Pressepolka

Vor einer Woche wurde Spotlight mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichnet. Für viele überraschend. Aus der Retrospektive sagt es sich zwar leicht, aber aufgrund des brisantes Themas hatte ich Tom McCarthys Reporterdrama gute Chancen eingeräumt (nachzuhören etwa im Pre-Oscar-Plausch der Medien-Nomaden zu Bridge of Spies). Gefreut habe ich mich natürlich trotzdem: Vor allem über die Aufmerksamkeit, die dieser tolle Journalistenfilm erhält. Die Pressepolka mit einigen interessanten Linktipps.

Von Patrick Torma. Bild: I. Rasche / pixelio.de.

Die überschwängliche Freude über Spotlight war zu erwarten.  Inmitten einer Zeit, in der Journalisten einen schweren Stand haben, kommt ein Film daher, der einem gesamten Berufsstand schmeichelt. Seht her, was seriöse Berichterstattung bewirken kann! Spotlight zeigt Journalismus im Dienste der Menschlichkeit.

Wie dieser Journalismus funktioniert, führt Richard Gutjahr in seinem hervorragenden Artikel „Warum jeder Journalist ‚Spotlight‘ sehen sollte“ vor Augen. „Spotlight stellt Fragen nach dem Vertrauensverlust der Gesellschaft gegenüber den Medien. Weshalb Begriffe wie ‚Lügenpresse‘ oder ‚Mainstream-Medien‘ in der Bevölkerung verfangen“, so der Journalist. Was schließlich im Jubel untergeht: Spotlight ist keine Ist-Beschreibung. Sondern ein Appell, sich auf Tugenden zu besinnen, die im Journalismus verständlich sein sollten.

„Spotlight setzt zur Ehrenrettung an“

In der Freude über die Oscar-Auszeichnung steckt eben auch eine Spur Überkompensation. Nach dem Motto: „Endlich zeigt ein Film den wahrhaftigen Journalismus.“ Eine solche Sichtweise ist legitim. Hollywood hat in der Vergangenheit eine erkleckliche Reihe von widerlichen Journalistenfiguren auf die Leinwand gebracht. Peer Teuwsen erinnert in seiner kurzen Geschichte der Journalistenfilme „Menschen mit tödlichen Bleistiften“ an diese filmischen Nestbeschmutzer. „Journalisten sind ein verrohtes, asoziales Pack. Zu diesem Schluss kommt, wer ihre Darstellungen im Film anschaut“, schreibt Teuwsen. „Jetzt setzt der Thriller «Spotlight» zur Ehrenrettung an. Endlich.“

Teuwsen trifft richtige Beobachtungen: Journalisten im Film sind oftmals egozentrische, moralische fragwürdige Figuren – und bleiben als solche häufiger im Gedächtnis bleiben. Allerdings orientiert sich seine Argumentation an zu wenigen Beispielen – positiv wie negativ. Spotlight ist sicher ein besonders strahlendes Licht, aber sicher nicht der einzige cineastische Fackelträger für den Journalismus. Und ob Citizien Kane und Ace In The Hole noch so frisch in Gedächtnis sind, dass sie das öffentliche Bild des Journalismus heutzutage beeinflussen, sei dahingestellt.

Ein journalistische Idealbild

Zumal die Kausalkette in Teuwsens Text eine recht einseitige ist: „Wie also konnte es trotzdem so weit kommen, dass wir im öffentlichen Bewusstsein eine derart schlechte Gattung machen? Eine Antwort findet, wer sich die Darstellung unseres Berufsstandes im Film anschaut“, postuliert Teuwsen. Ich glaube ebenfalls, dass die Darstellung von Journalisten in der Popkultur einen Beitrag zur öffentlichen Wahrnehmung leistet. Man darf dabei jedoch nicht vergessen: Der Film greift oft das auf, was ihm die Realität an die Hand gibt. Citizien Kane und Ace In The Hole wurden von wahren Begebenheiten und echten Persönlichkeiten inspiriert.

Worin kein Zweifel besteht: Spotlight zeichnet, zu diesem Fazit kommt auch Peer Teuwsen, ein Idealbild des Journalismus; ein Idealbild, das aufgrund der akkuraten Darstellung der journalistischen Arbeit und des weitestgehenden Verzichts von Pathos sehr real wirkt.  Im Interview mit kino-zeit.de erläutert Regisseur Tom McCarthy einige Prämissen, die ihm im Vorfeld der Produktion sehr wichtig waren: „Niemand wollte einen Sensations-Film machen, wir wollten zwar alles ungeschminkt zeigen, aber das Storytelling an sich war mir schon emotional genug. Für mich ging es in erster Linie um die Realität hinter der Geschichte.“ Gleichwohl sei Spotlight keine Dokumentation.

Die Faktentreue in Spotlight

Über die Faktentreue des Films ist im Vorfeld kontrovers diskutiert worden, insbesondere was die Darstellung auf Seiten der Anwälte und Kirchenvertreter betrifft. Klar, dass die Angeklagten besonders hinschauen. Aber auch auf der Seite der Sieger erlaubt sich der Film künstlerische Freiheiten. Einige finden sich in einem sehr erhellenden Text von Paul Katzenberger in der Süddeutschen Zeitung: „Baron, heute Chefredakteur der Washington Post, bescheinigt dem Film einen hohen Wahrheitsgehalt, obwohl er sich selbst nicht immer als schmeichelhaft dargestellt empfindet: ‚Liev Schreiber (der Baron-Darsteller im Film, Anm. d. Red.) zeigt mich … als stoischen, humorlosen und etwas sturen Kerl, den viele meiner Kollegen sofort erkennen, der meinen besten Freunden aber sicher etwas fremd ist.'“

Dramaturgische Kniffe, die zu verschmerzen sind. Schließlich ist Spotlight beste Werbung für die Branche. Wie der Boston Globe den Erfolg des Filmes zu nutzen versucht, um neue Leser zu erschließen, darüber berichten die Netzpiloten. Bei aller Freude über die weltweite Anerkennung von Tom McCarthys Loblieb auf den investigativen Journalismus: „Den bitteren Beige­schmack, damit gleich­zeitig auch so etwas wie dem würdigen Begräbnis eines ausster­benden Berufs­standes und der bislang als uner­läss­lich geltenden »Vierten Gewalt« im Staat beige­wohnt zu haben; diesen bitteren, traurigen und verzwei­felten Beige­schmack nimmt das aller­dings nicht“, tritt Axel Timo Purr (artechock) auf die Spaßbremse. Spotlight feiert den Journalismus, er nimmt aber einen wehmütigen Schluck aus der Nostalgiepulle. Die Bandbreite der Erinnerungen und Empfindungen, die der Film weckt, bringen die Kollegen von SchönerDenken auf den Punkt: In ihrem ohrenfreundlich portionierten, knapp 14-minütigen Podcast reden die Üblichen Verdächtigen über die Darstellung der Opfer, die Erzählperspektive und das Verhältnis analoger und digitaler Recherche.

Meinungen aus der Blogosphäre

Womit wir endgültig in der Filmblogosphäre angekommen wären: Der Tenor ist positiv-begeistert. Marc Friedrich aus der Movietheque lobt vor allem das Drehbuch: „Das Duo um Josh Singer und Regisseur Tom McCarthy verpackt eine Unmenge an Figuren in 128 Minuten und verliert dabei niemals den Überblick, obwohl die Geschichte sich permanent in mehrere Richtungen entwickelt. Man könnte fast sagen, dass die Recherche der Drehbuchautoren ebenso extensiv war wie die der Journalisten, um die es in „Spotlight“ geht. Ein bemerkenswertes Gedankenkonstrukt, dass wirklich niemals den roten Faden verliert.“

Christian von MoviRoyal hebt das Schauspielerensemble hervor: „Den Darstellern kann man nur den größten Respekt zollen. Das komplette Ensemble agiert auf dem höchsten Niveau. Ob Liev Schreiber, Michael Keaton oder Rachel McAdams. Doch die herausragenden Performances gehören in Spotlight Mark Ruffalo und Stanley Tucci. Alle Darsteller lassen ihre Figuren echt und authentisch wirken. So verkommt auch die emotionale Verarbeitung der Geschehnisse durch die Journalisten nie zum großen Drama, welches dem eigentlichen Anliegen der hervorragenden Story die Wichtigkeit geraubt hätte.“

Kritik an Cast und Drehbuch

Da fällt es schwer, einzelne Darstellungen herauszupicken. Wie ich schon schrieb: Spotlight ist eine Ode an das Kollektiv. Frederik Heinen von myofdb.de, der den Film ebenfalls sehr positiv bewertet und „jede Kritik an Spotlight als Kritik auf sehr hohem Niveau“ sieht, lässt dahingestellt, ob die Oscar-Nominierungen von Mark Ruffalo und Rachel McAdams verdient seien: „Mark Ruffalo wirkt bei Zeiten sehr überdreht und fast so, als müsse er die kalte, emotionslose Art Keatons ausgleichen.“ An den Personalien Ruffalo und McAdams scheiden sich die Geister. Manon von der Cineast widerspricht Heinen vehement: „Meiner Meinung nach liefert Mark Ruffalo in SPOTLIGHT seine bis dato beste Performance ab, aber auch Rachel McAdams sticht hier heraus.“

Herbe Kritik an Spotlight findet sich nur selten. Die meisten Kinogänger erkennen an, was dieser Film leistet. Oder liegt es an der lobenswerten und wichtigen Botschaft, dass niemand gewillt scheint, die Qualitäten von Spotlight abzusprechen? Der Schriftsteller Stephan Waldscheidt (auf Twitter unter (@schriftzeit) glaubt genau das: In einem langen Statement auf Facebook bemängelt er die vielen verpassten Chancen im Drehbuch: „Drama braucht … Dramatik. […] An hundert Stellen lauern spannende Konflikte, doch die Filmemacher haben so gut wie keinen davon aufgegriffen. Das Ergebnis sind aufgescheuchte Reporter des Spotlight-Ermittlerteams des Boston Globe, die von A nach B hasten und an A, an B und dazwischen ziemlich viel quasseln. Der Plot ist so geradlinig, dass ich gar nicht von einem »Plot« sprechen müsste. Es ist nur eine gerade, kaum ansteigende Linie ohne Eskalation und Wendepunkte, ohne Charakterentwicklung, und die Emotionen kommen nicht aus den Figuren oder der Story, sondern allein aus dem dahinterliegenden Sumpf, den die Reporter des Boston Globe aufdecken.“

Journalistenfilme.de in der NOZ

Natürlich muss man ein Faible für ruhige, unaufgeregte Erzählungen mitbringen, wer nichts mit dieser Art von Film anfangen kann, der verspürt in diesen dialoggeschwängerten zwei Stunden Langeweile. Aber gerade die Tatsache, dass Spotlight auf gängige, aufgesetzte Konflikte verzichtet, macht diesen Film in meinen Augen so stark. So sehr ich dessen Meinung aus Autorensicht respektiere: Waldscheidts Prognose, der Film gerate in wenigen Jahren in Vergessenheit, wird nicht eintreffen. Dafür sorgen wir Journalisten, die Spotlight ab sofort in einem Atemzug mit Die Unbestechlichen nennen werden.

Zuletzt noch ein Lesetipp in eigener Sache. Normalerweise bin ich es ja gewohnt, die Fragen zu stellen. In diesem Fall habe ich aber gerne die Seiten gewechselt: Hendrik Steinkuhl von der Neuen Osnabrücker Zeitung führte mit mir ein Interview. Das Ergebnis ist ein schönes Portrait über journalistenfilme.de.

Ihr habt Fragen, Kritik oder Anregungen? Film- oder Linktipps für mich? Dann schreibt mir eine Mail an patrick [at] medien-nomaden [punkt] de. Ich freue mich über jede Rückmeldung und jeden Kontakt!