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Peepli Live (2010): Medienzirkus in der indischen Provinz

Journalistenfilm aus Indien: Peepli Live ist eine bitterböse Mediensatire vor dem Hintergrund ausufernder Selbstmorde unter indischen Bauern.

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Journalistenfilm aus Indien: Peepli Live ist eine bitterböse Mediensatire vor dem Hintergrund ausufernder Selbstmorde unter indischen Bauern.

Natha droht der Entzug seiner Lebensgrundlage. Ein zynisches Regierungsprogramm könnte die Rettung bedeuten. Zumindest für seine Familie. Denn damit die profitiert, müsste er schon den Freitod wählen.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Alive!

Um der kargen Realität ihres bäurischen Lebens zu entfliehen, lassen Natha (Omkar Das Mankpuri) und sein Bruder Budhia (Raghubir Yadav) gerne den Joint kreisen. Aber gegen diese Notlage ist Kraut kein gewachsen: Weil Natha die Raten seines Darlehens nicht mehr bedienen kann, droht die Bank mit der Zwangsversteigerung seiner Farm. Die Existenz seiner Familie steht auf dem Spiel.

In ihrer Not wenden sich die beiden an einen lokalen Polit-Zampano. Doch der ist zu sehr mit seiner Wiederwahl beschäftigt (und ohnehin ein herzloser Zeitgenosse), als dass er bereit wäre, Natha unter die Arme zu greifen. Aber da gäbe es doch dieses neue Programm, das die Regierung aufgelegt habe: Das sieht Kompensationszahlungen in Höhe von 100.000 Rupien (etwas mehr als 1.110 Euro, Stand Juni 2021) für die Hinterbliebenen von Kleinbauern vor, die durch Selbsttötung aus dem Leben geschieden sind. Der Suizid als staatlich subventionierter Ausweg.

Überwaltigt vom öffentlichen Interesse: Nathas Familie steht dem Medienrummel sehr skeptisch gegenüber. So etwas hat das beschauliche Dorf Peepli noch nie gesehen.

Hintergrund in Peepli Live sind
die vielen Bauerselbstmorde in Indien

Bei einer Haschischzigarette spielt Budhia die möglichen Szenarien durch. Eigentlich wäre ja der kinderlose Budhia der entbehrlichere Kandidat, doch dem scheint ein Ableben seines Bruders förderungswürdiger. Immerhin könne Natha mit einer potenziellen Witwe und drei designierten Waisen punkten. Natha, dem es schon im unberauschten Zustand schwerfällt, Entscheidungen mit Tragweite zu fällen, vermag der Argumentation seines Bruders nichts entgegenzusetzen. Bevor er überhaupt nur einen klaren Gedanken fassen kann, ist seine Selbstmordabsicht bereits verbrieft. Über einen Lokalreporter gelangt die Geschichte ins nationale Fernsehen. Bald wird das beschauliche Peepli von der Presse belagert. Und ganz Indien fragt sich: Tut er’s oder tut er es nicht?

Peepli Live ist das Spielfilmdebüt der indischen Regisseurin Anusha Rizvi, die ihre eigenen Erfahrungen als Journalistin in das Drehbuch einfließen ließ. Der Aufhänger des Films – der staatliche Anreiz zum Selbstmord – ist fiktiv, der Hintergrund jedoch sehr real. Von der Landwirtschaft in Indien zu leben, bedeutet oftmals, gerade so über die Runden zu kommen. Fast 70 Prozent der ländlichen Haushalte gelten als überschuldet, die steigende Anzahl aufgenommener Kredite geht mit fallenden Verkaufspreisen und steigenden Produktionskosten einher – für viele Familien ein Teufelskreis. Seit den 1990er-Jahren steigt die Selbstmordrate indischer Bauern. Für die Jahre 2006 bis 2016 weist die Statistik 142.000 Menschen aus, die in ihrer Hoffnungslosigkeit keinen anderen Ausweg mehr sahen. Die Zahlen haben derartig dramatische Dimensionen erreicht, dass es die indische Regierung für angebracht hält, keine weiteren Daten mehr zu kommunizieren.

Peepli steht Kopf: Suizid mit
Aussicht auf Fleischspieße

Wohl weniger aus Pietätsgründen. Die Politik hat in den vergangenen Jahren wenig Interesse gezeigt, sich der Probleme der ländlichen Bevölkerung anzunehmen. Genau jene Praxis prangert Peepli Live an: Im Film redet der Agrarminister die Auswüchse der Bauernselbstmorde klein. Im Interview mit dem fiktiven Nachrichtensender ITNV auf 170.000 Suizide seit 1996 angesprochen, flüchtet sich der Volksvertreter in Nebelkerzen. Die Presse möge doch ihre Fakten checken. Viele dieser Tode seien auf natürliche Ursachen zurückzuführen – und damit im Kontext des Films als Betrugsfälle einzustufen. Die Geschichte des hoffnungslosen Tropfs in der Provinz bietet dem Sender nicht nur die Gelegenheit, den vielen anonymen Toten ein Gesicht zu geben, sondern auch die Chance auf eine Live-Übertragung einer Tragödie. Doch die Konkurrenz schläft nicht – schon bald kampieren Reporter*innen aus ganz Indien vor der spartanischen Hütte des Suizidenten in spe.

Die Belagerung lockt Schaulustige und fahrende Händler aus dem Umland an, der Trubel in Peepli nimmt Volksfest-ähnliche Zustände an. Endlich findet ein lange unterbelichtetes Thema seinen Weg in die Öffentlichkeit, möchte man glauben. Doch die Anteilnahme ist nur vorgeschoben. In Wirklichkeit geht es um Sensationen, Quoten und Einfluss auf die bevorstehenden Regionalwahlen. Verschiedenste Interessenvertreter treten vor die Kamera und kondolieren vorzeitig, um die mediale Aufmerksamkeit für ihre Zwecke auszunutzen. Die Zentralregierung in Neu-Delhi trinkt derweil im wahrsten Sinne des Wortes Tee. Soll sich die regionale Politik für dieses Drama verantworten.

Mehr Journalistenfilme aus dem indischen Kino gefällig. In unserer Podcast-Episode stellt Vera Wessel vom Bollywood-Magazin ISHQ interessante Filmtipps vor.
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Allerhand Würdenträger besuchen Natha, um vorzeitig zu kondolieren. Und um die Publicity für ihre eigenen Interessen zu nutzen.

Spekulationen und Krokodilstränen
statt echter Anteilnahme

Und Natha? Der kommt sich vor wie ein Geist auf seiner eigenen Beerdigung. Alles dreht sich um ihn, aber niemand nimmt von ihm Notiz – kaum jemand interessiert sich aufrichtig für sein Schicksal. Die Presse zerrt jeden vor die Mikrofone, der nur halbwegs gerade Sätze herausbekommt. Hauptsache, die Story köchelt. Vermeintliche Jugendfreunde, geschwätzige Dorfplatz-Funker und Möchtegern-Experten stellen wildeste Mutmaßungen an. Die Nation orakelt in großen Televotings mit: Sieben Prozent glauben an eine Verstrickung der US-Amerikaner, 13 Prozent machen islamistische Terroristen für die Misere verantwortlich. Für was eigentlich?

Die eigentlichen Ursachen für die Notlage der indischen Bauern bleiben unklar. Peepli Live arbeitet die Verhältnisse nicht auf, wobei sich der Eindruck aufdrängt, dass es der Film bewusst auf diese Auslassungen anlegt, um seiner medienkritischen Message Nachdruck zu verleihen. Worum es bei diesem absurden Theater eigentlich geht, versteht doch ohnehin niemand mehr. Und, wenig überraschend: Am Ende ist auch niemandem geholfen. So erinnert Peepli Live an Filme wie Mad City – in Costa-Gavras Mediensatire wird ebenfalls ein einfacher Mann zum Spielball der Öffentlichkeit, die sich nichts sehnlicher wünscht, als dass die Geschichte kein gutes Ende nehmen möge.

Peepli Live bietet einen Rundumblick
auf indische Befindlichkeiten

Und doch geht es – selbst über die menschenverachtende Dimension des eigentlichen Themas hinaus – um so viel mehr: Um den gefährlichen Kungel zwischen Politik und Medien in Indien. Um Kritik am Kastensystem. Um das Problem der Landflucht und die Folgen für die Urbanisierung in diesem weitläufigen, und doch so gedrungenen Milliardenstaat. Die vielen, kulturell verwurzelten Verästlungen machen es nicht immer leicht, der Handlung zu folgen. Andererseits ist es genau dieser Rundblick auf indische Befindlichkeiten, der Peepli Live so sehenswert macht.


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