Das Bild zeigt die Journalistin Maddy Bowen aus dem Film Blood Diamond. Hier steht sich hinter dem Maschendrahtzaun eines Flüchtlingslagers. Die Kamera ist gezückt.

D.i.A. – dieses Akronym steht für Das ist Afrika und hält immer dann als zynische Erklärung her, wenn in Edward Zwicks Blood Diamond die Hölle losbricht. Ein argumentativer Offenbarungseid. Aber wie soll man auch etwas erklären, das unbegreiflich ist: Menschen werden massakriert, Kinder verschleppt und zum Töten abgerichtet. Die Krisenberichterstatterin Maddy Bowen (Jennifer Connelly) versucht zumindest, das Schlachten in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Sie ist erfolgreich. Und doch ruft am Ende niemand: Das ist Journalismus.

Von Patrick Torma. Bildmaterial: Warner Bros.

Edward Zwick hat ein Faible für tiefgründige Action. In Ausnahmezustand nahm der Regisseur die systematische Folter von Terrorverdächtigen durch die USA nach dem 11. September vorweg, mit seinem bildgewaltigen Epos Last Samurai brachte er dem Publikum die Gepflogenheiten Japans im späten 19. Jahrhundert näher. 2006 projizierte er schließlich mit Blood Diamond eine international wenig beachtete Katastrophe in die Komfortzone des Kinos – den Bürgerkrieg im westafrikanischen Sierra Leone.

Schlüsselfigur ist die Journalistin Maddy Bowen, die immerhin als eine der stärksten Hollywood-Journalistinnen der jüngeren Vergangenheit gilt. Um gleich mal ketzerisch loszulegen: Bei der Konkurrenz, die uns die Filmschmiede derzeit auftischt, muss man wahrlich keine Wunderdinge vollführen, um in den Genuss dieses Prädikats zu kommen. Da reicht es schon aus, wenn man die Rolle der Reporterin mal nicht als schmuckes Eye-Candy bzw. sensationsgieriges Luder interpretiert – wenn das Anbehalten von Unterwäsche als weiblich-journalistische Unversehrtheit durchgeht.

Eine Szene aus dem Film Blood Diamond: Die Journalistin Maddy Bowen im Zwiegespräch mit Diamantenschmuggler Danny Archer.

Können diese Augen lügen? Maddy Bowen ist sich ihrer weiblichen Reize bewusst. Darstellerin Jennifer Connelly bringt dieses Selbstbewusstsein gut rüber.

Ohne Unschuld keine Moral

Maddy Bowen besteht diesen Charaktertest, schrammt allerdings nur haarscharf an diesem Klischee vorbei – weil es das Drehbuch nicht zum Äußersten kommen lässt. Denn die junge Frau ist sich ihrer weiblichen Reize sehr wohl bewusst. Ein perfekter Augenaufschlag von Bowen-Darstellerin Jennifer Connelly – und Protagonist Danny Archer (Leonardo DiCaprio) gehört für den Moment ganz ihr. Doch Archer erkennt schnell, dass der Flirt nur vorgeschoben ist. Damit hat sich das Techtelmechtel (vorerst) erledigt. Später verleiht Bowen ihren Avancen mehr Nachdruck. „Wenn du mir nicht hilfst und wir nicht miteinander vögeln werden, warum gehst du mir nicht verdammt noch mal aus dem Gesicht und lässt mich meine Arbeit machen?“, herrscht sie Archer in allgemeiner Erregung an. Der geht erneut nicht auf das Angebot ein. Glück für Maddy Bowen und ihre Reputation als ernsthafte Journalistenfigur.

Edward Zwick hat allzu Wichtiges mit ihr vor, um sie vorzeitig als Meisterin der sexuellen Informationsbeschaffung zu diskreditieren. Maddy Bowen fungiert als Stellvertreterin des Publikums, das die von der eigenen Wirklichkeit weit entfernten Gräueltaten einzuordnen versucht. Und wer sieht schon gerne durch die Augen einer berechnenden Kurtisane im Journalistinnengewand? Es kommt nicht von ungefähr, dass Film-Journalistinnen wie Heather Holloway (Thank you for smoking) oder Nina Romina (Nightcrawler) für ihren beruflich motivierten Beischlaf bezahlen und damit auch vor dem Publikum zu Kreuze kriechen müssen. Die Figur der Maddy Bowen ist auf ihre Unschuld angewiesen, um als moralische Instanz durchzugehen.

Eie Szene aus dem Film Blood Diamond : Ein Fotoreporter dokumentiert das Grauen des Bgerkrieg

Die Journalistenschar stürzt sich auf die Hinterlassenschaften der Rebellen. Blood Diamond zeichnet ein grundsätzlich positives Bild vom Journalismus, findet aber immer wieder genügend Ansätze zur Kritik.

Maddy Bowen macht betroffen

Denn einer muss das mörderische Durcheinander in Sierra Leone ja irgendwie entwirren. Die männlichen Protagonisten sind hierzu nicht in der Lage. Sie sind unmittelbar betroffen und somit befangen. Solomon Vandy (Djimon Hounsou) und seine auseinandergerissene Familie gehören zur Fraktion der Leidtragenden. Danny Archer hingegen ist ein Profiteur; ein Opportunist, der im Dienste der südafrikanischen Fremdenlegion lernte, die Wirren des Krieges für die eigenen Interessen auszunutzen. Beide sind zu sehr mit ihren eigenen Motiven – Vandy möchte seinen Jungen aus den Fängen der Rebellionsarmee befreien, Archer einen kostbaren Diamanten in seinen Besitz bringen – beschäftigt, als dass sie die bestehenden Verhältnisse hinterfragen. Im Gegenteil: Im Chaos rechnen sie sich bessere Chancen aus. Chaos ist schließlich das, worauf sie zählen können. Wir erinnern uns: Das ist Afrika.

Eine allzu fatalistische Verklärung, mit der sich Maddy Bowen nicht zufrieden geben darf. Ihre Rolle als doppelte Außenstehende verbietet es, die Augen zu verschließen. Sie ist nicht nur eine aufgeklärte Journalistin, sondern gleichzeitig das Brennglas einer Weltöffentlichkeit, die sich für vieles interessiert, nicht aber für die Probleme Afrikas. „Die Welt geht unter – und alle Welt berichtet über Blowjobgate (gemeint ist die Lewinsky-Affäre, Anm. d. Ver.)“, hält Maddy Bowen verbittert fest. Eine richtige und wichtige Feststellung – wäre Blood Diamond nicht ein Spiegelbild jenes gesellschaftlichen Aufmerksamkeitsdefizits, das der Film kritisiert. Beachtet wird, was betroffen macht. Die internationalen Verwicklungen im Blutdiamantenhandel sind der Schlüssel zum Mainstream-Publikum. Das ist im Sinne der Aufklärung sicher legitim. Allerdings kann sich Blood Diamond nicht vom Verdacht freisprechen, dass die sierraleonischen Probleme lediglich als Vehikel für die effektvoll inszenierten Abenteuer des modernen Simplicissimus Danny Archer herhalten.

Eine Szene aus dem Film Blood Diamond: Die Journalistin Maddy Bowen tanzt mit Danny Archer. Was wie Vergnügen aussieht, ist Teil der Recherche.

Journalistin Maddy Bowen hat viele Gesichter. Mal ist sie Idealistin, mal Zynikerin. Und mal eine ganz formidable Tanzpartnerin. Falls hier jemand darauf hofft, dass die Hüllen fallen: Weiter geht das Drehbuch nicht.

Die Masken einer Journalistin

Hyperaktiv hetzt der Film von Szene zu Szene und umgeht dabei – durchaus geschickt – eine ernsthafte Aufarbeitung des Konfliktes. Armut und Perspektivlosigkeit, Korruption und mangelndes Demokratieverständnis, das Erbe willkürlicher Grenzziehungen, die Rekrutierung von Kindersoldaten und der Umgang der industriellen Welt mit humanitären Katastrophen: Der Film reißt vieles an, verhandelt jedoch wenig zu Ende. Was bleibt, ist der Blick auf die Symptome des Krieges: Mord, Vertreibung, Traumatisierung. Und das alles vor der Kulisse traumhaft-schöner Landschaften. Das ist Afrika. Ein Werbeslogan aus der Hölle.

Wie der gesamte Film leidet auch die Charakterzeichnung Maddy Bowens unter der Last der vielen, thematischen Versatzstücke. Bei genauerer Betrachtung gibt es nicht die eine Journalistenfigur, vielmehr vereint die Figur mehrere Typen von Journalisten. Mal verkörpert sie die unverbesserliche Idealistin, mal die frustrierte Zynikerin. Mal ist sie die Verwegene, die die Reize der Gefahr zu schätzen und ihre eigenen einzusetzen weiß, mal die mitfühlende Betroffenheitsjournalistin. Und über all dem schwebt das bereits mehrfach filmisch verwandelte Dilemma der Krisenberichterstattung: Wie weit gehe ich, um Leid und Unrecht sichtbar zu machen? Wann kommt der Punkt, an dem ich mich meiner Verantwortung als Mensch nicht mehr entziehen kann? Wann wird das Hinsehen zur unterlassenen Hilfeleistung?

Eine Szene aus dem Film Blood Diamond: Es gibt ein Erinnerungsfoto zum Abschied. Journalistin Maddy Bowen fotografiert Diamantenschmuggler Danny Archer.

Erinnerungsfoto zum Abschied: Maddy Bowen fotografiert Danny Archer. Über ihr eigenes Andenken muss sich die Figur keine Sorgen machen. Sie gilt als eine der stärksten Hollywood-Journalistinnen der vergangenen Jahre.

Nur an der Oberfläche vielschichtig

Die Intention hinter dieser multiplen Journalistenpersönlichkeit ist so klar wie wenig neu: Journalismus ist ein ambivalentes Betätigungsfeld. Beinahe möchte man es Blood Diamond hoch anrechnen, dass er gängige Schwarz-Weiß-Muster auflöst; nur leider macht sich der Film dieses Verdienst durch seine permanente Ratlosigkeit selbst zunichte. Das fängt bei dem unsäglichen D.i.A an und hört – zumindest an dieser Stelle – bei der Figurenzeichnung der Maddy Bowen auf. Ihre vielen Gesichter suggerieren eine Vielschichtigkeit, die sich bei näherer Betrachtung als ein Konglomerat journalistischer Klischees entpuppt. Je nachdem, wie es die Situation erfordert, stülpt sie eine neue Maske auf. Masken, die man in Beiträgen wie Under Fire oder The Killing Fields weitaus akzentuierter gesehen hat.

Das klingt jetzt alles furchtbar negativ. Eigentlich könnte alles in Ordnung sein. Maddy Bowen ist keine schlecht geschriebene Frauen- und Journalistenfigur, der Journalismus wird grundsätzlich positiv dargestellt, ohne die kritische Töne auszusparen, Jennifer Connelly kitzelt das denkbar Beste aus ihrer Rolle heraus. Im direkten Vergleich ist sie den meisten ihrer Hollywood-Kolleginnen überlegen. Und doch fühlt es sich nicht richtig an.

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