Dumme Fragen gibt es nicht. Ob Gott das genauso sieht? Mit diesen und anderen existenziellen Gedanken sieht sich der Journalist Paul Asher konfrontiert – über sein Aufnahmegerät lehnt der Allmächtige höchstpersönlich. Eine interessante Prämisse. Auch darüber hinaus ist An Interview with God ist eine ungewöhnliche Erscheinung im Kanon christlicher Filme.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: New KSM

Paul Asher (Brenton Thwaites) vom Herald (zu deutsch: Herold, Bote) steckt in der Sinnkrise. Als gläubiger Reporter, der für „eine weltliche Zeitung über Religion schreibt“, kehrt er traumatisiert aus Afghanistan zurück. Weshalb Paul rückblickend seinen Aufbruch bereut. Was treibt einen Christen bloß dazu, in den Krieg zu ziehen – und sei es nur als Berichterstatter? „Ich hatte versucht, näher zu Gott zu finden. Vielleicht suchte ich nach einem Zeichen“, reflektiert der Journalist aus dem Off. Desillusioniert statt erleuchtet sitzt Paul nun im Militärflieger gen Heimat und stiert versonnen auf die morbide Fracht hinten im dunklen Laderaum: auf die Särge gefallener Kameraden, eingehüllt in akkurat aufgezogene Sternenbanner.

Zu Hause in New York fällt der Alltag zur Last. Und das nicht nur aufgrund der erlittenen Traumata, die ihm nachhängen: Die Beziehung zu seiner Frau Sarah (Yael Grobglas) liegt brach, allen Anschein nach hat der viel beschäftigte Paul sie vernachlässigt. Was er tun könne, um die Risse in ihrer Ehe zu kitten, will er wissen. Sarahs Reaktion gibt wenig Anlass zur Hoffnung, dass es zwischen den beiden überhaupt noch was zu kitten gibt. Als sie ihre Wohnung gemeinsam verlassen, scheint Paul bereits zu ahnen, dass er am Abend alleine dorthin zurückkehren wird. Zweifellos: Es gibt bessere Tage für ein Interview mit einem Mann, der von sich behauptet, er sei der Allmächtige.

  „Ich bin eine Gottheit. Kein Vampir.“ - Wer hätte gedacht, dass Gott (David Strathairn) zu einem solchen Eisbrecher fähig ist.
„Ich bin eine Gottheit. Kein Vampir.“ – Wer hätte gedacht, dass Gott (David Strathairn) zu einem solchen Eisbrecher fähig ist.

Ein Fragenkatalog für den Allvater

Auf drei Sitzungen à 30 Minuten haben sie sich im Vorfeld geeinigt. Das erste Treffen findet an einem Schachbrett im Central Park statt. Fünf Minuten hat Paul im New Yorker Verkehr verbaselt. „Macht nichts, wir haben ja noch 25 Minuten“, rechnet der vermeintliche König der Ewigkeit – gespielt von David Strathairn, der für seine Darstellung Fernhsehjournalisten Edward R. Murrow in George Clooneys McCarthy-Abrechnung Good Night, and Good Luck bekannt ist – im konzilianten Plauderton vor. Der Journalist steigt mit biographischen Nachfragen ein. „Meine Leser erwarten ein paar Fakten-Checks“, erklärt Paul entschuldigend. Dabei steckt hinter diesem Herantasten Kalkül. Er testet so die Bibelfestigkeit seines Gegenübers und damit dessen Glaubwürdigkeit. Welcher Journalist hat schon Lust, einem Hochstapler aufzusitzen?

Was man Paul lassen muss: Angesichts dessen, dass er annehmen muss, dass sich sein Gesprächspartner mit an Sicherheit angrenzender Wahrscheinlichkeit als verrückter Spinner entpuppt, geht er dieses Treffen höchst professionell an. Der Reporter ist gewissenhaft vorbereitet, er lässt diese Begegnung nicht bloß geschehen. „Darf ich ein Foto von Ihnen machen?“, versucht er seinen vorgeblichen Schöpfer aus der Reserve zu locken, mit Blick auf das Bilderverbot in den mosaischen Zehn Geboten. „Natürlich“, antwortet Gott zu Pauls Überraschung: „Ich bin eine Gottheit. Kein Vampir.“ Ein unerwarteter wie willkommener Eisbrecher: Der Interviewer darf zum interessanten Teil des Fragenkatalogs übergehen.

Eine Ehe mit Auflösungserscheinung: Sarah und Paul Asher haben sich nicht mehr viel zu sagen. Warum? Das weiß nur Gott (sorry, der musste sein).
Eine Ehe mit Auflösungserscheinung: Sarah und Paul Asher haben sich nicht mehr viel zu sagen. Warum? Das weiß nur der liebe Gott (sorry, der musste sein).

Macht Auflage: Gott auf Seite 1

Im Notizblock hat Paul schließlich das who is who der theologischen Fragen vereint: Gibt es einen Himmel? Ist der Teufel wahrhaftig? Und was, verdammt nochmal, ist der Sinn des Lebens? Gott ist um keine Antwort verlegen, stellt aber auffällig viele Gegenfragen. Gepaart mit einigen Bemerkungen zu Pauls Privatleben bringen sie den Interviewer aus dem Konzept. Will hier jemand die Gesprächsführung an sich reißen? Und wenn ja, aus welchem Grund? „Ich laufe Gefahr, Teil des Interviews zu werden. Das darf nicht passieren“, appelliert Paul an journalistische Prinzipien. Vergeblich. Gottes Plan sieht anderes vor. Darunter zwei weitere Interview-Termine.

Paul hat schon nach dem ersten Termin genug. Ihm kommen erhebliche Zweifel, inwiefern diese Konversation überhaupt zu einem verwertbaren Ergebnis führt. Geschweige denn, ob eine Fortsetzung mit Blick auf seine angeschlagene mentale Verfassung ratsam erscheint. Sein Chef in der Redaktion, der verständnisvolle Gary (Hill Harper), rät Paul zur Flucht nach vorne. „Wird Zeit, dass Gott auf die Seite 1 kommt“, jubiliert er. „Ein Interview mit Gott. Das ist cool, richtig cool.“

Und hat Pauls Schwägerin mit der ganzen Sache zu tun? Tja, das weiß nur der liebe...ach, lassen wir das doch.
Und was hat Pauls Schwägerin mit der ganzen Sache zu tun? Tja, das weiß nur der liebe…ach, lassen wir das doch.

An Interview with God schüttelt
den missionarischen Mief ab

An Interview with God ist weit davon entfernt, ein cooler Film zu sein. Andererseits: Er ist längst nicht so moralinsäurehaltig wie man es von einem christlichen Beitrag erwartet hätte. Während Streifen wie Der Fall Jesus ganz ungeniert die Überlegenheit des christlichen Glaubens verkünden, nähert sich An Interview with God über die Vernunft eines philosophischen Gesprächs den frommen Sichtweisen an. Dabei ist das Drehbuch ist smart genug, allzu dogmatische Standpunkte auszuklammern. Freilich lässt sich über die inhaltliche Tiefe dieses Gesprächs streiten. Weil es sich jedoch auf konsensfähige Werte stützt, die jeder Weltanschauung gut zu Gesicht stünden, und die Dialoge obendrein pointiert und flott vorgetragen werden, schüttelt An Interview with God den missionarischen Mief ähnlich motivierter Filme ab.

Mehr noch: Stellenweise fällt der Film durch unerwartet tolerante Positionen auf. „Ihr Leben ist kein Vorsprechen für das Leben danach“, merkt Gott etwa in einer Diskussion über den Dualismus göttlicher vs. freier Wille an. Keine Bange: Wer eine liederlich-göttliche Laissez-faire-Haltung fürchtet, der darf unbesorgt sein. Der Allvater besitzt nach wie vor eine klare Vorstellung davon, wodurch sich ein gottesfürchtiges Dasein auszeichnet, und den freizügigsten Auslegungen ergeht es wie den allermeisten Steuerversprechen: Sie werden einkassiert. Auch kommt das heidnische Publikum nicht ohne einen Fingerzeig davon. „Kann ein Atheist ein moralischer Mensch sein?“, fragt Paul während einer Blitz-Frage-Runde. „Ja, natürlich kann er das“, entgegnet der Herrgott. „Man kann auch ein Haus ohne Fundament bauen. Man muss nur hoffen, dass die Erde nicht bebt.“

So ein Interview mit Gott kann ganz schön schlauchen: Paul Asher, ohnehin nicht in bester mentaler Verfassung, kommen erhebliche Zweifel.
So ein Interview mit Gott kann ganz schön schlauchen: Paul Asher, ohnehin nicht in bester mentaler Verfassung, kommen erhebliche Zweifel.

Bibelfest und Netflix-tauglich

Adressaten tragen derartige Spitzen mit Fassung. In seiner Tonalität bemüht sich der Film, auch diejenigen abzuholen, die nicht zur Zielgruppe der Schon-Gläubigen zählen. Treibende Kraft hinter An Interview with God ist eine Firma, die hochwertige Spielfilme mit christlicher Message produziert. Haftet vielen Bibelfilmchen etwas Stümperhaftes, etwas Laienhaftes an, so setzt Giving Films auf Star-Power und einen Netfilx-tauglichen Look. Bisherige Visitenkarten des Unternehmens sind 90 Minutes in Heaven (2015, mit Hayden Christensen – siehe auch: Shattered Glas – und Kate Bosworth) sowie Paul, Apostle of Christ (2018, mit Jim Caviezel und James Faulkner in den Hauptrollen). An Interview with God ist der dritte Eintrag in der Filmographie von Giving Films – und sicherlich auch der experimentellste.

Dass An Interview with God nicht einer gewissen Faszination entbehrt, das liegt in erster Linie an seiner spannenden Prämisse. Der deutsche Zusatztitel „Was würdest Du ihn fragen?“, spricht eine Call-to-Action aus, die es eigentlich nicht bedarf. Weil sie a) nahe liegt und b) rhetorischer Natur ist. Denn wer bekäme schon ein Wort hervor, wenn der Herr wirklich neben einem im Stadtpark erschiene? Also lassen wir den Journalisten vor. Es ist ein beliebter Kniff in Erzählungen, Reporter als Ergründer des Unerklärlichen ins Felde zu führen.

Ein guter Journalist objektiviert und bürgt für den Wahrheitsgehalt der Story. Anständig ist Paul Asher allemal, die Exposition hat ihn uns als einen gewissenhaften Vertreter seiner Zunft vorgestellt. So einem wie Paul traut man es zu, dass er in der Lage ist, neutral – über seine eigene Frömmigkeit hinweg – zu urteilen. Weil Gott das Gespräch von der universellen auf die persönliche Schiene lenkt und das Interview zur Therapiestunde gerät, gelingt es Paul allerdings nicht, seiner Befangenheit zu entrinnen. Der Journalist verwandelt sich in den Propheten, der Gottes Wort in die Welt trägt.

CSI Gott: Der Allmächtige reißt die Geprächsführung an sich und nimmt den Journalisten Paul ganz schön in die Mangel.
CSI Gott: Der Allmächtige reißt die Geprächsführung an sich und nimmt den Journalisten Paul ganz schön in die Mangel.

Von Paulus zu Tyler Durden

Wenn das mal keine gesteuerte Presse ist. Eine göttliche Fügung im doppelten Wortsinn. Die Rolle des Propheten war dem Protagonisten schließlich vorbestimmt, sie lag bereits in seinem Namen verborgen. Paul ist ein Namensvetter des wohl wichtigsten Verkünders der christlichen Lehre: Paulus von Tarsus gilt in der wissenschaftlichen Bibelkritik als der „erste Theologe“, der die Loslösung des Christentums vom Judentum maßgeblich vorantrieb. Eine – nicht minder prophetische – Brücke zum Alten Testament schlägt Pauls Nachname: Asher ist die englische Form von Ascher. So heißt einer der zwölf Söhne Jakobs – womit Paul Asher auf einer ideellen Linie mit den Stammvätern Israels steht.

Es ist ein Kreuz mit der Vorsehung: Sie kommt selten überraschend. Selbiges gilt für die großzügig gesäten Wendungen, mit deren Hilfe sich der Film an moderne Erzählstrukturen heranwanzt. An Interview with God gebärdet sich wie ein Mind Fuck-Film. Wie Fight Club für Christen. Für ungeübte Seher mag das eine Offenbarung sein. An alle anderen geht der Druckabfall in der Kabine unbemerkt vorüber. Die vermeintlichen Überraschungen stehen in keinem Verhältnis zu den Motivationen der Figuren. Beispielsweise ist der Grund für die Krise der Eheleute Asher weder schlüssig noch glaubwürdig.

Umgekehrt zerstreut der Film aus dramaturgischer Sicht viel zu früh die Zweifel an der Wahrhaftigkeit des Wahrhaftigen. Die Unsicherheit des Protagonisten überträgt sich nicht auf den Zuschauer, ein Merkmal eines gelungenen Mind-Fucks. An Interview with God ist und bleibt eben ein christlicher Kampagnenfilm. Ein netter Versuch, christliche Botschaften mit modernen Sehgewohnheiten in Einklang zu bringen. Oder, um es mit den Worten von Tyler Durden zu sagen: „Dir Federn in den Arsch zu stecken, macht dich noch nicht zum Huhn.“


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