Das Bild zeigt Tim, den Reporter aus den Tim und Struppi-Comics.

Journalistic relief – das ist die kolorierte Journalisten-Revue auf journalistenfilme.de. In unregelmäßigen Abständen nehmen wir fiktive Reporter aus Comicbüchern und Zeichentrickserien unter die Lupe. Wie werden gezeichnete Journalisten dargestellt? Und welche Vorstellungen über den Journalismus vermitteln sie? Den Auftakt bestreitet einer meiner frühsten Kindheitshelden: Tim (im Original Tintin), der „berühmte Reporter“ mit der zarten Haartolle und dem furchtlosen Foxterrier Struppi an seiner Seite.

Von Patrick Torma. Bilder: Hergé.

Spannende Abenteuer in fremden Ländern: In meiner Kindheit übten die Tim und Struppi-Comics von Hergé eine ungeheure Faszination auf mich aus. Und auch heute noch nehme ich die Hefte gerne in die Hand. Der Blick ist natürlich ein anderer: Als Junge im zarten Grundschulalter war mir noch nicht bewusst, dass die Bildchen, die ich mit großer Freude betrachtete, den Zeitgeist ihrer Entstehungszeit transportieren.

Der erste Auftritt des jungen Reporters stammt aus dem Jahr 1929. In Tim im Lande der Sowjets reist er im Auftrag seiner Zeitung mit dem Zug gen Moskau, wo er zum Ziel eines Attentats durch die sowjetische Geheimpolizei wird. Während seiner Flucht durch die Sowjetunion wird ihm klar, dass Land und Leute dahindarben. Nebenbei deckt er eine Verschwörung des sowjetischen Geheimdienstes auf, der Bomben in allen großen Hauptstädten Europas hochgehen lassen will. Der Reporter wird in seiner Heimat Belgien zum gefeierten Helden.

Reporter mit vorauseilendem Ruf

Mit dem Scoop in der Sowjetunion scheint der jugendliche Held bereits ausgesorgt zu haben – zumindest was seine journalistische Bringschuld betrifft. Wie sonst ist es zu erklären, dass „der berühmte Reporter“ fortan von Monarchen hofiert, von Schurken gefürchtet und selbst von Eingeborenen in den entlegensten Flecken der Erde wiedererkannt wird? Wohin Tims Reise auch geht, sein Ruf eilt ihm voraus. Selbstverständlich sammelt der junge Mann in insgesamt 24 Bänden (der 25., Tim und die Alpha-Kunst, bleibt nach Hergés Tod unvollendet) reichlich Meriten. Auf seiner beruflichen Reputation als Journalist fußt dieser Weltruhm allerdings nicht. Nur selten sieht man Tim in der Ausübung seiner Profession.

Tatsächlich ist Tim im Lande der Sowjets das einzige Abenteuer, das auf einem konkreten Rechercheauftrag beruht. Für die belgische Zeitung Petit Xxième soll er das argwöhnisch beobachtete Regime (1928 begann die Sowjetunion mit der Kollektivierung der Wirtschaft) durchleuchten und, so sehen es die Zeitungsverleger, die Hergé erste Abenteuer als Fortsetzungscomics abdrucken, in der realen Welt einen Beitrag zur antikommunistischen Propaganda leisten. Die nachfolgenden Abenteuer scheinen nur noch bedingt beruflich motiviert. Die direkt anschließende Reise in die belgische Kronkolonie Kongo (Tim im Kongo) geht gerade so als Fotodokumentation durch. Tims Schöpfer Hergé hatte sich vor seinem zeichnerischen Durchbruch zwischenzeitlich selbst als Fotoreporter verdingt, allerdings mehr schlecht als recht.

Das Bild zeigt einen Ausschnitt des Comic-Covers Tim im Kongo.

Unterhaltung nach Kolonialherren-Art: Der Band „Tim im Kongo“ wird als rassistisch kritisiert – zur Entstehungszeit gehörte der Kongo zu Belgien.

Tim in der „Nullpunktzone des Schreibens“

In Der Arumbaya-Fetisch führt Tim ein Interview mit dem Direktor des Brüsseler Museums für Völkerkunde. Von dieser flüchtigen Episode abgesehen sind journalistische Aktivitäten kaum auszumachen. Auch gibt es nach Tim im Lande der Sowjets keine Hinweise auf einen möglichen Auftraggeber. Der französische Kritiker Gérard Lefort bezeichnet den Helden in der Knickerbocker-Hose daher als „Journalisten ohne Zeitung“. Der britische Autor Tom McCarthy sieht in Tim die „paradoxe Figur eines Schreibers, der nie schreibt“: „Niemals betreibe der angebliche Journalist konkrete Recherchen, reise vielmehr ziellos umher und sende dabei Funknachrichten unklaren Inhalts. Er verfolge offenbar ‚Geheimoperationen, die in dieser Nullpunktzone des Schreibens‘ stattfänden.“ (zitiert nach Johannes Thumfart, „Am Nullpunkt von Tim und Struppi“). Damit befinde sich, so McCarthy, Tim in bester Comic-Gesellschaft: Clark Kent alias Superman treibe sich ebenfalls in dieser „Nullpunktzone des Schreiben“ herum.

Benutzt Tim seinen Presseausweis nur als Tarnung, um seine wahre Identität als Spezialagent zu verschleiern? Wenn dies der Fall sein sollte, dann ist der Superman-Vergleich gar nicht mal so weit hergeholt. Tim tritt seine Reisen nicht vor dem Hintergrund objektiver Berichterstattung an, sondern mit detektivischem Eifer, der ihn die Handlung vorantreiben und den bösen Gegenspielern das Handwerk legen lässt. Und auch ohne kryptonischen Röntgenblick mangelt es ihm nicht an übermenschlichen Fähigkeiten: Tim überlebt reihenweise Autounfälle , ringt wilde Tiere mit bloßen Händen nieder und trägt einen unsichtbaren Sturzhelm aus Ultra-Carbon – ob Steinschlag oder Fall aus großer Höhe, sooft wie Tim die Runzel hinhält, müsste er eigentlich mit irreparablen Hirnschäden im Koma liegen. Aber das ist eben unbekümmerte Comiclogik.

Inmitten dieser Unbekümmertheit sollte man daher auch das Naheliegende annehmen: Vielleicht ist Tim nur ein finanziell unabhängiger Freiberufler, der sich den Luxus einer andauernden Schreibblockade leistet. Da Hergé einer Erweiterung des Comic-Universums (Neuinterpretationen wie Spielbergs Animationsfilm sind hiervon unberührt) einen testamentlichen Riegel vorgeschoben hat, bleiben die genauen Hintergründe seiner Profession ungeklärt. Egal. Am Ende rettet der Journalist den Tag. Auch ohne Stammredaktion.

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