Die USA, wenige Jahre nach dem 11. September. Der Krieg gegen den Terror ist festgefahren. Wie konnte es so weit kommen? Robert Redford lässt in Von Löwen und Lämmern (OT: Lions for Lambs) die Hauptstadt-Reporterin Janine Roth auf diese Frage los. Die Antwort, die sich im Laufe eines Gesprächs mit einem ehrgeizigen Senator aufdrängt, wird sie nachhaltig verstören.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: MGM/20th Century Fox.

Manchmal ist man auch mit der Erfahrung von 40 Berufsjahren orientierungslos. Janine Roth (Meyrl Streep, siehe auch: Die Verlegerin) ist eine erfolgreiche Politberichterstatterin. Einstiegsjahr 1968. Das Herz am linken Fleck. Geformt in der Goldenen Ära des Journalismus. Vietnam, Watergate. Jetzt sitzt sie im Büro des Jungsenators Irving (Tom Cruise), dessen steile Karriere sie vor acht Jahren in einem Porträt vorhergesagt hat. Der heutige Termin ging von Irvings Seite aus, der sich nun auf seine Art und Weise revanchieren möchte. Er bietet Roth exklusive Einblicke in eine neue Militärstrategie an, die die USA just in diesen Minuten auf seine Initiative hin in Afghanistan ausrollen.

Die Reporterin durchschaut Irvings Spiel. Ein zweites Mal wird sie nicht zur Steigbügelhalterin. Und überhaupt klingen die Ausführungen des Senators verdächtig nach Durchhalteparolen. Sechs Jahre nach 9/11 ist der Kreuzzug gegen den Terror in der afghanischen Wüste versandet. Für eine Journalistin ihres Formats wäre es normalerweise eine Fingerübung, den nassforschen, keinesfalls unerschütterlich wirkenden Politiker auf diesen Umstand festzunageln. Doch irgendwo zwischen den Fehlern der Vergangenheit, einer festgefahrenen Gegenwart und einer ungeschriebenen Zukunft sind der Journalistin die Gewissheiten abhanden gekommen.

Janine Roth (Meryl Streep) ist eine erfahrene Journalistin. Das schützt die Politberichterstatterin aber nicht vor der allgemeinen Ratlosigkeit.
Janine Roth (Meryl Streep) ist eine erfahrene Journalistin. Das schützt die Politberichterstatterin aber nicht vor der Ratlosigkeit.

Die Ratlosigkeit als gemeinsamer Nenner Amerikas

Von Löwen und Lämmern ist Robert Redfords (siehe auch: Die Unbestechlichen) wortreiche Bestandsaufnahme der US-amerikanischen Gemütslage wenige Jahre nach dem Trauma vom 11. September. In drei verschachtelten Episoden nimmt der Regisseur drei Instanzen ins Kreuzverhör: Politik, Medien und Bildungssystem. Redford selbst spielt einen Uni-Professor, der seinem talentierten, aber desillusionierten Studenten auf den Zahn fühlt, während am anderen Ende der Welt zwei junge Soldaten in einem schneebedecktem Gebirge Afghanistans gegen die Taliban um ihr Leben kämpfen. Ihr Einsatz markiert den Auftakt jener Militärstrategie, die Irving wiederum der Journalistin Roth als Wendepunkt verkaufen möchte.

Alle drei Episoden zeichnen sich durch eines aus: Zwischen den um Deutungshoheit ringenden Parteien wird viel geredet und noch mehr (aus-)gesagt, nur um festzustellen, dass sie letzten Endes gleichsam ratlos sind, was die Überforderung und die Ratlosigkeit im Umgang mit den komplexen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts betrifft. An der von Irving angepriesenen Strategie ist rein gar nichts neu, im Grunde genommen ist Irvings Strategie noch nicht mal ein Strategie, sondern lediglich eine taktische Anpassung als Reaktion auf den Guerilla-Kampf der Taliban, die sich im Gebirge verschanzen.

Journalismus trifft auf Politik - normalerweise eine Kombi mit Reibungspotenzial. Doch kann Janine Roth anders als Senator Irving (Tom Cruise) zu vertrauen? Immerhin geht es um die Zukunft Amerikas.
Journalismus trifft auf Politik – normalerweise eine Kombi mit Reibungspotenzial. Doch kann Janine Roth anders als Senator Irving (Tom Cruise) zu vertrauen? Immerhin geht es um die Zukunft Amerikas.

Janine Roth ist die Personifizierung der US-amerikanischen Medien

Ansonsten folgt er damit ziemlich genau jener Marschrichtung, die die Vereinigten Staaten mit ihren Eintritt in den Zweiten Weltkrieg einschlugen: Endgültige Abkehr vom Isolationismus, Interventionen zur Wahrung amerikanischer Interessen. „Koste es, was es wolle“ (O-Ton Iving), auch oder insbesondere im militärischen Sinne. Eine Doktrin, die sich mit Blick die Nachkriegsordnung und den auf den Aufstieg der USA zur Supermacht bezahlt gemacht hat, aber schon in der anschließenden Ära mit seinen vermeintlich überschaubaren Blöcken an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit stieß. Spätestens seit Vietnam war das offensichtlich, und doch ist sie nie aus der Mode gekommen. Erst Reagan, dann Bush senior, jetzt der Sohnemann – Denken und Rhetorik haben sich unter den verschiedenen Präsidenten kaum gewandelt.

Dessen ist sich Janine Roth bewusst. Als altgediente Journalistin verfügt sie über historische Weitsicht, sie kann die Fehler der Vergangenheit benennen. Tatsächlich hat sie vor, die Chronologie der militärischen Sackgasse niederzuschreiben. Sehr zum Verdruss von Irving, er hält Janine Roth mangelnde Konstruktivität vor. Anstatt ihren Lesern pausenlos vorzukauen, was in den vergangenen Jahren schief gelaufen sei, solle sie sich doch lieber sich mit der Zukunft befassen. Irvings Rede ist beseelt von der ewigen Dolchstoßlegende, nie stünde die US-Presse ihrem Land zur Seite; ständig demoralisierten die Medien durch ihre überkritische Berichterstattung in der Heimat die Kampfmoral der Truppen an der Front. Dabei ist diese Verschwörungstheorie, die während des Vietnamkrieges zu einem populären Narrativ wurde und seitdem von konservativ-reaktionären Kreisen gepflegt wird, nicht haltbar. Und doch zieht sich Janine Roth diesen Schuh an.

US-Presse zwischen Dolchstoßlüge und Komplizenschaft

Kann es sein, dass eine allzu kritische Berichterstattung in dieser Situation nicht doch kontraproduktiv ist? Ist es nicht an der Zeit, den Schulterschluss zu demonstrieren? Wie sähe denn eine mögliche Alternative aus? Ein Rückzug der Truppen, das hieße, wie Irving durchspielt, die USA ließen ein Land im Chaos zurück, dazu enttäuschte Hoffnungen der afghanischen Bevölkerung auf ein Leben in Freiheit und Frieden. Janine Roths Gedanken rotieren, sie schreibt immer schneller, immer heftiger mit. Dass Irving die Rolle der Medien nur wenig später ins andere Extrem verkehrt, macht die Sache nicht leichter. Plötzlich ist die US-Presse in seiner Argumentation keine Gegnerin mehr, sondern eine Komplizin der Afghanistan-Invasion. „Sie haben den Krieg verkauft. Jetzt verkaufen Sie mit uns die Lösungen“, fordert der Senator und entlarvt so, wie es um das politische Latein der Vereinigten Staaten bestellt ist.

Die Journalistin steckt in einem Double Bind fest. Damit wird Janine Roth zum Spiegelbild der US-Presse. Geschult und gewillt, die richtigen Fragen zu stellen, aber auch gefangen zwischen dem nationalem Ehrgefühl und der Angst, das Falsche für das Land zu tun. Die patriotische Nibelungentreue der amerikanischen Presse existiert nicht erst seit 9/11, sondern ist in ihrer DNA verankert. Gleichwohl haben die Terroranschläge von New York die amerikanische Identität bis in Mark erschüttert – dieser Schockstarre zu trotzen wurde als eine nationale Herausforderung, ja gar Pflicht empfunden, die nur in einem gemeinsamen, gesellschaftlichen Kraftakt zu bewältigen war. Erst halfen die Medien bei der Ausformulierung dieser Aufgabe mit, später erwiesen sie sich anschließend als willige Erfüllungsgehilfen. Dazu gehörte eine Berichterstattung, die die Invasionen in Afghanistan und im Irak in der Breite befürwortete und die Augen vor den notdürftigen Legitimationen verschloss.

„Sie haben den Krieg verkauft. Jetzt verkaufen Sie mit uns die Lösungen“, fordert der Senator Irving von der Journalistin Roth.
„Sie haben den Krieg verkauft. Jetzt verkaufen Sie mit uns die Lösungen“, fordert der Senator Irving von der Journalistin Roth.

Janine Roth will nicht wie Abu Ghraib-Enthüllerin Mapes enden

Journalisten, die mit kritischen Stimmen aus diesem Kanon heraus stachen, liefen – im Sinne der oben benannten Verschwörungstheorie – Gefahr, als Netzbeschmutzer und Vaterlandsverräter gebrandmarkt zu werden. Selbst wenn das im Namen der Demokratie begangene Verbrechen verabscheuungswürdig war: In Von Löwen und Lämmern echauffiert sich Irving über die Enthüllungen von Abu Ghraib, die sich als hinderlich für die amerikanische Strategie erwiesen hätten. Eine der Enthüllerinnen des Folterskandals, die Journalistin Mary Mapes, wurde im Nachgang tatsächlich öffentlich demontiert. Nicht im unmittelbaren Zuge der Abu Ghraib-Debatte, wohl aber in Reaktion darauf – nachdem die 60 Minutes-Reporterin darüber berichtet hatte, wie George Bush jr. als Jugendlicher einem Einsatz in Vietnam entkam, und dabei über ein mutmaßlich gefälschtes Dokument stolperte. Der Journalistenfilm Der Moment der Wahrheit erzählt von dieser Geschichte.

Janine Roth möchte keine Mary Mapes sein. Dazu fehlt ihr einerseits Courage, andererseits die Unterstützung. Nicht mal auf ihren direkten Vorgesetzten kann sie sich verlassen. Sie teilt ihm ihre Bedenken bezüglich des Nachrichtenwerts und der Aufrichtigkeit der Informationen aus dem einstündigen Termin mit Irving mit. Doch der News-Chef kanzelt seine Starreporterin ab. Eine Änderung der Strategie sei immer noch eine Nachricht, und zwar eine, über die der Sender exklusiv verfüge. Er ist bemüht, seine Argumentation journalistisch anzupinseln. Es ist jedoch allzu offensichtlich, dass er der Quotenhörigkeit und der Abhängigkeit seines Senders von einflussreichen Gönnern verpflichtet ist. Als Janine Roth an ethische Grundprinzipien des Journalismus appelliert („Wenn wir uns nicht trauen, wer traut sich dann?“) und schlussendlich ankündigt, ihre Notizen für sich behalten zu wollen, reagiert ihr Boss mit einem perfiden Beißreflex: Er droht ihr, mit Verweis auf ihr Alter und Geschlecht, mit der Kündigung.

Das Versagen von Janine Roth ist heute noch sichtbar

Janine Roths Ohnmacht, und damit die der Presse im Allgemeinen, ist an ihrem Höhepunkt angelangt. Wenn grundlegende Werte keine Gültigkeit mehr besitzen, sondern wirtschaftliche Überlegungen und Angst in den Redaktionen regieren, wenn die Mechanismen der Selbstregulierung nicht mehr funktionieren, was ist der Journalismus noch wert? Am Ende laufen Irvings „Informationen“ zur neuen Militärstategie über den Ticker. Ohne jedwede Einordnung, aufgebläht zur Neuigkeit, die den Menschen in den USA eine Chance auf den Sieg vorgaukelt. Jetzt, nach sechs Jahren Stellungskrieg mit einer Terrorbande, die in Höhlen haust. „Um den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen, brauchte es nur fünf Jahre“, merkt Janine Roth gegenüber Irving an.

„Wir haben aus unseren Fehlern gelernt“, erwidert der Senator. Weitere 13 Jahre später, im Frühjahr 2020 ging die Kämpfe – trotz des Friedensschlusses zwischen den USA und den Taliban – weiter. Inzwischen hat der Afghanistan-Krieg hat den Vietnam-Krieg als längsten Krieg in der Geschichte der USA abgelöst. Hinterher ist man immer schlauer, heißt es. Janine Roth war sich vieles vorher bewusst. Das ist ihr Versagen.


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