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Mehr als nur ein Pitch: 42 – Die wahre Geschichte einer Sportlegende (2013)

Die 42 hat im amerikanischen Profi-Baseball eine besondere Bedeutung: Mit dieser Rückennummer sorgte Jackie Robinson in der MLB für Furore.

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Die 42 hat im amerikanischen Profi-Baseball eine besondere Bedeutung: Mit dieser Rückennummer sorgte Jackie Robinson in der MLB für Furore.

Er war der erste Afroamerikaner in einer Liga, die bis 1947 nur weißen Sportlern vorbehalten war. Der Film 42 – Die wahre Geschichte einer Sportlegende erzählt von einer Zeitenwende im US-Sport. Chronist ist der Sportreporter Wendell Smith.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Warner Brothers.

Der Film setzt ein im Jahre 1946: Branch Rickey (Harrison Ford) plant eine nicht für möglich gehaltene Revolution im Profi-Baseball. Der Manager der Brooklyn Dodgers ist gewillt, einen Schwarzen Spieler in sein Team zu holen. Offiziell gibt es keine Reglementierung, die vorschreibt, dass Spieler weiß sein müssen, allerdings haben sich die Vereine bislang an ein entsprechendes „Gentlemen’s Agreement“ gehalten. Geschäftsmann Rickey erkennt das enorme Fan-Potenzial in der afroamerikanischen Community, („Dollars sind nicht weiß oder schwarz, sie sind grün!“) weshalb er in den sogenannten Negro Leagues nach einem geeigneten Spieler fahnden lässt. Die Wahl fällt auf Jackie Robinson (Chadwick Boseman), der für die Kansas City Monarchs aufläuft.

Jackie Robinson geht in die Geschichte ein als der erste Afroamerikaner seit 1884, der für ein Baseball-Team in den Major Leagues aufläuft. Nach einer Bewährungssaison bei einem unterklassigen Partnerverein, den Montreal Royals, debütiert der 28-Jährige am 15. April 1947 für die Dodgers. In den Stadien schlägt ihm der Rassismus von Fans und Gegenspielern entgegen, auch innerhalb des Teams gibt es Vorbehalte. Robinson kontert mit sportlichen Leistungen. In seiner Premierensaison wird er zum Rookie of the Year, er trägt entscheidend dazu bei, dass sein Team in die World Series einzieht.

Jackie Robinson (Chadwick Boseman) ist der erste Afroamerikaner seit 1884, der für ein US-Profi-Baseball-Team aufläuft. 42 - Die wahre Geschichte einer Sportlegende erzählt von seiner Debütsaison.
Jackie Robinson (Chadwick Boseman) ist der erste Afroamerikaner seit 1884, der für ein US-Profi-Baseball-Team aufläuft. 42 – Die wahre Geschichte einer Sportlegende erzählt von seiner Debütsaison.

Zu Ehren von Jackie Robinson wird die 42 in der MLB nicht vergeben

Dort scheitern die Dodgers – wie auch in den Folgejahren 1949, 1951 und 1953 – an den New York Yankees. 1955, im Spätherbst seiner Karriere, gelingt Robinson mit seiner Mannschaft der lang ersehnte Finalsieg. 1962 wird er in die Baseball-Hall of Fame aufgenommen. Bis heute ist die 42 die einzige Rückennummer, die in der MLB nicht mehr vergeben wird. Ausnahme: Am 15. April, am Jahrestag von Robinsons Debüt, laufen alle Vereinsspieler mit der 42 auf dem Trikot auf. Sein Engagement im Profi-Baseball gilt als ein Meilenstein der Bürgerrechtsbewegung der USA.

42 – Die wahre Geschichte einer Sportslegende konzentriert sich auf die Ereignisse der Jahre 1946 und 1947. Teilzeit-Erzähler des Films ist der Sportjournalist Wendell Smith (Andre Holland). Ebenfalls Afroamerikaner, wird er von den Dodgers beauftragt, Robinson bei seinem Try-Out im Rahmen der Saisonvorbereitung zur Seite zu stehen. „Ich bin Ihr Biograf, Chronist, Pressemann – und Chauffeur“, stellt sich Smith vor. Robinson, der von klein auf gewohnt ist, für sich selbst zu sorgen, ist gar nicht begeistert.

PR-Schutzengel und Presseerklärer: der Sportjournalist Wendell Smith

Allerdings stellt sich heraus: Smith ist mehr als nur ein Kofferträger. Er ist bestens geeignet, Robinson auf den bevorstehenden Medienrummel vorzubereiten. Als eine Art PR-Schutzengel antizipiert er die Fragen, die auf den Debütanten einprasseln. Er ist Pressevertreter und Presseerklärer. Einer, der auf der Tribüne dieselben Kämpfe austragen muss wie Robinson auf dem Platz: Als Nicht-Weißer bleibt ihm der Zugang zu den offiziellen Pressekabinen verwehrt. Weswegen er mit der Holzklasse vorlieb nehmen muss, die Schreibmaschine zum Tippen auf die Schenkel deponiert.

In den allermeisten Filmen wie auch im echten Leben herrscht eine natürliche Barriere zwischen Athleten und Berichterstattern, hier ist diese Trennung aufgehoben – in einem Film, der von der Überwindung der Segregation erzählt, ist das nur folgerichtig. Gleichwohl fußt die Beziehung zwischen Robinson und Smith auf wahren Begebenheiten. In den ersten zwei Jahren begleitet der Journalist die Karriere des Neu-Profis. 1948 erscheint die Autobiografie Jackie Robinson: My Own Story, die Smith als Ghostwriter für Robinson schreibt. Zeitlebens bleiben die beiden verbandelt. Smith stirbt im November 1972 an Bauchspeicheldrüsenkrebs, nur einen Monat nach Robinson. Dessen Beerdigung kann der Autor krankheitsbedingt nicht besuchen, er verfasst allerdings noch einen Nachruf.

Wendell Smith (Andre Holland) ist Journalist, PR-Berater, Biograf und Teilzeiterzähler in Personalunion.
Wendell Smith (Andre Holland) ist Journalist, PR-Berater, Biograf und Teilzeiterzähler in Personalunion.

Auf die Tribüne verbannt: Der Umgang mit Wendell Smith

Der Film erlaubt sich einige Ungenauigkeiten, beispielsweise indem er Smith zum ersten afroamerikanischen Sportreporter ernennt, der in der Gilde Baseball Writers’ Association of America (BBWAA) zugelassen wurde – tatsächlich wurde Sam Lacy kurz vor ihm aufgenommen. Auch degradiert er den Reporter zum reinen Chronisten: Im Film ist die Verpflichtung von Robinson eine Scouting-Entscheidung, dabei hat der Reporter in Wahrheit mit seiner Empfehlung einen Anteil daran, dass der Spieler überhaupt in die engere Auswahl kommt: Schon im Jahr 1945 arrangiert er ein Probetraining mehrere Schwarzer Spieler bei den Boston Red Fox, darunter für Robinson. 1946 ist der keineswegs die naheliegendste Wahl. Es gibt jüngere, zukunftsträchtigere und auch „gefügigere“ Kandidaten als Robinson, der als temperamentvoll gilt. Doch Dodgers-Boss Rickey schätzt gerade den kämpferischen Charakter Robinsons.

Der Umgang mit Wendell Smith erscheint undankbar. Der Film führt ihn als Erzähler ein, um ihn nach dem ersten Drittel der Spielzeit als Beobachter auf die Tribüne zu verbannen. Das mag Smith mangelnden Einfluss auf den weiteren Verlauf der Geschichte geschuldet sein, im Mittelpunkt steht nun mal der Spieler Jackie Robinson. Seine Stimmlosigkeit dürfte aber auch den realen Begebenheiten entsprechen. Sobald Robinson in den großen Stadien angekommen ist, übernimmt das Kommentieren ein anderer: John C. McGinley spielt den distinguierten wie legendären Haus- und Hof-Kommentator Red Barber. Schon in Oliver Stones An jedem verdammten Sonntag war McGinley als Sportreporter unterwegs, wobei er dort wesentlich durchtriebener zu Werke geht.*

*Außerdem spielt er neben Marlee Matlin in Der stumme Schrei der Angst einen glücklosen Reporter – womit John C. McGinley Michael Keaton Konkurrenz macht, was die Anzahl seiner journalistischen Rollen betrifft…

Red Barber und die Rolle der übrigen Presseschar

Red Barber fällt die Rolle zu, den Spiel- und Saisonverlauf einzuordnen. Hierzulande ist Baseball ein Buch mit sieben Siegeln. Wenn es ein Film schafft, auch unkundige Zuschauer*innen abzuholen, macht er vieles richtig. Barber ist in dieser Hinsicht ein Garant. „Das Spiel ist so eng wie ein eingelaufener Pullover“, bringt er die Spannung auf den Punkt. Umgekehrt gelingt es ihm, die größten Aufreger in diplomatisch unaufgeregte Worte zu verpacken. Rassistische Beschimpfungen werden zum „Redebedarf“, verbale Auseinandersetzungen zur „Plauderei“. Das Debüt Robinsons kommentiert er mit der lakonischen Feststellung, dass „Jackie […] unverkennbar brünett“ sei.

Der echte Barber ist nicht immer so konziliant: Anfangs spielt der in den Südstaaten aufgewachsene Kommentator mit dem Gedanken, die Spiele der Dodgers zu boykottieren. Nach einer alkoholgeschwängerten Unterredung mit seiner Frau entscheidet er sich jedoch, über seinen Schatten zu springen. Er wird zu einem Unterstützer Robinsons und befürwortet später die Verpflichtungen weiterer afroamerikanischer Spieler.

Wendell Smith bereitet Jackie Robinson auf das bevorstehende Medieninteresse vor. Der Journalist ist wie Robinson ein Vorreiter in seinem Metier.
Wendell Smith bereitet Jackie Robinson auf das bevorstehende Medieninteresse vor. Er selbst weiß, was es heißt, einer der ersten Afroamerikaner in seinem Metier sein.

Robinsons Debüt markiert einen Wendepunkt im US-Sport

Eine Entwicklung, die auch die übrige Presseschar im Film durchmacht. Nach der anfänglich aufgebrachten Berichterstattung, die rein auf Grabenkämpfe aus ist, erkennen auch die namenlosen Reporter mehr und mehr Robinsons Leistungen an. Das geht so weit, das rassistische Kommentatoren isoliert werden. Ein Reporter führt physiognomische Gründe für die sportliche Überlegenheit Robinsons an: „Die N**** sind schneller. Ihr Fersenbein ist länger.“ Der Kollege nebenan veralbert die Beobachtungen, indem er seine Finger über die imaginäre Schreibmaschine fliegen lässt.

Gemäß den Gesetzmäßigkeiten eines Hollywood-Dramas wandelt sich das Klima im Sauseschritt. Die Geschichte lehrt: Bis zum Civil Rights Act von 1964, der jedwede Form von Diskriminierung im öffentlichen Leben verbietet, ist es noch ein hart umkämpfter Weg. Aber Robinsons Erfolgssaison 1947 markiert einen Wendepunkt, der vor allem den US-Sport öffnet: George Taliaferro wird 1949 als erster Afroamerikaner von einem NFL-Club gedraftet, Chuck Cooper (erster Draft), Nathaniel Clifton (erster Vertrag) und Earl Lloyd (erster Einsatz) gelten als Wegbereiter in der NBA, die ab 1950 People of Color zulässt.

42 – Die wahre Geschichte einer Sportlegende verneigt sich vor einem Pionier, den es in einer perfekten Welt nicht gebraucht hätte.


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