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No country for old sports writer: Die Sehnsucht der Veronika Voss (1982)

Henriette erfährt, dass ihr Freund, der Sportreporter Robert Krohn, eine bizarre Affäre mit dem UFA-Starlet Veronika Voss pflegt.

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Henriette erfährt, dass ihr Freund, der Sportreporter Robert Krohn, eine bizarre Affäre mit dem UFA-Starlet Veronika Voss pflegt.

„Ottmar, Fritz und Walter werden böse auf Dich sein“, reibt sie ihm unter die Nase. Wie es dazu kommen konnte – das weiß der Ertappte selbst nicht so recht. Was er weiß: Obwohl die Geschichte „journalistisch nicht ergiebig“ scheint, ist Krohn gewillt, die mysteriöse Schauspielerin aus ihrer misslichen Situation zu befreien. Dieser Rettungsversuch ist in Rainer Werner Fassbinders Die Sehnsucht der Veronika Voss, dem zweiten Teil seiner BRD-Trilogie, zum Scheitern verurteilt.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Studiocanal.

Robert Krohn (Hilmar Thate) begegnet Veronika Voss (Rosel Zech) in einer regnerischen Nacht. Sie, völlig durchnässt und vom Verfolgungswahn gepackt. Er, von ihrer geheimnisvollen Aura fasziniert, ist ganz Gentleman, bietet ihr „Schirm und Schutz“ und ein Straßenbahn-Ticket nach Hause an. Wir wissen bereits, dass es sich bei der Frau um einen einstigen Filmstar der UFA-Ära handelt, Krohn hingegen ist noch völlig ahnungslos. So unvermittelt, wie sie in sein Leben getreten ist, springt die Voss aus der Tram. Sie verschwindet in einem Hauseingang, die Kamera hält kurz inne. Ein Schild verrät uns, dass in dem Haus eine Nervenheilärztin praktiziert.

In derselben Nacht klingelt das Telefon. Reporter Krohn schafft es nur so eben mit beiden Beinen aus dem Bett, er tritt in einen übervollen Aschenbecher – ein Symbol seiner Lasterhaftigkeit, die ihn nicht von der Stelle kommen lässt. Stattdessen nimmt seine Freundin Henriette (Cornelia Froeboess) das Gespräch entgegen. Wer denn die Voss sei, will sie anschließend wissen. „Kenne ich nicht“, brummelt Krohn verlegen. „Sie Dich wohl auch nicht. Sie hat nämlich gesagt, Du wärst so ein reizender Mann.“ Ach ja, und eine Einladung zum Tee habe sie auch ausgesprochen.

Robert Krohn (Hilmar Thate) war schon mal enthusiastischer drauf. Der Sportreporter steckt in der Routine seines Ressorts fest. Da trifft er die mysteriöse Schauspielerin Veronika Voss (Rosel Zech).
Robert Krohn (Hilmar Thate) war schon mal enthusiastischer drauf. Der Sportreporter steckt in der Routine seines Ressorts fest. Da trifft er die mysteriöse Schauspielerin Veronika Voss (Rosel Zech).

Ein ganz gewöhnliches Sportreporterleben

Krohn kommt dieser Einladung nach. Es ist das merk- wie denkwürdige Date zweier taumelnder Menschen. Voss’ Ruhm als Schauspielerin ist nach dem Kriegsende arg verblasst, Krohn wirkt abgekämpft und müde. Schnell gerät der Smalltalk zum Seelenstriptease: „Sie sind Sportreporter. Ist das spannend?“ „Manchmal.“ „Menschen, die kämpfen, sind immer spannend. Siege sind spannend, Niederlagen“. „Keine Siege, keine Niederlagen mehr, mein Leben ist reichlich gewöhnlich.“ Nicht die Lust und das Abenteuer bringen das ungleiche Paar zusammen, sondern die Suche nach Sinn (Krohn) und die Sehnsucht nach Rettung (Voss).

Noch bevor der Kellner die Bestellung aufnehmen kann, bittet Veronika Voss ihren Ritter ohne Vorbehalte um 300 Mark. Sie habe vorhin eine Brosche gesehen, die müsse sie unbedingt haben. Anstandslos rückt Krohn die Moneten raus, woraufhin Voss fluchtartig das Restaurant verlässt. Der Reporter bleibt verdattert sitzen, unsicher, ob er gerade geprellt wurde. Tatsächlich kehrt seine Begleitung nach einem Blitz-Einkauf zurück, nur um das Treffen mit Blick auf einen bevorstehenden Termin mit einem Filmproduzenten gleich wieder aufzulösen. Die Leihgabe ist ein symbolischer Vertrauensvorschuss, gleichzeitig steckt in der Geldbeschaffungsmaßnahme der Voss die Zwangshandlung einer Süchtigen: Ihre behandelnde Ärztin Dr. Marianne Katz (Annemarie Düringer) hat die labile Schauspielerin in die Drogenabhängigkeit getrieben, um mittelfristig an ihr Vermögen zu kommen.

Freundin Henriette (Cornelia Froeboess) weiß nicht so recht, was sie vom Interesse ihres Freundes Robert an der gefallenen Voss halten soll? Ist es berufliches Interesse? Eine Schwärmerei? Oder doch Liebe?
Freundin Henriette (Cornelia Froeboess) weiß nicht so recht, was sie vom Interesse ihres Freundes Robert an der gefallenen Voss halten soll? Ist es berufliches Interesse? Eine Schwärmerei? Oder doch Liebe?

In der Redaktion warten die Unkenrufe der Kulturfritzen

Robert Krohn ist irritiert und doch fest entschlossen, die Notlage seiner neuen Bekanntschaft aufzulösen. Er nutzt als Journalist alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel, sprich: er greift auf seine redaktionellen Kontakte zurück. Bei der Zeitung sind sie über sein neu entflammtes Interesse verwundert. Eine Story über eine vergessene UFA-Größe, das sei doch was für die „Kulturfritzen“, merkt seine Kollegin Grete (Elisabeth Volkmann) an. Sie ist diejenige, die eine erste Parallele zwischen Krohn und Voss sieht, wenn auch eine wenig schmeichelhafte: „Ihr beide wärt ein gutes Gespann. An der Theke.“ Der Chefredakteur (Hans Wyprächtiger) traut Krohn ebenso wenig. Als er ein Telefonat seines Mitarbeiters mitbekommt, knurrt er: „So spricht man doch nicht mit einem Star! […] Sollen wir nicht lieber jemanden aus der Kultur darauf ansetzen?“

Dass Regisseur Rainer Werner Fassbinder einen Sportreporter der Veronika Voss zur Hilfe eilen lässt, ist tatsächlich eine interessante Entscheidung. Krohn ist kein investigativer Rechercheur, kein Star-Schreiber mit langem Atem, sondern ein journalistischer Fußsoldat. Ob er mal anderes im Sinn hatte, lässt der Film offen. Glücklich ist er mit seinem Platz in der Redaktion offensichtlich nicht.

Straßenrecherche statt Tribünengespräche: Die Voss, sie fordert ihn auch beruflich heraus. Sportreporter Krohn beginnt, investigative Arbeitsweisen zu adaptieren.

Krohns Sportjournalismus birgt einen Minderwertigkeitskomplex

Dem Sportjournalismus haftet in der Wahrnehmung etwas Flüchtiges, etwas Redundantes an. Klassische Sportreporter berichten von Ergebnissen und Momentaufnahmen, Sieger eines Wochenendes können am kommenden Wettkampftag schon wieder Verlierer sein und umgekehrt. Auch wenn die Karten am Anfang einer Saison neu gemischt werden: Der Gegenstand der Berichterstattung bleibt immer derselbe. Narrative werden wie Spielzüge einstudiert und bedient. Aus dieser Routine auszubrechen, fällt Robert Krohn schwer, seine langjährige Tätigkeit als Sportreporter – qua Arbeitsvertrag ist er ans Sportressort gefesselt – lastet wie Minderwertigkeitskomplex auf dem Vorhaben, seine Herzensdame zu erretten. Der Fall scheint mindestens zwei Nummern zu groß für Krohn, der sich beinahe wie ein Berufsanfänger an seine neue Rolle herantastet.

Dass er sich mit den Irrungen und Wirrungen eines Film Noir-Plots herumschlagen muss, macht die Sache für den Reporter nicht einfacher. Fassbinder orientiert sich an den großen Klassikern des Genres, insbesondere die Bezüge zu Billy Wilders Boulevard der Dämmerung sind offenkundig. Wie Wilder erzählt Fassbinder eine Geschichte über die Einsamkeit und Vergänglichkeit des Ruhmes, er verlagert sie aus dem Blendlicht Hollywoods in ein Nachkriegs-München der 1950er-Jahre, das insbesondere zu Leb- und Wirkzeiten des Regisseurs als Tummelplatz der Schickeria gilt, und garniert sie mit bundesdeutschen Streitthemen.

Inspiration für die Sehnsucht der Veronika Voss: Sybille Schmitz

Beinahe in jeder Szene schimmert die Bonner Republik durch, unfähig und feige, die nationalsozialistische Vergangenheit aufzuarbeiten. Täter und Opfer des Holocausts arrangieren sich stillschweigend, versinnbildlicht in den Figuren der Dr. Marienne Katz, die an eine skrupellose KZ-Ärztin erinnert, und des alten Krämer-Pärchens, das gute Miene zum bösen Spiel macht und in Rätseln spricht (eine Inspiration für das geisterhafte Rentner-Paar in David Lynchs Mulholland Drive, einer weiteren Boulevard der Dämmerung-Hommage?).

Über alldem schwebt das unausweichliche Schicksal der Veronika Voss. Das echte Vorbild zeichnet ihn quasi vor. Fassbinder verwebt in Die Sehnsucht der Veronika Voss biographische Eckpunkte aus dem Leben von Anna Maria Sybille Schmitz, die er neben Joan Crawford und Vivien Leigh zu seinen Lieblingsschauspielerinnen zählte. Schmitz war in den 1930er-Jahre eine gefragte Charakterdarstellerin, die – obwohl sie 1943 eine Hauptrolle in dem vom Reichsministerium für Propaganda finanzierten Titanic-Streifen spielte – im Dritten Reich Probleme hatte, die Besetzungslisten zu entern.

Rainer Werner Fassbinders deutscher Film Noir Die Sehnsucht der Veronika Voss ist von dem Schicksal einer realen Schauspielerin inspiriert.

Ohnmacht der Bonner Republik: Jede Hilfe kommt zu spät

Goebbels höchstpersönlich soll dafür gesorgt haben, er habe in ihr kein Ebenbild einer „idealen“ nordischen Frau gesehen. Nach einem von den Alliierten erteilten Berufsverbot für an Propagandafilmen beteiligte Schauspieler*innen hatte es Schmitz nach ihrer Rehabilitation weiterhin schwer, Rollenangebote zu ergattern. Ihre letzten Jahre waren von Alkoholsucht und Depressionen geprägt, mit nur 45 Jahren bereitete sie ihrem Leben ein Ende.

Auch für Veronika Voss kommt jede Hilfe zu spät. Reporter Krohn gibt auf der Zielgeraden auf, als ihm klar wird, dass er machtlos ist. Er selbst hat herbe Verluste erlitten, die Unkenrufe seiner Kolleg*innen haben sich als selbsterfüllende Prophezeiung erwiesen. Desillusioniert besteigt er ein Taxi. Zurück nach München, zum Stadion der 1860er soll es gehen. Zurück in sein altes, gewöhnliches Leben.

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Die Sehnsucht der Veronika Voss – Zweitausendeins Edition Deutscher Film 3/1981

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