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Am Tropf des Spektakels: Sportjournalistin Jewel Stern in The Fan (1996)

90's Galore: Tony Scotts The Fan ist ein echtes Timepiece. Der Thriller thematisiert aber auch die zunehmende Kommerzialisierung des Sports.

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90’s Galore: Tony Scotts The Fan ist ein echtes Timepiece. Der Thriller thematisiert aber auch die zunehmende Kommerzialisierung des Sports.

Robert DeNiro stalkt in Viedoclip-Ästhetik zu den Sounds von Nine Inch Nails dem Stareinkauf seines Lieblings-Baseball-Clubs hinterher. Die Sportjournalistin Jewel Stern gerät zwischen die Fronten.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Constantin Video.

San Francisco, kurz vor dem Start der neuen Baseball-Saison: Die Giants verpflichten Starspieler Bobby Rayburn (Wesley Snipes). Die astronomische Ablösesumme von 40 Millionen US-Dollar schürt die Erwartungen der Fans. Einer, der sich besonders viel von dem Neuzugang erhofft, ist Gil Renard (Robert DeNiro). Kein Wunder: Baseball ist sein Leben, während es beruflich und privat alles andere als blendend läuft. Als erfolgloser Vertreter für Küchenmesser steht Renard in der Firma, einst von seinem Vater gegründet, kurz vor dem Rauswurf, und auch mit dem geteilten Sorgerecht für seinen Sohn ist der glühende Giants-Anhänger überfordert.

Gleich in der ersten Szene führt The Fan das ungleiche Duo Rayburn/Renard telefonisch zusammen – in der Call-In-Radiosendung von Reporterin Jewel Stern (Ellen Barkin). Die lasziv Kaugummi kauende Sportjournalistin bemüht zum Saisonstart das Stimmungsbarometer. Erster Anrufer ist Gil Renard, der sich auf dem Weg zur Arbeit befindet. Ob Rayburn die 40 Millionen wert sei, fragt die Moderatorin. Die Sendung ist ein Routine-Job, ihr Tonfall verrät, dass sie sich nicht besonders viel von diesem Fan-Talk erhofft. In wenigen Augenblicken jedoch wird sich die Reporterin in eine aufrechte Sitzposition begeben. „Natürlich ist er das. Er ist sogar das Doppelte wert“, poltert Renard vorfreudig erregt. Jewel Stern weiß: Es sind O-Töne, von denen ihr Sender bis zum Auftaktspiel zehren wird.

Jewel Stern auf der Pirsch. Am Rande einer Trainingseinheit fleht sie regelrecht um ein Interview mit Bobby Rayburn. Der Druck ist enorm.
Jewel Stern (Ellen Barkin) auf der Pirsch. Am Rande einer Trainingseinheit fleht sie regelrecht um ein Interview mit Bobby Rayburn. Der Druck ist enorm.

Sportreporterin Jewel Stern mimt die Spielerflüsterin

Es kommt noch besser. Ihrem Co-Moderatoren gelingt es, Bobby Rayburn – der sich, wie Renard, ebenfalls durch den morgendlichen Verkehr schiebt – in die Sendung zu schalten. In einer kurzen Werbeunterbrechung kotzt sich die Reporterin über den überheblichen Starspieler aus, jetzt wo die Mikros wieder offen sind, wechselt sie in den konzilianten Plaudermodus einer Spielerflüsterin, die per Du mit den Profis ist. Rayburn spielt fein mit, bedankt sich artig mit einem „Ich liebe Deine Show“. Wir ahnen bereits, dass es hierbei um vorgeschobene Freundlichkeiten handelt.

Tatsächlich: Nach einigem Süßholzraspeln kommt Jewel Stern zur Sache: „Bobby Baby. Denkst Du wirklich, Du bist die 40 Millionen wert?“ Rayburn reagiert wie ein Medienprofi. Er halte nichts davon, Menschen mit einem Preisschild zu versehen. Aber die Leistungen für seine vorherigen Vereine sprächen für sich. Die Moderatorin lässt nicht locker und thematisiert den kolportierten Kabinenzwist zwischen Rayburn und Primo (Benicio Del Toro), welcher bislang auf der angestammten Position des Neuzugangs spielt. Rayburn pariert erneut, also zückt sie ihre letzte Patrone: Wie laufe es denn mit der anhängigen Scheidung?

Neulich in der Kommentatorenkabine. Die Presseleute thronen über dem Spiel. Dem Eingriff von außen durch Stalker Renard stehen aber auch sie machtlos gegenüber.
Neulich in der Kommentatorenkabine. Die Presseleute thronen über dem Spiel. Dem Eingriff von außen durch Stalker Renard stehen aber auch sie machtlos gegenüber.

Störfaktor für die Liebesbeziehung zwischen Spieler und Fans?

Die gute PR-Laune in Rayburns Auto ist dahin, da springt Gil Renard seinem neuen Liebling zur Seite: „Warum bist Du immer so negativ, Jewel!“ Die Reporterin rutscht aus ihrer Position als Mittlerin zwischen die Stühle. Für den Moment ist sie die Böse, die es wagt, den Heilsbringer zu beschmutzen. Manager Manny (John Leguizamo) auf dem Beifahrersitz steigt in die Tirade mit ein, er wird Jewel Stern noch als „Kampfhenne“ und „Lieblings-Möchtegern-Sportreporterin“ abkanzeln. Der Film etabliert ein gemeinsames Feindbild, das die Liebesbeziehung zwischen Spieler und Fans stört.

Dass diese Beziehung schon von Beginn an rissig ist, ohne das Dazutun von Jewel Stern, darauf kommt The Fan noch zu sprechen (bzw. er hat es schon in der psychopathischen Intro-Sequenz herausposaunt). Der Film thematisiert auf einer oberflächlichen Ebene die Kommerzialisierung des Sports, die in den 90er-Jahren um sich greift. Die Schere zwischen den einfachen Fans, die ihr letztes Hemd geben, um ihre Mannschaft siegen zu sehen und den Spielern, die mit ihren hoch dotierten Verträge ein Vielfaches von dem nach Hause bringen, was jene, die ihnen Woche für Woche zujubeln, im gesamten Jahr verdienen, weitet sich rasant. Die Zuspitzungen dieser Entwicklung kennen wir hierzulande aus den Fußball-Debatten über um die Eventisierung des Sports, Hoheiten über die Fankurven, Mitspracherechte bei Anstosszeiten etc.

Zum Abschuss freigegeben: Gil Renard (Robert DeNiro) macht seine Ansprüche als zahlender Fan geltend.
Zum Abschuss freigegeben: Gil Renard (Robert DeNiro) macht seine Ansprüche als zahlender Fan geltend.

Überzogen? Anspruchsdenken und Stellenwert der Fans im Sport

Umgekehrt erleben wir auch, wie hohe Ablösesummen und astronomische Gehälter zu einem Anspruchsdenken führen, das Spieler, die nicht performen, zu Freiwild erklärt. Wer Millionen kassiere, wird gerne gesagt, müsse funktionieren und Beschimpfungen von den Rängen und in den Sozialen Medien aushalten können. Gleichzeitig wird Spitzenathleten in den übersättigten Sportarten gerne vorgeworfen, sie wüssten den Support der Anhänger nicht zu schätzen. Diese Nicht-Anerkennung bringt in The Fan das Fass zum Überlaufen. Weil Rayburn der Ansicht ist, die Fans würden ihren Stellenwert überhöhen und überzogene Ansprüche stellen, mutiert Renard zum gefährlichen Stalker: „Die Spieler spielen immer nur für sich. Dabei sind es die Fans, die das Spiel am Leben halten.“

Vor dem Hintergrund einer sich verselbstständigenden Schieflage ist Jewel Sterns Frage nach der Ablösesumme nur legitim. Allerdings geht es ihr nicht darum, die Relationen im Baseball-Sport journalistisch aufzuarbeiten. Sondern um eine zugespitzte Berichterstattung, die die Gemüter erhitzt. Kritik an dieser Form ist berechtigt, in Renards telefonischem Protest zu Beginn von The Fan steckt aber noch mehr – nämlich eine negative Grundhaltung den Medien gegenüber, die unserer modernen Gesellschaft inhärent ist, im besonderen Maße aber auch die Sportberichterstattung betrifft.

Gute Miene zur Berichterstattung: Primo (Benicio Del Toro) und Neuzugang Bobby Rayburn (Wesley Snipes) kaschieren ihren Positionszwist.
Gute Miene zur Berichterstattung: Primo (Benicio Del Toro) und Neuzugang Bobby Rayburn (Wesley Snipes) kaschieren ihren Positionszwist.

Negative Grundhaltung gegenüber der Sportberichterstattung

Fans sehen Journalisten, die durch kritische Berichte über ihren Lieblingsverein auffallen, gerne als Nestbeschmutzer. Mit einher geht häufig die Erwartung, Reporter müssten einem Verein nahestehen, ja selbst eine Vergangenheit als Fan aufweisen, um das Objekt ihrer Berichterstattung überhaupt erfassen zu können. Ohne die Qualität in Abrede zu stellen – denn die ist nicht selten mehr als achtbar: Dass sich Fanzines, -blogs und -podcasts als Alternative zur arrivierten Sportpresse etablieren, kommt nicht von ungefähr.

Eine Reporterin wie Jewel Stern wirkt da wie ein Rädchen in einer Maschinerie. Mit ihrem Gossip liefert sie das Grundrauschen für das große Spektakel. Dass es auch Abnehmer gibt, die sich einerseits über die Auswüchse der Kommerzialisierung beklagen, andererseits aber auch vom Event-Charakter berauschen lassen, diese Bigotterie lassen wir als Randnotiz stehen. Denn eigentlich ist die eben beschriebene Hass-Liebe eine Dreiecksbeziehung.

Mehr Fan als Berichterstatter - die Kommentatoren in The Fan pushen die Stimmung. Ganz im Sinne des Spektakels.
Mehr Fan als Berichterstatter – die Kommentatoren in The Fan pushen die Stimmung. Ganz im Sinne des Spektakels.

Von der Dreiecksbeziehung Sportler, Medien und Fans

Spieler, Medien und Fans bilden eine Dreifaltigkeit, die den Sport zu einer Ersatzreligion haben werden lassen. Stern, die weniger geltungssüchtig daherkommt als ihre Sportreporter-Kollegen Max Mercy (der die Gnade im Namen trägt, Robert Duvall in Der Unbeugsame, 1984) und Jack Rose (John C. McGinley in An jedem verdammten Sonntag, 1999), die darauf erpicht sind, unmittelbaren Einfluss auszuüben, indem sie Imperator-gleich den Daumen über einzelne Spieler heben oder senken, ist auch eine Zwangskonvertierte in diesem System. Wie sehr sie am Tropf hängt, wird offenbar, als sie am Rande einer Trainingseinheit um ein Interview fleht. Der Publikations- und Konkurrenzdruck in der quoten- und klick-trächtigen Sportberichterstattung ist hoch, und das auch – oder ganz besonders – in der spielfreien Zeit.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf wird Jewel Stern ganz sicher nicht Reporterin, die man tröstend in die Arme schließen möchte. Dafür weiß sie zu genau, wie das Spiel gespielt wird. Wer Doritos knabbernd ist der Presseloge sitzt, der wartet auch darauf, dass Kommentarspalten eskalieren. Wobei: Das Krimi-Finale von The Fan nimmt sie aufrichtig mit. Die verbale Prügel, die sie zu Beginn des Films kassiert, ist ohnehin ziemlich scheinheilig.

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