Zodiac Robert Graysmith

Einen Mörder medial hofieren? Kann man mal machen. Alles für Quote, alles für den Club. Kann aber auch schiefgehen. Vor allem dann, wenn der Mörder noch frei herumläuft und plötzlich seine Bedingungen diktiert. So geschehen in den USA: Mit seinen Mordtaten und Mitteilungen an die örtliche Presse hielt der Zodiac-Killer Ende der 1960er-Jahre den Großraum San Francisco in Atem. Die Tatsache, dass die Identität des Täter bis heute ungeklärt ist, macht den Fall zu einem der rätselhaftesten in der amerikanischen Kriminalgeschichte. In David Finchers Zodiac – Die Spur des Killers leisten zwei Journalisten Detektivarbeit.

Von Patrick Torma. Bildmaterial: Warner Bros.

Kommen wir heute zu einem meiner Lieblingsregisseure. Die Filme von David Fincher haben mich entscheidend in meiner Filmsozialisation geprägt. Sieben. Fight Club. The Game. Und ja: auch Alien 3. Fincher-Filme waren düster, radikal, unvorhersehbar. Kurz: Anders, als das, was ich zuvor gesehen hatte. Inzwischen ist die Faszination abgeflaut. Die Werke Finchers haben in meinen Augen an Wucht verloren. Das liegt aber auch an einer gewissen Abgebrühtheit meinerseits. Wer viel gesehen hat, der lässt sich nur noch schwer umhauen.

Nichtsdestotrotz besitze ich noch immer ein Faible für Fincher-Filme. Sie mögen mich nicht mehr aufwühlen. Dafür reizen mich die Medienreflexionen, die der Regisseur in seinen späteren Streifen einstreut. Nicht, dass Fincher zum Medienfilmer mutiert wäre. Er ist und bleibt in erster Linie ein Thriller-Regisseur. Und doch spielen die Medien und ihre Wirkungsweisen immer öfter eine zentrale Rolle. In Social Network (2010) beschäftigt er sich mit dem steilen Aufstieg von Facebook und Gründer Mark Zuckerberg. In der Stieg Larsson-Verfilmung Verblendung (2011) steht der Investigativjournalist Mikael Blomkvist im Mittelpunkt. Und in Gone Girl (2014) sind die Protagonisten ehemalige Journalisten, die die Szenen ihrer Ehe medial auszuschlachten wissen.

Eine Szene aus dem Film Zodiac - Die Spur des Killers: Der San Francicso Bay-Ninja treibt sein Unwesen.

Der San Francicso Bay-Ninja treibt sein Unwesen. Der Zodiac-Killer mag zwar geltungssüchtig sein. Aber das Gesicht kommt nicht mit aufs Bild.

Die mörderische Faszination von Zodiac

Und dann ist da noch Zodiac – Die Spur des Killers von 2007 . Jener Film, der dem Prädikat „Journalistenfilm“ am nächsten kommt. Beinahe dokumentarisch zeichnet Fincher die Ermittlungsarbeit im Fall des berüchtigten Zodiac-Killers nach – diese werden von Journalisten des San Francisco Chronicles vorangetrieben und später, als die Polizei mit ihrem Latein am Ende ist, vom Karikaturisten Robert Graysmith forciert.

Der Fall Zodiac fasziniert Amerika bis heute. Weder die Identität des Killers, noch die genaue Anzahl an Opfern ist bekannt. Fünf Menschen nahm er in den Jahren 1968 und 1969 das Leben, zwei Opfer überlebten. Vier weitere Morde werden ihm angelastet. Der Fall sorgte in der San Francisco Bay Area und darüber hinaus für zusätzliches Aufsehen, weil sich der mutmaßliche Täter immer wieder mit Leserbriefen an die örtlichen Medien wandte. Darin forderte er die Verleger auf, seine verschlüsselten Botschaften, in denen er weitere Opfer ankündigte, zu veröffentlichen. Damit löste er eine regelrechte Hysterie aus. Eine Hysterie, die bis heute nachwirkt. Und andere verwirrte Geister zur Nachahmung inspirierte.

Der Fall rief bereits zeitgenössische Trittbrettfahrer auf den Plan, die Polizei und Presse mit vermeintlichen Zodiac-Codes bombardierten, was die Ermittlungen zusätzlich erschwerte. In den nachfolgenden Jahrzehnten suchten immer wieder kriminelle Naturen den Kontakt zu den Medien. Ein prominentes Beispiel ist der Scorpion-Killer, der sich in seinen Briefen an die Redaktion von America’s Most Wanted – dem amerikanischen Gegenstück von Aktenzeichen XY – zu 23 Verbrechen bekannte.

Eine Szene aus dem Film Zodiac - Die Spur des Killers: Zodiac auf allen Kanälen. Die Mordserie und die Berichterstattung darüber führen zu einem wahren Hype.

Zodiac auf allen Kanälen. Die Mordserie und die Berichterstattung darüber führen zu einem wahren Hype.

Nachahmer – in der Realität und im Film

Parallelen weist auch der Fall des Unabombers Ted Kaczyinski auf, der von 1978 bis 1995 mit seinen explosiven Postsendungen Angst und Schrecken verbreitete. Zwischenzeitlich wurde sogar in Betracht gezogen, dass es sich bei dem Unabomber und dem Zodiac-Killer um dieselbe Person handeln könnte. 1995 schrieb Kaczyinski einen Brief an die Washington Post, in dem er das Ende seiner Taten ankündigte – vorausgesetzt, die Zeitung würde sein 35.000 Wörter starkes Manifest abdrucken. Sie ließ sich darauf ein (hier die Erklärung der Verleger) – und trug so zur Ergreifung Kaczyinskis bei. Dessen Bruder hatte Ähnlichkeiten im Schreibstil erkannt.

Das ist der Stoff, aus dem Filme gemacht sind. Der Zodiac-Fall wurde mehrfach verfilmt. Bereits 1971 nahm sich Clint Eastwoods Durchbruch Dirty Harry den Zodiac-Killer zum Vorbild – im Film heißt der Serienmörder Scorpio, doch die Parallelen sind nicht zu übersehen. In seinem eigenen Zodiac-Film greift Fincher diese filmhistorische Vorlage auf: Um Abstand von den Ermittlungen zu nehmen, gönnt sich Detective Dave Toschi (Mark Ruffalo) einen Kinoabend. Doch auch auf der Leinwand wird er mit seiner Arbeit konfrontiert. Entnervt verlässt er den Saal: „Jetzt drehen sie schon Filme über ihn.“

Ein Szene aus dem Film Zodiac - Die Spur des Killers: Detective Toschi (Mark Ruffalo) will im Kino abschalten. Klappt aber nicht. Dirty Harry basiert auf dem Fall des Zodiac-Killers.

Den filmhistorischen Steilpass angenommen: Detective Toschi (Mark Ruffalo) will im Kino abschalten. Klappt aber nicht. Dirty Harry basiert auf dem Fall des Zodiac-Killers.

Die Ermittler stehen im Vordergrund

Diese Szene unterstreicht sehr schön den Tenor des Films. David Fincher geht es nicht um die Auflösung des Falls. Stattdessen konzentriert er sich auf die Menschen, die diesen Fall bearbeiten. Zodiac – Die Spur des Killers ist ein Film über den Hype und die Besessenheit, die dieser Hype auslösen kann. Dave Toschi wird allmählich betriebsmüde. Die beiden Journalisten Robert Graysmith (Jake Gyllenhaal) und Paul Avery (Robert Downey Jr.) zerbrechen jeweils auf ihre eigene Art und Weise an ihren Recherchen. Die Frage, die sich aufdrängt: Inwieweit sind sie mitschuldig an diesem Hype?

Zodiac – Die Spur des Killers könnte sich die Antwort leicht machen: Schließlich ist der Killer dank der Medien omnipräsent. Die einfache Bevölkerung im Film hat sich ihre Meinung bereits gebildet. Mehrfach werden Avery und Graysmith mit Vorbehalten und Ablehnung konfrontiert. Es herrscht eine flächendeckende Presseskepsis, wie man sie aus aktuellen Debatten kennt, nicht aber unbedingt in den 1960er Jahren vermutet hätte. „Sie schreiben das ja nur, um die Auflage zu steigern“, meldet sich ein Leser zu Wort. Mit einem halben Jahrhundert Sensationsjournalismus haben die Medien in USA eine Menge Kredit verspielt. Vietnam und Watergate werden das goldene Jahrzehnt des Journalismus noch einläuten.

Ein Szene aus dem Film Zodiac - Die Spur des Killers: Ein Szene aus dem Film Zodiac - Die Spur des Killers:

„Hello San Francisco? This is Zodiac Calling!“ Mit Hilfe einer Call In-Sendung versuchen die Ermittler, mehr über den Killer zu erfahren.

Was der Leser nicht sieht

Was die öffentliche Meinung nicht mitbekommt, sind die Debatten hinter den Kulissen. Zumindest in der Redaktionskonferenz des San Francisco Chronicle – ganz stilecht: ein Alte-Herren-Club – ringen die Verantwortlichen verantwortungsvoll um die Frage, wie mit den Forderungen umzugehen sei. Die Zeitung steckt in einer perfiden Klemme: Gibt man einem kranken Irren ein Forum und riskiert einen weiteren Vertrauensverlust in der Leserschaft? Oder ignoriert man die Forderungen des Killers, auf die Gefahr hin, dass der seine Drohungen wahr macht? „Der Kerl kommt mir nicht auf die erste Seite, den platzieren wir im Innenteil“, mahnt der Redaktionsleiter sinngemäß an. Besonders heikel wird es, als der Zodiac-Killer Angriffe auf Schulbusse androht. Will man die Öffentlichkeit tatsächlich in Panik versetzen?

Die Journalisten reagieren mit Bedacht. Für den Rezipienten bleibt der Prozess der Entscheidungsfindung verborgen. Sie sehen nur das Produkt: Eine Call-In-Sendung zur besten Primetime etwa. Der Killer darf seine Geltungssucht befriedigen. Live on air. Im Hintergrund laufen jedoch die Bemühungen, die Identität oder den Aufenthaltsort des Täters zu enttarnen. Der Moderator hat den Auftrag, seinen Anrufer in Sicherheit zu wiegen und mehr über seine Motive zu erfahren. Mit diesem Wissen wird die Medienfarce zur wichtigen Ermittlungsarbeit vor laufender Kamera. Der Zuschauer im Film regt sich auf. Und schaltet dennoch zu. Denn ein Hype entsteht nicht allein dadurch, dass ihn die Medien befeuern. Ein Hype benötigt Abnehmer.

Ein Szene aus dem Film Zodiac - Die Spur des Killers: Paul Avery (Robert Downey Jr.) ist der Exzentriker mit Drogen- und Alkoholproblemen...

Schablonenparade in Zodiac – Die Spur des Killers: Paul Avery (Robert Downey Jr.) ist der Exzentriker mit Drogen- und Alkoholproblemen…

Keine Transparenz, kein Vertrauen

Über den Wirkungskreis von Sensationsberichterstattung habe ich bereits an anderer Stelle geschrieben (in meinem Beitrag zur belgischen Mockumentary Mann beißt Hund). Was in Zodiac – Die Spur des Killers besonders deutlich wird und als „Moral von der Geschicht’“ herhalten kann , ist das Problem der Transparenz. Die Torwächter-Funktion der Medien wird in Frage gestellt. Nicht erst seit gestern. In Zeiten, in denen Informationen von jedem Standpunkt der Erde aus verfügbar sind, aber ganz massiv.

Immer öfter müssen sich Medien rechtfertigen, warum sie so berichten, wie sie berichten. Sich in einem permanenten Rechtfertigungsmodus zu befinden, mag anstrengend sein. In manchen Fällen sicher auch müßig. Eine transparente Entscheidungsfindung, in die der Leser, Zuschauer oder Nutzer einbezogen wird, kann aber Vertrauen schaffen. Leserbeiräte, Formate wie heute+ oder auf Partizipation beruhende Angebote wie krautreporter oder perspective daily sind zarte Triebe eines Ansinnens, verlorenes Vertrauen wieder herzustellen. Wie nachhaltig diese Bemühungen sind, steht freilich auf einer anderen Seite.

Szene aus dem Film Zodiac - Die Spur des Killers: ...Robert Graysmith (Jake Gyllenhaal) ist der "verdammte Pfadfinder", der nicht trinkt und nicht raucht.

…Robert Graysmith (Jake Gyllenhaal) ist der „verdammte Pfadfinder“, der nicht trinkt und nicht raucht.

Olle Geschichte, aktueller Film

Der Grundgedanke aber ist richtig und wichtig. Nicht nur im Hinblick auf Einschaltquoten und Klickzahlen. Ein Vertrauensvorschuss benötigen die Medien auch dann, wenn sie angehalten sind, konspirativ zu Werke zu gehen. Damit meine ich nicht das Auslassen von Informationen, um eine bewusste Stimmung zu erzeugen. Ich spreche von Situationen, in denen ein vorzeitiger Informationserguss dazu führen kann, dass die tatsächliche Wahrheit nicht ans Licht kommt. Wenn die namentliche Offenlegung aller Quellen dazu führt, dass der Informationsfluss versiegt. Wenn zu viele Details eine laufende Ermittlung gefährden (ich weiß, Behörden berufen sich viel zu oft auf laufende Ermittlungen). Wenn ein psychopathischer Killer mit Hilfe einer verdeckten Therapiesitzung im TV zur Aufgabe gezwungen werden soll. Zugegeben, Letzteres kommt seltener vor. Ich kenne aber Fälle, in denen eine vorschnelle Berichterstattung einen Zugriff durch die Polizei behindert hat (ich war’s nicht, falls die Fragen kommen sollten).

Insofern ist Zodiac – Die Spur des Killers in seiner Thematik ein sehr aktueller Beitrag, obwohl er vordergründig die Chronologie einer fast 50 Jahre alten Mordserie erzählt. Da lässt es sich verschmerzen, dass die eigentlichen Journalistenfiguren nichts weiter als Schablonen sind. Der von Robert Downey Jr. gespielte Paul Avery erfüllt alle Anforderungen an einen exzentrischen, dauerquarzenden Zeitungsreporter, der seine Feierabende gerne in der Spelunke verbringt. Im krassen Kontrast steht Robert Graysmith: Der Karikaturist ist ein etwas devoter Eigenbrötler mit gestriegeltem Haupthaar, von dem seine Kollegen sagen, er sei „ein verdammter Pfadfinder. Er raucht nicht, er trinkt nicht.“ Ein Klischee ins komplette Gegenteil zu kehren, macht die Sache nicht unbedingt glaubwürdiger.

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