HomeAllgemein

Gerechtigkeit per Bewegung: No one killed Jessica (2011)

Eine junge Frau wird wegen einer Nichtigkeit ermordet. Die indische Justiz behandelt den Fall als wäre er selbst eine Lappalie.

Peepli Live (2010): Medienzirkus in der indischen Provinz
journalistenfilme.de – der Podcast #26: Journalistenfilme aus Indien
Menschlichkeit über Bord: Überleben in Malaysia (1992)

Eine junge Frau wird wegen einer Nichtigkeit ermordet. Die indische Justiz behandelt den Fall als wäre er selbst eine Lappalie.

Spät wird der Gerechtigkeit genüge getan, auch weil die Medien zunächst nicht die richtigen Fragen stellen. Der indische Spielfilm No one killed Jessica ist die Adaption eines wahren Skandals.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Netflix.

Indien, an der Schwelle des neuen Millenniums: 1999 ist der Krieg mit Pakistan um die Kaschmir-Region das vorherrschende Thema in dem Milliarden-Staat. Die schwelenden Ungerechtigkeiten im Innern finden dagegen weniger Beachtung. Menschen und Medien scheinen sich mit Korruption und Machtmissbrauch abgefunden zu haben. Das ist die Stimmungslage, die uns zu Beginn des indischen Dramas No one killed Jessica entgegenschlägt. Erzählerin Meera Gaity (Rani Mukerji) erlebt in dieser Zeit ihren Durchbruch als Frontreporterin.

1999 ist auch das Jahr eines Verbrechens, das Indien aufrütteln wird. Auch wenn zunächst nichts darauf hindeutet. Weil sich Model und Teilzeit-Barkeeperin Jessica an die Sperrstunde hält und sich weigert, Alkohol auszuschenken, wird sie von einem Partygast erschossen. Wie sich herausstellt, ist der Todesschütze der Sohn eines hochrangigen Ministers. Der Fall scheint klar: 300 Menschen waren zum Zeitpunkt des Mordes noch anwesend, es gibt unmittelbare Zeugen. Aufgrund der Faktenlage geht Journalistin Meera von einer Verurteilung aus. Sie schenkt der Geschichte keine weitere Beachtung, nicht zuletzt weil sie sich zu Höherem berufen fühlt. Auch Jessicas Schwester Sabrina (Vidja Balan) ist anfangs von einem gerechten Ausgang überzeugt.

Vorlage für No one killed Jessica ist der reale Mordfall Jessica Lal

Schon bald schwant ihr jedoch, dass die Prominenz des Täters einer Verurteilung im Wege stehen könnte. Auf der Polizeiwache erfährt sie, dass von den 300 Partygästen nur noch sieben als Zeugen infrage kommen. Und diejenigen, die übrig geblieben sind, geben sich seltsam zugeknöpft, werden, wie es scheint, unter Druck gesetzt. Zentrale Beweisstücke verschwinden. Die Verhandlung gerät zur Farce. Nach über sechs quälend langen Prozessjahren steht der Freispruch für den Ministersohn fest. Meera muss sich eingestehen, dass sie die Story falsch eingeschätzt hat. Sie beginnt, dem Versagen der Justiz auf den Grund zu gehen. Ihre Berichterstattung löst eine Welle der Anteilnahme und Empörung aus, die nach und nach Ausmaße einer nationalen Bewegung annimmt.

Die Figur der Meera Gaity ist fiktiv, die Handlung von No one killed Jessica jedoch beruht auf wahren Begebenheiten. Die Ermordung des Models Jessica Lal, der Tathergang, die politischen Verbindungen des Täters, zentrale Falschaussagen vor Gericht, die anschließenden Recherchen eines Nachrichtenmagazins sowie der öffentliche Protest sind verbürgt. Gleichwohl erlaubt sich der Film einige Dramatisierungen und Verdichtungen: Die Namen vieler Beteiligter sind verändert, die filmische Jessica wurde zehn Jahre jünger gemacht, um nur einige Beispiele zu nennen.

Das Schicksal von Jessica rüttelt Indiens Bevölkerung wach

Der öffentliche Druck im Jahre 2006 führte zu Reformen im verkrusteten Justizsystem Indiens. Die Adaption des Skandals, die keine fünf Jahre später in die Kinos kam, war ein viel diskutierter Kassenerfolg. Hierzulande wird der Film No one killed Jessica von Netflix präsentiert, und gerade die erste Hälfte mit ihrem Thriller-Einschlag und dem stylischen, leicht stichigem Look fügt sich nahtlos in das Kolorit des Streaming-Anbieters ein. Erst nach etwa 80 Minuten, mit dem Freispruch des Täters, nimmt der Medien-Plot an Fahrt auf.

No one killed Jessica erzählt, wie ein persönliches Schicksal eine Nation bewegt, die nicht länger gewillt ist, die vorherrschenden Verhältnisse als gegeben hinzunehmen. Nicht nur, was die Willkür der Mächtigen betrifft. Der Fall Jessica ist auch deswegen so brisant, weil er die patriarchalischen Strukturen in Indien demonstriert: Trotz der rechtlichen Gleichstellung sind Frauen bis heute in vielerlei Hinsicht benachteiligt, das Land gerät immer wieder wegen sexualisierter Gewalt und anderer Verbrechen gegenüber Frauen in den Fokus der internationalen Berichterstattung.

Indien nimmt Anteil an der Ermordung an dem jungen Model Jessica. Schwester Sabrina (links) und Journalistin Meera (Mitte) kämpfen in No one killed Jessica für Gerechtigkeit.
Indien nimmt Anteil an der Ermordung an dem jungen Model Jessica. Schwester Sabrina (links) und Journalistin Meera (Mitte) kämpfen in No one killed Jessica für Gerechtigkeit.

Meera Gaity: Eine starke Reporterin in einer plakativen Inszenierung

Entsprechend wie konsequent wird No one killed Jessica von seinen starken Protagonistinnen getragen. Eine davon ist die besagte Meera Gaity. Eine Reporterin wie sie im Drehbuche steht: Furchtlos, tough, ohne echtes Privatleben. Die Kippe stets griffbereit, nie um einen derben Spruch verlegen. Auf dem Rückflug aus der Kaschmir-Region weist sie einen aufdringlichen Kriegstouristen in die Schranken: „Sie hätten sich vollgeschissen, wenn sie den Krieg wirklich erlebt hätten.“ Der Chefredakteur nennt seine Starjournalistin ständig eine „Bitch“ (der Film „spricht“ Hindi und Englisch), eine Zuschreibung, die sie sich längst zu eigen gemacht hat, um mit ihrem Image zu kokettieren. Wenn es das sein soll, was eine gute Reporterin ausmacht, dann ist sie das eben: eine Bitch.

Der Erfolg gibt ihr Recht. Nur in der Mordsache Jessica irrt sie sich gewaltig. Auch das gehört zur Charakterentwicklung einer Journalistenfigur: Die Einsicht, dass Nachrichten mehr als Schlagzeilen sind. Um ihrem Sinneswandel Nachdruck zu verleihen, steigt sie ihrem abfahrbereiten Chef auf die Motorhaube. Der ziert sich, die Geschichte weiterhin zu thematisieren, jetzt, wo das offizielle Urteil gesprochen ist: „Wir sind für Neuigkeiten zuständig, nicht für Gerechtigkeit. Was Du vorhast ist Aktionismus, kein Journalismus“. Meera kontert mit dem Verweis, dass es der Sender ja grundsätzlich versäumt habe, den Fall Jessica journalistisch ernsthaft aufzuarbeiten. „Wir sind es uns Journalisten schuldig. Vor allem sind wir es uns Menschen schuldig“. Ja, es ist reichlich plakativ, wie No one killed Jessica seine Botschaften vorträgt.

No one killed Jessica ist einer der Filme, über den Vera Wessel (ISHQ) und Patrick im Podcast über indische Journalistenfilme sprechen. Zum Beitrag geht’s hier lang.

Eine Collage der Wechselwirkungen, ohne diese großartig zu erklären

Der Film zielt vor allem aufs (Mit-)Gefühl. Die journalistische Arbeit hingegen ist ein No-Brainer. Einmal losgelegt, geht alles recht schnell. Schließlich wissen wir bereits, dass Zeugen bestochen und bedroht worden sind. Es fehlen „lediglich“ die Geständnisse und die sind ruckzuck entlockt: Alles was es braucht, ist eine versteckte Kamera und eine Finte. Ohne die Pointe zu verraten: Was im ersten Moment wie ein journalistisches Schelmenstück anmutet (zumindest aus deutscher Perspektive, wo derartige verdeckte Recherchen eine Gratwanderung darstellen), hat sich in ähnlicher Form wirklich zugetragen. Weswegen sich der Film per Texttafel bei dem Nachrichtenmagazin Tehelka bedankt: „for breakthrough journalism“.

Wer einen dichten Recherche-Krimi erwartet, dürfte enttäuscht sein. In der zweiten Hälfte springt No one killed Jessica zwischen der medialen Aufbereitung des Falls und den öffentlichen Reaktionen umher. Eine Collage der Wechselwirkungen, die sich keine Zeit nimmt, die Wirkmechanismen genauer zu betrachten. Justice for Jessica. Nothing else matters. Eine Bewegung gerät ins Rollen und lässt sich nicht mehr stoppen. Das ist, von der inszenatorischen Warte betrachtet, mitreißend bis kitschig. Aber zweifellos hochgradig aktuell. Stichwort Empowerment. No one killed Jessica appelliert daran, eingeschlagene Wege zu Ende zu beschreiten. Ansonsten drohen die Uhren zurückgedreht zu werden. Der prominente Mörder der echten Jessica wurde 2006 im einem zweiten Verfahren vor dem höchsten indischen Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt. 2020 wurde er entlassen. Wegen guter Führung.

No one killed Jessica ist derzeit exklusiv bei Netlix verfügbar.
Mehr Journalistenfilme bei Netflix findest Du in unserer Streamingübersicht.

COMMENTS

WORDPRESS: 0
DISQUS: 0