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Ohne Worte #7: Chaplin, der fiese Reporter in Making a Living (1914)

Wer hätte das gedacht? Bevor Charlie Chaplin den Tramp erschuf, liebäugelte die Stummfilm-Ikone mit dem Journalismus.

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Wer hätte das gedacht? Bevor Charlie Chaplin den Tramp erschuf, liebäugelte die Stummfilm-Ikone mit dem Journalismus.

Chaplins allererster Film ist nämlich eine Reporter-Klamotte. In Making a Living mimt er einen Bösewicht, der sich mit fremden Federn schmückt, um eine Anstellung in einer Zeitungsredaktion zu ergattern.

Text: Patrick Torma.

Chaplins Filmdebüt wirkt vertraut und ungewohnt zugleich. Der Slapstick-Komiker ist sofort zu erkennen, mit Schnurrbart und Spazierstock sind zwei seiner wichtigen Erkennungsmerkmale bereits vorhanden. Die Melone fehlt noch, stattdessen trägt die Figur Zylinder. Befremdlich ist hingegen Chaplins irrer Augenaufschlag – der Mime, der der Welt einen der beliebtesten Helden des 20. Jahrhunderts schenken wird, gibt in Making a Living einen Schurken, der seinem Konkurrenten übel mitspielt.

Die Rolle des unglückseligen Gegenparts übernimmt der Regisseur, Henry Lehrman, höchstpersönlich. Er ist doppelt gestraft: Dem Guten in diesem Film widerfährt ziemlich viel Schlechtes, schauspielerisch wird der Filmemacher von Greenhorn Chaplin in den Schatten gedrängt. Ironischerweise kommen Lehrman und Chaplin, beide im Dienste der Keystone Filmstudios angestellt, auch hinter der Kamera nicht miteinander klar. Chaplin beklagt nach Fertigstellung des Films, Lehrman habe der finalen Fassung die besten Gags vorenthalten. Der Regisseur wird später einräumen: Die permanenten Einmischungen Chaplins hätten ihn so sehr gefuchst, dass er den besserwisserischen Newcomer in der Post-Produktion wortwörtlich beschnitten habe. Nebenbei hat der Filmemacher seine eigenen Film sabotiert. Making a Living ist leider nicht mehr als uninspirierte Stummfilm-Zankerei.

Die Figur von Harry Lehrman wird Zeuge eines dramatischen Autounfalls – wie es sich für einen guten Reporter gehört, hat er seine Kamera gleich zur Hand. Weniger löblich: Lehrman robbt ganz nah an den Verletzten heran – er interviewt den eingeklemmten Fahrer noch an Ort und Stelle.
Die Figur von Harry Lehrman wird Zeuge eines dramatischen Autounfalls – wie es sich für einen guten Reporter gehört, hat er seine Kamera gleich zur Hand. Weniger löblich: Lehrman robbt ganz nah an den Verletzten heran – er interviewt den eingeklemmten Fahrer noch an Ort und Stelle.

Making a Living ist Chaplins Debütfilm – ohne den Tramp

Die Handlung: Der Straßengauner Chaplin erleichtert einen Fußgänger (Lehrman) um sein Geld. Mit seinem neu „gewonnenen“ Reichtum schindet er Eindruck bei einer jungen Frau. Chaplin hält um ihre Hand an, da biegt der Geprellte um die Ecke. Es fliegen die Fäuste, wobei der Bösewicht diese erste Klopperei für sich entscheidet.

Zu Beginn der zweiten Hälfte des 13-minütigen Kurzfilmes entdeckt der lumpige Chaplin ein Straßenschild mit der Aufschrift „Reporter wanted – see Editor“. Was immer ihn auch dazu bewegt, er fasst den Entschluss, sich zu bewerben. Das Vorstellungsgespräch in der Redaktion ist in vollem Gange, als ihm sein Widersacher erneut über den Weg läuft. Zufälle gibt’s, wie sich herausstellt: Die von Lehrman gespielte Figur ist bereits als Außenreporter für diese Zeitung tätig. Der leitende Redakteur verhindert so eben noch, dass sich die beiden Raufbolde an die Gurgel gehen.

Lehrman wird kurz darauf Zeuge eines dramatischen Autounfalls – wie es sich für einen guten Reporter gehört, hat er seine Kamera gleich zur Hand. Weniger löblich: Lehrman robbt ganz nah an den Verletzten heran – er interviewt den eingeklemmten Fahrer noch an Ort und Stelle. Diese Dreistigkeit erzürnt herbeieilende Passanten, es kommt zum Tumult. Chaplin nutzt die allgemeine Aufregung, um Lehrmans Kamera zu entwenden. Zurück in der Redaktion gibt dieser die gestohlenen Bilder als seine eigenen aus. Die Druckerpresse rotiert. Über Nacht wird Chaplin zum Starjournalisten. Viel Zeit, den Moment zu genießen, bleibt ihm allerdings nicht. Um seinen Scoop gebracht, fordert Lehrman den Fotodieb wutentbrannt zu einer finalen Keilerei auf…

Narrativ vom Reporter, der für eine exklusive Story zu allem bereit ist

Was von Making a Living (deutscher Titel: Wunderbares Leben) haften bleibt, ist – neben dem Naturtalent, welches Chaplin aufblitzen lässt – ein Topos, der die filmische Darstellung von Journalisten und somit das Kino der nächsten Dekaden prägen wird: Das Narrativ vom Journalisten, der für eine exklusive Geschichte zu allem bereit ist. Gerade männliche Reporter, beobachtet der Filmhistoriker Joe Saltzman in seiner Studie zum Bild des Journalisten im Stummfilm, neigen dazu, (berufs-)ethische Grundsätze über Bord zu werfen. Parallel kristallisiert sich bei den weiblichen Film-Vertreterinnen der Zunft der Typus der „Sob Sister“ heraus: Die mutige Reporterin, die es aus emotional-idealistischen Motiven mit Kriminellen und korrupten Obrigkeiten aufnimmt und auf eigene Faust, manchmal sogar gegen die Widerstände der männlichen Kollegen, den Tag rettet. Der zentrale, moralische Konflikt im Journalismus – Idealismus vs. Karrierismus – wird in den Anfangstagen des Kinos (bis ca. in die 1940er-Jahre hinein) zwischen den Geschlechtern ausgetragen.

Chaplin hält sich aus diesem Kampf fortan heraus, er streift die Rolle des skrupellosen Reporters von sich ab. Außerdem ist der Komiker viel zu beschäftigt, weitere Regisseure in den Wahnsinn zu treiben. Sein Rausschmiss bei Keystone scheint beschlossene Sache, da rettet ihn der Erfolg des Tramps (der bereits im Nachfolgefilm Kid Auto Races in Venice seine Premiere feiert) an den Kinokassen. Die Popularität dieser Figur verschafft Chaplin ein verbesserte Verhandlungsposition – und schließlich jene Unabhängigkeit, die er benötigt, um seine künstlerischen Visionen umzusetzen. Die Erfahrungen am Set von Making A Living haben ihn hierzu angestachelt.

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COMMENTS

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  • comment-avatar

    Hallo Patrick,
    toller Artikel. Eine Nummer kleiner hatten sie den Autounfall nicht oder? Schon lustig. Die erste Prügelei vor den Damen ist auch sehr unterhaltsam. Ich weiß kaum was schlimmer ist: Das Verhalten des Journalisten am Unfallort oder der Klau der Story. Das Ende mit der Straßenbahn ist einfach nur genial.

    Charlie Chaplin hatte ich bis zu seiner Comic-Biografie kaum auf dem Schirm, aber im Anschluss hab ich mich mehr mit seinem Werk auseinandergesetzt. Habe über die Biografie hier gebloggt: https://comicstation.de/charlie-chaplin-biografie-comic/ Am Ende gibt es tolle echte Bilder, ein Überblick über all seine Filme und tolle Informationen.

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