Was kommt heraus, wenn man einen investigativen Journalisten mit einem außerirdischen Symbionten kreuzt? Die kurze Antwort: Ein Kassenschlager. Wer mehr aus journalistischer Perspektive erfahren möchte: Anlässlich der Verfilmung von Venom nehmen wir uns Peter Parkers Erzwidersacher Eddie Brock zur Brust.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Sony Entertainment Pictures / Marvel.

Ob Krieg, Verbrechen oder soziale Ungerechtigkeit: Eddie Brock fasst nur die richtig heißen Eisen an – und nicht nur das: Der Journalist ist damit überaus erfolgreich. Mit seiner Sendung The Eddie Brock Report erreicht er ein Millionenpublikum. Seine Art, die Dinge beim Namen zu nennen, ohne Rücksicht auf Verluste, kommt bei den Zuschauern an. Auch privat schwebt der Reporter auf Wolke 7: Seine Zukünftige, Anne (Michelle Williams), sieht nicht nur gut aus, auch beruflich ist sie ein Volltreffer. Die Juristin arbeitet für die Life Foundation – ein scheinbar wohltätiger und offensichtlich schwergewichtiger High Tech-Konzern, der Krebs- und Weltraumforschung unter seinem Dach vereint.

Ausgerechnet dieser Life Foundation steht nun PR-Ungemach ins Haus. Eine Weltraummission geht furchtbar schief, bei einem Raketenabsturz kommt die Crew ums Leben. Firmengründer Dr. Carlton Drake (Riz Ahmed) sucht sein Heil in dem Gang an die Öffentlichkeit und bittet Brocks Senderchef um ein Exklusivinterview – dessen bestes Pferd im Stall, Eddie Brock himself, soll dieses Gespräch führen. Ganz wohl ist dem Anstaltsimpresario bei dieser Nachfrage nicht, weiß er doch um das Ego seines Star-Journalisten. Doch ausschlagen gilt nicht: Schließlich könne Drake „den gesamten Sender kaufen“, wenn er dies vorhabe. „Stell‘ ihm einfach ein paar Fragen zu seinem Raumfahrtprogramm“, wirbt der Chef um die Kooperationsbereitschaft seines Mitarbeiters. Zwar habe der Sender Brock eine Menge zu verdanken, allerdings gelte dies auch andersherum. Genaueres verrät das Drehbuch nicht, doch es wird klar, dass Brock seine Anstellung in New York nicht ganz freiwillig aufgab, bevor er an die Westküste nach San Francisco wechselte. Brock sagt seine Mitwirkung zu, lässt aber durchblicken, dass er nicht den Grüßonkel geben wird.

Voll auf Konfro aus: Eddie Brock (links) lässt im Interview unvermittelt durchblicken, dass er über die Machenschaften seine Gesprächspartner Dr. Carlton Drake Beschweid weiß.

Voll auf Konfro aus: Eddie Brock (links) lässt im Interview unvermittelt durchblicken, dass er über die Machenschaften seine Gesprächspartner Dr. Carlton Drake Beschweid weiß.

Ohne Spidey: Venom ist solo

Schließlich liegt ihm kompromittierendes Material über Drakes Life Foundation vor. Nach einem Schäferstündchen mit seiner Liebsten genehmigt sich Brock noch einen kräftigen Schluck aus dem Saftkanister, als eine Mail ins Postfach ihres Laptops flattert. Im Anhang befindet sich eine Anklageschrift, die auf unlautere medizinische Tests schließen lässt – Sterbefälle inklusive. Am nächsten Tag konfrontiert Brock den Wissenschaftler vor laufender Kamera mit seinen Kenntnissen. Ein Vorstoß mit weitreichenden Konsequenzen.  Innerhalb weniger Stunden ist Eddie Brock nicht nur den Job, sondern auch die Freundin los, Anne quittiert den Vertrauensbruch mit der Aufhebung der Verlobung. Der Star-Reporter steht vor dem Nichts. Bis eine Insiderin die journalistische Restglut in Brock neu entfacht und ihm Zugang in die Zentrale der Life Foundation verschafft. Im hauseigenen Forschungslabor kommt er mit einer außerirdischen Lebensform in Berührung, die dem geschassten Journalisten fortan übernatürliche Kräfte und ein monströses Antlitz verleiht. Eddie Brock wird zu Venom.

Dass Venom je einen Solo-Film spendiert bekommen würde, war so nicht unbedingt abzusehen. 1986 erstmals angeteasert, feierte Venom seinen ersten richtigen Auftritt im 300. Comic-Band von The Amazing Spider-Man – als Jubiläumsantagonist der Spinne. Seitdem verbindet ihn eine Hassliebe mit Peter Parker. Mal bekämpfen sie sich bis aufs Blut, mal treten sie Seite an Seite größeren Bedrohungen entgegen. 2018 kommt Venom gänzlich ohne den Spinnenmann aus, der Film belässt es bei zwei kleinen Anspielungen. Dabei ist Spider-Mans Abwesenheit vor allem auf lizenzrechtliche Gründe zurückzuführen. 1999 erwarb Sony Entertainment Pictures die Filmrechte an den Spider-Man-Charakteren, weshalb Marvel und sein exorbitant profitables Cinematic Universe (MCU) lange ohne Spidey auskommen mussten. Nachdem Sony das Franchise mit fünf Filmen in nur zehn Jahren in eine Sackgasse manövrierte, einigten sich die beiden Studios auf eine – zeitlich begrenzte –  Heimkehr der Spinne zu Marvel, immerhin ist sie seit Anfang der 1990er-Jahre ständiges Mitglied der Superheldentruppe The Avengers. Spider-Mans Gefährten und Widersacher allerdings sind in Sonys Obhut verblieben. Darunter eben Venom.

Nicht die beste Wahl: Topher Grace spielte Venom in Sam Raimis Spider-Man 3. Und das leider nur gerade noch so semi-gut. Das Drehbuch meinte es aber auch nicht gut mit der Figur.

Nicht die beste Wahl: Topher Grace spielte Venom in Sam Raimis Spider-Man 3. Und das leider nur gerade noch so semi-gut. Das Drehbuch meinte es aber auch nicht gut mit der Figur.

Eddie Brock und Spider-Man 3

Für die Figur an sich (aber auch für die Macher bei Sony) ist das eine glückliche Fügung. Schließlich bietet sich ihr die Gelegenheit, sich vom ihrem übergroßen Gegenspieler zu emanzipieren. Mit Blick auf ihren ersten Kinoauftritt war das auch dringend notwendig: Unter Fans Kult, wurde der besessene Reporter anno 2007 in Sam Raimis drittem Spider-ManStreifen (der letzte mit Tobey Maguire als Spidey) sträflich verheizt. In Spider-Man 3 ist Eddie Brock ein jünglicher Fotofatzke ohne Nuancen (gespielt vom milchgesichtigen Topher Grace, bekannt als Eric aus der US-Sitcom Die wilden Siebziger) der mit Peter Parker um eine Festanstellung beim Daily Bugle buhlt. Um seinen Kontrahenten auszustechen, ist ihm jedes Mittel recht.

Schon seine allererste Szene unterstreicht, was von ihm zu halten ist. Anstatt sich um seine Freundin zu sorgen, die in großer Höhe und noch größerer Gefahr schwebt, stiert er lieber durch den Sucher seiner Kamera. Später rückt er Spider-Man in ein kriminelles Licht, indem er dem Daily Bugle eine Fotofälschung unterjubelt. Peter Parker, der als erster unter den Einfluss des außerirdischen Symbionten und daher zum narzisstischen Egomanen gerät, lässt Brock auffliegen. In einer Kirche springt der Symbiont von Parker auf Brock über und dessen Wandlung zu Venom wird endlich vollzogen – nur um ihn einige endlos erscheinende Minuten später von der Leinwand zu pusten. Zu allem Überfluss fällt der Name Venom in Spider-Man 3 nicht ein einziges Mal. Die Medien im Film nennen ihn nur „Black Spider-Man“.

Der Watergate-Skandal als Erweckungserlebnis. Auch wenn man ihm es hier nicht mehr ansieht. Eddie Brock war mal ein talentierter wie ambitionierter Journalist.

Der Watergate-Skandal als Erweckungserlebnis. Auch wenn man ihm es hier nicht mehr ansieht. Eddie Brock war mal ein talentierter wie ambitionierter Journalist.

Die Vorgeschichte in Venom: Lethal Protector

Ein Schlag ins Gesicht für Venom, der sich in zwanzig Jahren von einem Cameo zum größten Erzwidersacher neben dem grünen Goblin gemausert hat. Und für Eddie Brock, der in den Comics mehr als ein selbstgefälliger Fotoknipser ist. Die vielschichtige Vorgeschichte der Figur wird in Venom: Lethal Protector von 1993 erzählt: Am Collage bemüht sich der junge Eddie mehr schlecht als recht um ein Sportstipendium. Mehr schlecht, weil er dieses Ziel nur deshalb vor Augen hat, um seinem Vater zu imponieren. Denn das strenge Familienoberhaupt spart mit Anerkennung und Zuneigung. Ein Artikel über den Watergate-Skandal wird zum Erweckungserlebnis – Eddie Brock fasst den Entschluss, Journalist zu werden und wechselt das Hauptfach. Gleich nach seinem Abschluss verlässt er das kalte Nest und zieht nach New York.

Im Großstadtdschungel kommt schnell das journalistisches Talent Brocks zum Vorschein, der junge Mann erschreibt sich mit fundierten wie aufregenden Beiträgen einen Namen. Mit den Recherchen über die Mordserie des so genannten Sin-Eaters allerdings übernimmt sich der Nachwuchsreporter. Er stolpert über das Geständnis eines Mannes, der in Wahrheit nichts mit dem Fall zu tun hat. Von den ahnungslosen Behörden dazu gedrängt, seine Ermittlungsergebnisse preiszugeben, entlarvt er letztendlich den notorischen Pönitenten als Serienkiller. Doch wie in Raimis Film fliegt der Schwindel abermals durch das Zutun Spider-Mans auf, der den wahren Täter präsentiert. Der Journalist wird gefeuert und verlassen, die Redaktionen der renommierten Zeitungshäuser meiden ihn fortan. Brock ist gezwungen, für die Regenbogenpresse zu arbeiten – Grund genug, bittere Rache an Spider-Man zu schwören.

Der Antiheld mit dem zwei Gesichtern. Ohne Spider-Man fallen die Rachegelüste weg und Venom kann als Sympathieträger in Sonys Neben-MCU starten.

Der Antiheld mit dem zwei Gesichtern. Ohne Spider-Man fallen die Rachegelüste weg und Venom kann als Sympathieträger in Sonys Neben-MCU starten.

Vom Erzwidersacher zum Antihelden

Der Bruch in der journalistischen Laufbahn, und damit einhergehend der Verlust von Anerkennung, ist ein zentrales Element in der Entstehungsgeschichte von Venom. Sowohl im Comic als auch in den beiden erwähnten Filmen ist dieser Bruch selbstverschuldet. Gleichwohl unterscheidet sich der 2018er Venom in zwei wesentlichen Punkten von der Comic-Vorlage und dem Machwerk von 2007. Denn erstens verdreht Eddie Brock in Venom keine Tatsachen. Die gegen Carlton Drake vorgebrachten Anschuldigungen sind wahr. Journalistisch sauber arbeitet der neue Brock deswegen noch lange nicht – Drake derart offensiv anzugehen zeugt zwar von Mut, aber ganz sicher nicht von professioneller Weitsicht. Weder hat der die Fakten in der Anklageschrift gegengecheckt, noch kann er die Quelle bestätigen. Wie auch? Er hat die Email ohne das Wissen seiner Lebensgefährtin Anne geöffnet und für seine Zwecke verwendet, weshalb sie ihm bekanntlich nicht mehr vertrauen kann (ihrem Arbeitgeber, der tödliche Tests an Menschen vornimmt, allerdings schon noch, so ganz nebenbei bemerkt…) Abgesehen davon wie dicht oder undicht die Indizienkette auch sein mag, einen solchen Scoop geht kein Journalist ohne die Rückdeckung seines Verlages bzw. der Rechtsabteilung an.

Zweitens schwingt sich Erzfeind Spider-Man durch ein anderes Universum. Das niedere Motiv der Rache fällt somit ersatzlos aus. Venom steigt in das unvermeidliche Neben-SMCU (denn mit weiteren Sony-Filmen zu Marvel-Charakteren ist zu rechnen) als jener Antiheld ein, zu dem er nach unzähligen Story Arcs geworden ist. 2018 ist Venom ein auf cool getrimmter Dr. Jekyll und Mr. Hyde-Verschnitt, der in seiner außerirdischen Form böse Buben und noch fiesere Symbionten vermöbelt und als rehabilitierter Journalist für die Wahrheit eintritt. Ein Spider Jerusalem light, recht PG 13-freundlich bitte, damit die Kassen ja auch schön klingeln. Wenn man es locker mit dem Genre hält, dann st Venom mit 677 Millionen eingespielten US-Dollar der zweiterfolgreichste – im weitesten Sinne – Journalistenfilm (Platz 113 nach weltweitem Einspielergebnis) – nach Batman vs Superman. (874 Mio. US-Dollar, Platz 59, Stand November 2018). Wer sagt, mit Journalismus ließe sich kein Geld verdienen?

Venom: Truth in Journalism

Abschließend noch ein Hinweis auf einen sehenswerten Fan-Film: Joe Lynch hat Eddie Brock auf seine Art und Weise geehrt. In der 17-minütigen Mockumentary begleitet ein Kamerateam den Journalisten bei der Arbeit. Gebauchpinselt von der Aufmerksamkeit nehmen die Methoden des Reporters immer fragwürdigere Züge an. Wer sich an den belgischen Indie-Klassiker Mann beißt Hund erinnert fühlt – die Assoziation ist durchaus beabsichtigt.

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