The Program David Walsh Journalistenfilm

Auf dem Gewinner-Tableau der Tour de France klafft eine Lücke. Von 1999 bis 2005 gewann Lance Armstrong das renommierteste Radrennen der Welt. Und wer weiß, was passiert bzw. nicht passiert wäre, hätte der fieberhaft ehrgeizige Amerikaner nicht seinen Rücktritt vom Ruhestand erklärt. 2012 wird Armstrong des Dopings überführt, sieben Jahre nach dem letzten seiner sieben Tour-Siege, die ihm allesamt aberkannt werden. Allerdings hätte es gar nicht erst zu diesem Skandal kommen müssen: Schon 1999 meldet der Sportjournalist David Walsh Zweifel an der Leistungsexplosion des talentierten, aber keinesfalls überragenden Fahrers an. Der Doku-Sportfilm The Program erzählt die Geschichte im Schnelldurchlauf.

Von Patrick Torma. Bildmaterial: Studiocanal.

Von der Geburt zur Demontage einer Legende in nur 103 Minuten. Stephen Frears (High Fidelity, Philomena) spurtet durch Lance Armstrongs Karriere. Erste Tour-Teilnahme 1993. Hodenkrebserkrankung und Chemotherapie. Siebenfacher Träger des Gelben Trikots. Sportidol und Messias für tausende Krebsleidende. Rastloser Ruhestand und krachender Einsturz eines gigantischen Lügenkonstrukts. Dazwischen jede Menge Doping und atemberaubende Radszenen.

Der Film basiert auf dem Buch Seven Deadly Sins von David Walsh. Darin beschreibt der Sportjournalist der Londoner Sunday Times seine Nachforschungen gegen Armstrong. Tatsächlich ist Walsh einer der Ersten, die das Märchen vom Todgeweihten zum Toursieger für zu schön halten. Nicht etwa erst bei Armstrongs zweiten, dritten oder siebten Toursieg. Nein, schon die erste Sternstunde 1999 kommt ihm suspekt vor. Wie kann es sein, dass ein bisher mittelmäßiger Bergfahrer plötzlich die Besten der Welt in Grund und Boden strampelt?

Ein Szene aus dem Film The Program: Der Journalist David Walsh stellt fest, dass er im Pressezentrum zunehmend isoliert ist.

Arbeiten in der Isolation: Indem David Walsh (gespielt von Chros O’Bowd) kritische Fragen stellt, wird der Journalist zum Aussätzigen.

Aussätziger Antagonist – und doch ein Held

Darsteller Chris ODowd skizziert David Walsh als heldenhaften Antagonisten, der es wagt, einen vermeintlichen Saubermann zu beschmutzen. Bereits 2004 veröffentlicht der Brite ein Buch mit Indizien, die sich aus dem Umfeld Armstrongs speisen. Nur will es zu diesem Zeitpunkt keiner lesen. Medien und Öffentlichkeit halten an der wundersamen Auferstehung Armstrongs fest. Schließlich ist der nicht nur der erfolgreichste Radfahrer aller Zeiten, sondern auch ein Heiliger, der mit seinem Engagement eine halbe Milliarde Dollar für die Krebsforschung einspielt.

Der Journalist wird zum Aussätzigen. Nach einer Pressekonferenz verweigert ihm ein langjähriger Kollege die Mitfahrt im Auto. Wenn er sich mit David Walsh sehen ließe, hätte das negative Folgen für seine Arbeit im Pressezentrum. Zu mächtig ist das System Armstrong. Damit trifft der Film wichtige Aussagen über die Wechselwirkungen im Sportgeschäft: Sport ist ein Spektakel, das die Massen unterhält. Die Gewinner werden von den Medien zu Helden und Vorbildern überhöht. Ihr Glanz zieht wiederum Sponsoren an. Und alle machen den großen Reibach. In dieser Maschinerie ziemt es sich nicht, den Großen ein Bein zu stellen.

Ein Szene aus dem Film The Program: Lance Armstrong strampelt im Drogenlabor davon - auch vor den Recherchen von David Walsh.

Entschuldigen Sie, ist das legal? Lance Armstrong (gespielt von Ben Foster) bringt sich im Dopinglabor in Form.

Ein Dopingproblem? Wir doch nicht!

Wer dennoch unbequeme Fragen stellt, der geht bei der nächsten Akkreditierung oder Interviewanfrage leer aus. Und welche Redaktion kann es sich vor dem Hintergrund des zunehmenden Konkurrenzdrucks schon erlauben, auf exklusive O-Töne zu verzichten oder gar langwierige Verleumdungsklagen millionenschwerer Sportler zu riskieren? Solange die Fassade keine offensichtlichen Risse aufweist, heißt es: „The show must go on.“ Oder eben: „Weiter im Programm.“ Im Radsport wurde so verfahren, bis das Gebilde aus Lug und Betrug in sich selbst zusammenstürzte. Systematisches Doping war ein offenes Geheimnis, weil es zu weiten Teilen flächendeckend praktiziert wurde. Wenn alle dopen, ist‘s noch immer ein fairer Wettkampf, oder etwa nicht?

Bis heute sind viele Dopingsünder überzeugt, in keiner Weise unredlich gehandelt zu haben. Verständlich. Wer seine Schuld eingesteht, muss mit Konsequenzen, sprich Regressforderungen, rechnen. Siehe Armstrong: Sein Name wurde nicht nur aus den Annalen des Wettbewerbs gestrichen, er musste Preisgelder in Millionenhöhe zurückzahlen. Wo viel Geld im Spiel ist, ist die Versuchung nach Vertuschung groß. Und der Lerneffekt anscheinend gleich null. Erst 1998 wurde die Tour von dem bis dato schwersten Doping-Skandal überschattet: Mit Festina erwischte man gleich ein gesamtes Team, vollgepumpt mit leistungsfördernden Substanzen. Ein Jahr später ließ sich die Sportwelt von einem bislang unscheinbaren Fahrer aus Texas narren. Selbst das Fuentes-Beben 2006 vermochte die Augen der Weltöffentlichkeit nur kurz zu öffnen. Die Tour de France ist bis heute ein Event, das der Dopingproblematik ins Gesicht lacht.

Ein Szene aus dem Film The Program: Dr. Ferrari prüft eine Spritze. David Walsh ist ihm bereits auf der Spurt.

Dr. Seltsam oder wie ich lernte, das Doping zu lieben: Dr. Ferrari kümmert sich rührend um seine Patienten…

Drücken wir ein Auge zu. Ist ja nur Sport.

Zumindest in Deutschland mag man nicht mehr so richtig mitlachen. Das mag zum einen daran liegen, dass die Deutschen – im Vergleich zu den Franzosen, Belgiern, Italienern und Spaniern – ohnehin nie zu den ganz großen Tour-Gewinnern zählten; zum anderen daran, dass die eigenen Tour-Helden Jan Ullrich und Erik Zabel mit ebenso wenig weißer Weste radelten wie Armstrong. Auch „das gesunde Misstrauen [der deutschen Medien] gegenüber Verblendung“, (O-Ton Sebastian Moll im Vorfeld der Tour 2009) dürfte eine Rolle spielen. Ein Grund für selbstzufriedenes Schulterklopfen ist die deutsche Radverdrossenheit allerdings weniger. Dafür drücken wir bei Dopingverdachtsmomenten im Fußball gerne mal ein Auge zu. Die Helden von Bern und Toni Schumacher lassen grüßen.

Aber zurück zu The Program und David Walsh: Indem Stephen Frears den britischen Sportreporter zum Gegenspieler macht, wird das Sportdrama zum Journalistenfilm – wenn auch in der Light-Variante. Die Recherchen des Zeitungsreporters werden in der Chronologie der Ereignisse abgefrühstückt, die Walsh-Einspieler folgen keinem klaren Spannungsaufbau, wie wir ihn von den Klassikern des Genres (Die Unbestechlichen, The Insider) her kennen, weil der Film primär an der Biographie Lance Armstrongs interessiert ist. Hauptdarsteller Ben Foster porträtiert ihn als einen skrupellosen Ehrgeizling, dem das Drehbuch nur selten wache Momente gewährt.

Szene aus dem Film The Program: Der ehrgeizige Lance Armstrong biegt auf die Zielgerade ein.

Kommt nicht gut weg: Lance Armstrong ist in The Program ein Psychopath auf zwei Rädern.

Der Tony Montana des Radsports

Bei einer Autogrammstunde etwa tritt ihm eine Dame gegenüber. In ihren Augen schimmert die Hoffnung einer labilen Existenz, freudig-erregt im Angesicht mit ihrem Idol; unsicher in dem, was die nächsten Monate bringen mögen. Eigentlich habe sie schon gar nicht mehr aufstehen wollen, doch die beeindruckende Lebensgeschichte des berühmten Krebsrekonvaleszenten ließ sie neuen Mut schöpfen. Armstrong, der seiner Frau (und somit dem Publikum) kurz vorher noch gestanden hatte, lediglich das zu erzählen, was die Leute hören wollen, ertappt sich bei seiner eigenen Lebenslüge. In einer anderen Szene besucht er eine Kinderklinik. Seine PR-Managerin drängt auf den nächsten Termin, da lernt Armstrong den unheilbar kranken Jack kennen. Der Junge ist zu schwach, um zu sprechen. Armstrong wirft ihm einen verständnisvollen Blick zu: „Wir müssen nicht reden. Ich kann mich auch nur zu dir ans Bett setzen – den ganzen Tag.“

Nur selten scheint der Mensch Armstrong durch, der ansonsten wie eine perfekt geschmierte Gangschaltung funktioniert. Foster spielt den Tony Montana des Radsports: Der radelnde Mobster schüchtert „Nestbeschmutzer“ noch während des Rennens ein, offeriert Vertretern das Radfahrverbandes Angebote, die diese nicht ablehnen können und stößt von der Balustrade seines Anwesens wüste Drohungen aus. David Walsh hingegen verkörpert als Verfechter der Wahrheit die klassische Antithese: „Ich habe den Radsport geliebt – und Armstrong zerstört ihn.“ Seine eindimensionale Rechtschaffenheit macht ihn zu einer löblichen, letztlich aber blassen Journalistenfigur.

Szene aus dem Film The Program: Lance Armstrong auf dem Podium stellte sich den kritischen Fragen von David Walsh.

„I did not have sexual relations with that woman“ war dagegen eine kleine Notlüge. Lance Armstrong bestreitet die Dopingvorwürfe.

David Walsh ist ein blasser Gegenspieler

Verstärkt wird dieser ein Druck durch die Passivität seiner Recherchen. Die harte Arbeit hinter seinen Nachforschungen wird nicht greifbar, die Zeugenaussagen fliegen ihm nur so zu. Mal packt eine ehemalige Mitarbeiterin Armstrongs aus, mal ist es ein Risikoversicherer, der David Walsh zu sich Hause in die USA einlädt („Ich bezahle ihren Flug“). Der eigentliche Skandal kommt erst durch die Aussage des überführten Tour-Gewinners von 2006 ins Rollen: Floyd Landis, der langjährige Wasserträger Armstrongs, sieht sich von seinem ehemaligen Teamkollegen fallen gelassen – und packt schließlich aus.

Am Ende bleibt die Restanerkennung für einen Journalisten, der es schon immer gewusst hatte. Im Interview mit dem Deutschlandfunk gab David Walsh kürzlich zu, dass er nicht mehr damit rechnete, Armstrong überführt zu sehen. Insofern stellt The Program weniger die Aufarbeitung eines Scoops dar. Sondern vielmehr die Abrechnung mit einem der größten Sport-Mafioso aller Zeiten.

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