oder der Washington Post. Sondern bei einem verhältnismäßig kleinen Lokalblatt im unaufgeregten Nordwesten der Vereinigten Staaten.

Eigentlich ist diese Kragenweite ein bis zwei Nummern zu eng für Joseph Frady. Doch es hat seine Gründe, warum der Reporter nie ganz hoch hinaus stürmte: Erstens hatte Frady bis vor wenigen Jahren ein ernstes Alkoholproblem. Zweitens attestiert ihm der Redaktionsleiter „eine große Schwäche für schöpferische Verantwortungslosigkeit.“ Will heißen: Frady schoss in der Vergangenheit ein ums andere Mal über das Ziel hinaus. Einmal habe er beispielsweise einen „Erpresser gesucht, aber einen Buchhalter geschnappt “. Dabei sei die Sache doch ganz einfach:
„Wir berichten über Nachrichten. Wir fabrizieren sie nicht“.

Wahrheitsfindung nach US-Art: Hat schon alles seine Ordnung, urteilt die Untersuchungskommission.
Wahrheitsfindung nach US-Art: Hat schon alles seine Ordnung, urteilt die Untersuchungskommission.

Das Streben nach Wahrheit als Bestimmung des Journalisten

Rintels lässt unverhohlen durchblicken, dass er seinen Mitarbeiter für einen pain in the ass hält, für eine gigantische Nervensäge. Weil er jedoch tief in seinem Innersten weiß, dass Journalisten wie Frady in diesen Zeiten rar geworden sind, nimmt der Blattchef den Heißsporn väterlich unter seine Fittiche. Umgekehrt ist das Büro seines Vorgesetzten für Joseph Frady ein Rückzugshafen, in dem er nach überstandenem Sturm Rat und Ruhe findet. „Ich kann nicht aus meiner Haut“, entschuldigt sich Frady nach einem Wortgefecht. „Ich weiß“, entgegnet Rintels. In seiner Antwort schwingt eher Verständnis statt Resignation mit.

Mit der Erfahrung kommt die Einsicht, möchte man meinen. Seine Alkoholsucht hat der Reporter, der mittlerweile selbst in der schmierigsten Spelunke der Versuchung widersteht, indem er ein Glas Milch ordert, ja überwinden können. Für einen kurzen Moment scheint Joseph Frady auch seinen pawlowischen Relfex hinsichtlich verschwörerischer Theorien zu hinterfragen. Doch Alkoholismus ist eine Krankheit. Das Streben nach Wahrheit eine Bestimmung. Die oberste Pflicht eines Journalisten. „Ich mache mir nichts aus Geld. Die Story bedeutet mir mehr“, betont Frady. Also lässt er sich auf dieses Komplott ein. Obwohl sein Scheitern von Anfang an feststeht.

Es gibt hoch oben über den Dächern Seattles. Auf dem Deck der Space Needle wird erst ein Senator erschossen, dann stürzt der vermeintliche Täter in die Tiefe.
Es geht hoch her über den Dächern Seattles. Auf dem Deck der Space Needle wird erst ein Senator erschossen, dann stürzt der vermeintliche Täter in die Tiefe.

Es beginnt mit einem Attentat auf dem Deck der Space Needle

Zeuge einer Verschwörung beginnt mit einem Attentat, ausgerechnet am Nationalfeiertag: Senator Carroll wird während seines Besuchs in Seattle auf dem Aussichtsdeck des berühmten Space Needle-Turms erschossen. Der vermeintliche Täter stürzt nach kurzer Verfolgung durch die Security in die Tiefe. Der verräterische Schnitt – ein sinister dreinblickender Mann verlässt unbehelligt den Tatort – macht uns zu Mitwissern. Der offizielle Bericht kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass der Anschlag die Tat eines Einzelnen gewesen sei. JFK lässt grüßen. Die Exposition endet mit einer entsprechenden Verlautbarung der Untersuchungskommission. „Dies ist eine Erklärung, keine Pressekonferenz. Deshalb sind Fragen, sofern es sie denn geben kann, unzulässig“, wiegelt der Vorsitzende vorsorglich ab. Denn wäre die Presse mit ihren „geschäftlich gesteuerten Spekulationen“ nicht gewesen, hätte man sich den ganzen Zirkus hier ohnehin sparen können.

Der Film springt drei Jahre nach vorne. Joseph Frady hatte die Ermordung des Senators mit ansehen müssen, Ablauf und Hintergründe aber nicht weiter hinterfragt. Dabei ist es nicht so, als hätte er keine Zweifel an der offiziellen Version gehabt. Das Attentat scheint jedoch in eine Zeit zu fallen, in der Frady aufgrund der Umstände (Berufliche Rehabilitation? Entzug?) weder Muße noch Kraft aufbringen konnte.

Eines Tages steht seine Ex-Freundin Lee vor der Tür. Lee haben wir in der Eröffnungssequenz als jubilierende Klatsch-Reporterin kennengelernt. Jetzt ist sie ein nervöses Wrack. Sie weist Frady auf das Schicksal mehrerer Zeugen hin, die nach den Vorfällen in Seattle unter mehr oder weniger mysteriösen Umständen verstarben. Auch ihr Leben sei in Gefahr, ist Lee überzeugt. Ihr ehemaliger Partner will nicht an eine großangelegte Vertuschung glauben. Noch nicht, jedenfalls. Erst Lee wenige Tage später von ihren Befürchtungen eingeholt wird, untersucht Frady die Todesfälle eingehender.

Väterlicher Freund: Bill Rintels (Hume Cronyn) ist nicht immer einer Meinung mit Frady. Er hält aber die Hand schützend über ihn.
Väterlicher Freund: Bill Rintels (Hume Cronyn) ist nicht immer einer Meinung mit Frady. Er hält aber die Hand schützend über ihn.

Improvisationstheater am Set
von Zeuge einer Verschwörung

Wie die Chose endet, sei nur angedeutet. Weitere Details der Handlung werden nicht verraten. Nur so viel: Nachholen lohnt sich. Zugegeben, Zeuge einer Verschwörung ist bei weitem kein perfekter Film. Mitunter merkt man ihm die Auswirkungen des Autorenstreiks von 1973 an. Alan J. Pakula hatte mit einem unvollständigen Skript arbeiten müssen, wodurch der Dreh zum Improvisationstheater geriet. Manche Szenen wirken so, als hätte Pakula erst im Schnittraum gemerkt, dass ihm die passenden Einstellungen fehlen. Auch das ruhige Erzähltempo kommt modernen Sehgewohnheiten nicht unbedingt entgegen.

Dem gegenüber stehen jedoch die immense Dichte und eine beklemmende Atmosphäre, die Pakula mithilfe von raffinierten Stilmitteln (u.a. mit dem Spiel von Licht und Schatten, Verzerrungen von Perspektiven und Größenverhältnissen, Handlungen im Off) und einer düsteren Bildsprache, die auf gesellschaftliche Entwicklungen im entzauberten Amerika einzahlt, erzeugt. Pakula selbst beschrieb seinen Film als eine Reaktion auf eine immer komplexer werdende Welt, in der Unterscheidungen in Kategorien wie Gut und Böse nicht mehr funktionieren. Mehr noch: „Wir leben in einer kafkaesken Welt, in der man das Böse einfach nicht mehr findet.“ Das Wahnhafte, das Alptraumhafte lässt sich in Pakulas Film immer noch nachempfinden. Aus filmhistorischer Sicht ein Highlight – auch weil sie in ihrer meisterhaften Akribie im krassen Kontrast zu manch merkwürdiger Montage steht – ist die berühmte, über fünf Minuten lange Parallax-Hypnose-Sequenz, die aus 350 Einzelbildern zusammengesetzt ist.

Zeuge der Verschwörung ist kein klassischer Journalistenfilm. Er lässt nicht nur seine Journalistenfigur scheitern. Er geht den entscheidenden fatalistischen Schritt weiter und negiert – wie nur wenige andere Filme – die Macht der Medien völlig. Die Presse – abgesehen von Frady und Rintels – ist quasi unsichtbar, sie ist nicht willens oder in der Lage kritisch nachzuhaken. Wer sich wider Erwarten nicht an diesen Konsens hält, der wird isoliert und in seiner Glaubwürdigkeit diskreditiert. Dass dies eine sehr dystopische Sicht auf den Journalismus ist, war zum Erscheinen des Films, im Sommer 1974, glücklicherweise schon bekannt. Andererseits: Pressemüdigkeit, regierungsfeindliche Tendenzen und der Hang zu Verschwörungstheorien – unsere tägliche Dosis Paranoia ist heute nur wenige Klicks entfernt.


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Zeuge einer Verschwörung

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