Der technische Fortschritt und die Verdichtung von Arbeit haben eine Reihe von Berufen in der Zeitungsbranche obsolet gemacht. Den Schriftsetzer in der Produktion beispielsweise, oder die Heerscharen von Schreibkräften in den Redaktionen. Völlig aus unserem Stadtbild verschwunden sind längst auch die Zeitungsjungen. Delivering Newspapers aus dem Jahr 1903 ist eine frühe filmische Ehrerbietung an die kleinen, aber für den Absatzmarkt einst so wichtigen Zeitungsdistributeure.

Text: Patrick Torma

Das Verschwinden der Zeitungskinder in unseren Breitengraden hat weniger mit heutigen Jugendschutzgesetzen als viel mehr mit dem Printsterben zu tun. Heute kennt man die kindlichen Verkäufer von den romantisierten Darstellungen in Filmen, die im Großstadtdschungel des 19. bzw. frühen 20. Jahrhunderts spielen. Kleine, pfiffige Jungs (manchmal auch Mädchen), mit niedlich aufgetragener Druckerschwärze auf den Wangen, buhlen mit lauten „Extra-Blatt!“-Rufen stellvertretend für die Zeitungen um die Gunst und damit um die Cents der Leserschaft.

Heute ist ein solcher Straßenvertrieb unvorstellbar. Dank Echtzeitberichterstattung im Internet und Dauerpräsenz in den Social Media wissen wir bereits am Vortag, worüber die morgigen Zeitungen berichten werden. Es gab jedoch eine Zeit, noch bevor Fernsehen und Rundfunk in Erscheinung traten, da waren Printnachrichten die Informationsquelle Nummer 1. Zeitungshäuser brachten jeweils eigene Morgen-, Nachmittags- und Abendausgaben heraus, die auf das aktuelle Stadt- und Weltgeschehen einzahlten.

Kampf um die besten Exemplare

Der Markt war vielfältiger, aber auch umkämpfter. Zwei von einander unabhängige Redaktionen an einem Ort gelten in unserer Presselandschaft heute ja schon als pluralistischer Luxus. Früher waren mehrere lokale Blätter nebeneinander – bis zu einem halben Dutzend und mehr in großen Städten – keine Seltenheit. Die Weltstadt New York zählte in der Blütephase des Printwesens zeitweise 50 sogar konkurrierende Zeitungen.

Eben in jene Metropole entführt uns der kurze, dokumentarische Clip, wie an der Aufschrift des eingetroffenen Pferdewagens zu erkennen ist. Er liefert die druckfrische Ausgabe der New York World an – eine Zeitung, die zwischen 1860 bis 1931 erschien, ab 1883 zum Pulitzer-Imperium gehörte und mithilfe frischer Reportagen und Erlebnisberichte aus der Feder von Autoren wie Nellie By an Popularität gewann. Meilensteine der World sind die erste beigesteckte Farbbeilage (1895) und das weltweit allererste Kreuzworträtsel in einer Zeitung (1913).

Mehr als nur ein Zubrot

Die Protagonisten in Delivering Newspapers scheren sich um diese Meriten herzlich wenig. Für sie geht es Morgen für Morgen, Nachmittag für Nachmittag ans Eingemachte: Rund 50 Zeitungsjungen ringen um die besten Plätze für die Ausgabe der Exemplare für den Straßenverkauf. Zwei Jungs gehen aufeinander los; die anderen formen einen Kreis und feuern die beiden Streithähne an. Schnell wird klar: Ganz so romantisch wie im Film war das Leben als Paperboy ganz sicher nicht. Zeitungsaustragen war in diesen Zeiten kein Zubrot, keine willkommene Gelegenheit, das Taschengeld aufzubessern – diejenigen, die bereit waren, das gedruckte Papier unter die Bevölkerung zu bringen, waren auf diesen Verdienst angewiesen, um das eigene Überleben und das der Familie zu sichern.

Weil sich die prekären Verhältnisse in diesem Sektor zu verschlimmern drohten, legten junge Zeitungsverkäufer 1899 im großen Stil die Arbeit nieder: Die marktbeherrschenden Medienmogule William Randolph Hearst und Joseph Pulitzer hatten die Ankaufspreise für Zeitungen erhöht, was den Gewinn für die Austräger schmälerte. Der Streik der Zeitungsjungen lieferte Disney die Vorlage zu einem Musical, welches 1992 in die Kinos kam. Newsies mit einem sehr jungen Christian Bale in der Hauptrolle war an den Kassen zwar ein Flop, lebt aber als Broadway- und Tour-Fassung bis heute ganz profitabel weiter.

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