Filme über Journalisten gibt es wie Lettern auf einem Broadsheet. Aber Filme über Karikaturisten? Da muss man lange buddeln. Wir graben ganz tief – und gehen zurück in die Ära des Vielfilmers D.W. Griffith (Geburt einer Nation). In The Politician’s Love Story von 1909 treibt eine spöttische Zeichnung einen Abgesandten zur Weißglut. Eine neue Folge von Ohne Worte.

Text: Patrick Torma

Wahnsinnig viele Filme über Karikaturisten fallen einem wirklich nicht ein. Auch nach längerem Überlegen (sprich: Googlen) nicht. Es gibt zwar einige Dokumentationen zum Berufsstand; vor allem die Ereignisse um die dänischen Mohammed-Karikaturen, die Reaktionen in der islamischen Welt, kulminierend im Anschlag auf die Pariser Redaktionsräume des Satire-Magazins Charlie Hebdo, haben die Filmemacher bewogen, sich mit dem Wesen der Karikatur auseinanderzusetzen. Je suis Charlie (2015) ist hier zu nennen, aber auch einige TV-Beiträge der Öffentlich-Rechtlichen.

Der Spielfilmsektor ist in karikaturistischer Hinsicht ein weitgehend unbekritzeltes Blatt. Regisseur Gus van Sant (Good Will Hunting) brachte 2018 unter dem Titel Don’t Worry, weglaufen geht nicht die Biographie des querschnittgelähmten Zeichners John Callahan (1951 – 2010) in die Kinos. In der französisch-guineischen Co-Produktion Wolken über Conakry (2007) macht ein Karikaturist auf den Wahlbetrug seiner Regierung aufmerksam. Dahinter wird es sehr dünn, was erwähnenswerte Beiträge betrifft (für Tipps bin ich an dieser Stelle sehr dankbar).

Karikaturisten fristen im
Film ein Schattendasein

Es ist, wie es ist: Zeichnende Kommentatoren fristen ein cinematographisches Schattendasein, treten als Nebenfiguren auf den Plan oder lassen ihr eigentliches Beschäftigungsfeld unbestellt. David Finchers Zodiac – Die Spur des Killers etwa erzählt unter anderem von der Obsession des Karikaturisten Robert Graysmith (Jake Gyllenhaal), der den Zeichenstift aber früh zur Seite legt und sich zum investigativen Ermittler (und später zum führenden Zodiac-Experten) aufschwingt.

Auch der vorliegende Kurzfilm The Politician’s Love Story ist, wie der Titel schon erahnen lässt, kein „Karikaturistenfilm“. Der Karikaturist – in diesem Fall ist es eine Karikaturistin – spielt nur die zweite Geige. Im Mittelpunkt steht ein cholerischer Volksvertreter, der in einem Zeitungscartoon aufs Korn genommen wird. Völlig außer sich, greift der Politiker zur Waffe. In der Absicht, den Urheber niederzuschießen, stürmt er die Redaktion.

Eine Fingerübung für D.W. Griffith

Unter den Journalisten herrscht Panik, sie ziehen die Köpfe ein, während der potenzielle Amokläufer alleweil mit der Pistole wedelt. Die Reporter bedeuten ihm (und schieben damit Verantwortung fort), dass sich die wortwörtlich verantwortlich zeichnende Person im Nebenraum befindet. Wutentbrannt und zu allem bereit entert der Politiker die Zeichenstube – nur um festzustellen, dass die Zeichnung aus der Feder einer Frau stammt. Auf einmal ist alle Rachsucht verflogen, Armors Pfeil hat den Politiker getroffen…

Der Rest ist eine seichte „Er kriegt sie, er kriegt sie nicht“-Klamotte, die insofern bemerkenswert ist, als dass es sich um eine Fingerübung des Filmmachers D.W. Griffith handelt. Bevor der Regisseur ins Langfilmfach wechselte und filmhistorisch bedeutsame Schinken wie Geburt einer Nation und Intoleranz inszenierte, kurbelte er in seinen Anfangsjahren reihenweise Kurzfilme wie The Politician’s Love Story herunter. Die Internet Movie Database zählt allein für das Produktionsjahr 1909 weit über 100 Einträge (von insgesamt 520), die Griffith zugeschrieben werden.

Die Ewige Streitfrage: Was darf eigentlich Satire?

Blendet man das romantisch-komödiantische Geplänkel aus, dann reißt The Politician’s Love Story die ewige Streitfrage an: Was darf Satire? Gut gemachte Cartoons vermögen es, historische Ereignisse und gesellschaftliche Zustände auf den Punkt zu bringen und absurde Sachverhalte zu demaskieren. Sie sind Teil unserer Presse- und Meinungsfreiheit. Doch bekanntlich geht Freiheit mit Verantwortung einher.

Aufgrund ihrer Anschaulichkeit sind Karikaturen ein sehr unmittelbares Medium, das starke Emotionen wecken kann – eine Wirkung, die in aller Regel vom Urheber intendiert ist. Sie nehmen einen speziellen Blickwinkel ein, legen eine ganz bestimmte Lesart nahe und sind damit tendenziös; viele Stilmittel der Karikatur, Übertreibungen und Zuspitzungen etwa, sind Stilmittel der Provokation. Wird der Spott dann noch persönlich – und das ist er in vielen Fällen, ob nun auf einzelne Personen, Volksgruppen oder Religionsgemeinschaften gemünzt – ist schon bald irgendeine Toleranzgrenze überschritten.

Wo hört die freie Meinungsäußerung auf? An welcher Stelle wird Satire übergriffig? Das sind Fragen der Moral und der Rechtsprechung. Doch können auch diese Instanzen keine allgemeingültigen Antworten liefern. Der Welt wäre geholfen, wenn sich mancher Streit wie in The Politician’s Love Story auflöste – ganz im Sinne des Dichters Peter Rosegger: „Ein bisschen mehr Liebe und weniger Hass, [..] das wär doch schon was.“