New York steht vor einem Rätsel. Ein anonymer Wohltäter deponiert scheinbar willkürlich 100.000 Dollar schwere Geldbeutel in der Stadt. Schnell steht sich heraus, die Empfänger haben eines gemeinsam: Das Geld ist aus den verschiedensten Gründen gut bei Ihnen aufgehoben. Good Sam, wie der Spender in Anlehnung an den barmherzigen Samariter aus dem biblischen Gleichnis genannt wird, verfolgt anscheinend eine Agenda. Oder ist alles doch nur ein Marketing Gag? Die Blaulicht-Reporterin Kate Bradley nimmt die Fährte auf, wenn auch nur äußerst widerwillig…

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Netflix.

Kate Bradley (Tiya Sircar) hat einen hervorragenden Riecher für brandheiße News – wann immer es in New York brennt, rummst oder krawallt, ist die TV-Reporterin als erste zur Stelle. Allerdings neigt die Journalistin auf der Jagd nach exklusiven Bildern dazu, unverhältnismäßige Risiken einzugehen. In der Einstiegsszene von Good Sam trickst sich Kate hinter eine Polizeiabsperrung, um den Brand in einem stillgelegten Lagerhaus aus nächster Nähe zu dokumentieren. Es gelingt ihr, erstklassige Aufnahmen von den Rettungsarbeiten einzufangen, für die sie beinahe mit ihrem Leben bezahlt. Feuerwehrmann Eric Hayes (Chad Connell) verhindert so eben noch, dass die Reporterin von herabstürzenden Trümmern erschlagen wird.

Gerade nochmal glimpflich davongekommen, ist Kate alles andere als einsichtig. „Wir müssen eben nah ans Feuer, um unseren Job zu machen“, plattitüdet sich die Reporterin heraus. Die Kollegen im Sender nicken anerkennend mit dem Kopf – solche Bilder kann die Konkurrenz nicht bieten. Ausgerechnet Redaktionsleiter David, dem angesichts der Einschaltquoten vor Erregung ein Ei aus der Hose fallen müsste, mimt den Spielverderber. Solche leichtsinnigen Stunts würden von keiner Versicherung abgedeckt, echauffiert er sich.

Kate Bradley (Tiya Sircar) liebt den Nervenkitzel. Sehr zum Missfallen der Redaktionsleitung. Denn was ist mit der Versicherung?
Kate Bradley (Tiya Sircar) liebt den Nervenkitzel. Sehr zum Missfallen der Redaktionsleitung. Denn was ist mit der Versicherung?

Ein anonymer Wohltäter? Ein cui bono? muss es doch geben…

Auch Kates Vater, seines Zeichens Senator, sieht es nicht gerne, wenn Töchterchen mit dem Feuer spielt: „Ich wünschte, Du würdest über Politik berichten. Das wäre sicherer.“ „Sicherer ja. Aber nicht aufregender“, wischt Kate das Ansinnen ihres alten Herrn beiseite. Aktuelle Nachrichten seien überdies „direkter, ehrlicher“, schiebt sie hinterher. „Und weniger rechercheaufwendig“, denkt sich der Zuschauer seinen Teil. Mag sein, dass Kate als Tochter eines Politikers gebrandmarkt ist, weil ihr Daddy niemals Zeit für sie hatte. Man merkt ihr aber sofort an, dass sie sich nicht gerne mit allzu komplexen Zusammenhänge auseinandersetzen mag. Als sich Kate erstmals an ihren Schreibtisch setzt und Querverbindungen zieht, fällt ihr die Detektivarbeit sichtlich schwer.

Auf der folgenden Redaktionskonferenz zieht Nachrichtenchef David Kate von allen harten Nachrichten ab. Anordnung von der Geschäftsführung. Stattdessen setzt er sie auf eine Human Interest-Story an. Eine Dame will ein Tasche mit 100.000 Dollar Inhalt auf ihre Türschwelle gefunden haben. Woher das Geld stammt, weshalb es gerade sie getroffen hat, das alles soll Kate in Erfahrung bringen. Die hat zunächst keine große Lust auf die Gute Samariter-Nummer. Als aufgeklärte Reporterin fällt es ihr schwer zu glauben, dass jemand einfach so einhundert Riesen verschenkt. Ein Cui bono? – ein Wem nützt es? – muss es doch geben.

Die Story verselbstständigt sich. Die Taten von Good Sam erzeugen einen Social Media-Buzz.
Die Story verselbstständigt sich. Die Taten von Good Sam erzeugen einen Social Media-Buzz.

Wie in Das Glücksprinzip – nur mit Social Media-Buzz

Worauf die Geschichte hinausläuft, dürfte jedem nach spätestens zehn Minuten einleuchten. Good Sam ist ein vorhersehbares Filmchen, das an das Gute im Menschen appelliert. Oder – um es mit den Worten des Drehbuchs zu sagen: „Man muss nicht immer nur mit den Augen sehen. Sondern mit auch mal mit dem Herzen.“ Good Sams Großzügigkeit „ist ansteckend wie ein Virus“ (keine Corona-Anspielung, sondern ebenfalls O-Ton) – die Beschenkten nutzen wiederum einen Teil des Geldes, um Freunde, Nachbarn oder auch Fremde in der Not zu unterstützen. Das Wunder verselbstständigt sich, fast wie in Das Glücksprinzip, nur dass Haley Joel Osment in Mimi Leders (Deep Impact) Filmdrama anno 2000 ohne fancy Hashtag auskommen musste. Zwanzig Jahre später ist der Buzz dank Social Media ungleich größer.

Auf Figurenebene macht Kate Bradley eine Wandlung von der karrieregetriebenen Journalistin zur empathischen Field-Reporterin durch. Der Berichterstatter, der sich von der Basis entfernt hat und nicht mehr für die Probleme der einfachen Menschen empfänglich ist, ist ein beliebter Aufhänger in Journalistenfilmen; dass sich Journalistenfiguren der gesellschaftlichen Bedeutung ihres eigenen journalistischen Wirkens erst bewusst werden müssen, ist sehr häufig Bestandteil jener Katharsis, die diese Figuren durchleben.

Plötzlich Rechercheurin: Um die Identität von Good Sam zu enthüllen, putzt Kate Bradley auf einmal Klinken.
Plötzlich Rechercheurin: Um die Identität von Good Sam zu enthüllen, putzt Kate Bradley auf einmal Klinken.

Bewusstwerdung des journalistischen Wirkens als Katharsis

In Spotlight etwa erfahren die Investigativreporter der gleichnamigen Recherchetruppe schon bald, dass sie nicht nur die Chronologie eines jahrelangen Missbrauchsskandals aufdecken, sondern aktiv in einen Verarbeitungsprozess eingreifen. In Money Monster und Mad City gelangen George Clooney bzw. Dustin Hofman zu der Erkenntnis, dass sie viel zu lange an falschen Idealen festgehalten haben – meist spielt die Quotenhörigkeit eine Rolle – , nachdem sie mit den drastischen Konsequenzen ihrer Berichterstattung konfrontiert werden: in beiden Fällen greifen Menschen in ihrer Verzweiflung zur Waffe. In Philomena lässt sich der gefallene Politjournalist Martin Sixsmith „herab“, die Geschichte einer alten Dame zu erzählen, der man in jungen Jahren ihr Kind raubte – am Ende deckt Sixsmith einen flächendeckenden Kinderklau innerhalb der Katholischen Kirche Irlands auf.

Kate Bradley folgt diesen Beispielen, ohne Eindruck zu hinterlassen. Dafür ist Good Sam zu seicht, zu klischeebeladen. Immerhin versucht der Film, Haken zu schlagen, damit Kate nicht auf unmittelbarem Wege zur Erleuchtung gelangt. Nachdem sie ihre Vorbehalte aufgegeben hat, sitzt sie zwischenzeitlich einem Trittbrettfahrer auf, woraufhin sie ihren Sinneswandel noch einmal in Frage stellt – doch letztendlich ist auch dieser Handlungsbogen zu vorhersehbar. Das Buch aast mit plumpen Allgemeinplätzen zum Journalismus, selbst ein konspiratives Treffen in einem dunklen Parkhaus bekommt Kate spendiert.

e bessere Welt? Good Sam appelliert an das Gute in Menschen, für weniger Zynismus im Alltag.
Eine bessere Welt? Good Sam appelliert an das Gute in Menschen, für weniger Zynismus im Alltag.

Good Sam als Plädoyer für einen positiven Journalismus?

Gleichwohl gibt es weitaus Schlimmeres (Kate Bradley ist weit davon entfernt, sich einen Goldenen Bonilla zu verdienen), für ein Feel-Good-Movie im Journalistenumfeld geht Good Sam in Ordnung. In einer Hinsicht ist er sogar beachtenswert – in seiner Hinwendung zum positiven Journalismus nämlich. Positiver Journalismus ist eine Strömung, die bewusst gute Nachrichten in den Mittelpunkt stellt – als Gegenentwurf zum Schlagzeilenjournalismus, der sich auf Störungen des Normalzustandes konzentriert und nachweislich Negativitätseffekte auf Rezipienten ausübt, bis hin zu depressiven Verstimmungen und Angstzuständen. Dabei geht es im positiven Journalismus keineswegs darum, schlechte Nachrichten zu verschweigen, sondern gute Nachrichten hervorzuheben.

Zur Veranschaulichung ein aktuelles Beispiel aus der Berichterstattung über Covid-19 (jetzt muss es doch herhalten): Während in deutschen Medien vorrangig über Fallzahlen, Schließung von Grenzen und Einrichtungen sowie den drohenden Exitus ganzer Bundesligavereine berichtet wird, schicken die Medien in Singapur zunächst gute Meldungen vorweg: Wieviele Menschen wurden gesund entlassen? Welche Maßnahmen zur Eindämmung weiterer Ansteckungen fruchten? Welche Durchbrüche wurden in der Forschung erzielt? Erst dann folgen Berichte über neue Fallzahlen und Sterbefälle. Sicher ist der positive Journalismus in Singapur kein ganz so geeignetes Exempel, weil die Medien in dem Stadtstaat mit seiner illiberalen Demokratie nicht uneingeschränkt autark sind – der positive Journalismus ist keine bewusste Entscheidung der dortigen Medien, sondern staatlich verordnet. Das Prinzip allerdings wird deutlich.

Ein bisschen weniger Zynismus – das wäre doch schon mal was…

Ausgeprägt ist die Strömung vor allem in englischsprachigen Raum. Hierzulande sind Ansätze zu erkennen. Bekannteste Beispiele sind die Good News-Sektion der inzwischen eingestellten Huffington Post Deutschland und das Online-Mag Perspektive Daily, das sich einem konstruktiven Journalismus verschrieben hat – sprich: Lösungen, nicht Probleme in den Mittelpunkt stellt. Hin und wieder bringen Zeitungshäuser Good News-Sonderveröffentlichungen heraus, nicht selten als Beilagen in den regulären Hauptausgaben. Meist geht es hierbei weniger darum, einen positiven Journalismus zu kultivieren, sondern vielmehr ein insertionsfreundliches Umfeld für Anzeigenkunden zu schaffen. Was an sich nicht verwerflich ist, solange der Mehrwert für den Lesermarkt stimmt.

Einen Aufruf zum Paradigmenwechsel aus einem Film wie Good Sam herzuleiten, das ginge natürlich zu weit. Dafür ist er zu sehr Kitsch. Auch der positive Journalismus in Good Sam ist keine bewusste, ideelle Entscheidung, sondern vielmehr ein Zufallsprodukt. Die Nachrichtensektion wird vom Erfolg der Story überrascht. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir so gute Quoten einholen, mit einer Geschichte über jemanden, der nur Gutes tut“, ist Kate Bradley erstaunt. Die Botschaft die dahinter steckt, ist folgende: Es kann nicht schaden, ab und an die Zynismus-Brille abzulegen. Auch nicht in schwierigen Zeiten.

Lesetipp: Positiver Journalismus: Eine Ausgewogenheit in der Berichterstattung herstellen. Interview mit dem Kommunikationswissenschaftler Oliver Bidlo.

Good Sam ist exklusiv auf Netflix abrufbar.