Make Kazakhstan great again… NOT! Weil sein Heimatland durch die Dokumentation Kulturelle Lernung von Amerika, um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen international zur Lachnummer gerät, muss der Urheber und kasachische TV-Reporter Borat Sagdiyev Steine in einem Gulag kloppen. 14 Jahre nach dem Erfolg des ersten Borat-Films feiert Amazon mit Borat Anschluss Moviefilm die Haftentlassung. Doch wie funktioniert Sacha Baron Cohens Kunstfigur anno 2020?

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Amazon Studios.

Borats erster Roadtrip durch die US&A war einer der Überraschungshits des Kinojahres 2006. Der Film bot eine wilde Mixtur aus derber versteckter Kamera, bitterböser Satire und absurder Comedy und machte seinen Protagonisten zur Kultfigur. Doch wer konnte damals ahnen, dass der anarchische Reporter nach seinem Siegeszug bald schon aus dem Verkehr gezogen würde? Das zumindest ist die Folklore, die die Fortsetzung Borat Anschluss Moviefilm weiterspinnt. Weil seine international beachtete Dokumentation Schande über die stolze Nation Kasachstans bringt*, wird der viertbeste Reporter seines Landes in ein Arbeitslager verfrachtet.

*Dass das echte Kasachstan nach anfänglichem Ärger durchaus vom Borat-Hype profitierte – diese und viele andere Geschichten rund um die Entstehung des ersten Films breiten wir in unserer „Ballad of Borat“ aus.

Borat sieht sich schon bis an sein Lebensende Strafarbeiten verrichten, da bietet sich nach 14 Jahren im Gulag die Chance zur Rehabilitierung: Um die kasachisch-amerikanischen Beziehungen aufzubessern, soll Borat im Namen seiner Regierung Johnny the Monkey, den kasachischen Kulturminister, als Gastgeschenk in die USA überführen. Schließlich, so die Idee, kenne Borat die Gepflogenheiten des Landes. Zurück in den Staaten muss der Journalist allerdings feststellen, dass das gesellschaftliche Klima mittlerweile ein völlig anderes ist.

Borat ist Kult. Die kasachische Regierung sah das aber nach dem ersten Film anders und verfrachtete den Reporter in ein Gulag. So erzählt es zumindest Borat Anschluss Moviefilm
Borat ist Kult. Die kasachische Regierung sah das aber nach dem ersten Film anders und verfrachtete den Reporter in ein Gulag. So erzählt es zumindest Borat Anschluss Moviefilm.

Borat und die Herausforderungen des postfaktischen Zeitalters

Seit Borats erstem Besuch hat sich die Welt sehr schnell weitergedreht. Die Umstände seiner USA-Trips scheinen zunächst ähnlich: Wie schon 2006 werden die Vereinigten Staaten 2020 von einem republikanischen Präsidenten regiert, der weit über die Grenzen der eigenen Nation hinaus polarisiert. Und doch mutet sich die aktuelle Ära seltsam anders an, als sei Welt unter George W. Bush noch in Ordnung gewesen. Schon Bush jr. hatte es mit der Wahrheit nicht sonderlich genau genommen. Verglichen mit seinem Vor-Vorgänger jedoch verkörpert Donald Trump postfaktisches Endgegner-Niveau.

Noch etwas hat sich geändert – der Tonfall in der Welt ist lauter und rauer geworden. Das Web 2.0 mit seinen spannenden und neuen Möglichkeiten hat sich in rasanter Geschwindigkeit zu einem wirkungsmächtigen Instrument entwickelt, das unsere Rekonstruktion von Wirklichkeit entscheidend mitbestimmt. Allerhand krudes, infames und menschenverachtendes Gedankengut wird in unsere Timelines gespült. Wirklich krasses Zeug wie Incel oder QAnon. Aber auch der ganz „normale“ Alltagshass in den Kommentarspalten der Sozialen Medien. Angesichts dieser Verrohungstendenzen muss sich Borat ordentlich anstrengen, um in der heutigen Zeit überhaupt noch irgendjemanden zu entlarven.

Borats Tochter hat ein Baby im Bauch. Borat ist daran nicht unschuldig. Was den Mediziner in eine heikle Situation bringt. Dabei ist der Vorfall harmlos.
Borats Tochter hat ein Baby im Bauch. Borat ist daran nicht unschuldig. Was den Mediziner in eine heikle Situation bringt. Dabei ist der Vorfall harmlos.

Inzest, Holocaust – die Klaviatur der humoristischen Entgleisungen

Das alles erklärt, warum Borats zweiter Anlauf mit seinem Anschluss Moviefilm zu bemüht, zu gewollt wirkt. Womit soll der misogyne, antisemitische und rassistische Reporter aus dem „rückständigen“ Kasachstan noch schocken, wenn der reale Hass gegen Frauen, Juden und Fremde viel krassere Blüten treibt? Sacha Baron Cohen lässt erneut nichts unversucht, die Grenzen des guten Geschmacks auszureizen. Witze über Inzest, den Holocaust oder den Ku-Klux-Klan – Borat bespielt die gesamte Klaviatur der humoristischen Entgleisungen.

Wann das Lachen im Halse stecken bleibt, das hängt – wie schon 2006 – von der eigenen Toleranz ab. Gleichwohl haben weitere (Netz-)Entwicklungen für einen Veränderungsdruck gesorgt, an dem auch eine Figur wie Borat gemessen wird. Globale Bewegungen wie #MeToo und #BlackLivesMatter haben das allgemeine Bewusstsein geschärft, was den Umgang mit Diskriminierungen betrifft. Einerseits wissen wir: Das, was Borat zur Schau trägt, ist „nur“ eine Groteske existierender Geisteshaltungen, die nie und nimmer gesellschaftsfähig sein sollten. Andererseits werden wir unruhig bei dem Gedanken, dass das Gezeigte ohne Kommentar, ohne klare Haltung, stehenbleiben könnte. Schon dem ersten Borat-Film warfen Kritiker vor, dass viele Szenen ohne jedwede Einordnung missverstanden werden könnten.

Michael Penis! I brought you a woman! Borat in Trump-Montur bietet dem US-Vize-Präsidenten seine Tutar an.
Michael Penis! I brought you a woman! Borat in Trump-Montur bietet dem US-Vize-Präsidenten seine Tutar an.

Maske statt Mankini – Anschluss Moviefilm geht auf Nummer sicher

Deshalb ist der Borat von 2020 – ganz im Sinne des Zeitgeists – um Ausgleich bemüht. Seine ständigen Ressentiments gegenüber Juden etwa kulminieren in einem Versöhnungs-Sketch in einer Synagoge. Dort taucht der Reporter in einem Moment der Ausweglosigkeit als jüdische Karikatur verkleidet auf, hoffend, dass ihn ein „mass shooting“ aus dem Leben reißt. Statt eines Massakers erlebt Borat bedingungslose Nächstenliebe: Eine Überlebende* des Holocausts schließt den kasachischen Reporter in die Arme. In dem Plot um Borats Tochter Tutar (Maria Bakalova) steckt wiederum eine eindeutige Female Empowerment-Botschaft. Nachdem sie anfangs als diplomatische Aufmerksamkeit für den US-Vize Michael Pence herhalten soll, emanzipiert sie sich im weiteren Verlauf des Films von den frauenverachtenden „Erziehungs-Traditionen“, die ihr Vater völlig unkritisch praktiziert.

*Hierbei handelt es sich um die inzwischen verstorbene Judith Dim Evans. Ihr ist der Film gewidmet. Gleichzeitig strebte Evans Tochter eine (mittlerweile abgewiesene) Klage gegen den Film an: Ihre Mutter habe die Hintergründe der Aufnahmen nicht gekannt. Die Macher um Sacha Baron Cohen betonen Gegenteiliges: Die Zeitzeugin sei sehr wohl über den satirischen Charakter der Szene eingeweiht gewesen, entgegen der üblichen Vorgehensweise.

Nicht zuletzt die Veröffentlichung wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl in den USA war ein deutlicher Fingerzeig: Borats Anschluss Moviefilm ist ein Werk mit einer Agenda, ein Film, der viel stärker durchkomponiert daherkommt als sein Vorgänger, der auch von seinen Improvisationen lebte. Jede Szene in Borat Anschluss Moviefilm ist Teil der Rahmenhandlung, es gibt wenig Raum für „Gelegenheitsgags“. Hier mag Corona den Drehplan ausgedünnt haben. Gleichzeitig erweist sich die Pandemie als erzählerischer Glücksfall: Maske statt Mankini – auch das ist 2020. Borat Anschluss Moviefilm wird so zu einem Zeitdokument.

Glücksfall Corona: Die Pandemie hat die Dreharbeiten zu Borat Anschluss Moviefilm wie so vieles ordentlich durchgewirbelt. Sie bietet aber auch neue Möglichkeiten. So darf Borat bei zwei QAnon-Sympathisanten in die Quarantäne.
Glücksfall Corona: Die Pandemie hat die Dreharbeiten zu Borat Anschluss Moviefilm – wie so vieles – ordentlich durchgewirbelt. Sie bietet aber auch neue Möglichkeiten. So darf Borat bei zwei QAnon-Sympathisanten in die Quarantäne.

Borats Profession als Reporter
ist dieses Mal nur ein Randthema

Die Kehrseite: Gerade weil es nur noch wenig zu entlarven gibt und der Film einen klaren, übergeordneten Überbau verfolgt, kommen Zweifel an der Authentizität der Vignetten auf. Schaut man sich Positionierung und Bewegung der Kamera genauer an, fällt es schwer, an ungekünstelte Situationen zu glauben. Auch in Teil 1 war nicht alles echt. Allerdings verlieh der „journalistische Aufhänger“ vielen Situationen eine Plausibilität: Ein ausländischer Reporter, der vorgibt, für das kasachische Fernsehen zu berichten – das erklärt, weshalb sich Menschen auf die Kameras einlassen.

Borat Anschluss Moviefilm kommt ohne einen journalistischen Auftrag aus, es wird noch nicht mal richtig erklärt, warum dieser Trip überhaupt von Kameras festgehalten wird. Der Bruch mit der vierten Wand findet nicht mehr statt, weder Borat noch Tutar wenden sich an ein potenzielles Publikum. Generell spielt die Profession Borats nur noch eine untergeordnete Rolle, er ist primär als Botschafter unterwegs.

Der Skandal des Films: Borats Tochter Tutar führt ein Interview mit dem Trump-Berater und ehemaligen New Yorker Bürgermeister Rudy Guiliani - anschließend verlegen die beiden das Treffen ins benachbarte Hotelschlafzimmer.
Der Skandal des Films: Borats Tochter Tutar führt ein Interview mit dem Trump-Berater und ehemaligen New Yorker Bürgermeister Rudy Guiliani – anschließend verlegen die beiden das Treffen ins benachbarte Hotelschlafzimmer.

Die journalistische Restkomponente und die Hand Rudy Giulianis

Erst zum Ende hin erinnert sich der Film an die journalistischen Wurzeln der Figur, indem er eine Staffelstabübergabe inszeniert. Tutar tritt in die beruflichen Fußstapfen ihres Vaters, wobei sie einen seriöseren Stil pflegt als wir es von Borat gewohnt sind. Auch das gehört zur Emanzipation zur Figur. Als Reporterin fährt sie den „Scoop“ des Films ein: Gemeint ist die im Vorfeld kontrovers diskutierte Hotelzimmer-Szene, die den Trump-Berater Rudy Giuliani mit verdächtiger „Hand in der Hose“ einfängt.

Der verwässerte Mockumentary-Ansatz und die stärkere Story-Fokus machen Borat Anschluss Moviefilm nicht witz-, aber doch etwas reizlos. Natürlich lässt es sich wunderbar miträtseln, welche Szenen wohl wie entstanden sind (einen sehr umfangreichen Versuch der Auflösung bietet IndieWire an, das 17 (!) zentrale Pranks des Films untersucht), auf die Gefahr hin, dass man sich das eigene Vergnügen verdirbt. Der Urknall des ersten Teils hallt im zweiten Borat-Films nur noch nach. So ergeht es vielen Fortsetzungen. Kommt man damit klar, dann ist Borat Anschluss Moviefilm ein spaßiger Agendafilm fürs Scheißjahr 2020.

Borat ist seit dem 23. Oktober exklusiv im Streamingangebot von Amazon abrufbar.

Naughty, naughty: Die Geschichte von Borat (2006)