Ein deutscher Journalist scheitert am Amerikanischen Traum. Oder zerbricht Philip Winter vielmehr an der Gefühlskälte seiner Zunft? Wim Wenders lässt in seinem Frühwerk viel Spielraum für Interpretationen. Fest steht: Anders als viele andere Journalistenfilme betont Alice in den Städten das Scheitern, das dem Beruf innewohnt. Ein kleines Mädchen holt den Reporter zurück ins Leben.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Wim Wenders Stiftung.

Journalist Philip Winter (Rüdiger Vogler) blickt auf eine „völlig grauenvolle Reise“ zurück. Vier Wochen Autofahrt durch die East Coast-Staaten der USA liegen hinter ihm. Eigentlich sollte er irgendetwas über die amerikanische Landschaft zu Papier bringen. Doch außer einen Haufen Polaroid-Fotos hat Winter nichts vorzuweisen. Jetzt sitzt er im New Yorker Büro seines Auftraggebers. Der leitende Redakteur ist angesichts der verstrichenen Deadline alles andere als amused. Die eigentlich ganz stimmungsvollen Schnappschüsse kanzelt er als „Ansichtskarten“ ab. „You better stick to writing“, gibt er Philip Winter als weniger gut gemeinten Ratschlag mit auf den Weg. Ach ja, einen Vorschuss aufs Honorar darf sich der abgebrannte Berufsreisende unter diesen Voraussetzungen natürlich von der Backe schminken.

Warum die Tour durch die Staaten nun eigentlich zu einem Debakel geriet, weiß der Reporter selbst nicht richtig einzuordnen. Er ist mit Amerika nicht warm geworden, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten hatte sich in seinen Augen als großmauliges Blendwerk entpuppt. Über die propagandistische Schützenhilfe der US-Medien vermag er nur den Kopf zu schütteln. Von Radio und Fernsehen sei ihm regelrecht „Hören und Sehen vergangen“. „Alles im Fernsehen ist durch Werbeblöcke zerstückelt. Und alles was gesendet wird, wird selbst zur Reklame“, echauffiert er sich über das Gebaren der Printkonkurrenz, das womöglich bald nach Übersee, in die deutsche Heimat, hinüberschwappt. In einem der vielen Hotelzimmer entlang seiner rastlosen Reise zertrümmert Winter ein TV-Gerät. Genugtuung verschafft ihm dieser Ausbruch nicht.

Fotografie als Beweis der eigenen Existenz: Alice (Yella Rottländer) macht einen Schnappschnuss von Philip Winter (Rüdiger Vogler). "Damit Du weißt, wie Du aussiehst", sagt die Neunjährige. Sie ahnt nicht, wie tief der Journalist in der Identitätskrise steckt.
Fotografie als Beweis der eigenen Existenz: Alice (Yella Rottländer) macht einen Schnappschnuss von Philip Winter (Rüdiger Vogler). „Damit Du weißt, wie Du aussiehst“, sagt die Neunjährige. Sie ahnt nicht, wie tief der Journalist in der Identitätskrise steckt.

Die Realität der Bilder und die Angst vor der Angst

Denn Winters Probleme liegen viel tiefer. Der Journalist steckt in einer Identitätskrise: „Ich bin mir selbst fremd geworden“, sagt er von sich. Eine Bekannte, die in den USA lebt, durchschaut Winters unmotiviertes Knipsen als den Versuch, seine eigene Existenz ans Licht zu zerren. „Du machst Fotos zum Beweis, dass Du was gesehen hast…dass es dich noch gibt“, hält sie ihm vor. Philip Winter beunruhigt das, denn ständig vergleicht er seine Polaroids mit der Realität. Nur um festzustellen, dass doch „nie das drauf [ist], was man gesehen hat“. Den Journalisten übermannt die „Angst vor der Angst“.

Weil ein Fluglotsenstreik den Rückflug nach Europa verzögert, lernt der junge Reporter Lisa van Damm (Lisa Kreuzer) und ihre Tochter Alice (Yella Rottländer) kennen. Auch Lisa möchte die USA fluchtartig verlassen, Grund ist die zerbrochene Beziehung zu einem Amerikaner. Doch es gelingt ihr nicht, sich aus den Staaten loszueisen. Plötzlich steht Philip Winter allein mit der neunjährigen Alice am Amsterdamer Flughafen. Als Mama Lisa ohne weitere Nachricht ihre Frist zur Rückkehr verstreichen lässt, machen sich die beiden auf die Suche nach Alice Großmutter, die irgendwo in Westdeutschland leben soll.

Fotografie als Spaß: Reporter Winter findet dank Alice sein Lachen zurück. Gemeinsam erfreuen sie sich der kleinen Dinge im Leben.
Fotografie als Spaß: Reporter Winter findet dank Alice sein Lachen zurück. Gemeinsam erfreuen sie sich der kleinen Dinge im Leben.

Philip Winter erklärt den Amerikanischen Traum für gescheitert

Wim Wenders lässt sein Roadmovie in den USA, wie auch den Amerikanischen Traum als solchen, scheitern und verlegt es kurzerhand in die Heimat. Dort nimmt es Fahrt auf. Zwischen dem introvertierten Journalisten und dem frühreifen Mädchen entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft. Alice befreit Philip Winter, der die Kälte in seinem Namen spazieren trägt, aus seiner Blase sozialer Agonie. Winter wiederum übernimmt die Verantwortung für Alice, die sich nach kindlicher Sorglosigkeit sehnt. Die Neunjährige ist erwachsener als alle Erwachsenen um sie herum, wesentlich gefestigter als ihre unsichere, wie fremdbestimmt auftretende Mutter. An der Seite von Philip Winter darf sie endlich wieder Kind sein. Gute-Nacht-Geschichten, große Eisbecher und Nachmittage im Freibad – gemeinsam entdecken die kleinen Freuden des Alltags wieder.

Alice in den Städten ist ein früher, gleichwohl typischer Wenders. In ruhigem Tempo, mithilfe langgezogener Aufnahmen und anhand zahlreicher Bilder, die allesamt etwas zu bedeuten haben, erzählt der Regisseur (Paris, Texas, Himmel über Berlin) eine Geschichte, die sich als Synopsis auf dem Rücken eines DVD-Schubers unspektakulär liest. In Schwarzweiß gehalten, mäandert Wenders durch die tristen Arbeitersiedlungen Wuppertals und des Ruhrgebiets, mit jedem neuen Ort verdichtet sich die Collage melancholischer Eindrücke zu einem poetischen Plädoyer für die einfachen Dinge im Leben. Ein Film, der am Ende mehr Hoffnung versprüht, als er anfangs zugeben will. Im universellen Sinne, versteht sich. Doch irgendwo zwischen den Zeilen, etwas verdeckt, glimmt auch ein kleiner Funken für den Journalismus.

Die Neunjährige Alice ist erwachsener als alle Erwachsenen um sie herum. An der Seite von Philip Winter darf sie endlich wieder Kind sein.
Die Neunjährige Alice ist erwachsener als alle Erwachsenen um sie herum. An der Seite von Philip Winter darf sie endlich wieder Kind sein.

Ist Winter an der Gefühlskälte des Journalismus gescheitert?

Alice in den Städten hält zwar ein kleines journalistische Happy End bereit – Philip Winter findet endlich Zeit und Muße, sich seinen in den USA angefertigten „Kritzeleien“ (O-Ton Alice) zu widmen –, der weitere Werdegang des Journalisten bleibt jedoch ungewiss. Im Gegensatz zu vielen anderen Journalistenfilmen betont Alice in den Städten zunächst das Scheitern, das diesem Beruf innewohnt. Recherchen, die ins Leere laufen, unvollendete Geschichten und knappe Zeitvorgaben müssen nicht gleich existenzbedrohend sein – im direkten Vergleich geht Philip Winter mit seinen permanenten Geldsorgen wesentlich gelassener um als mit seiner Identitätskrise –, sie schweben jedoch wie ein Damoklesschwert über jedem Auftrag. Erschwerend hinzu kommen isolationistische Tendenzen und ein unpersönliches Arbeitsumfeld. Der amerikanische Agent etwa bringt keinerlei Empathie für Winters Schreibblockade auf. Vereinbarung bleibt Vereinbarung. Doch wenn er bloß auf sein Herz hören würde. Dann würde er zu dem Schluss kommen, dass das gewählte Reportage-Thema keinem besonderen Publikationsdruck unterliegt, der einen Aufschub unmöglich macht.

„Er hat Amerika nicht in den Griff bekommen, weil er dort etwas anderes, ganz anderes suchte. Sich selber, ein anderes Leben? Er konnte seine Geschichte über Amerika nicht schreiben, weil er zugleich eine Geschichte über sich hätte schreiben müssen, und das lassen die Spielregeln des Journalismus nicht zu, der die Wahrheit gerne von dem trennt, der sie findet und darstellt“, notierte Siegfried Schober 1974 in seiner zeitgenössischen Fernsehkritik. Vielleicht ist Philip Winter genau daran gescheitert: An der (Gefühls-)Kälte eines Journalismus, der an starren Strukturen und überholten Glaubenssätzen festhält. Vielleicht stand ihm aber auch sein festgefahrenes Mindset im Wege. Das eine schließt das andere nicht aus. Die gute Nachricht: Winter gelingt es, seine voreingenommene, negative Sicht zu verändern. Indem er die Welt für einige Zeit durch Kinderaugen betrachtet. Kindliche Neugier ist im Journalistenberuf ganz bestimmt nicht verkehrt.  


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