Sie war die Überraschung bei den Oscars 2016 – die Auszeichnung von Spotlight als Bester Film. Eine Branche überschlug sich vor Freude, hatte sie doch zuletzt wenig Grund zum Jubeln. Auch für das Genre an sich war der Gewinn des gewichtigsten Goldjungen eine Sternstunde mit Seltenheitswert. Journalistenfilme werden oft nominiert, jedoch kaum prämiert. Zumindest von Seiten der Academy. Zur bevorstehenden 89. Verleihung führen wir mal Buch.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Paramount Pictures.

Journalistenfilme als Bester Film

Kaum zu glauben, aber wahr: Spotlight war erst der zweite Journalistenfilm, der den Oscar für den Besten Film gewann. Welcher der andere war? Die Unbestechlichen? Die Filmfibel für Journalisten erhielt 1977 vier Oscars, aber nicht in der Königskategorie. Citizen Kane? Orson Welles meisterhaftes Porträt eines Zeitungsmagnaten, angelehnt an Boulevardmogul Willam Randolph Hearst, wurde bei der Verleihung 1942 bei neun Nominierungen mit dem Oscar für das Beste Original-Drehbuch abgepeist. Die seltene Ehre gebührt einem Film mit dem Titel Tabu der Gerechten (im Original: Gentlemen’s Agreement, Oscar-Verleihung 1948). Darin spielt der auf Heldenrollen geeichte Gregory Peck einen Journalisten, der einen Artikel über Anti-Semitismus schreibt und dafür eine jüdische Identität annimmt, um Diskriminierung am eigenen Leibe zu erfahren. Noch nie gehört? Ganz ehrlich? Ich auch nicht.

Die meisten Oscars eines Journalistenfilms

Zumindest hier ist auf Die Unbestechlichen Verlass: 1977 gab es vier Oscars, und zwar in den Kategorien Bester Nebendarsteller (für Jason Robards), Bestes adaptiertes Drehbuch, Bestes Szenenbild und Bester Ton. Am selben Abend räumte The Network ebenfalls vier Oscars ab, darunter die Oscars für den Bester Hauptdarsteller (für Peter Finch, der in der Rolle eines wahnsinngen Nachrichtensprechers brilliert), die Beste Hauptdarstellerin (Fay Dunaway) und die Beste Nebendarstellerin (Beatrice Straight), dazu den Oscar für das Beste Original-Drehbuch. Mit je vier Statuetten teilen sich Die Unbestechlichen und The Network den Spitzenplatz. Der Oscar für den Besten Film ging in 1977 übrigens an Rocky.

Drei Oscars erhielten das Kambodscha-Drama The Killing Fields (1986), der im sozialistischen Milieu der Post-Erste-Weltkrieg-Ära spielende Journalistenfilm Reds (1982, insgesamt zwölf Mal nominiert!) und das bereits erwähnte Tabu der Gerechten (1948).

Edit, 22. Februar 2017, 20.15 Uhr: Auf Twitter wies mich Tobias darauf hin, dass es einen Film gibt, der die gesamte Statistik hier ins Wanken bringt: Es geschah in einer Nacht gewann 1934 fünf Oscars, darunter erstmals alle Big Four-Auszeichnungen. In der romantischen Screwball-Komödie spielt Clark Gable einen gefeuerten Journalisten, der eine Diebin auf der Flucht begleitet – dafür erhält er die Chance, einen Exklusivbericht zu schreiben. Inwieweit der Film das „Phänomen Journalismus“ beleuchtet, um als Journalistenfilm im klassischen Sinne zu gelten (der Film ist mir in keiner der zahlreichen Listen zum Thema unter gekommen), kann ich in meiner Unkenntnis nicht sagen. Verdammte 30er-Jahre. Gut möglich, dass ich hier demnächst (spätestens bis zur Oscar-Verleihung 2018) komplett umbaue. So lange möchte ich den Film zumindest nicht unterschlagen. Danke, Tobias!

Die häufigste Auszeichnung

In die Big Four (Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller und Bester Hauptdarstellerin) stoßen Journalistenfilme selten vor. Als Trostpflaster gibt es ja die Drehbuch-Oscars. Gleich viermal wurde der Oscar für das Beste Original-Drehbuch gewonnen: Spotlight (2016), Almost Famous (2001), The Network (1977) und Citizen Kane (1942).

Die bemerkenswertesten Oscars

Abgesehen von den Auszeichnungen für den Besten Film, versteht sich. Eine märchenhafte Geschichte ist der Oscar für Haing S. Ngor im Jahr 1986. Der Kambodschaner, selbst Opfer des Rote Khmer-Regimes, spielte ohne jegliche Schauspielerfahrung in The Killing Fields den kambodschanischen Journalisten Dith Pran. Wobei die Tatsache, dass die Academy die Figur des Pran zur Nebenfigur degradierte, ein kleiner Skandal ist. Leider hielt Ngors Märchen kein Happy End bereit. Der Oscar-Preisträger wurde 1992 von einer Jugendbande überfallen und erschossen.

Zwei Jahre zuvor erhielt Linda Hunt den Oscar für die Besten Nebendarstellerin – für die Darstellung eines Mannes. In Peter Weirs Ein Jahr in der Hölle schlüpfte sie an der Seite von Mel Gibson in die Rolle des Fotoreporter Billy Kwan.

Viele Nominierungen, keine Auszeichnung

Eine hohe Zahl an Nominierungen gerantiert keinen Oscar. Filme wie Die Farbe Lila (elf Nominierungen), American Hustle, Gangs of New York oder True Grit (zehn Nominierungen) sind beste Negativbeispiele. Citizen Kane gehört mit einem Oscar bei neun Nominierungen ganz sicher zu den größten Verlierern unter den Journalistenfilmen. Aber ein läppischer Drehbuch-Oscar ist immer noch besser als Fritten aus der Mülltonne. Diese Filme besaßen alle Chancen, gingen aber komplett leer aus: Michaels Mann Insider (2000,), Broadcast News (1988, je sieben Nominierungen), Good Night and Good Luck (2006, verloren gegen den umstrittensten Oscar-Abräumer der jüngeren Vergangenheit: L.A.Crash) Hitchcocks Der Auslandkorrespondent (1941, je sechs Nominierungen), Philomenia (2014), Frost/Nixon (2009) und Blood Diamond (2008, je fünf Nominierungen).

Alle* Journalistenfilme bei den Oscars (Gewinner gefettet)

2016: Spotlight – sechs Nominierungen, zwei Oscars (Bestes Original-Drehbuch)

2014: Phliomenia – fünf Nominierungen

2012: Verblendung – fünf Nominierungen, ein Oscar (Bester Schnitt)

2009: Frost/Nixon – fünf Nominierungen

2008: Blood Diamond – fünf Nominuerngen

2006: Good Night and Good Luck – sechs Nominierungen

2001: Almost Famous – vier Nominierungen, ein Oscar (Bestes Original-Drehbuch)

2000: Insider – sieben Nominierungen

1998: Wag The Dog – zwei Nominierungen

1995: Schlagzeilen – eine Nominierung

1988: Broadcast News – sieben Nominierungen / Schrei nach Freiheit – drei Nominierungen

1987: Salvador – zwei Nominierungen

1986: The Killing Fields: sieben Nominierungen, drei Oscars (Bester Nebendarsteller, Beste Kamera, Bester Schnitt)

1984: Ein Jahr in der Hölle – eine Nominierung, Verein Oscar

1982: Reds: zwölf Nominierungen, drei Oscars (Beste Regie, Beste Nebendarstellerin, Beste Kamera) / Die Sensationsreporterin – drei Nominierungen

1980: Das China-Syndrom – vier Nominierungen

1977: Die Unbestechlichen – acht Nominierungen, vier Oscars, (Bester Nebendarsteller Jason Robards, Bestes adaptiertes Drehbuch, Bestes Szenenbild, Bester Ton)
The Network zehn Nominierungen, vier Oscars (Bester Hauptdarsteller, Beste Hauptdarstellerin, Beste Nebendarstellerin, Bestes Origianl-Drehbuch)

1962: Das süße Leben – vier Nominierungen, ein Oscar (Bestes Kostümdesign – Schwarzweißfilm)

1952: Reporter des Satans – eine Nominierung

1948: Tabu der Gerechten – acht Nominierungen, drei Oscars (Bester Film, Beste Regie, Beste Nebendarsteller)

1942: Citizen Kane, neun Nominierungen (Bestes Original-Drehbuch)

1941: Der Auslandskorrepondent – sechs Nominierungen

1932: Spätausgabe – eine Nominierung

1931: The Front Page – drei Nominierungen

* mit bestem Wissen und Gewissen – Hinweise auf vergessene Filme gerne an mich!