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Gareth Jones und die Ukraine: Red Secrets – Im Fadenkreuz Stalins (2019)

Gareth Jones machte um 1930 die einschneidende Hungersnot in der Ukraine publik. Red Secrets: Im Fadenkreuz Stalins dramatisiert dessen Berichte.

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Gareth Jones machte um 1930 die einschneidende Hungersnot in der Ukraine publik. Red Secrets: Im Fadenkreuz Stalins dramatisiert dessen Berichte.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Koch Films.

Der führt doch was im Schilde, dieser Hitler. Zu dieser Erkenntnis kommt der walisische Journalist Gareth Jones (James Norton) nach einem Exklusivinterview mit dem Führer höchstpersönlich. Weshalb er nun im Stab von David Lloyd George Alarm schlägt. Großbritannien müsse sich auf alles einstellen, idealerweise an Stalins Sowjetunion annähern, um Hitler zu signalisieren: „Sieh hier, du bist umzingelt“. Die Geschichte wird ihm recht geben. 1933 jedoch wird Gareth Jones aus seinem Beraterposten für außenpolitische Fragen hinauskomplimentiert. Damit es dem jungen Mann nicht unnötig schwerfällt, neue berufliche Türen zu öffnen, spendiert der britische Ex-Premier immerhin ein Empfehlungsschreiben.

Jones ist allerdings niemand, der die leichten Wege einschlägt. Als freischaffender Reporter, ohne Mandat eines Verlegers oder Redakteurs, reist er in die Sowjetunion. Sein nächster Scoop soll ein Interview mit Josef Stalin sein. Man könnte meinen, Jones sammele Gespräche mit größenwahnsinnigen Diktatoren. Tatsächlich bricht er mit ganz konkreten Fragen im Gepäck gen Moskau auf. Wie ist der Aufschwung der Sowjetunion möglich, wo doch alle Welt unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929 leidet? Worauf stützt sich der Reichtum des Regimes?

Gareth Jones auf den Spuren von Stalins „Gold“

Im politischen Zentrum des Sowjet-Reiches angekommen, stellt Gareth Jones fest, dass sich die Auskunftsfreude der Eliten in Grenzen hält. Als Journalist darf er Moskau außerdem nicht verlassen, der Sicherheitsapparat der kommunistischen Partei wacht über jeden seiner Schritte. Die übrigen Korrespondenten scheint das wenig zu stören. Man berauscht sich lieber an Krimsekt und Kaviar, Opium und leichten Mädchen. Allen voran Pulitzer-Preisträger Walter Duranty (Peter Sarsgaard, Shattered Glass), von seinen Auftraggebern bei der New York Times ehrfürchtig „unser Mann in Moskau“ genannt, fällt durch eine freizügige Arbeitsauffassung auf.

Gareth Jones widersteht den Verlockungen – sieht man von einer Affäre zur fiktiven Reporterin Ada Brooks (Vanessa Kirby) ab – und kommt so der Wahrheit näher. „Stalins Gold ist das Getreide“, heißt es, um die Ernte seiner Fünfjahresplanung einzufahren, sei ihm jedes Mittel recht. Gerüchte von Zwangskollektivierungen und Enteignungen machen die Runde. Obwohl es Indizien gibt, dass Journalisten auf der Spur dieser Meldungen verschwanden, entscheidet sich Jones, die Ukraine zu bereisen. Eigentlich absolutes Sperrgebiet für ausländische Berichterstatter*innen. Weil der Volkskommissar Maxim Litvinov (Krzysztof Pieczyński) jedoch glaubt, den scheinbar unerfahrenen Reporter für Propaganda-Zwecke einspannen zu können, organisiert dieser einen Ausflug nach Charkiw, wo der Besuch einer sowjetischen Panzerfabrik auf dem Programm steht.

Gareth Jones (James Norton) findet in Moskau kaum Verbündete. Eine Ausnahme ist die fiktive Reporterin Ada Brooks (Vanessa Kirby).
Gareth Jones (James Norton) findet in Moskau kaum Verbündete. Eine Ausnahme ist die fiktive Reporterin Ada Brooks (Vanessa Kirby).

Der „Holodomor“ als historischer Hintergrund

Dort kommt Gareth Jones nie an: Er steigt verbotenerweise auf halber Strecke aus und wird so mit einer furchtbaren Realität konfrontiert. Im tiefsten Winter um ihre Erträge beraubt, zum „Wohle“ der Sowjetunion, leiden die Menschen in der Ukraine unvorstellbare Not. Der Reporter trifft auf eine ausgemergelte Zivilbevölkerung, erlebt Hunger und Tod hautnah mit. Um sein eigenes Leben bangend, schafft er es, seine drastischen Beobachtungen zu konservieren. Seine Berichte holen eine lange unbemerkte, humanitäre Katastrophe in die Weltöffentlichkeit. Doch in seiner Heimat erntet er nicht nur Applaus: Seine kritischen Artikel belasten den Aufbau wirtschaftlich-diplomatischer Beziehungen zwischen der Sowjetunion und dem Westen. Zurück in seiner Stammredaktion der walisischen Zeitung Western Mail wird Jones in die Kultur versetzt, um über all das zu berichten, „was die Menschen vergessen lässt, wie schlimm es ist.“

Red Secrets – Im Fadenkreuz Stalins ist ein Film wider das Vergessen. Die polnische Regisseurin Agnieszka Holland (Hitlerjunge Salomon) nutzt die Geschichte des echten Gareth Jones (1905 – 1935), um die Erinnerung an das Massensterben in der Ukraine wachzuhalten. Die Hungersnot der 1930er-Jahre gilt, neben dem Zweiten Weltkrieg, als eines von zwei ukrainischen Traumata des 20. Jahrhunderts. Je nach Schätzung kamen in diesen Jahren 3,5 bis 7 Millionen Menschen um. Der Begriff „Holodomor“ (übersetzt: „Tötung durch Hunger“) gibt diesem Horror einen Namen, er brannte sich in die Volksseele ein und spielt bis heute – nicht zuletzt im aktuellen Krieg mit Russland – eine zentrale Rolle im Nationalbewusstsein.

Streit um die Anerkennung des Holodomors als Genozid

Weil die Hungerkatastrophe maßgeblich auf die Zwangskollektivierungen der sowjetischen Führung zurückzuführen ist und mit Stalins staatlichem Terror mit dem Ziel einer Russifizierung einherging, bemüht sich die Ukraine seit ihrer Unabhängigkeit um die Anerkennung des Holodomors als Genozid. Polen, Ungarn und die baltischen Nationen Estland, Lettland und Estland – allesamt ehemalige Satellitenstaaten der UdSSR –, aber auch Länder wie Australien oder Kanada folgen dieser Beurteilung. Das Gros der Staatengemeinschaft scheut den Begriff des Völkermordes in diesem Zusammenhang. Deutschland offiziell, weil sich der Holodomor den völkerrechtlichen Kriterien entziehe – erst 1948 sei im Völkerrecht verankert worden, was einen Genozid kennzeichne.

Auch unter Historiker*innen ist die Beurteilung umstritten: Während Befürworter*innen eine klare Absicht Stalins erkennen, die ukrainische Bevölkerung über eine bewusst herbeigeführte Not zu auszulöschen, halten Kritiker*innen die Parallelität der Ereignisse entgegen: Auch in der übrigen Sowjetunion sei zu verheerenden Hungersnöten gekommen, sodass von einem gezielten Massenmord keine Rede sein könne.

Red Secrets konzentriert sich auf die Verbrechen in der Ukraine

Die Brisanz von Red Secrets – Im Fadenkreuz Stalins (der Originaltitel Mr. Jones wurde hierzulande geändert, wohl auch, um Verwechslungen mit gleichnamigen Filmen zu umgehen) erschließt sich nicht erst mit Blick auf aktuelle Ereignisse. Gleichwohl ist er, 2019 veröffentlicht, von den Entwicklungen eingeholt worden. Produziert mit Geldern aus der Ukraine, gedreht von einer polnischen Filmemacherin, die hinter dem Eisernen Vorhang ganz konkret Zensureingriffe und andere Repressalien durch die kommunistischen Behörden erfuhr, bezieht der Spielfilm Postion. In Russland war er, wenig überraschend, nicht sonderlich willkommen. Im Herbst 2021 überfielen russische Nationalisten eine Filmvorführung der Menschenrechtsorganisation Memorial. Aber auch in die insgesamt positiven Reviews mischten sich Stimmen von Kritiker*innen, die der Regisseurin Agnieszka Holland einen allzu einseitigen und freien Umgang mit der Geschichte attestierten.

Fakt ist: Red Secrets ist vornehmlich am Schicksal der Ukrainer*innen interessiert und blendet das Leid in anderen Regionen, etwa im heutigen Kasachstan oder in den entlegenen Gebieten Sibiriens, aus. Allein aus diesem Fokus eine Geschichtsverzerrung abzuleiten, halte ich persönlich für Unsinn, da man sonst schnell dabei ist, menschliches Leid aufzuwiegen – eine Gefahr vieler Genozid-Debatten: „Nur“ weil gewisse Kriterien strittig sind, macht es Verbrechen nicht weniger schlimm.

Walter Duranty (Peter Sarsgaard) ist Moskau-Korrespondent mit Reputation. Allerdings mit ziemlich fragwürdiger Arbeitsauffassung.
Walter Duranty (Peter Sarsgaard) ist Moskau-Korrespondent mit Reputation. Allerdings mit ziemlich fragwürdiger Arbeitsauffassung.

In der Ukraine ist Gareth Jones ein Nationalheld

Und doch ergeben sich aus der Verbindung aus Biopic, Geschichtsthriller und Wink in die Gegenwart Probleme. Red Secrets beschwört die Kraft der Wahrheit, indem er eine historische Hauptfigur ins Feld führt. Gareth Jones war – neben Journalisten wie Malcolm Muggeridge oder Paul Scheffer – ein wichtiger Chronist der Hungernöte in der Sowjetunion. Entgegen anderslautender Darstellungen aus der Feder der Sowjetführung, aber auch stalinfreundlicher Schreiber*innen aus dem Ausland (wie Walter Duranty), machte er die Zustände in der Ukraine weltweit publik. Heute gilt Jones in der Ukraine als Nationalheld. 2008 verlieh der damalige Präsident Wiktor Juschtschenko dem Waliser posthum den Verdienstorden 3. Klasse.

Entsprechend inszeniert Red Secrets Jones’ Recherchen in der Ukraine als Heldenreise, ohne eine echte Figurenentwicklung anzustoßen. Von Beginn an ist Protagonist Jones ein integrer Charakter mit funktionierendem Wertekompass, etwas naiv zwar, aber standhaft den Verlockungen gegenüber, die sich bei seiner Ankunft in Moskau auftun. „Sie trinken nicht, sie schätzen die Mädchen nicht. Sie sind reichlich langweilig, Mr. Jones“, urteilt der nackte Duranty am Rande einer Orgie. Ebenso eindeutig sind vom Start weg die oppressiven Absichten der sowjetischen Behörden, entlang seiner Wege lauern zwielichtige Gestalten in dunklen Gassen auf Jones, um Kontakte jenseits der offiziellen Kanäle zu unterbinden. Was angelegt sein soll wie ein Spionagekrimi, bleibt aufgrund dieser klaren Schwarz-Weiß-Schemata spannungsarm.

Drastische Darstellungen wirken nach – haben aber auch einen Haken …

Mit der Abreise in die Ukraine schlägt Red Secrets ins Betroffenheitskino um – und zwar im doppelten Sinne. Nicht nur, dass uns in drastischen Bildern das Elend der Menschen vor Augen geführt wird. Gareth Jones selbst wird zum Opfer. Er wird von sowjetischen Soldaten beschossen, von hungernden Kindern abgelenkt und um sein Proviant beraubt, wankt durch entvölkerte Dörfer, vorbei an Leichenbergen, und wird später als Spion festgenommen. In einer besonders aufwühlenden Szene bekommt Jones, halb erfroren, von drei Waisen eine warme Suppe vorgesetzt, nur um festzustellen, dass die Fleischeinlage eine grausige ist. Er erfährt das ganze Spektrum der Gewalt und des Grauens, die der Holodomor hervorbrachte. Etwa sind Fälle von Kannibalismus überliefert.

Was der Film verschweigt: Als journalistische Zeugnisse sind diese Begebenheiten reine Erfindungen des Drehbuches. Jones sah hungernde Menschen, Kinder mit aufgeblähten Mägen. Erwachsene, die in ihrer Not um Brot weinten und sich kaum auf den Beinen halten konnten. Jones Familie fühlte sich berufen, nach Erscheinen des Films einiges geradezurücken. So schrieb sein Großneffe Philip Colley in einem Artikel*: „Gareth war ein Zeuge der Hungersnot und kein Opfer, wie der Film suggeriert. […] Er war weder Zeuge von Leichen noch von Kannibalismus, geschweige denn, dass er daran teilgenommen hätte, er sah nie eine Getreidebeschlagnahmung, Zwangsarbeit oder Leichenkarren, er wurde nie gejagt, rannte nie weg, versteckte oder verkleidete sich nicht auf seiner Wanderung entlang der Eisenbahnlinie. Er wurde nie inhaftiert.“ (Übersetzung durch journalistenfilme.de).

* Lese-Tipp: Auf einer Homepage haben Nachfahren von Gareth Jones eine Menge Material gesammelt. Dort finden sich auch viele Artikel, die der Journalist zur Lage in der Sowjetunion schrieb.

„Wahrheit ist stärker als jede Fantasie“ – doch ohne Fantasie geht es nicht

Das schmälert weder Jones Verdienste, noch relativiert es, was die Menschen in der Ukraine erfuhren. Viele Verbrechen sind überliefert. Dennoch macht sich ein Film wie Red Secrets, der die Wahrheit zum Leitmotiv erhebt, durch seinen lockeren Umgang mit derselbigen unnötig angreifbar. Erst recht, wenn er seine Botschaft als Fingerzeig in die Moderne verstanden wissen will. Desinformation, Manipulation der Medien zur Wahrung politischer Interessen, Einschränkung von Pressefreiheit. Das alles sind thematische Bögen, die nicht erst mit der gegenwärtigen Invasion der Russischen Föderation ihre Anknüpfung finden (siehe auch Die Vierte Macht).

„Wahrheit ist stärker als jede Fantasie“, heißt es in der erzählerischen Klammer von Red Secrets. Wir sehen George Orwell, der gerade über dem Konzept seines Romans Animal Farm brütet. Damit spinnt Red Secrets eine literarische Legende. Gareth Jones soll den Schriftsteller zu seiner tierischen Parabel über den Kommunismus inspiriert haben. Eine zentrale Figur in dem Roman heißt Mr. Jones. Allerdings ist dieser Mr. Jones ein Wiedergänger des russischen Zaren und damit der Böse im Buch. Keine besonders schöne Ehrung, für die es obendrein keine Belege gibt. Dass schlussendlich auch die Beziehung zur Korrespondentin Ada Brooks ins Reich der Fabeln verwiesen gehört, geht dann nur noch als Randnotiz durch.

Der filmische Mr. Jones sieht, was der echte nicht sah

Ich sehe ein: Die Geschichte des Holodomors ohne drastische Bilder und die später verbürgten Verbrechen zu erzählen, fällt schwer. Mehr noch: Es würde des Themas nicht gerecht. Bei aller Anteilnahme bleibt jedoch ein fader Beigeschmack. Der filmische Mr. Jones sieht, was der echte während seiner Reise durch die Ukraine nicht sah. Red Secrets – Im Fadenkreuz Stalins macht es sich zu leicht, indem er seinen aktivistischen Charakter hinter einer journalistischen Biografie versteckt.

Red Secrets a.k.a Mr. Jones ist ein Film, der auf ein hierzulande verblasstes Verbrechen hinweist – und auch ein Stück weit das belastete Verhältnis zwischen der Ukraine und Russland erklärt. Der aufklärerische Aspekt wird jedoch durch eine freizügige Ausschmückung der echten Recherchereise des Journalisten Gareth Jones konterkariert. Der Film ist bei Amazon erhältlich – da ich an dem dortigen Affiliate Programm teilnehme, erhalte ich, solltest Du über den unten stehenden Link zuschlagen, eine kleine Provision. Damit sicherst Du den Betrieb und Ausbau von journalistenfilme.de.

Red Secrets: Im Fadenkreuz Stalins

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