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Journalistisches Roadmovie durch Afghanistan: Kabul Express (2006)

Zwei indische Reporter treten arglos eine Reise nach Afghanistan an. Sie wollen ein Interview mit einem Taliban-Kämpfer führen.

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Zwei indische Reporter treten arglos eine Reise nach Afghanistan an. Sie wollen ein Interview mit einem Taliban-Kämpfer führen.

Plötzlich sitzt ein solcher auf der Rückbank ihres Jeeps, mit vorgehaltener Waffe. Kabul Express verdichtet die Konflikte des Vielvölkerstaates auf dem Raum einer Fahrgastzelle. Dabei erfindet das indische Roadmovie das Krisenkino nicht neu, bricht aber mit gängigen Mustern.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Yash Rai Films.

Hätten sie mal auf ihre Eltern gehört und einen „anständigen Beruf“ ergriffen. Dann säßen die beiden TV-Reporter Suhel und Jai (John Abraham und Arshad Warsi) jetzt nicht hier – mit verbundenen Augen auf der Rückfläche eines Geländewagens, inmitten der afghanischen Einöde. Auf dem Weg zu einem Interview mit einer örtlichen Taliban-Gruppe, von dem sie nicht wissen, ob es überhaupt stattfindet, und wenn ja, ob sie je wieder lebendig aus der Nummer herauskommen.

Wie uns das Intro von Kabul Express verrät, gehören die beiden zur Armada „tausender Journalisten“, die nach dem 11. September 2001 in das kriegsgebeutelte Land einreisen. Bereits kurz nach Beginn der Invasion der US-Amerikaner, Ende 2001, gelten die Taliban als gestürzt. Die Party scheint vorbei (siehe auch: A Mighty Heart). Dass dem nicht so war, wissen wir inzwischen. Die Intervention in Afghanistan löste den Vietnamkrieg als längsten Krieg in der Geschichte der USA ab.

Kabul Express ist das Spielfilmdebüt des Dokumentarfilmers Kabir Khan

Dass eine erfolgreiche Militäroffensive nicht ausreichen würde, um die vielen Gordischen Knoten in dem Vielvölkerstaat zu zerschlagen, war damals schon zu erahnen. Suhel und Jai, absolute Greenhorns in Sachen Kriegsberichterstattung, scheinen sich im Vorfeld jedoch wenig Gedanken darüber gemacht zu haben, was sie in Afghanistan erwartet. Überrumpelt von der diffusen Stimmungs- und instabilen Sicherheitslage in dem Land, schlittern sie von einer heiklen Situation in die nächste.

Kabul Express ist das Spielfilm-Debüt von Kabir Khan. Der indische Regisseur kennt Afghanistan aus seinem früheren Leben als Dokumentarfilmer. Er hegt eine Faszination für Land und Leute, besitzt aber auch ein Gespür für deren Probleme. Beides schimmert in seinem Film durch. Etwa in den atemberaubenden Aufnahmen echter afghanischen Wüsten- und Gebirgslandschaften (der Film ist unter strengen Sicherheitsvorkehrungen on location gedreht worden). Oder in ruhigen Szenen, in denen sich das Roadmovie zugunsten der bitteren Realität zurücknimmt. Beispielsweise macht Khan auf die prekäre Situation von afghanischen Kriegswitwen aufmerksam.

Forscher Fahrgast: Der pakistanische Taliban-Kämpfer  Imran (Salman Shahid) erpresst sich eine Mitfahrgelegenheit im Presse-Jeep.
Forscher Fahrgast: Der pakistanische Taliban-Kämpfer Imran (Salman Shahid) erpresst sich eine Mitfahrgelegenheit im Presse-Jeep.

Ein Jeep voller Probleme – oder: Afghanistan in a nutshell

Abseits dieser Zwischenstopps drückt Kabul Express mit seinem Mix aus Abenteuerfilm, Drama und Komödie ganz schön aufs Gas. Gerade der humoristische Einschlag mag zunächst im Widerspruch zum ernsten Setting stehen. Doch es funktioniert. Bei aller Skurrilität driftet Kabul Express nie ins Lächerliche ab. Dem Film gelingt es, abstrakte ethnische und geopolitische Streitfragen in einer fünfköpfigen Reisegruppe zu vermenschlichen.

Als Außenstehende werden Sahel und Jai in einen Stellvertreter-Konflikt hineingezogen. Ihr Jeep wird auf offener Straße von einer Person in einer Burka angehalten. Darunter verbirgt sich der Pakistani Imran (Salman Shahid), der aufseiten der Taliban gekämpft hat und sich nun mit vorgehaltener Waffe eine Mitfahrgelegenheit erpresst, um zurück über die pakistanische Grenze in die Heimat zu fliehen. Sehr zum Ärger des afghanischen Fahrers Khyber (Hanif Humghum), der fortan nur darauf lauert, den unliebsamen Passagier ans Messer zu liefern. Später steigt noch die US-Reporterin Jessica Beckham (Linda Arsenio) ins Auto. Sie pflegt einen journalistischen Hurra-Stil: Erst Fotos schießen, dann fragen. Eine Klapperkiste wird zum Pulverfass auf vier Rädern: Afghanistan in a nutshell.

Der Kabul Express sorgte in Afghanistan für Kontroversen

Eine Transferleistung, die Anerkennung verdient, aber nicht frei von Problemen ist. Manches in Kabul Express ist allzu plakativ. Manches wiederum erklärungsbedürftig. Die Brisanz der Figur des Talibs Imran etwa erschließt sich nur mit dem Vorwissen um die Rolle Pakistans im Afghanistan-Krieg. Nicht unwichtig ist in diesem Kontext auch das angespannte Verhältnis zwischen Pakistan und Indien. Denn es erklärt, weshalb die pakistanische Seite in dem Film tendenziell schlechter wegkommt. Gleichwohl ist Kabul Express kein Film, der unreflektiert gegen Indiens ungeliebten Nachbarn austeilt. Den Gegenbeweis liefert ebenjener Imran, der trotz seines überzeugten Kampfes für eine Terrorbande eine sehr menschliche Seite spendiert bekommt. In kurzen wie heiteren Momenten des Burgfriedens wird klar: Unter anderen Umständen hätten die fünf Mitfahrenden Freunde sein können.

Möglicherweise war der versöhnliche Umgang mit diesem Feindbild mit ausschlaggebend dafür, dass die afghanische Regierung den Film verbieten ließ. Begleitet wurde das Verbot von Protesten, die sich insbesondere gegen die Darstellung der Hazara in dem Film richteten. Obwohl drittgrößte Volksgruppe in Afghanistan, stellen die Hazara eine Minderheit dar, die auf eine lange Historie brutaler Diskriminierung zurückblickt. Gerade die Taliban fügten den Hazara unfassbares Leid zu, zwischen 1996 und 2001 verübten sie mehrere Massaker. Kabul Express hält diesen Verbrechen eine Szene entgegen, in der die Gruppe von einem hazarischen Räuber-Trio in mörderischer Absicht aufgehalten wird – Fahrer Khyber bezeichnet die Hazara daraufhin als „brutalste Verbrecher“, die „schlimmer als die Taliban“ seien.

Fahrer Khyber (Hanif Humghum) sorgt für einen Eklat im echten Leben: In Afghanistan wurde der indische Film für die diskriminierende Darstellung der Hazara kritisiert.

Täter-Opfer-Umkehr? Oder unglückliche Kompositfiguren?

Regisseur Kabir Khan und die Produzenten des Films äußerten sich ausweichend zu diesen Vorwürfen. Ziel sei es stets gewesen, ein besseres Verständnis zwischen Indern und Afghanen zu schaffen. Mir persönlich ist nicht klar, ob sich Khyber auf die im Film gezeigten Räuber bezieht oder auf die Hazara in ihrer Gesamtheit. Da Kabul Express jedoch mit Kompositfiguren arbeitet, ist die Figurenzeichnung in der besagten Sequenz mehr als unglücklich. Unabhängig davon: Um sich vorzustellen, welche Schmerzen ein Film wie Kabul Express in einem Land nicht verheilter Wunden verursacht, braucht es wirklich nicht viel.

Der afghanische Fremdenführer Khyber etwa mutiert, nachdem er die Journalisten in aller Gastfreundschaft empfangen hat, zum von Rachegedanken zerfressenen Wüterich, der den Talib Imran am liebsten tot sähe. Nur mit Mühe können die anderen einen Akt der Selbstjustiz verhindern. Zwar ist dieses Motiv der Rache nur konsequent: Zu den Nachwehen eines Krieges gehört, dass Opfer über Täter richten und nicht selten selbst zu Tätern werden. Doch im Gegensatz zu Imran muss Khyber ohne echte Backstory auskommen. Die Figur erscheint vergleichsweise eindimensional und unsympathisch. Das Gefühl einer Opfer-Täter-Umkehr ist aus afghanischer Perspektive zumindest nachvollziehbar.

Der Umgang mit der einzigen Frauenrolle: eher konfus

Alles und nichts anzufangen weiß der Film mit seiner Frauenrolle. Mal ist Jessica toughe Kriegsberichterstatterin, mal journalistische Nutznießerin. Mal Projektionsfläche für den American Way of War, mal Zielscheibe lüsterner Männerblicke. Die Reporterin irrlichtert durch die afghanische Wüste, was im Grunde genommen zum Symbolcharakter ihrer Figur passt: Als Repräsentantin der USA kommt sie mit großen Plänen nach Afghanistan, nur um sich einzugestehen, dass sie eigentlich planlos ist. Leider verhandelt der Film diesen an sich spannenden Konflikt ziemlich grobschlächtig.

Was sie denn ursprünglich in Afghanistan vorgehabt habe, will Suhel von Jessica wissen. „I wanted to sell some gore“, gibt die Reuters-Journalistin ihr egoistisches Motiv reumütig zu. Sie fühlt sich ertappt und flüchtet sich in Fatalismus: Was könnten Journalist*innen in dieser verrückten Welt schon noch ausrichten? Damit sind die elementaren Sinnfragen des Krisenjournalismus laut ausgesprochen. Nicht, dass es diese verbalen Dum-Dum-Geschosse gebraucht hätte. Von der ersten Minute an ist diese Odyssee ein Ringen um Haltung. Suhel und Jai wollen objektiv berichten, doch sie müssen feststellen, dass „objektiv“ nicht mit „unbeteiligt bleiben“ gleichzusetzen ist. Selbst wer „nur“ berichtet, mischt sich ein. Erst recht mit einem Interview mit den Taliban.

Stiefeln etwas sorglos nach Afghanistan: Jai und Suhel (Arshad Warsi und John Abraham) schlittern von einer brenzlichen Situation in die nächste.
Stiefeln etwas sorglos nach Afghanistan: Jai und Suhel (Arshad Warsi und John Abraham) schlittern von einer brenzlichen Situation in die nächste.

Weniger Journalistenfilm, sondern journalistisches Gleichnis

Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, setzt Kabul Express den beiden Reportern die sprichwörtliche Pistole auf die Brust. In der Entführungssituation sind sie gezwungen, ihre Zuschauerrolle zu hinterfragen. Jai ist der aufbrausende Sidekick mit lockerem Mundwerk, der gar nicht anders kann, als seine Meinung hinauszuposaunen. Sahel kommt der Part des Bedächtigen zu. Anfangs versucht er, seinen Kollegen zu bremsen, um ja nicht zwischen die Fronten zu geraten. Doch als die Situation zu eskalieren droht, dämmert es ihm, dass er nicht tatenlos zuschauen darf. Durch seinen unvoreingenommenen Blick ist er in der Lage, die unterschiedlichen Positionen im Auto vorurteilsfrei zu bewerten und so gegenseitiges Verständnis herzustellen. Wie man es von einem Reporter erwartet, der über einen komplexen Sachverhalt berichtet.

Mehr Journalistenfilme aus dem indischen Kino gefällig? In unserer Podcast-Episode stellt Vera Wessel vom Bollywood-Magazin ISHQ interessante Filmtipps vor.
journalistenfilme.de – der Podcast #26: Journalistenfilme aus Indien

Es ist interessant, wie Kabul Express sein journalistisches Thema verhandelt. Abgesehen von einigen Einsprengseln zu Beginn, in denen wir Sahel und Jai zusehen, wie sie kurze Reportage-Vignetten produzieren (etwa am Rande eines traditionellen Reiterspiels), bietet der Film kaum Einblicke in die Arbeit von Reporter*innen. Einmal entführt, steht die Berichterstattung hinten an. Dennoch bleiben wir über die Charakterentwicklung Sahels stets mit der Profession in touch. Es ist wie in einem Gleichnis. Bildhaft veranschaulicht der Film, wofür guter Journalismus seiner Meinung nach einstehen sollte.

Klassische Sinnfragen des Journalismus, anders hergeleitet

Ob man diesem Bild bis in die letzte Instanz folgen möchte, steht auf einem anderen Blatt. Am Ende ermöglicht Sahel dem Talib Imran die Flucht an die pakistanische Grenze, wodurch der einem Lynchmord entgeht. Sahel lässt hier vor allem Menschlichkeit walten. Möglich wird die Rettungstat allerdings durch einen Journalisten, der seine Objektivität aufgibt, um Partei zu ergreifen. Inwieweit Parteilichkeit im moralischen Sinne mit den Grundsätzen des Journalismus vereinbar ist, darüber wird seit jeher gestritten. Hält man es mit den Leitsprüchen, die besagen, dass sich Journalist*innen mit keiner Sache gemein machen sollten, auch nicht mit einer guten? Oder gesteht man dem Journalismus eine anwaltschaftliche Funktion zu?

In seiner Zuspitzung landet Kabul Express bei den Fragen, die auch die allermeisten Kriegsreporter-Streifen aufwerfen. Aber: Die Herleitung ist eine andere. Im Krisenkino resultiert der Sinneswandel der journalistischen Hauptfiguren häufig aus der Erkenntnis, der Propaganda der vermeintlich „guten“ Kriegspartei aufgesessen zu sein. Man denke an die Klassiker des Genres, die vor dem Hintergrund des Kalten Krieges entstanden sind. An Russell Price in Under Fire, an Richard Boyle in Salvador oder auch an Private Joker im Dienste des Stars and Stripes-Magazines in Full Metal Jacket. Sie alle treten ihren Einsatz in der vollen Überzeugung an, dass die Einmischungen der US-Regierung legitimiert oder gar alternativlos seien, bevor sie von den Ereignissen vor Ort eingeholt werden. Sahel und Jai hingegen sind doppelt unbeleckt. Sie sind nicht nur Anfänger in ihrem Metier, sondern auch Pressevertreter einer Nation, die sich keiner Kriegsseite zugehörig fühlt.

Reporterin Jessica Beckham (Linda Arsenio) ist eine Repräsentantin ihres Landes: Als US-Amerikanerin hat sie keinen Plan, was sie eigentlich in Afghanistan sucht.
Reporterin Jessica Beckham (Linda Arsenio) ist eine Repräsentantin ihres Landes: Als US-Amerikanerin hat sie keinen Plan, was sie eigentlich in Afghanistan sucht.

Afghanistan eignet sich nicht für das althergebrachte (Anti-)Kriegs-Kino

Welcher sollten sie sich auch anschließen? Der Krieg in Kabul Express ist wenig greifbar. Die US-Intervention in Afghanistan, sie ist, wie wir bereits gestellt haben, für den Moment am Ziel angelangt. Die Schemenhaftigkeit liegt aber auch in der diffusen Wahrnehmung dieses Konfliktes begründet, der ohne die Fronten klassischer Staaten- und Stellvertreterkriege auskommt. Es hat seine Gründe, warum der Afghanistan-Konflikt als Prototyp eines neuen, modernen Krieges filmisch eher unterbelichtet ist. Vielleicht, weil er kurz darauf vom Krieg im Irak überlagert wurde. Vielleicht aber auch, weil sich Afghanistan als Bühne fürs althergebrachte (Anti-)Kriegs-Kino mit seinen Schwarz-Weiß-Kategorien entzieht. Khan versucht gar nicht erst, Afghanistan als Kriegsschauplatz zu vermessen, sondern erzählt eine Geschichte über die Stärken und Schwächen der menschlichen Natur und die Relativität kultureller Unterschiede. Allein für den Weg, den der Film einschlägt, lohnt sich die Fahrt mit dem Kabul Express.

Zwei Filmtipps: Ein Film, der sich dem schwierigen Thema Afghanistan aus der Perspektive einer unerfahrenen Kriegsreporterin nähert, ist Whiskey Tango Foxtrot. Basierend auf den Memoiren der echten Journalistin Kim Barker (The Taliban Shuffle), fällt der Film wie auch Kabul Express durch seinen humoristischen Einschlag auf. In seiner Herangehensweise ähnelt Kabul Express dem sehr empfehlenswerten No Man’s Land (leider noch ohne die verdiente Besprechung). Auch hier wird die Komplexität des Krieges vermenschlicht: Der Film handelt von drei Soldaten, die in den Jugoslawienkriegen auf verschiedenen Seiten kämpfen, plötzlich aber ein gemeinsames Schicksal teilen. Aber Achtung: hier geht’s bitterböse zu.


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