„Was ist, wenn sich ein Mann als unschuldig erweist? Was schreibt die Zeitung dann?“ Auf diese Fragen von Mike Gallagher weiß Megan Carter keine Antworten. Die Journalistin hat den Spirituosenhändler als Verdächtigen in einem mutmaßlichen Mordfall geoutet. Zu Unrecht, wie sich herausstellt. Nicht nur das: Obendrein ist Carter von den Ermittlungsbehörden instrumentalisiert worden. Sydney Pollacks Die Sensationsreporterin (OT: Absence of Malice) ist ein Film über die Kehrseite des Enthüllungsjournalismus nach Watergate.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Columbia Pictures.

Megan Carter (Sally Field) ist eine ehrgeizige Zeitungsjournalistin. Der Film spricht es zwar nicht offen aus: Doch die Karriere ist alles, was die 34-jährige Alleinstehende hat. Sie verkörpert den Rollentypus der berufstätigen Frau, die ihre Weiblichkeit in einem von Männern dominierten Arbeitsumfeld mithilfe einer übersteigerten Abgebrühtheit maskiert. Daran ist in einer Branche, in der alle auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, an sich nichts Verwerfliches, sieht man von der grundsätzlichen Verwerflichkeit des Systems ab. In ihrem ständigen Bestreben, kaltschnäuziger, schlagfertiger und mies gelaunter als ihre Kollegen zu sein, vergisst Carter allerdings, was eine gute Journalistin ausmacht. Oder liegt das Problem viel tiefer, in ihrer journalistischen Sozialisation, verborgen?

Zu Beginn steht die Hoffnung auf den großen Scoop. Schon seit einem halben Jahr ermitteln die Behörden im Fall des verschwundenen Gewerkschaftsführers Diaz. Megan Carter erfährt, dass sich die Ermittlungen auf einen gewissen Mike Gallagher (Paul Newman) konzentrieren. Der Spirituosenhändler ist der Sohn eines inzwischen verstorbenen Alkoholschmugglers, der in Verbindung mit der lokalen Mafia stand. Was Carter zu ihrem Glück fehlt, ist eine offizielle Bestätigung. Ohne große Erwartungen wendet sie sich an den für gewöhnlich auskunftsunlustigen Sonderermittler Elliot Rosen (Bob Balaban). Tatsächlich ist das Gespräch zwischen den beiden nicht die Rede wert, doch zu ihrer Überraschung lässt Rosen die Journalistin unbeobachtet in seinem Büro zurück: „Trinken Sie doch einen Kaffee!“ Auf seinem Schreibtisch liegt, offen sichtbar, eine Akte mit dem Namen Gallaghers darauf. Eine Einladung, die Megan Carter annimmt.

Megan Carter (Sally Field) ist einer heiße Story auf der Spur. Allerdings sind die Fakten, wie sie ihr vorliegen, so nicht ganz richtig. Ein Unheil nimmt seinen Lauf.
Megan Carter (Sally Field) ist einer heißen Story auf der Spur. Allerdings sind die Fakten, wie sie ihr vorliegen, so nicht richtig. Ein Unheil nimmt seinen Lauf.

Die Sensationsreporterin und ihr journalistischer Schnellschuss

Die Reporterin kehrt mit gemischten Gefühlen in die Redaktion des Miami Standard zurück. Einerseits ist da die Freude darüber, dass sie den richtigen Riecher beweisen hat. Andererseits stellt sich die Frage, warum der Ermittler derart sensible Unterlagen so offen herumliegen ließ. „Vielleicht will er einfach ein guter Kerl sein. Vielleicht will er, dass wir ihm einen Gefallen schulden? Wenn wir immer nach dem Warum fragen, können wir nur monatlich erscheinen“, ermuntert der Verleger seine Mitarbeiterin zu einem journalistischen Schnellschuss. Und überhaupt: „Die Menschen haben ein Recht, davon zu erfahren!“ Dem Primat des Lesers kann sich Carter nicht entziehen.

Sie stellt keine weiteren Fragen mehr. Weder ihrem Verleger, noch den Ermittlern, schon gar nicht dem Betroffenen. Wobei: Sie versucht wohl, Gallagher halbherzig zu erreichen, auf Anraten des Justiziars. Der redet lauter wirres, rechtsverdrehendes Zeug, Tenor: Der Wahrheitsgehalt der Geschichte spielt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass hinterher niemand klagen kann, die Zeitung habe grob fahrlässig gehandelt. So richtig sicher ist sich die Journalistin ihrer Sache nicht, das sieht man. Und doch vertraut sie der Echtheit der Aktennotiz. Der Scoop ist einfach zu verlockend. Ihr Redakteur, der erfahrene McAdam (Josef Sommer), hilft dabei, den Artikel rechtzeitig vor Andruck zu finalisieren. Die Herkunft der Nachricht wird vielsagend „gut informierten Kreisen“ zugeschrieben. Von wegen Informantenschutz und so. Dabei dient die Verschleierung in Wirklichkeit dem Selbstschutz. Denn Carter hat in Unterlagen geblättert, die eigentlich nicht für ihre Augen bestimmt waren.

Mike Gallagher (Paul Newman) is not amused: Ja, sein Vater war Alkoholschmuggler und eine Freund der Mafia - das macht ihn aber noch lange nicht zum Verbrecher.
Mike Gallagher (Paul Newman) is not amused: Ja, sein Vater war Alkoholschmuggler und ein Freund der Mafia – das macht ihn aber noch lange nicht zum Verbrecher.

Extrablatt, Extrablatt: Zu Namen gehören auch Menschen

Uneigentlich ist sie einer Finte des Kriminalbeamten Rosen aufgesessen. Die Behörden tappen im Fall Diaz im Dunkeln. Ermittlungen gegen Gallagher finden in Wahrheit gar nicht statt, dafür gibt es keine Grundlage. Doch weil Rosen glaubt, Gallagher müsse schon allein aufgrund seiner familiären Verbindungen zur Unterwelt gut unterrichtet sein, spekuliert der Ermittler darauf, dass der Geschäftsmann durch die unerwünschte Publicity zu einer Reaktion verleitet wird, die den Beamten neue Hinweise liefert. Tatsächlich besteht Gallaghers erste Reaktion darin, Megan Carter zur Rede zustellen. Der Journalistin ist die Konfrontation sichtlich unangenehm, als realisiere sie zum allerersten Mal, dass zu den Namen, über die sie schreibt, auch Menschen gehören. Gallagher inszeniert sich als Opfer einer Intrige, was Carter als standhafte Reporterin, die von ihrer Geschichte überzeugt ist, nicht durchgehen lassen darf. Wären da nicht die Zweifel, die sie in dieser Situation aber ebenso wenig zugeben kann.

Aber es rattert in ihr. Megan Carter beschließt, Mike Gallagher auf den Zahn zu fühlen, indem sie ihn besser kennenlernt, was wiederum ganz im Sinne Gallaghers ist, der auf eine schnelle Rehabilitation hofft. Die Folgen der Berichterstattung sind für den Unternehmer existenzgefährdend bis lebensbedrohlich: Seine Partner wenden sich ab, die Gewerkschaft untersagt Hafenarbeitern die Zusammenarbeit mit ihm. Gallagher steht plötzlich ohne Personal und Aufträge da. Und auch die Mafia wird nervös – was weiß der Spross des ehemaligen Geschäftspartners wirklich?

„Ich will wirklich fair sein, ich bemühe mich“, gesteht die Sensationsreporterin Megan Carter. Mike Gallagher ist skeptisch, aber auch auf die Richtigstellung durch die Presse angewiesen. Auch wenn es auf diesem Bild nicht so aussieht: Sein Leben gerät aus den Fugen.
„Ich will wirklich fair sein, ich bemühe mich“, gesteht die Sensationsreporterin Megan Carter. Mike Gallagher ist skeptisch, aber auch auf die Richtigstellung durch die Presse angewiesen. Auch wenn es auf diesem Bild nicht so aussieht: Sein Leben gerät aus den Fugen.

Reporterin Megan Carter macht alles nur noch schlimmer

Angesichts dieser Implikationen – und einer gewissen Sympathie, die sie für Gallagher entwickelt – bekommt es Megan Carter mit ihrem Gewissen zu tun. „Ich will wirklich fair sein, ich bemühe mich“, gesteht sie. Die Chance auf Wiedergutmachung bietet sich, als Teresa, Gallaghers Ziehtochter, an die Journalistin herantritt. Sie kann bezeugen, dass der vorgeblich Verdächtigte zum Zeitpunkt von Diaz Verschwinden gar nicht in der Stadt war, will die Einzelheiten allerdings lieber aussparen. Wir als Zuschauer wissen: aus ihrer Perspektive ist das Alibi delikat. Gallagher hat Teresa, die Vorsteherin einer erzkatholischen Schule, zu einer Abtreibung in Atlanta begleitet.

Carter besteht – richtigerweise – darauf, die Hintergründe zu erfahren, denn nur so kann sie Teresas Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen. Sie besteht allerdings auch darauf, Teresas Namen in der Zeitung zu nennen. Die flehenden Bitten der Informantin wischt sie ohne jede Empathie beiseite. „Das ist doch nicht schlimm, wir leben in den Achtzigern“, spielt sie die Brisanz herunter. Als ihre Logik nicht zieht, schiebt Carter die Redaktion vor – „das müssen meine Vorgesetzten entscheiden“ –, womit sie der nervösen Frau eine Resthoffnung auf Anonymität suggeriert. Gleichzeitig setzt sie Teresa emotional unter Druck. Wenn sie Gallagher entlasten könne, sei es ihre Pflicht, dies auch zu tun.

Sonderermittler Elliot Rosen (Bob Balaban) tappt im Dunkeln. Also spannt er die Presse in sein Komplott ein.
Sonderermittler Elliot Rosen (Bob Balaban) tappt im Dunkeln. Also spannt er die Presse in sein Komplott ein.

Zweierlei Maß beim Informantenschutz

Nur geht es Carter nicht um Gallagher. Es geht um ihre eigene Rehabilitierung als Journalistin. Die Welt da draußen tut es zwar nicht, sie aber weiß, dass sie als Reporterin versagt hat. Weshalb sie es nun richtig machen und keine „dahergelaufene“ Quelle zitieren will. Sie verfällt jedoch ins andere Extrem: Das offizielle Leck hat sie ungefragt hingenommen und gedeckt, der verzweifelten, jungen Frau, die das Richtige tun möchte, hingegen versagt sie den Informantenschutz. Der Bericht erscheint, Teresa Name ist nicht mal ansatzweise anonymisiert. Die junge Frau begeht noch am selben Vormittag Suizid. Die Zeitung, da gibt es keinen Zweifel, hat sie auf dem Gewissen.

Wir steigen an dieser Stelle aus der Chronologie der Ereignisse aus, der Film hält noch einige Wendungen bereit, die eines unterstreichen: Egal, was Megan Carter auch anstellt, sie macht die Sache nur noch schlimmer. Eine Hauptfigur schreibt sich ins Verderben. Dabei ist Die Sensationsreporterin kein per se degenerierter Charakter. Carter weiß, welche Fehler sie begeht, ihr Bemühen um journalistische Wiedergutmachung ist glaubhaft – allerdings ist die Reporterin auch heillos überfordert. „Ich habe gedacht, es gibt Regeln“, gibt sie in der auflösenden Szene reumütig zu. Die erfahrenen Männer in der Redaktion, die ihr hätten unter die Arme greifen müssen, waren ihr keine geeigneten Vorbilder. Der Verleger ist ein sensationsgeiler Verkäufer, der Redakteur ein zynischer Opportunist, der Justiziar ein Fachidiot – alle drei handeln und argumentieren sehr kurzsichtig. Es dreht sich alles nur um den nächsten Scoop, um die Auflage des nächsten Tages. Die Langzeitfolgen hat niemand im Blick.

Kein Vorbild: Redakteur McAdam (Josef Sommer) ist ein alter Hase, aber auch reichlich zynisch. Megan Carter begeht den Fehler, sich zu sehr auf sein Urteil zu verlassen.
Kein Vorbild: Redakteur McAdam (Josef Sommer) ist ein alter Hase, aber auch reichlich zynisch. Megan Carter begeht den Fehler, sich zu sehr auf sein Urteil zu verlassen.

Die Sensationsreporterin zeigt die Kehrseite von Watergate

Die Sensationsreporterin ist ein Film über die Verantwortung des Journalismus. Regisseur Sydney Pollack zeigt auf, welche Schäden nachlässige Recherchen anrichten können, und zwar in erster Linie anhand derer, über die berichtet wird. Für die Distributoren der Falschnachrichten hat die Affäre Gallagher keine unmittelbaren Folgen, zumindest erzählt der Film von keinem Vertrauensverlust, den der Miami Standard erfährt. Die vorhin genannten Verantwortlichen haben sich erfolgreich weggeduckt, nur Megan Carter hat zum Ende des Films verdächtig „viel Farbe“ im Gesicht. Gleichwohl trägt Die Sensationsreporterin die Sorge in sich, zu viele Skandale könnten das Vertrauen der Öffentlichkeit in der Presse irreparabel beschädigen.

Der Film erscheint in den USA im Jahre 1981. Watergate, dieser historische Best Case des investigativen Journalismus, liegt noch keine zehn Jahre zurück. Und doch ist die weiße Weste der US-Presse schon wieder vergilbt. In den Jahren danach waren Heerscharen von Reportern ausgezogen, um dem Beispiel von Bob Woodward und Carl Bernstein zu folgen – sie hatten nicht nur Gutes zu Tage gefördert. Enthüllungen waren schon immer Lebens- und Legitimationsgrundlage der Presse. Doch zum Erbe von Watergate gehört auch die regelrechte Sucht nach immer neuen Affären, denen Journalisten das bedeutungsschwangere Suffix „-gate“ anhängen können. „In den USA fühlen sich die Journalisten seit Watergate wie in einem Western und vermuten unter jedem Kieselsteinchen einen Skandal“, erklärte Regisseur Sidney Pollack selbst.

Journalistin Megan Carter (k)eine Nestbeschmutzerin?

Die Sensationsreporterin wird zur Nestbeschmutzerin, und zwar im doppelten Sinne. Nicht nur, dass Megan Carter vorführt, wie man es besser nicht macht. Hatte Alan Pakula 1976 einen Berufsstand hochleben lassen, versetzt ihm Sidney Pollack fünf Jahre später einen Tritt. Die Sensationsreporterin ist der Gegenentwurf zu Die Unbestechlichen, der – so fürchtete es die zeitgenössische, überwiegend journalistische Kritik – ein falsches Bild vom Journalismus manifestiere. Diese Kritiker übersahen, dass der Film, der aus der Feder des ehemaligen Zeitungsjournalisten Karl Luedtke stammt, dem Journalismus keine böse Grundabsicht unterstellt.

Zu diesem Trugschluss kommt, wer sich auf die fatalen Auswirkungen konzentriert, mit verursacht durch die krassen journalistischen Vergehen der Hauptfigur. Viele Reviews, damalige wie heute, sehen in der Sensationsreporterin Megan Carter die zentrale Schande für den Journalismus. Keine Frage, Carter ist keine gute Journalistin. Sie ist in vielerlei Hinsicht unprofessionell. Die Affären, die Carter mit einem Mitarbeiter aus Rosens Büro unterhält und später mit Gallagher eingeht, unterstreichen diesen Eindruck, die Journalistin weiß Privates nicht vom Beruflichen zu trennen. Wer es ganz übel mit ihr meint, sieht in ihr eine Prostituierte, die sich stets demjenigen zuwendet, der ihr gerade etwas in den Block diktiert. Gallagher selbst wirft ihr am Rande einer gemeinsam Nacht vor, sie schreibe nur das, was ihr andere erzählten.

Megan Carter ist nicht frei von Schuld – aber nicht die alleinige Verantwortliche. Sie ist eine Schreibtischtäterin in einem System, in dem die Prioritäten und Ansprüche moralisch verrückt worden sind. Schieflagen, die im krassen Kontrast zur restlichen Zeitungsproduktion stehen, wie sie im Vorspann von Die Sensationsreporterin inszeniert wird – als harte, ehrliche Präzisionsarbeit, die Respekt verdient.

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