Steht ein Kernreaktor kurz vor dem Störfall. Die Kraftwerkbetreiber versuchen, den Beinahe-GAU zu vertuschen. Das Image der sauberen Kernenergie steht auf dem Spiel. Blöd nur, dass eine Journalisten-Crew auf der Galerie alles mitbekommt. Von der Kritik zunächst übertriebene Atom-Hysterie abgewatscht, erwies sich Das China Syndrom wenig später als nahezu prophetisch: Zwölf Tage nach dem Kinostart 1979 kam es im US-amerikanischen Kernkraftwerk Three Mile Island zu einem Reaktorunfall.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Columbia Pictures

Kimberly Wells (Jane Fonda) ist das hübsche Gesicht ihrer Nachrichtensendung. „Sie ist das, was unsere Zuschauer vor den Fernsehschirm lockt“, sagen die Senderbosse über sie. In ihrer Rolle als Vor-Ort-Reporerin berichtet sie über gesungene Telegramme und andere Schön-Wetter-Stories. Mit ihren weichen News eckt sie nicht an, das Publikum ist berieselt. Am Ende des Tages klopfen ihr die Verantwortlichen verbal auf die Schulter. „Schöne Geschichte, Kimberly“, heißt es dann, mehr gefällig als anerkennend. Die echten Nachrichten, die sind ihren männlichen Kollegen vorbehalten.

Stattdessen darf Kimberly Wells eine Themenwoche rund um das Thema Energie verantworten. Auf dem Plan steht auch ein Beitrag unter der Überschrift „Kernenergie, die magische Energieumwandlung“, und damit ein Besuch im örtlichen Kernkraftwerk. Ihr Chef erwartet keine knallharte Recherche, sondern Service-Journalismus mit Lobby-Charakter. Ein Öffentlichkeitsarbeiter soll dem Reporterteam erklären, wie so ein Kernkraftwerk funktioniert. Was Richard Adams (Michael Douglas), der die Reportage als freier und aktivistisch veranlagter Kameramann begleitet, überhaupt nicht schmeckt. Doch Kimberly hält ihren Weltenverbesserer im Zaum: „Dies ist eine Reportage, keine Demonstration!“

mberly Wells (Jane Fonda) ist das hübsche Gesicht für Schön-Wetter-Geschichten. Noch ist sie mit dieser Rolle einverstanden...
mberly Wells (Jane Fonda) ist das hübsche Gesicht für Schön-Wetter-Geschichten. Noch ist sie mit dieser Rolle einverstanden…

Darf man darüber berichten?

Das Team lässt sich durch die Einrichtungen hofieren, wobei der PR-Mitarbeiter die Dreharbeiten freundlich, aber bestimmt orchestriert. Gezeigt werden darf, was unverfänglich und freigegeben ist. Die Marketingstrategie scheint zu fruchten, doch plötzlich kippt die Situation unvorhergesehen. Auf der Galerie über dem Kontrollzentrum werden Kimberly und ihren Kollegen Zeugen eines Vorfalls, der offensichtlich dramatischer ist, als es der Presseverantwortliche glauben machen will. Kameramann Richard ignoriert deshalb auch das kurzerhand ausgesprochene Drehverbot und bannt die Aufregung unter den Ingenieuren auf Film. Mit diesem brisanten Material im Kasten verabschieden sich die Reporter gen Sender.

Dort entbrennt eine Diskussion über die redaktionelle Verantwortung: Darf man über diesen Vorfall berichten? Kimberlys Boss, Don Jacovich (Peter Donat, Akte X), appelliert an die Fakten. Ohne die näheren Umstände, betont er, laufe der Sender Gefahr, die Bevölkerung unnötig zu beunruhigen. Die Kernernergie-Lobby ahnt derweil, dass die Journalisten das Gesehene nicht einfach abhaken und schickt die Atombehörde vor. Die versichert lückenlose Aufklärung, bittet aber gleichzeitig um Diskretion. Nachrichtenchef Jacovich ist bereit, diesem Wunsch zu entsprechen, verspürt er doch wenig Lust auf eine Klage. Denn die Rechtslage, zitiert er aus einem Buch, honoriere unbefugtes Fotografieren und Filmen in sensiblen Einrichtungen nicht unbedingt.

"Keine Bange, alles sauber!" - Der Pressesprecher des örtlichen Kraftwerks erklärt in blumigen Worten für Fernsehpublikum die Funktionsweise der Einrichtung.
„Keine Bange, alles sauber!“ – Der Pressesprecher des örtlichen Kraftwerks erklärt in blumigen Worten für Fernsehpublikum die Funktionsweise der Einrichtung.

Der Freie hat nichts zu verlieren

Kameramann Adams vermutet hinter der sich aufbauenden Drohkulisse eine Vertuschung. Auch Kimberly Wells ist angefixt, will fortan harte Themen recherchieren und appelliert an die Kontrollfunktion des Journalismus. Sie hat nicht die Rechnung mit dem Chauvinismus ihrer Vorgesetzten gemacht, die sie mit Sprüchen wie „Zerbrich‘ Dir nicht den hübschen Kopf, Schätzchen. Dein Platz ist vor der Kamera“, klein halten. Die Journalistin ahnt, unliebsames Verhalten könnte womöglich negativen Einfluss auf ihre Festanstellung ausüben – ein fester Arbeitsplatz und ein sicheres Einkommen sind schon damals ein rares Gut in der Branche.

Adams als Freiberufler hat allerdings nichts zu verlieren und stiehlt den Film aus dem Tresor des Senders. Parallel plagen Jack Godell (Jack Lemmon), seines Zeichen verantwortlicher und diensthabender Chefingenieur während des Vorfalls, Gewissensbisse. Alle Indizien deuten darauf hin, dass Kalifornien haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschrammt ist. Nicht viel, und freigelegte Brennstäbe hätten sich einmal durch die komplette Erdkugel gefressen. Dort, auf der anderen Seite der Welt, liegt China. Womit endlich auch der Titel Das China Syndrom erklärt wäre.*

* Wobei der Titel eigentlich das Madagaskar-Syndrom lauten müsste. Zieht man von Kalifornien eine gerade Linie durch den Erdmittelpunkt, kommt man im indischen Ozean vor Madagaskar heraus. Schöne Spielerei – die Antipoden-Karte auf der Homepage des Diercke-Atlas.

Auf PR-Streichzug durchs AKW. Kameramann und Aktivist Richard Adams (Michael Douglas, 2. v. r.) bekommt Schnappatmung.
Auf PR-Streichzug durchs AKW. Kameramann und Aktivist Richard Adams (Michael Douglas, 2. v. r.) bekommt Schnappatmung.

Vorbilder für Das China Syndrom

Prämisse und Grundtenor von Das China Sydrom sind die eines typischen Journalistenfilms aus der Post-Watergate-Ära. Das gesellschaftliche Klima ist von Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen geprägt. Den Mächtigen wird genauer auf die Finger geschaut, Vertuschung hinter jeder Ecke vermutet. Eine investigativ unbeleckte Reporterin entwickelt einen journalistischen Verantwortungssinn, indem sie einer Richard Nixon-like agierenden Branche auf die Schliche kommt: Die Kernenergiewirtschaft gibt vor, im Interesse und zum Wohle der Menschen in den USA zu handeln, verfolgt aber eigene, Macht erhaltende Absichten und schreckt nicht zurück, diese mithilfe krimineller Aktivitäten durchzusetzen. Diese Machenschaften offen zulegen, erinnert Kimberly Wells in einer kleinen Ansprache im Sender, dies sei die Aufgabe einer freien Berichterstattung. Sie bezieht sich konkret auf „Leute wie Woodward und Bernstein“, die als grünschäbelige Politreporter mitgeholfen haben, die Watergate-Affäre aufzudecken. In dieser Beziehung steht Das China Syndrom in der Tradition von Die Unbestechlichen.


Aber nicht nur das. Im Erscheinungsjahr 1976 erblickte neben Die Unbestechlichen ein weiterer, einflussreicher Medienfilm die Kinos, der auf Das China Syndrom abfärbte. Die Satire Network prangert die Boulevardisierung des Nachrichtenwesens und die Profitgier in den Sendeanstalten an, die perspektivisch zur Desinformation der Nation führen können. Das China Syndrom leiht sich von Network zweierlei: das Medienkritische und das Prophetische.

Mahner und Zauderer: Senderchef Don Jacovich (Peter Donat) legt sich nur höchst ungern mit der Atomlobby an.
Mahner und Zauderer: Senderchef Don Jacovich (Peter Donat) legt sich nur höchst ungern mit der Atomlobby an.

(K)Eine Atomspalterei

Die Nachrichtensendung, für die Kimberly Wells arbeitet, hat bereits einen unterhaltenden Charakter angenommen, Quote ist das entscheidende Kriterium für ihren Chef Don Jacovich. Dass dieser vor der Atom-Lobby einknickt, hat demnach nichts mit Rechtsgelehrsamkeit und journalistischer Sorgfaltspflicht zu tun – er fürchtet die monetären Konsequenzen: Es droht nicht nur Liebesentzug in Form ausbleibender Werbegelder, sondern auch der Ruin, ausgelöst durch einen Rechtsstreit mit einer wesentlich potenteren Partei.

Finanzieller Liebesentzug und Ruin sind natürlich nur hypothetische Szenarien, und sollten mit Blick auf das öffentliche Interesse absolut nebensächlich sein, in den Augen von Don Jacovich, der anhand von Zahlen und Moneten gemessen wird, sind sie allerdings sehr real – weshalb er als Sendeverantwortlicher letztendlich vorauseilenden Gehorsam leistet. Dass sich Medien und Medienmacher mit dieser Denke immer weiter in Abhängigkeiten hinein manövrieren, aus die es sich schwer befreien lässt – zu der diffusen Angst vor der Schieflage einer gesamten Branche gesellen sich die konkreten Jobängste der Einzelnen hinzu – macht der Film nur allzu gut deutlich. Der Einzige, der sich furchtlos in die Atomspalterei stürzt, ist – wie schon erwähnt – Freiberufler Adams.

Verstärker der Anti-Atom-Bewegung

Dass sich Das China Syndrom als prophetisch erweisen würde, hätten sich die Autoren des Films hingegen wohl kaum träumen lassen. Während Network Jahrzehnte benötigte, um als wahrsagendes Werk gefeiert zu werden, wurde Das China Syndrom nur wenige Tage nach dem Kinostart von der Realität eingeholt. Am 28. März ereignete sich im dem AKW Three Mile Island bei Harrisburg, Pennsylvania, ein Kernschmelzunfall, bei dem ein Reaktor zerstört wurde. Eine nukleare Katastrophe wie in Tschernobyl 1986 oder Fukushima 2011 konnte zwar abgewendet werden, um den Druck auf die Anlage zu reduzieren, hatte man allerdings radioaktives Gas entweichen lassen. Während erste Untersuchungen der Atomkontrollbehörden keine gesundheitlichen Langzeitfolgen für die Anwohnerschaft ausmachen konnten, weisen neuere, unabhängige Studien auf die erhöhte Krebshäufigkeit unter Bewohnern auf der vom Wind abgewandten Seite hin.

Das China Syndrom geriet durch die Parallelität der Ereignisse zum Verstärker einer Anti-Atomkraft-Bewegung, die in den Jahren zuvor nur gedämpft wahrgenommen wurde. Bedenken von Kritikern, Umweltschützern und besorgten Anwohnern wurden zuvor klein geredet, auch mithilfe medialer Kampagnen wie sie Kimberly Wells verantworten soll. „Dieses Land treibt den Bau von AKWs voran, hat aber keine überzeugende Antwort auf die Lagerung von Atommüll“, klagt eine Teilnehmerin auf einer der im gezeigten Film Protest-Veranstaltungen.

Emanzipation einer Reporterin: Das China Syndrom ist auch ein Film über eine Frau, die sich in einer von Männer dominierten Arbeitswelt durchsetzt.
Emanzipation einer Reporterin: Das China Syndrom ist auch ein Film über eine Frau, die sich in einer von Männer dominierten Arbeitswelt durchsetzt.

Die emanzipatorische Komponente

Trotz seines – verzeiht mir die Wortwahl in diesem Kontext – Impacts fristet Das China Syndrom ein Dasein im B-Kader der Journalistenfilme. Das mag zum einen daran liegen, dass der Film an sich etwas in Vergessenheit geraten ist. Bei den Oscars (vier Nominierungen) ging Das China Syndrom leer aus und historisch wurde der Streifen von der Unbelehrbarkeit menschlicher Hybris überlagert, wie sie nicht nur anhand der eben erwähnten Unfälle in der Sowjetunion und in Japan erkennbar ist: Allein im Kraftwerk Three Mile Island kam im Laufe der Jahre zu drei (!) weiteren Vorfällen, zuletzt im Oktober 2015, als es in Reaktor 1 brannte. Radioaktivität sei, so heißt es, nicht freigesetzt worden.

Zum anderen hallen die großen Vorbilder aus dieser Zeit nach. Dabei ist Das China Syndrom mehr als ein Epigone von Die Unbestechlichen und Network, der die Grundthemen dieser beiden Filme sinnvoll wie anschaulich im Dualismus Verantwortung vs. Abhängigkeit der vierten Gewalt gegenüberstellt. Das China Syndrom erzählt darüber hinaus die Geschichte aus der Sicht einer Frau, die sich gegen die Widerstände in einer von Männern dominierten Welt zu behaupten versucht. Gegen den Sexismus im Sender, der sie als schmuckes Eye Candy betrachtet, aber auch gegen die Skepsis im Kreise der potenziellen Informanten, die sie zunächst nicht ernst nehmen.

Bittere Schlusspointe: Am Ende kommt vieles raus. Den Verantwortlichen gelingt es jedoch, Teile der Wahrheit zu ihren Gunsten zu verbiegen
Bittere Schlusspointe: Am Ende kommt vieles raus. Den Verantwortlichen gelingt es jedoch, Teile der Wahrheit zu ihren Gunsten zu verbiegen

Aufklärerisch und aktuell

Jane Fonda spielt die emanzipatorische Entwicklung der Kimberly Wells nuanciert, einem Schritt nach vorne folgt wieder ein Schritt zurück. Ihrer Absicht, künftig nur noch durch gesellschaftlich relevanten Journalismus aufzufallen, steht ihre Unsicherheit gegenüber, wie diese Entschlossenheit wohl bei den Männern ankommen mag, die über ihre Weiterbeschäftigung entscheiden. Jane Fonda ist auch deshalb so überzeugend, weil sie diesen Zwiespalt persönlich nachvollziehen kann: In den 1960er- und 70er-Jahren auf die Rolle des Sexsymbols festgelegt, war sie um einen Wechsel in Charakterfach bemüht. Das China Syndrom gilt dahingehend als ihr Durchbruch.

Die Bedeutung einer freien Presse, der Appell an einen verantwortungsvollen Umgang mit risikoreichen Technologien, die ungleiche Behandlung von Frauen – Das China Syndrom ist ein auf vielen Ebenen aufklärerischer Film, der trotz – oder gerade wegen – seiner fiktionalen Geschichte gut funktioniert. Das Finale ist natürlich hollywood’esk, wer einen Teil der Themen mit weniger Thrill und stärker in der Realität verhaftet aufbereitet sehen will, dem sei Mike Nichols Silkwood ans Herz gelegt. Der Film erzählt die Geschichte der Karen Silkwood (gespielt von Meryl Streep), die sich als Mitarbeiterin in einer Fabrik für Brennelemente für ihre Kollegen einsetzt und zur Gewerkschaftlerin aufsteigt. Wenngleich Das China Syndrom unter dem Gesichtspunkt veränderter Sehgewohnheiten etwas eingestaubt wirkt – an Aktualität hat er, vierzig Jahre nach seinem Erscheinen, kaum eingebüßt. Und das an allen Fronten. Das macht ihn faszinierend und erschreckend zugleich.


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