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journalistenfilme.de – der Podcast #22: Spotlight, CORRECTIV und investigativer Journalismus

Geht so investigativer Journalismus? Mit Jonathan Sachse vom Recherchezentrum CORRECTIV schauen wir uns den Oscar-Gewinner Spotlight an.

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Geht so investigativer Journalismus? Mit Jonathan Sachse vom Recherchezentrum CORRECTIV schauen wir uns den Oscar-Gewinner Spotlight an.

Investigative Journalist*innen sind Einzelgänger*innen? Mit Jonathan Sachse vom Recherchezentrum CORRECTIV räumen wir mit einem beliebten Film-Klischee auf. Für die Beweisführung lotsen wir den bekanntesten Journalistenfilm der jüngeren Vergangenheit in den Zeugenstand: Spotlight. In einer neuen Folge von journalistenfilme.de – der Podcast.

Text & Moderation: Patrick Torma. Bildmaterial: Paramount Pictures.

Vorsichtig tastet er sich in die Dunkelheit vor. Das Surren der schummrigen Notbeleuchtung ist das einzige Geräusch, das die unbehagliche Stille durchbricht. Um diese unchristliche Uhrzeit hält sich normalerweise kein vernünftiger Mensch in einer Tiefgarage auf. Sollte ihm jemand an so einem Ort mit bösen Absichten auflauern wollen, dann hätte er leichtes und ungestörtes Spiel. Doch daran darf der Journalist keinen Gedanken verschwenden.

Nicht jetzt. Schließlich hatte er keine Sekunde gezögert, als ihm der mysteriöse Telefonkontakt diesen entlegenen Treffpunkt zuraunte. „Das, was ich Ihnen zu sagen habe, kann den Lauf der Dinge verändern.“ Das waren die Worte der Stimme auf der anderen Seite der Leitung. Wochenlang waren die Recherchen festgefahren. Das hier könnte der Durchbruch sein. Die Aussicht auf einen Scoop, sie ist endlich greifbar. Das Herz schlägt lauter als die Schritte, die vom Boden hallen. Doch, halt. War da was? Glimmt da hinten etwa eine Zigarette?

Erfüllt auf den ersten Blick das Klischee: Spotlight-Journalist Michael Rezendes (Mark Ruffalo) kommt dem Typus "einsamer Wolf" recht nahe.
Erfüllt auf den ersten Blick das Klischee: Spotlight-Journalist Michael Rezendes (Mark Ruffalo) kommt dem Typus “einsamer Wolf” recht nahe.

Investigative Journalist*innen
– alles einsame Wölfe?

Dieses Szenario kommt Euch bekannt vor? Das könnte daran liegen, dass investigativ arbeitende Journalist*innen im Film gerne in dieser oder in ähnlicher Form vorgestellt werden: Der Reporter, der auf eigene Faust loszieht, um den Verschwörern das Fürchten zu lehren. Die Redakteurin, die sich entgegen der hausinternen Anweisungen über alle Widerstände hinwegsetzt und dabei nicht mal auf die Unterstützung der Kolleg*innen zählen kann. Kurz: Investigative Journalisten in Filmen sind häufig einsame Wölfe. Doch was ist dran an diesem Bild? Wie funktioniert moderne Investigativrecherche wirklich? Mit diesen und anderen Fragen setzen wir uns in dieser Episode von journalistenfilme.de – der Podcast auseinander.

Für die spannenden Insights darf ich als Gast Jonathan Sachse begrüßen. Jonathan Sachse ist Gründungsmitglied des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV und als Leiter der Unit CORRECTIV.Lokal nur selten in schlecht ausgeleuchteten Tiefgaragen zum Zwecke der Informationsbeschaffung unterwegs. Stattdessen bevorzugt der Journalist teambasierte, methodische Recherchen. Was das bedeutet, klären wir anhand eines berühmten filmischen Fallbeispiels – die Rede ist von Spotlight aus dem Jahre 2015.

Investigative Recherche ist kleinteilig und bisweilen mühsam. Spotlight gibt sich in dieser Hinsicht keinen Verklärungen hin. Das macht den Film aber auch so anschaulich.
Investigative Recherche ist kleinteilig und bisweilen mühsam. Spotlight gibt sich in dieser Hinsicht keinen Verklärungen hin. Das macht den Film aber auch so anschaulich.

Spotlight als Lehrstück für den investigativen Journalismus

Der Film erzählt die wahre Geschichte einer Recherche-Redaktion, die Anfang der 2000er-Jahre den flächendeckenden Missbrauch von Kindern und Jugendlichen innerhalb der Katholischen Kirche Bostons aufdeckt. Spotlight gewann 2016 überraschenderweise den Oscar für den Besten Film – diese Auszeichnung war nicht nur Balsam für die angekratzte Gemütslage einer Zunft, sondern gleichzeitig Inspiration, insbesondere für den investigativen Nachwuchs. Weswegen es sich bei Spotlight zweifelsohne um den wichtigsten Journalistenfilm nach Die Unbestechlichen handelt. Für unsere Betrachtung ist dieser moderne Klassiker deshalb interessant, weil er – für einen Hollywood-Film ungewöhnlich – sehr dezidiert auf journalistische Methoden eingeht und dabei mit dem tradierten Bild vom einsamen Wolf bricht.

Welche Aspekte der investigativ-journalistischen Arbeit lassen sich in Spotlight erkennen? Wie nahe an der Realität sind die porträtierten Recherchen? Gibt es Unschärfen oder hollywood-typische Verdichtungen? Darüber spreche ich mit Jonathan Sachse, um anschließend den Abgleich mit der Realität zu wagen: Wie arbeiten die Journalist*innen von CORRECTIV? Welche technischen Möglichkeiten von heute hätten die Arbeit der Spotlight-Reporter*innen anno 2000 enorm erleichtert? Und: Kann die Geschichte von Spotlight überhaupt Vorbild für lokale Medien sein? Ist sie inzwischen nicht mehr ein Wunsch-Traum? Abschließend streifen wir das Thema der Missbrauchsberichterstattung – CORRECTIV hat – gemeinsam mit dem Magazin Frontal – einen Fall in Deutschland recherchiert, der in einzelnen Punkten an Spotlight erinnert. Ihr seht schon, auf Euch wartet ein vollgepacktes, aber spannendes Programm.

Spotlight bildet auch die Teamdynamik in einer Recherche-Redaktion ab. Wie genau, darüber spreche ich mit Jonathan Sachse vom CORRECTIV.

Folge #22: Gast ist Jonathan Sachse vom Recherchezentrum CORRECTIV

Timecodes:

0:57: Begrüßung & Vorstellung Jonathan Sachse, Leiter CORRECTIV.Lokal.
4:34: Dafür steht das gemeinnützige Recherchezentrum CORRECTIV.
11:25: Die Journalistin / der Journalist als lonesome wolf: Was ist dran an diesem Klischee?
20:03: Ein Lieblingsfilm vieler Journalist*innen: Spotlight und seine Bedeutung für die Branche.
24:28: Einführung in Spotlight: Handlung, Darsteller & was wir an diesem Film gelungen finden.
31:52: Fiktion vs. Realität: Der investigative Journalismus in Spotlight – eine authentische Darstellung?
40:09: Alle für eine Story: Der Teamdynamik in Spotlight, über die ideale Zusammenstellung von Recherche-Units
49:01: Der Nostalgie-Faktor: Datenjournalismus früher und heute.
57:20: Service-Hinweis: Wobei CORRECTIV Lokalredaktionen unterstützen kann.
59:12: Die Ökonomie investigativer Recherchen: Relevanz, Exklusivität, Marketing und Langzeiteffekte.
01:08:34: Spotlight – eine journalistische Utopie? Gedanken zur Situation der Lokalredaktionen in Deutschland.
01:22:27: Der Fall Peter H. & die Besonderheiten der Missbrauchsberichterstattung.
01:40:40: Fazit: Spotlight – ein Lehrstück?

Ich bedanke mich bei Jonathan Sachse, der sich die Zeit für dieses fast zweistündige Gespräch genommen und eine Menge interessanter Einsichten in den investigativen Journalismus mitgebracht hat. Ich hoffe, liebe Hörerinnen und Hörer, dass Euch das Thema ähnlich fesselt und Ihr aus dieser Folge das eine oder andere herausziehen könnt. Sollte das der Fall sein, dann honoriert das doch bitte mit einer kleinen Aufmerksamkeit in eines Abos sowie einer Bewertung auf Apple Podcasts – das hilft der Sichtbarkeit dieses Projektes enorm.

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Wer sich weiterhin für die spannende Arbeit von CORRECTIV interessiert: Das gemeinnützige Recherchezentrum zeichnet sich nicht nur durch investigativen Journalismus für die Gesellschaft (eine Auswahl besonders aufmerksamkeitsstarker Geschichten findet ihr hier) sowie die Zusammenarbeit mit Facebook („Fakten-Checks“) aus.

Heikles Thema: Die Berichterstattung über Missbrauchsfälle verlangt Fingerspitzengefühl. Im Film ist es die Reporterin Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams), die sich den Opfern widmet.

Empfehlenswerte Links
zur Arbeit von CORRECTIV

Ein wichtiger Baustein in der Arbeit der CORRECTIV-Journalist*innen ist der journalistische Wissenstransfer. Wie Jonathan Sachse im Podcast ausführt, setzt CORRECTIV auf Kooperationen mit anderen Redaktionen, dabei bietet das Recherchezentrum lokalen Medien methodische, aber auch inhaltliche Anschubhilfe für mögliche investigative Recherchen vor Ort. Nicht nur an Journalist*innen richtet sich die Reporterfabrik – die WebAkademie des Journalismus, die sich als Journalistenschule für jede und jeden versteht. 1.200 Tutorials und 120 Podcasts schärfen die Medienkompetenz. Viele Angebote sind kostenlos, zum Teil gegen geringe Kursgebühren abrufbar.


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