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Geschlechterkampf in der Zeitungsredaktion: Die Frau, von der man spricht (1942)

Was sich liebt, das kritisiert sich: High Society-Reporterin Tess Harding und Sportberichterstatter Sam Craig liefern sich einen Schlagabtausch.

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Was sich liebt, das kritisiert sich: High Society-Reporterin Tess Harding und Sportberichterstatter Sam Craig liefern sich einen Schlagabtausch.

Der vom Chefredakteur angeordnete Burgfrieden mündet in einer Hochzeit. Doch damit fangen die Probleme erst an. Die Frau, von der man spricht (OT: Woman of the Year) trägt den Kampf der Geschlechter im journalistischen Setting aus. Darüber kann man lachen – zumindest bis zu jenem Punkt, an dem das Drehbuch die Protagonistin zur Aufgabe zwingt.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Warner.

Treffen sich ein paar Sportreporter – wo sonst? – am Tresen. Es herrscht Feierabendstimmung, der Alkohol lockert die Zungen. Jetzt, wo die Zeitung in Druck gegangen ist, kann man(n) sich getrost anhören, was die „Burschen im Radio“ so verzapfen. Tatsächlich meldet sich eine Frau zu Wort. Was sie zu sagen hat, verhagelt der Runde die Laune. Die Amerikaner befinden sich im Krieg mit den faschistischen Achsenmächten, und die Stimme im Radio fordert allen Ernstes, man solle den Profi-Baseball für die Dauer des Krieges ruhen lassen. Sam Craig (Spencer Tracy) ist mit dieser Forderung überhaupt nicht d’accord. „Warum soll man abschaffen, was ich liebe?“, haut der knurrige Reporter auf den Tresen. Aber wirklich, warum sollten Individuen Entbehrungen zum Wohle aller in Kauf nehmen? So weit kommt es noch, mit unserer Freiheit!

Besondere Pikanterie erlangt der Redebeitrag dadurch, dass es sich bei der Sprecherin um Tess Harding (Katharine Hepburn) handelt, die für dieselbe Zeitung arbeitet wie Craig und dort für die große Weltpolitik zuständig ist. „Sie ist die Sensationsmacherin aller internationaler Snobs“, poltert ein Kollege. Was die Herren der Schöpfung hier als dreisten Einwurf einer unwissenden Frau brandmarken, war in Wahrheit übrigens gar nicht so abwegig. Weil ein Großteil der Profis den Dienst an der Waffe verrichtete, war der Spielbetrieb verzerrt, die Verdunkelungsmaßnahmen während des Krieges erschwerten die Austragung der Spiele zusätzlich, da sie den Einsatz von Fluchtlichtern, die mögliche Feind-Flugzeuge hätten anziehen können, untersagten. Unter Präsident Franklin D. Roosevelt stand die Saison 1942 zeitweise auf der Kippe. Aber das nur am Rande. Wir benötigen Tess Harding noch als Spielverderberin.

eltene Spezies auf der Pressetribüne: Damen verirren sich in der Welt von Die Frau, von der man spricht nur selten in Baseball-Stadien. Der Sportreporter Sam Craig (Spencer Tracy) versucht der High Society-Korrespondentin Tess Harding (Katharine Hepburn) die Faszination des Spiels zu erlären.
Seltene Spezies auf der Pressetribüne: Damen verirren sich in der Welt von Die Frau, von der man spricht nur selten in Baseball-Stadien. Der Sportreporter Sam Craig (Spencer Tracy) versucht der High Society-Korrespondentin Tess Harding (Katharine Hepburn) die Faszination des Spiels zu erlären.

Eine Frau in der Presseloge: Die Platzhirsche sehen sich bedroht

Durch den Angriff auf „seinen Sport“ angestachelt, setzt Sam Craig zur Replik an. In seiner Kolumne spricht er der Kollegin das Urteilsvermögen in dieser überlebenswichtigen Frage ab. Was Harding wiederum nicht auf sich beruhen lässt – sie nutzt ihre eigene Kolumne, um den ungehobelten Sportreporter in die Schranken zu weisen. Die beiden schmeißen mit polemischen Headlines um sich, bis sie von ihrem Chefredakteur ins Büro zitiert werden. Dieser Schlagabtausch beschmutze das eigene Zeitungsnest, die Bandagen spare man sich besser für Konkurrenz auf. „Zusammenarbeit ist der wichtigste Teil unserer Organisation“, betont der Boss, der das Kriegsbeil schleunigst begraben sehen will.

Die beiden reichen sich die Hände, wobei die gegenseitigen Vorbehalte längst noch nicht ad acta gelegt sind. Craig lädt Harding zu einem Baseballspiel ein, die nimmt das süffisante Friedensangebot dankend an. Auf der Pressetribüne treffen Welten aufeinander. „Keine Frauen in der Presseloge, diese Regel ist so alt wie der Baseball selbst“, sehen sich die Platzhirsche in ihrem natürlichen Habitat bedroht. Zumindest die Kollegen hinter ihr fürchten ganz konkret um die freie Sicht aufs Spiel. Harding trägt einen extravaganten Hut, der schon längst geflogen wäre, wäre sie keine Dame. Sie kontert die Spitzen mit journalistischem Pragmatismus.

Der feuchte Traum eines Mainsplainers

Wieso es so viele Männer brauche, um ein und denselben Spielverlauf zu verfolgen, wendet sie sich an Craig. Diese Frage scheint berechtigt. Heutzutage würde man, wenn es sich Medien denn erlauben können, mehrere Berichterstatter abzustellen, mit unterschiedlichen Aufgaben argumentieren. Der eine bestückt den Live-Ticker, der andere hält das große Ganze im Blick. Oder aber mit zusätzlicher Objektivität: Vier Augen sehen eben mehr als zwei. Und freilich kommen die Reporter im Film nicht alle von derselben Zeitung. Beim Anblick dieser Männerrunde allerdings kann man schon auf die Idee kommen, mal nachzuhaken, in welcher Relation zueinander eigentlich Arbeit und Vergnügen stehen. Niemand schreibt mit, dafür umso kräftiger gerohrspatzt. Keine Frage, die Sportreporter in Die Frau, von der man spricht, sind lokalpatriotische Fans. Kein völlig unrealistisches Bild.

Sam Craig lächelt das kritische Nachhaken seiner Begleitung weg, zum Glück ist Baseball für Außenstehende so undurchsichtig, dass er sich zum großen Erklärer aufschwingen darf. Er bringt Harding die Spielregeln näher, und darf dabei ganz vorne beginnen. Der feuchte Traum eines jeden Mansplainers. Umso doller, dass dieser Traum mit einem Happy End aufwartet: Mit Spielende ist Harding von einer gleichgültigen Beobachterin zur Vollblut-Supporterin mutiert. Craig blickt triumphierend zur Seite, sein Plan ist aufgegangen. Der weibliche Angriff auf die Freuden des einfachen Mannes sind abgewehrt, Hardings aufmüpfige Forderungen nach einem sofortigen Baseball-Stopp verstummt.

Tess Harding ist eine Frau / Journalistin von Welt. Das gefällt nicht jedem: Die Screwball-Komödie steuert auf ein fragwürdiges Ende zu,
Tess Harding ist eine Frau / Journalistin von Welt. Das gefällt nicht jedem: Die Screwball-Komödie steuert auf ein fragwürdiges Ende zu.

Eine erfolgreiche Journalistin unter moralischem Beschuss

Ein Auftakt, der heute – 80 Jahre später – einen schalen Beigeschmack hinterlässt. Dabei scheint es zunächst, als bekomme Die Frau, von der man spricht noch die Kurve. Denn die Retourkutsche lässt, den Gesetzmäßigkeiten eines screwball-artigen Geschlechterkampfs entsprechend, nicht lange auf sich warten. Im Gegenzug wird Sam Craig von Harding zu einer feinen Gesellschaft eingeladen. Nun ist es Craig, der nicht weiß, wie das Spiel gespielt wird, wohingegen Harding auf ihrem Parkett brilliert. Es geht reichlich international zu, die Reporterin beherrscht mehrere Sprachen fließend. Craig wird sich bewusst: Es gibt eine journalistische Welt außerhalb des Stadions, und das bekommt ihm nicht wohl. Während Harding sich für Craigs Leidenschaft begeistern konnte, schleicht der Reporter schmollend von der Party – das ist insofern eine wichtige Beobachtung, weil sie das ungute Ende der Geschichte vorwegnimmt. Denn der Erfolg der Frau ist der eigentliche Angriff auf die Männlichkeit.

Für einige Umdrehungen auf der Uhr schiebt Die Frau, von der man spricht vor, ein liberaler Film zu sein. Tess Harding ist eine weltgewandte, intelligente und beruflich ehrgeizige Frau, idealerweise porträtiert von einer Schauspielerin, die zeitlebens als eine Ikone der Emanzipation gefeiert wurde. Auch ihr journalistischer Wirkungskreis ist größer als anfangs gedacht. Sie korrespondiert mit dem kubanischen Präsidenten und setzt sich mit Feuereifer für die Gleichberechtigung ein. Dabei wurde uns Harding als „Klatschreporterin“ vorgestellt, zumindest wollten uns dies die missgünstigen Kollegen aus dem Sport weismachen.

Redaktionelle Demarkationslinie zwischen Sport und Politik

Womit Die Frau, von der man spricht eine weitere Demarkationslinie aufzieht: Der Film ist nicht nur vom nur den Kampf der Geschlechter beseelt, sondern von einer „Wir gegen die da oben“-Mentalität durchzogen, veranschaulicht im Clash der Ressorts. Auf der einen Seite die hemdsärmeligen, geerdeten Reporter, die sich am Spiel für die Massen abarbeiten und zum Dank ein redaktionelles Schattendasein im Kellergeschoss fristen. Auf deren Seite die High Society-Lady, die mit den Schönen, Reichen und Mächtigen verkehrt, News für die oberen Zehntausend schreibt und dafür ein geräumiges Büro samt Vorzimmer gestellt bekommt.

Auf dem Höhepunkt ihres Erfolges wird Harding zur Woman of the Year ernannt, was – wir ahnen es bereits – jedoch nur eine Momentaufnahme ist. Craig und Harding geben sich das Ja-Wort, und schnell wird klar, das Hardings – nun Mrs. Craig, wir bleiben der Kontinuität wegen beim Geburtsnamen – Workaholism nicht mit Craigs Vorstellungen von einer soliden Ehe vereinbar ist. Ihr zuliebe verzichtet er auf „Gratis-Bier und Steaks“ mit seinen Reporter-Buddys, sie schafft hingegen es nicht, sich von der Arbeit loszueisen und ein anständiges Abendessen aufzufahren. Man könnte über solche Verirrungen hinweglächeln, würde der Film in seiner Argumentation nicht immer perfider: Sämtliche Verwandte reden auf Harding ein, dass ihre Karriere auf Dauer nicht mit einem erfüllten Familienleben vereinbar sei – dass die Gründe hierfür in den patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen zu suchen sind, verschweigt der Film konsequent.

Leg deinen Kopf an meine Schulter: Sam Craig kommt mit dem Erfolg seiner Frau nicht klar. Er hat ein konservatives Rollenverständnis. Und das macht er auch deutlich.
Leg deinen Kopf an meine Schulter: Sam Craig kommt mit dem Erfolg seiner Frau nicht klar. Er hat ein konservatives Rollenverständnis. Und das macht er auch deutlich.

Hepburn: Eine Ikone der Emanzipation wird eingenordet

Harding läuft schließlich ins Messer konservativer Wertevorstellungen: Die Beziehung zu Craig zerbricht unter einem Streit über einen griechischen Waisenjungen. Harding überrumpelt ihren Gatten, indem sie ihn vor vollendeten Tatsachen stellt. Es ist nicht so, dass sich Craig keine Kinder wünscht – wenn, dann aber bitteschön aus eigener „Produktion“. Hinzu kommt, dass das aufoktroyierte Familienglück beruflich motiviert ist. Harding ist soeben Schirmherrin eines griechischen Waisenhauses geworden, um die Aufrichtigkeit ihres Engagements zu unterstreichen, geht sie mit gutem Beispiel voran und nimmt einen der Schützlinge auf. Es kommt, wie es das Drehbuch will: Harding „versagt“ als Mutter, Craig übergibt den Jungen zurück in die Obhut der Einrichtung, weil er nicht bereit ist, zurückzustecken. Eine Rückholaktion scheitert, weil sich das Kind weigert, seiner immerzu abwesenden Ersatzmutter in die Arme zu fallen. Das Maß der Vorwürfe ist voll: Harding ist mürbe und bereit, sich selbst aufzugeben.

Natürlich ist Die Frau, von der man spricht ein Kind seiner Zeit, ein Plädoyer „pro Familie“ wäre vielleicht noch eine Botschaft, der man sich semi-guten Gewissens anschließen könnte. Weil die mit dem Holzhammer vorgetragenen Rollenbilder inzwischen jedoch reichlich reaktionär sind, lässt sich dieser Klassiker nicht mehr vorbehaltlos genießen. Schade um die Performance der beiden Hauptdarsteller*innen, Hepburn und Tracy waren 26 Jahre lang ein heimliches Paar. Die Chemie stimmt, der Charme ist dahin.

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