Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Journalismus eine Männerdomäne – diesem ungleichen Geschlechterverhältnis setzte Hollywood schon früh eine ganze Reihe journalistischer Heldinnen entgegen. Ein frühes Beispiel ist The Conflict’s End von 1912. In dem Kurzfilm von Stummfilmer Stanner Taylor legt eine mutige Reporterin einem italienischen Fälscherring das Handwerk.

Text: Patrick Torma.

Wie viele (bzw. wie wenige) Frauen um 1900 und in den folgenden Jahrzehnten als Journalistinnen tätig waren, lässt sich nur erahnen. Zahlen und Studien aus dieser Zeit sind rar. Man wird sich wohl nicht allzu weit mit der Annahme aus dem Fenster lehnen, dass die Anzahl der weiblichen Beschäftigten in dem Berufstand eher übersichtlich war. Ein flächendeckender Zugang war Frauen vielerorts verwehrt, die Erwerbstätigkeit des weiblichen Geschlechts galt als unvereinbar mit dem tradtionell-bürgerlichen Frauenbild. Einige wenige überlieferte Statistiken vermitteln eine Ahnung. So zählte das Kaissereich im Jahr 1895 gerade mal 530 Frauen, die „haupt- oder nebenberuflich als ‚Privatgelehrte, Schriftsteller oder Journalisten‘ tätig waren, wie Susanne Kinnebrocke in Journalismus als Frauenberuf anno 1900 notiert. Man beachte auch, dass die Journalisten als recht junger Berufszweig nicht gesondert ausgewiesen sind.

Das Zahlenwerk der Folgejahre lässt – zumindest für das Deutsche Reich bzw. die Weimarer Republik – keine Angleichung der Geschlechterquoten erkennen. Es ist allerdings auch wenig aussagekräftig. Journalistenverbände etwa nahmen erst ab 1920 weibliche Mitglieder auf, die somit in keiner früheren Statistik berücksichtigt sind. Davor jedoch wird der Frauenanteil im Journalismus wohl größer gewesen sein als man allgemein hin annimmt, wie Susanne Kinnebrock in der oben zitierten Auswertung des Schriftstellerinnen-Lexikons Frauen der Feder darlegt. Journalistinnen seien allerdings weniger sichtbar gewesen, weil sie im redaktionellen Hintergrund arbeiteten oder aber unter einem Pseudonym publizierten.

Verdeckte Recherche: Die Protagonistin, gespielt von Marion Leonard (links), ermittelt getarnt als Straßenverkäufer einem Fälscherring nach.
Verdeckte Recherche: Die Protagonistin, gespielt von Marion Leonard (links), ermittelt getarnt als Straßenverkäufer einem Fälscherring nach.

Hollywood gibt der Journalistin ein Gesicht

Der Film gibt der Journalistin ein Gesicht, lange bevor sich der Journalismus als Berufsfeld für Frauen herauskristallisiert. Hollywood entdeckt früh das Potenzial, das in dem Rollentypus schlummert. Die Muckracker-Bewegung (an dieser Stelle sei an die journalistische Pionierin Nellie Bly erinnert, die sich 1887 undercover in eine Nervenheilanstalt einliefern ließ, um die skandalöse Behandlung von Frauen aufzudecken) hatte die detektivische Leistungsfähigkeit des Journalismus unter Beweis gestellt. Nicht zu unterschätzen ist die Wirkung weiblicher Heldinnen auf das Publikum. Heroinen sprechen sowohl männliche als auch das weibliche Zuschauer an, sie sind Eye-Candy und Identifikationsfigur zugleich. Es ist jedenfalls bemerkenswert, wie viele Einträge aus der Frühphase des Kinos mit Journalistinnen als Protagonistinnen aufwarten, wenn man durch Kataloge wie Larry Langmans The Media in the Movies blättert.

Frühe Beiträge wie The Conflict’s End aus dem Jahre 1912 pflegen ein erstaunlich modernes Frauenbild. In dem Film kauft eine Reporterin von der Zeitung Daily Leader einem fahrenden Händler eine kleine Statue ab, wobei sich das ausgegebene Wechselgeld als Falschgeld erweist. Nachdem sie von ihrem Chefredakteur keine große Unterstützung erfährt, geht sie der Herkunft der Blüten auf eigene Faust nach. Getarnt als Straßenverkäuferin kommt sie einem italienischen Fälscherring auf die Schliche. Als ihnen bewusst wird, dass sie die Aufmerksamkeit der Presse auf sich gezogen haben, werden die bösen Buben reichlich nervös. „Telephone the Boss! The newspapers are after us“, lautet die Parole.

Selbst ist die Frau: Nachdem die Reporterin keine Unterstützung von ihrer Redaktion erhält, legt sie selbst Hand an. Ein typischer Charakterzug einer Sob Sister.
Selbst ist die Frau: Nachdem die Reporterin keine Unterstützung von ihrer Redaktion erhält, legt sie selbst Hand an. Ein typischer Charakterzug einer Sob Sister.

The Conflict’s End erzählt die Erfolgsstory einer Reporterin

Der Chef des Syndikats stellt der Journalistin seinerseits eine Falle. In der Höhle des Löwen fliegt die Tarnung der Reporterin auf, die sich in ihrer Not in einem Nebenraum verbarrikadiert. Während die Handlager versuchen, die Tür aufzustemmen, kommt ihr ein wortwörtlich zündender Einfall, wie sie auf sich aufmerksam machen kann. Sie legt ein Feuer und schiebt die Möbelstücke, die die Kriminellen von einem Eindringen abhalten sollten, wieder beiseite. Im verqualten Chaos gelingt es ihr, die Bande samt Oberhaupt einzusperren. Polizei und Feuerwehr treffen rechtzeitig ein und erledigen den Rest.

Gespielt wird die mutige Reporterin von Marion Leonard, die schon im Vorgängerfilm The Eternal Conflict im Auftrag der Daily Leader den Tag rettete. Doch im Gegensatz zu The Conflict’s End ist The Eternal Conflict nicht ohne Weiteres im Netz auf zu finden (The Conflict’s End ist über den YouTube-Kanal des niederländischen Eye Filmmuseums abrufbar). Regie führte beide Male Stanner Taylor, der in zweiter Ehe mit Leonard verheiratet war. Taylor besaß eine journalistische Vergangenheit – bevor er ins Filmgeschäft einstieg, arbeitete er in St. Louis zunächst als freier Journalist, war danach beim New York Herald angestellt.

Noch hat er gut lachen, der Boss des italienischen Fälscher-Syndikats - ein echter Bad Ass des Stummfilms.
Noch hat er gut lachen, der Boss des italienischen Fälscher-Syndikats – ein echter Bad Ass des Stummfilms.

Aufstieg und Fall der Sob Sisters

The Eternal Conflict und The Conflict’s End waren nicht die ersten Beiträge, die Journalistinnen als Heldinnen etablierten. In The Girl Reporter von 1910 etwa deckt die Protagonistin May Merrill einen Bestechungsskandal auf. Der Film gilt heute jedoch als verschollen. Das Kino in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts brachte eine große Anzahl von unabhängigen Frauen auf die Leinwand, die sich in einer von Männer dominierten Welt behaupteten. Aus diesen Anfängen entwickelte sich der Rollentypus der Sob Sister, der engagierten Gefühlsjournalistin, die ihren maskulinen Kollegen immer einen Schritt voraus ist.

Ihren Höhepunkt erreichte dieser Typus in den 1930er- und 1940er-Jahren. In ihrer Popularität hervorzuheben sind Torchy Blane – die smarte Reporterin brachte es zwischen 1937 und 1939 auf insgesamt neun Filme – und Brenda Starr, von deren Abenteuern ab 1940 in Zeitungscomics zu lesen war. Gerade Torchy Blane stellte die gängigen Geschlechterrollen in Frage und erwies sich als Vorbild, das Frauen in den USA in ihrem Berufswunsch beeinflusst hat – vergleichbar mit dem Einfluss der Zeichentrick- und Hörpspielfigur Karla Kolumna (Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg) im deutschsprachigen Raum. Während des Zweiten Weltkriegs füllten Frauen an der Heimatfront jene Lücken, die die in Übersee kämpfenden Männer hinterließen, nicht nur – aber auch – in den Zeitungsredaktionen. Das letzte Hollywood-Hurra der Sob Sisters, die nach dem Krieg zurück ins zweite Glied rückten.

Gespiegelte Verhältnisse: Der Bandenchef wird abgeführt, unsere Heldin nimmt eine Siegespose ein. Die Kamera blendet anschließend ab.
Gespiegelte Verhältnisse: Der Bandenchef wird abgeführt, unsere Heldin nimmt eine Siegespose ein. Die Kamera blendet anschließend ab.

Das Ende der Sob Sisters ist heute noch zu spüren

Mit der Rückkehr der Soldaten wurde die Gesellschaft wieder patriarchalischer. Das zeigte sich auch in den Reporterfilmen. Journalistinnen waren von nun an häufiger in Nebenrollen zu sehen, nahmen die Rolle der Liebschaft oder die der Jungfrau in Nöten ein. Nach wie vor selbstbewusst und fähig, aber zunehmend bereit, die Karriere in letzter Instanz zugunsten von Liebe, Hochzeit und Kindern hinten anzustellen. Diejenigen, die aus diesem Muster ausscherten, mutierten zu durchtriebenen Karrieristinnen – eine bedauerliche Entwicklung, die dazu geführt hat, dass gut geschriebene Filmjournalistinnen heute noch eher die Ausnahme als die Regel sind.

Lesetipp: Sob Sisters: The image of the female jorunalist in popular culture, Joe Saltzman.