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Wer ist hier das Monster? Lee Gates (George Clooney) ist der Moderator der hyperaktiven Börsenshow Money Monster. Mit goldenem Uncle Sam-Gedächtniszylinder und ordentlich Bling Bling um den Hals wirft der narzisstische Host mit halbseidenen Anlagetipps um sich. Bis eines Tages ein frustrierter Zuschauer die Sendung stürmt und Gates seine Neo-Yuppie-Montur gegen eine Sprengstoffweste tauschen muss. Das jähe Ende einer rauschenden Party. Und der Beginn einer wundersamen Wandlung vom boulevardesken Saulus zum investigativen Paulus.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Sony Pictures.

Finanzkrisen kommen und gehen. Die Gier und die Unbelehrbarkeit bleiben. Jodie Foster lässt in Money Monster die nächste Blase platzen, wenn auch nur im Kleinen. Kyle Budwell (Jack O’Connell) hat sein gesamtes Vermögen in Aktien des IBIS-Konzerns investiert – auf Anraten von Lee Gates, der das Papier in seiner Sendung zur todsicheren Geldanlage mit Aussicht auf schnellen Profit hochjazzt. Blöd nur, dass die Aktie über Nacht gnadenlos abschmiert, aufgrund eines Glitches in der firmeneigenen Geldverwaltung, wie es in der ersten offiziellen IBIS-Verlautbarung heißt. Kyle Budwell ist das nicht genug. Er verlangt nach Antworten und nimmt Gates vor laufender Kamera als Geisel.

In Money Monster regiert die Verantwortungslosigkeit. Oben zwackt ein gieriger Manager Unternehmensgelder ab, um seine ohnehin enormen Gewinne zu vervielfachen. Unten riskiert ein werdender Familienvater eine 60.000 Dollar-Erbschaft, in der Hoffnung, ein Stück vom Kuchen zu ergattern. Keine Frage: Wenn die Blase einmal platzt, dann hat das gesamte System versagt. Man muss allerdings kein Spekulant sein, um zu erahnen, auf wessen Seite sich ein Film wie Money Monster schlägt. Der Mörder ist eben immer der CEO. Der kleine Mann ist das Opfer. Von den Ängsten vor mangelnder Absicherung geplagt, von den Verheißungen einfacher Geldvermehrung verführt. Von Männern wie Lee Gates, die ein sorgenfreies Leben führen, weil sie sich die Sorgen und Träume anderer zu eigen machen.

"Ich hab nichts gemacht": Lee Gates (george Clooney, links) wird in Money Monster von Kyle Budwell (Jack O'Connell rabiat zur Rede gestellt.

„Ich hab‘ nichts gemacht“: Lee Gates (george Clooney, links) wird von Kyle Budwell (Jack O’Connell rabiat zur Rede gestellt.

„Wir machen doch keinen Journalismus!“

Money Monster ist Verantwortungslosigkeit zur besten Sendezeit. Rampensau Gates interpretiert seine Show als eine Art Finanzimprovisationstheater. Wenig Skript, maximaler Kick. Sehr zum Leidwesen seiner Produzentin Patty Fenn (gespielt von Julia Roberts), die von Überraschungen eher weniger angetan ist. Aber solange Gates performt und die Quote stimmt, trägt sie das Konzept der Sendung mit. Und das ist in erster Linie eines: dumm-dreist. Leicht bekleidete Mädchen, Statussymbole und regnende Dollarnoten. Das sind die Versprechungen, die Money Monster macht. Und wenn ein Anlagetipp mal nicht einschlägt, wird einfach zur Tagesordnung übergangen. Die nächste Rendite kommt bestimmt. Da die Anleger im Zuge des IBIS-Crash Verluste von immerhin 800 Millionen Dollar eingefahren haben, fühlen sich die Verantwortlichen in diesem speziellen Fall allerdings doch  mal verpflichtet nachzuhaken. Der Form halber. Im Grunde genommen reicht ihnen die offizielle Stellungnahme bereits aus. „Scheiße, wir machen hier doch keinen Journalismus“, gibt Produzentin Patty zu Protokoll. Nur für den Fall, dass das hier noch niemand bemerkt haben sollte.

Die Kritik in Money Monster kommt mit dem Holzhammer. Sowohl von der Prämisse als auch von der Ausführung her erinnert Money Monster stark an Constantin Costa-Gavras Mad City. Dort wankt der unbedarfte Working Class-Hero Sam Bailey (in der Gestalt von John Travolta) in eine Ausnahmesituation und wird zum Spielball der Medien. Kyle Budwell tritt entschlossener auf als der hart an der Grenze zur geistigen Retardierung agierende Baily, ist der Situation aber ebensowenig gewachsen, weil er sie nicht zu Ende gedacht hat. Auch Kyle ist ein Spielball, allerdings weniger ein Spielball der Medien, sondern viel mehr ein Spielball des Kapitalismus. Die Medienkritik in Money Monster ist das Vehikel für die Kritik am System.

Das Blatt wendet sich: Kyle Budwell hat die Aktion nicht wirklich zu Ende gedacht und wird zum Spielball.

Das Blatt wendet sich: Kyle Budwell hat die Aktion nicht wirklich zu Ende gedacht und wird zum Spielball.

Clooney spült das Money Monster weich

Die Money Monster-Show ist nicht die Wurzel allen Übels. Sie ist das symptomatische Bindeglied zwischen denen „da oben“ und denen „dort unten“. In dieser Position erhalten Lee Gates und Patty Fenn die Chance zur Rehabilitierung – indem sie endlich ihren Kontrollauftrag wahrnehmen und die Machenschaften der IBIS-Oberen hinterfragen. Das Problem aus dramaturgischer Sicht ist jedoch, dass dieser Sinneswandel ein erzwungener ist. Erst die Pistole auf der Brust holt die journalistischen Tugenden zum Vorschein. Nach dem Motto: Bevor gehandelt wird, muss immer erst etwas passieren. Der Wandlung von Lee Gates fehlt es dadurch an Aufrichtigkeit, der eitle Moderator steht ständig im Verdacht, lediglich seine eigene Haut retten zu wollen. Dass George Clooney die Hauptrolle spielt, macht die Sache nicht leichter. Clooney ist charismatisch genug, einen Schnösel wie Gates mit Sympathiewerten auszustatten, die es dem Zuschauer ermöglichen, der Handlung mit Spannung zu verfolgen. Wäre Lee Gates kein Charmebolzen, sondern ein unausstehliches Arschloch – man würde Kyle Budwell förmlich anflehen, den verdammten Zünder zu aktivieren. Heißt im Umkehrschluss: Es fällt schwer, einem Clooney Absicht zu unterstellen. Wer zum Abspann derart treudoof aus der Wäsche schaut, der kann es vorher nicht besser gewusst haben. Clooneys Präsenz ist der Weichspüler in einem Film, der zwischen bissiger Satire, Action-Thriller und Drama oszilliert.

Schade um die Ausgangssituation: Dass Medien ihre verfassungsrechtliche informelle, aber – hierzulande – höchstrichterlich zugesprochene Kritikfunktion längst nicht mehr im vollen Umfang wahrnehmen, darauf lohnt es sich hinzuweisen. Gerade im Zuge der Finanzkrise hat der Journalismus als Frühwarnsystem versagt. Adam McKays The Big Short macht dies deutlich, indem er den Journalismus mit Abwesenheit glänzen lässt. Jodie Foster geht einen Schritt weiter und macht die Medien zu Komplizen. Eine Sichtweise, die angesichts wirtschaftlicher Abhängigkeiten und verstärkter PR-Einflüsse berechtigt ist – durch die reißerischen Augen des Money Monsters betrachtet allerdings nicht ganz einleuchten will. Dafür ist der Film zu sehr damit beschäftigt, seine Spannungskurve aufrechtzuerhalten. Warum und wieso? Kein Plan. Aber, scheiße, hey: Wir machen doch hier keinen Journalismus.


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