Vom Süßwassermatrosen zur Ein-Mann-Piraten-Abwehr: Der Reporter Blair Maynard stürzt mit seinem Sohn Justin vor Bermuda ab und wird von inzestuösen Seeräubern gezwungen, einen Beitrag zum Genpool zu leisten. Freibeuter des Todes sollte an den Erfolg von Der weiße Hai anknüpfen, ging jedoch als großzügig budgetierter Trash-Film baden.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Koch Media.

Den Freibeutern des Todes eilt ihr schlockiger Ruf voraus. Der Film ist berüchtigt für seine Sternstunden der Dialogregie („Iss! Hungriger Hombre machen schlechten Stoß“). Für seine – gelinde gesagt – freundliche Einstellung zum Waffenbesitz, für die man bei der NRA eine Träne verdrückt haben dürfte („Nicht die Kanonen töten die Menschen. Menschen töten die Menschen“). Und für einen Sir Michael Caine, der mit einem stationären Maschinengewehr eine Bande degenerierter Inszest-Piraten niedermäht. Freibeuter des Todes ist einer von Caines berüchtigten paycheck movies, auf die man den Oscar-Preisträger heute besser nicht mehr anspricht.

Das hatten sich die Beteiligten vor Drehbeginn anders ausgemalt. Als sie für sagenhafte 2,15 Millionen die Filmrechte an Peter Benchleys neuestem Roman „The Island“ erwarben, rieben sich Universal und die Produzenten Richard Zanuck und David Brown noch die Hände. Zwei Geschichten Benchleys hatten bereits das Licht der Leinwand entdeckt. Die Tiefe war 1977 ein veritabler Erfolg an den Kinokassen, der Der weiße Hai zwei Jahre zuvor die Geburtsstunde des Blockbusters. Geburtshelfer waren die Finanziers Zanuck und Brown, die nun auf einen ähnlichen Hit hofften. Wie auch Benchley selbst: Wäre The Island a.k.a Freibeuter des Todes ein Kassenschlager geworden, hätte der Autor wohl auf ewig ausgesorgt gehabt. Benchleys Deal beinhaltete eine zehnprozentige Umsatzbeteiligung, eine fünfprozentige Beteiligung am Soundtrack (immerhin von Ennio Morricone komponiert), Boni für etwaige Bestsellerplatzierungen der Romanvorlage und weitere erfolgsabhängige Zahlungen.

Eine Frage, die bei jedem Interview mit Sir Michael Caine ganz oben stehen sollte: "Sag doch mal Michael, wie war das nochmal mit Freibeuter des Todes?"
Eine Frage, die bei jedem Interview mit Sir Michael Caine ganz oben stehen sollte: „Sag doch mal Michael, wie war das nochmal mit Freibeuter des Todes?“

Ein Journalist schippert durch Trash-Gewässer

Letztlich waren die Dollarzeichen in den Augen größer als die Margen. Freibeuter des Todes spielte gerade mal etwas mehr als 15 Millionen US-Dollar ein, bei Produktionskosten von 12,5 Millionen Dollar – das ist zumindest die Summe, die Mitproduzent Brown einräumte. Andere Quellen sprechen von 20 Millionen Dollar, die mit den Dreharbeiten in der Karibik versenkt wurden. Hinterher ist man bekanntlich immer schlauer, aber: wie aus der Geschichte, die Peter Benchley erzählt, ein Film hätte werden sollen, der nicht in Trash-Gewässer schippert, dafür benötigt man eine Frachterladung Phantasie. Denn The Island handelt von einem Journalisten, der auszieht, das Geheimnis des Bermuda-Dreiecks zu lüften und stattdessen in die Fänge einer Piratenkolonie gerät, die unmittelbar von den französischen Bukanieren des 17. Jahrhunderts abstammt. Um den Genpool vor der völligen Degeneration zu bewahren, entführen diese Seeräuber Kinder und Jugendliche von Charterjachten und Segelschiffen. Unbemerkt von der Zivilisation, versteht sich.

Im Film spielt Michael Caine den Journalisten Blair Maynard, benannt nach dem Royal Navy Captain Robert Maynard, der im November 1718 den legendären Piraten Blackbeard besiegt haben soll. Caine verleiht der Figur seine distinguierte, leicht snobistische Aura: Maynard ist ein Windhund in feinem Zwirn. Einer, der im hemdsärmeligen Redaktionsbetrieb auffällt und über den Dingen schwebt. Nicht mal seinem Chefredakteur in dessen eigenem Büro begegnet er auf Augenhöhe. Während er seine neueste Story-Idee „pitcht“, stolziert er durch den Raum und lehnt sich offensiv über den Tisch seines Vorgesetzten.

Maynard will dem Verschwinden von Schiffen und Booten im Bermuda-Dreieck nachgehen, und damit dem Verbleib von „2.000 Menschen“. „Was sind 2.000 Menschen gegen 50.000 Verkehrstote jährlich?“, übt sich der Redaktionsleiter in Whataboutism. Außerdem seien die verschollenen Schiffe allem Anschein nach auf Versicherungsbetrügereien zurückzuführen. Doch von solchen Mutmaßungen lässt sich Blair Maynard nicht einlullen. Mit dem Wagen geht’s von New York aus in Richtung Florida.

Wie? Bermuda-Dreieck? Maynards (Michael Caine, links) Story-Idee kommt beim Redaktionsleiter weniger gut an. Der interessiert widmet sich ohnehin lieber den feschen Seite-1-Mädels...
Wie? Bermuda-Dreieck? Maynards (Michael Caine, links) Story-Idee kommt beim Redaktionsleiter weniger gut an. Der widmet sich ohnehin lieber den feschen Seite-1-Mädels…

Blair Maynard – Journalist und Vater mit Verantwortungsbewusstsein…

Im Schlepptau hat Maynard seinen Sohnemann Justin. Wie es sich für einen Journalisten gehört, hat er seine Familie vernachlässigt, ist geschieden und schleift nun seinen Spross mit, um den vaterlichen Pflichten hinsichtlich der Wochenendvereinbarung zumindest formell nachzukommen. Wir erfahren, dass Maynard seinen Sohn „schon einmal reingelegt“ hat: Ein vollmundig angekündigter Camping-Trip hatte sich als Recherchereise entpuppt. Dieses Mal ist die Fallhöhe im wahrsten Sinne des Wortes gewaltig. Justin will ins Museum für Modern Art, Maynard ködert mit einem Besuch im „Museum für berühmte Mäuse und Enten“ in Orlanda, Florida. Stattdessen schmieren die beiden mit einem Flugzeug auf einem verödeten Eiland irgendwo vor Bermuda ab. Maynard sieht das mit der Fallhöhe freilich etwas anders und verweist auf die Adventure-Qualitäten dieses Ausflugs: „Welcher Vater kann seinem Sohn schon eine Bruchlandung bieten?“

Angesichts solcher Verantwortungslosigkeiten verwundert es nicht, dass Justin nach seiner Verschleppung auf Inzest Island zu den Freibeutern überläuft. Von Piraten-Anführer und Ersatz-Papa Nau – mit David Warner spielt ein weitere Honorität in dieser Gurke mit – erfährt der Jugendliche die Anerkennung, die er sich so sehnlich wünscht. Maynard muss kräftig rudern, um seinen Sohn zurückzuerobern und gleichzeitig dem Alptraum eines „lebenden 17. Jahrhunderts“ zu entfliehen. Die Story mutiert zum Überlebenskampf, weshalb sich der Journalistenfilm rasch erledigt hat.

Dennoch ist Freibeuter des Todes sehenswert, wenn man ihn als Kuriosität des 80er-Kinos betrachtet. Als Exploitation-Flick, der mit den Steroiden einer Big Budget-Produktion aufgepumpt wurde. „Du lässt einen Urologen keine Nasen-OP durchführen. Er macht nämlich ein richtiges Arschloch aus Dir“, kommentiert ein Piratenopfer gleich zu Beginn. Eine Schwachsinnsdialogzeile. Eine, die am Ende doch irgendwie einleuchtet.


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