Dustin Hofman und John Travolta in Mad City.

Amoklauf, Geiseldrama oder Selbstmordanschlag – wo liegt schon der Unterschied?  Was zumindest die mediale Berichterstattung betrifft, die Beißreflexe sind fast immer dieselben. Die Kernbotschaft von Mad City ist gar nicht mal so verkehrt. Doch Costa-Gavras Medienschelte von 1997 mag sich nicht so richtig entscheiden, ob sie Satire oder Melodram sein will. Fest steht: Der Altmeister hätte lieber auf den allzu exzessiven Gebrauch des Holzhammers verzichtet.

Von Patrick Torma. Bildmaterial: Warner Bros.

Die Reporterschar bringt sich in Stellung. Nachrichten zur besten Sendezeit, das ist wie ein Duell um Zwölf Uhr mittags. Kameras und Mikrophone werden wie Waffen zusammengeschraubt, mit einer Präzision wie man sie von den professionellen Auftragskillern und muskelbepackten Söldern kennt. Wer berichtet zuerst?

Schon die erste Szene macht deutlich: Mad City ist in seiner Medienkritik wenig subtil. Der Film belässt es nicht bei Andeutungen. Wie eine Lawine überrollt die Pressemeute eine verschlafene Kleinstadt – das Sound Design spendiert das passende Geröllgewitter dazu. Der Mob stürzt sich auf einen frisch Angeschossenen, eine Reporterin drückt ihm ein Mikrofon unter die Nase. Sie fragt allen Ernstes: „Wie fühlen Sie sich?“. Die Kamera hält voll drauf. Die Legitimationsgrundlage liefert der Protagonist Max Brackett, gespielt von Dustin Hoffman, in einem Gespräch mit seiner Praktikantin gleich nach: „Wenn Sie nicht mitschneiden, werden es die anderen machen.“ Das Nachrichtengeschäft ist ein Krieg. Ein Krieg um Quoten und Einfluss.

Close-Up von Dustin Hoffman: Der Hollywoodstar spielt in Mad City den Journalisten Max Brackett.

Showdown zur besten Sendezeit: Skandal-Junkie und Fernsehreporter Max Brackett (Dustin Hoffman) bereitet sich auf eine Liveschaltung vor.

Die vierte Gewalt gerät aus den Fugen

Zum zweiten Mal spielt Dustin Hoffman, nach seiner Darstellung des Watergate-Enthüllers Carl Bernstein in Die Unbestechlichen, einen Journalisten. In Alan J. Pakulas filmischer Journalisten-Fibel stellte er die Bedeutung der Medien in ihrer Rolle als vierte Gewalt heraus. In Mad City legt er nun das Problem dieses Gewaltbegriffes offen: Gewalt geht mit Macht einher. Und wo Macht ist, ist der Machtmissbrauch nicht weit. Gleichzeitig macht sich die Kehrseite des investigativen Journalismus, wie er nach Watergate gefeiert wurde, bemerkbar: die Sucht der Medien und ihrer Konsumenten nach immer neuen Skandalen.

Max Brackett ist einer dieser Skandal-Junkies: Der Fernsehreporter fühlt sich zu Höherem berufen, fristet jedoch ein unfreiwilliges Dasein in der Provinz. Querelen und persönliche Animositäten haben zu seiner beruflichen Verbannung aus New York geführt. Die Geschichte über die drohende Schließung des lokalen Museums möchte er eigentlich nicht machen, da betritt Sam Baily (John Travolta) das Gebäude. Der kürzlich gefeuerte Wärter möchte seine ehemalige Arbeitgeberin zur Rede zu stellen, ausgerechnet eine Pumpgun soll seiner Ansprache Nachdruck verleihen. Max Brackett bemerkt die Situation und startet aus der Herrentoilette heraus eine erste Liveschaltung. Noch bevor die Situation eskaliert – eine Gruppe Grundschüler ist in dem Museum zu Besuch – steht Baily als Geiselnehmer fest. Erst in dieser Drucksituation verliert Baily die Nerven.

Mad City ist in seiner Medienkritik wenig subtil. Untermalt von einem Donnergrollen stürmt die Meute auf die freigelassenen Geiseln zu.

Lassen Sie mich durch, ich bin Journalist: Mad City ist in seiner Medienkritik wenig subtil. Untermalt von einem Donnergrollen stürmt die Meute auf die freigelassenen Geiseln zu.

Schwarz-weiße Stereotypen-Parade

Brackett bekommt seine Story. Oder besser gesagt: Er schiebt diese Story gehörig mit an. Sam Baily ist ein einfach gestrickter Mann, der gar nicht gewillt ist, Ernst zu machen, geschweige denn in der Lage ist, die Folgen seiner Taten abzusehen. Er hat zwar bereits einen Ex-Kollegen verletzt, allerdings aus Versehen, wie Brackett bezeugen könnte – noch kann Sam Baily die Notbremse ziehen. Ein vorzeitiges Ende ist aber nicht im Sinne Bracketts: Er drängt Baily dazu, Forderungen zu stellen. So weit hat der aber gar nicht voraus gedacht, also übernimmt der Journalist die Verhandlungen.

Damit fällt der endgültige Startschuss für Costa-Gavras schwarz-weiße Stereotypen-Parade. Ein infantiler Geiselnehmer wider Willen wird zum heillos überforderten Spielball einer berichtenden Zunft, die sich aus einer unangenehmen Melange aus eitlen Star-Reportern, gewissenlosen Mitläufern und opportunen Nachwuchsjournalisten rekrutiert. Ein Mob, der mehr Schaden anrichtet, als der eigentliche Geiselnehmer selbst. Um es auf den Punkt zu bringen: Mad City trägt seine Botschaft wie eine offene Hose.

Journalist Max Brackett schiebt die Geschichte von Mad City gehörig an. Hier steht er selbst hinter einer FIlmkamera.

Sieh her, ich bestimme, wie die Geschichte weitergeht: Max Brackett besitzt eine ganz genaue Vorstellung davon, wie das Geiseldrama in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden soll.

Mad City und die Reflexe der Medien

Dass die Frage nach den Grenzen journalistischer Berichterstattung ihre Berechtigung besitzt, ist unstrittig. Die Thematik des Films ist früh von der Realität eingeholt worden und heute aktueller denn je. Angefangen vom Schulmassaker von Littleton, das zwei Jahre nach Erscheinen des Films die Welt bewegte, über die deutschen Schreckensepigonen von Erfurt und Winnenden bis hin zum Germanwings-Absturz zu Beginn des Jahres 2015 – die Reflexe der Medien sind immer dieselben.

Wobei die Flugzeugkatastrophe in den französischen Alpen, zumindest in der deutschen Medienlandschaft, einen Wendepunkt markieren könnte, erlebte sie doch eine heftige Debatte, wie es sie seit dem Geiseldrama von Gladbeck nicht mehr gegeben hat: Die massive Kritik in den Sozialen Netzwerken veranlasste Redaktionen, Teile ihrer Berichterstattung zu verteidigen. Das Legitimationsfundament, das auf dem vermeintlichen öffentlichen Interesse fußt –es bröckelt.

Mad City macht einen einfachen Mann am Rande der geistigen Retadierung zum Spielball der Medien. Hier kümmert sich der Geiselnehmer Sam Baily rührend um die Kinder.

Kindergeburtstag mit John Travolta: Mad City macht einen einfachen Mann am Rande der geistigen Retadierung zum Spielball der Medien…

Ein Exklusivrecht an der Pyjama-Party

Zu dieser Erkenntnis kommt auch Max Brackett. Der Journalist macht im Laufe des Films eine Wandlung vom Saulus zum Paulus durch. Er, der glaubt, mit seinem Exklusivrecht die öffentliche Meinung beeinflussen zu können, muss feststellen, dass er die Kontrolle längst verloren hat. Draußen tobt ein Stellvertreterkrieg über die Frage, ob ein Mann wie Sam Baily, der ums Überleben seiner Familie kämpft und zwischenzeitlich zum Working Class Hero hochgejazzt wird, ungeschoren davon kommen darf. Drinnen verliert der überforderte Baily zunehmend die Fassung und ballert unmotiviert aus dem Fenster.

Diese Innen-Außen-Dialektik hält die Intensität des eigentlichen Dramas aufrecht. Der Medienkritik bekommt der Kontrast weniger gut, zu harsch fallen die Gegensätze aus. Vor dem Museum lechzt die Pressemeute nach Blut, im Gebäude verwandelt Baily die Geiselnahme in eine Pyjama-Party mit Pizza und „So lange-der Vorrat reicht“-Snacks aus dem Automaten. Diese kindliche Unschuld, die dem geschassten Museumswärter anhaftet, will sich nicht ins Gesamtbild fügen. Mehr noch: John Travoltas agiert am Rande einer geistigen Retardierung, seine Darstellung verstärkt das Mitleid mit der ohnehin tragischen Figur. Natürlich ist das Costa-Gavras‘ Intention. Der Effekt wird durch diesen Dreh jedoch ins Negative verkehrt.

John Travolta alias Sam Baily verliert in Mad City die Fassung. Hier schießt er mit einer Pumpgun aus einem Fenster. Die Presse bekommt ihre Bilder.

…das kann nicht gut gehen. Gerade noch sorgsamer Geiselvater, ballert John Travoltas Figur Sam Baily unvermittelt durchs Fenster. Ein allzu plakativer Kontrast.

Travolta: Gut gespielt. Bringt nur wenig.

Das Problem: John Travoltas‘ Sam Baily ist kein realistischer Charakter. Ein Sicherheitsmann, der unbedarft mit einer Waffe ins Museum wankt; der in seinem Vorhaben von einer Schulklasse überrascht wird, wo er doch wissen müsste, dass zu dieser Tageszeit Kinder anwesend sein könnten. Ein Familienmensch, der keinem Kind etwas Böses will, aber partout darauf besteht, die jungen Ausflügler in seiner Gewalt zu behalten. Ein liebender Vater, der in erster Linie für das Wohl seiner eigenen Kinder eintritt und sich schließlich mit einer Tasche Dynamit in die Luft jagt, weil dies die beste Option für alle Beteiligten ist? Natürlich, Sam Baily soll ein Spielball sein – in dieser Konstellation wirkt die Handlung jedoch arg konstruiert.

Das ist insofern schade, als dass Mad City einige richtige und wichtige Aussagen zur Funktionsweise heutiger Sensationsberichterstattung trifft. Wenn Opfer bedrängt und Angehörige in ihrer Privatsphäre verletzt, falsche Freunde für Interviews aus dem Hut gezaubert und Schicksale zum Geschäft werden, stellt sich zwangsläufig die Frage: Wer kontrolliert eigentlich die vierte Gewalt? Mit seiner Tränendrüsen-Theatralik bedient sich Mad City allerdings zu häufig aus dem Repertoire derer, die der Film kritisiert.

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