Journalistenfilm aus Japan: The Journalist feierte hochdekoriert seine Europa-Premiere auf dem Nippon Connection Film Festival – aufgrund der aktuellen Weltlage online. In seiner Heimat wurde die Geschichte über eine Reporterin, die einem Regierungskomplott auf die Schliche kommt, mit dem höchsten Filmpreis des Landes ausgezeichnet. Dabei waren gute Nachrichten in Verbindung mit dem japanischen Journalismus jüngst eher selten.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Kadokawa.

Ein blindes Schaf findet auch mal einen Scoop. Mit diesem tierischen Vergleich ist nicht Erika Yoshioka (Shim Eun-Kyung), Protagonistin in The Journalist, gemeint. Diese Allegorie geht vielmehr auf Kosten ihrer Zunft. Aber dazu kommen wir noch. Eines Tages fischt die Reporterin einige anonym versendete Seiten aus dem Faxgerät, auf dem Deckblatt prangt ein Comic-Schaf mit schwarzen, leeren Augenhöhlen.

Noch weiß die Mitarbeiterin einer Tokioer Zeitung die Brisanz der Dokumente nicht einzuordnen. Klar scheint nur, die Informationen betreffen den Bau einer medizinischen Einrichtung. Ihre Chefredaktion sähe es lieber, wenn sich sie sich anderen – weicheren – Themen zuwenden würde. Doch die Tochter eines bekannten Journalisten hat es sich in den Kopf gesetzt, ihre Pflicht als investigative Reporterin zu erfüllen.

Ein blindes Schaf findet auch mal einen Scoop. Dieses Hammel-Abbild lugt eines Tages via Fax hervor. Journalistin Yoshioka übernimmt die Recherche.
Ein blindes Schaf findet auch mal einen Scoop. Dieses Hammel-Abbild lugt eines Tages via Fax hervor. Journalistin Yoshioka übernimmt die Recherche.

Desinformation in Namen
der nationalen Sicherheit

Parallel haut Takumi Sugihara (Tôri Matsuzaka) in einem fensterlosen Großraumbüro in die Tasten. Im Namen der Sicherheit: Der junge Mann gehört zu einer Abteilung, die im Auftrag des Nachrichtendienstes Naikaku Jōhō Chōsashitsu (englisch: Cabinet Intelligence and Research Office, kurz: CIRO) das Internet nach regierungskritischen Berichten und Äußerungen durchforstet und bei Bedarf „regulierend“ eingreift.

Mit der Zeit bemerkt Sugihara, dass diese Eingriffe immer hemmungsloser ausfallen. Mal soll er Desinformationen streuen, um vom eigentlichen Thema abzulenken, ein anderes Mal eine Zeugin diskreditieren, die einen hochrangigen Politiker der Vergewaltigung bezichtigt. Als er davon erfährt, dass sein ehemaliger Mentor vor dessen Suizid systematisch von CIRO ausgespäht wurde, ist Sugiharas ohnehin brüchige Loyalität endgültig zerbröselt.

Moment, wo habe ich das schon mal gesehen? The Journalist bedient sich vieler Codes des klassischen Journalistfilms
Moment, wo habe ich das schon mal gesehen? The Journalist bedient sich vieler Codes des klassischen Journalistfilms. Dazu gehört auch der feierlich inszenierte Produktionsprozess einer Zeitung.

Best-of des Journalistenfilms, adaptiert für den japanischen Markt

Es kommt, wie es kommen muss: Dass sich die Wege von Erika Yoshioka und Takumi Sugihara noch kreuzen werden, ist von der ersten Minute an klar. The Journalist (OT: Shinbun kisha) spart mit Überraschungen, als Journalistenfilm an sich erzählt er kaum etwas Neues. Narrative, Bilder, Figurenzeichnungen: Der Film ist ein nostalgisches Best-of, das die Codes des Genres für den japanischen Markt adaptiert.

The Journalist spielt zwar mehr oder weniger in der Gegenwart. Herzstück der fiktiven Toto Newspaper ist jedoch kein moderner Newsroom, stattdessen erinnern die Redaktionsräume an die parzellierten wie wuseligen Schreib- und Recherche-Schluchten klassischer Reporterfilme à la Die Unbestechlichen oder Schlagzeilen. Der zu überwindende Konflikt zwischen Reporterin und Whistleblower wirkt wie Michael Manns The Insider entsprungen.

Whistleblower Takumi Sugihara (Tôri Matsuzaka) teilt sein Schicksal mit The Insider Jeffrey Wigand (gespielt von Russell Crowe). Zumindest lassen sich einige Parallelen zu Michael Mann Journalistenthriller aufzeigen.
Whistleblower Takumi Sugihara (Tôri Matsuzaka) teilt sein Schicksal mit The Insider Jeffrey Wigand (gespielt von Russell Crowe). Zumindest lassen sich einige Parallelen zu Michael Mann Journalistenthriller aufzeigen.

Von Al Pacino bis Steven Spielberg: Vorbilder für The Journalist

Erika Yoshioka ist weit davon entfernt, ihr Gegenüber im Stile eines Al Pacino mürbe zu monologisieren – dafür sorgen die japanische Zurückhaltung und eine leichte Sprachbarriere (Yoshioka ist in den USA aufgewachsen) –, doch wie einst Lowell Bergman, der den paranoiden Jeffrey Wigand (Russell Crowe) zum Auspacken bewegte, überzeugt sie den wankelmütigen CIRO-Mitarbeiter von ihrer Integrität. Die Sugihara-Episode weist darüber hinaus inhaltliche Parallelen zum Wigand-Handlungsstrang auf. Psychologischer Druckpunkt ist jeweils die Familie, was die Gegenspieler in beiden Filmen zu nutzen wissen. Selbst die Farbdramaturgie scheint von The Insider inspiriert: In Szenen der Paranoia, dann, wenn Takumi-Sugihara in den Eingeweiden der CIRO-Zentrale droht verloren zu gehen, dominieren die Michael Mann’schen Blautöne.

Ob Zufall oder nicht – diese Assoziationen ziehen sich durch den gesamten Film, bis zum publizistischen Happy End. Der Scoop wird mit einer Sequenz unterfüttert, die die Entstehung der Zeitung vom Druck bis zur Auslieferung zelebriert. Die Zeitungsproduktion als zeremonieller Ritus. Die Presse, die – einmal in Bewegung gesetzt – nicht aufzuhalten ist. Das sind Bilder, die auf die Frühphase des Genres zurückgehen und an die Filmemacher bis heute (zuletzt ganz prominent von Steven Spielberg in Die Verlegerin) festhalten.

Voller Einsatz bei der Recherche: Wobei Erika Yoshioka (Shim Eun-Kyung) eigentlich etwas reduzierter an die Sache herangeht als in dieser Szene zu sehen. Generell ist Yoshioka eine leise Protagonistin.
Voller Einsatz bei der Recherche: Wobei Erika Yoshioka (Shim Eun-Kyung) eigentlich etwas reduzierter an die Sache herangeht als in dieser Szene zu sehen. Generell ist Yoshioka eine leise Protagonistin…

The Journalist und die Parallelen zum Oscar-Gewinner Spotlight

Formal gesehen ist The Journalist ein solider Journalistenfilm nach Anleitung. Seine Eigenständigkeit bezieht der Beitrag aus dem nationalen Kontext. Verzeiht mir, wenn ich für einen Vergleich ganz kurz in die jüngere Film- und Rezeptionsgeschichte abschweife: 2016 feierten Journalist*innen in den USA, aber auch hierzulande, den Oscar-Erfolg von Spotlight, ein Film, der in schwierigen Zeiten vorexerzierte, zu was der Journalismus fähig ist, wenn man ihn mit Vertrauen und Ressourcen ausstattet. Eine ähnliche Rolle kam The Journalist 2019 in Japan zu: Bei den japanischen Academy Awards räumte der Film drei Preise ab, darunter die Auszeichnung für den Besten Film. Wie Spotlight ist The Journalist ein inszenatorisch stilsicherer, aber spröder Film – man darf wohl annehmen, dass beide Beiträge vielmehr aufgrund ihres Themas ausgezeichnet wurden.

Ein gravierender Unterschied besteht allderdings: Anders als Spotlight erzählt The Journalist keine wahre Geschichte. Das gleichnamige Buch, auf dem der Film lose basiert, stammt zwar aus der Feder der japanischen Journalistin Isoko Mochizuki, die mit regierungskritischen Recherchen von sich Reden machte. Die Story selbst jedoch ist fiktiv. Ob die Verantwortlichen so allzu großem Ärger aus dem Weg gehen wollten – schon diese fiktionalisierte Variante gilt in Japan als Wagnis für alle Beteiligten –, darüber lässt sich nur spekulieren. Fakt ist: Journalistische best practices, die eine Verfilmung verdienen, sind in Japan selten geworden.

…was mitunter daran liegt, dass sie die Schattenseiten ihres Berufs nur zu gut kennt. Als junge Frau machte sie einst unangenehme Bekanntschaft mit dem Rudeljournalismus.

Von schlechten Angewohnheiten im japanischen Journalismus…

The Journalist beginnt mit einer Talkshow-Runde. „What is the journalist’s role?“, lautet die Eröffnungsfrage, deren Antwort eigentlich auf der Zunge liegt. Journalist*innen, als Vertreter*innen der Vierten Gewalt, sollten Wachhunde sein. Die Realität, das klingt in diesem kurzen Einstieg durch, sieht anders aus. Denn in Japan falle die Presse weniger durch knurrig-investigative Berichterstattung, sondern durch Rudeljournalismus und den Kuschelkurs zur Regierung auf.

Schlechte Angewohnten, für die es im Film szenische Entsprechungen gibt. Zwei Beispiele: Wie die Aasgeier stürzen sich die Medien auf die Beerdigung von Takumi Sugiharas ehemaligem Fürsprecher. Und Erika Yoshioaks vorgesetzter Redakteur, Mr. Jinno, fürchtet sich tatsächlich vor einem Scoop durch seine eigenen Mitarbeiter*innen. Man stelle sich eine Zeitung vor, die auf eine gute Geschichte und die damit verbundene Aufmerksamkeit verzichtet. Das grenzt an Arbeitsverweigerung, ist Betrug an den Leser*innen und kommt einem publizistischen Offenbarungseid gleich. Was für ein Dreiklang. Redaktionen, die solche Entscheidungen treffen, schaffen sich ab.

Junges Familienglück:  Natsumi Sugihara ist in freudiger Erwartung. Das macht den Whistleblower Takumi so verletzlich.
Junges Familienglück: Natsumi Sugihara ist in freudiger Erwartung. Das macht den Whistleblower Takumi so verletzlich.

…und schwierigen Bedingungen
für die japanische Presse

Aber: Aus der Innenansicht betrachtet, lässt Mr. Jinno einen Selbsterhaltungstrieb walten. Eingeklemmt zwischen den Regulierungen der Politik, der Abhängigkeit und dem Einfluss mächtiger Wirtschaftskonzerne und der aufgeheizt medienkritischen Stimmung in der Öffentlichkeit verspüren die japanischen Medien einen immensen Druck. Das Verhältnis zwischen Regierung und Presse gilt seit der Atomkatastrophe von Fukushima als zerrüttet, Versuche einer kritischen Aufarbeitung durch Journalisten wurden behördlich erschwert und von rechten Kreisen als anti-japanisch gebrandmarkt.

Insbesonderen freien Journalist*innen werden Recherchen erschwert. 2013 erließ die Regierung zudem ein Gesetz, durch das Whistleblower mit einer Haftstraße von bis zu zehn Jahren rechnen müssen, sollten sie sich entscheiden, Informationen preiszugeben. Im Zuge der Corona-Pandemie meldeten sich Stimmen zu Wort, die von einer Selbstzensur der Medien berichteten – aus Rücksicht auf die mittlerweile abgesagten Olympischen Spiele. All diese Entwicklungen erklären, weshalb Japan im weltweiten Index der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen auf Platz 66 (Stand: 2020) rangiert, hinter Entwicklungsländern wie Belize, Botswana oder Burkina Faso.

Insofern sind die japanischen Lobeshymnen zu The Journalist so etwas wie der kulturelle Brustlöser für eine Branche, der das Atmen zuletzt sehr schwer fiel. Für eine komplette Luftveränderung braucht es zwar weitaus mehr als gute Vorsätze, befeuert durch den Buzz eines renommierten Filmpreises – wenn aber auch nur eine Handvoll Journalist*innen zur Nachahmung inspiriert würde, wäre das zumindest ein Anfang.