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Schlechtes Vorbild Reality-TV: Showtime (2002)

Reality-TV à la Cops und Buddy Cop-Movies wie Lethal Weapon – Showtime nimmt zwei Spielarten klischeebeladener Polizei-Darstellungen ins Visier,

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Reality-TV à la Cops und Buddy Cop-Movies wie Lethal WeaponShowtime nimmt zwei Spielarten klischeebeladener Polizei-Darstellungen ins Visier, trifft aber keine von beiden so recht. Weshalb die Satire – trotz eines Staraufgebots – in der Mittelmäßigkeit versumpft. Das gibt uns die Gelegenheit, abzuschweifen und die Frage aufzuwerfen: Wie wirkt sich der mediale Zwang, Wirklichkeit vermeintlich authentisch abzubilden, auf den Journalismus aus?

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Warner.

Being a policeman is not what you see on TV! Wenn Mitch (Robert De Niro, Wag The Dog) daran denkt, welches Bild die Medien von seiner Arbeit vermitteln, platzt ihm regelrecht der Kragen. Heute, am Tag der Berufsorientierung an der örtlichen Grundschule, ist es mal wieder so weit: Mitch redet sich in Rage, während die Kids eingeschüchert immer tiefer in die Stühle versinken. Noch nie habe er sich für den roten oder den blauen Draht entscheiden müssen. Und Polizisten, die von Dach zu Dach springen, um Verbrecher dingfest zu machen, die gebe es auch nur im Kino, echauffiert er sich. Da ahnt Mitch noch nicht, dass er schon bald in luftiger Höhe über den Straßenschluchten von Los Angeles baumelt.

Schon gar nicht, dass er das als Star einer Reality-TV-Sendung tut. Natürlich nicht freiwillig. Seine Mitwirkung an dem Format, das den Namen Showtime trägt, ist eine Art Frondienst, der negative Publicity für das LAPD abwenden soll. Mitch hat nämlich im Eifer eines Einsatzes eine teure Nachrichtenkamera „niedergeschossen“. Dass der dazugehörige Reporter selbige seinem schwer verletzten Partner ins Gesicht gedrückt hat („Ich mache hier nur meinen Job!“ – „Suchen Sie sich eine richtige Arbeit!“), das ist eine Tatsache, die in der öffentlichen Bewertung eines solchen Skandals untergeht.

Das schiefe Bild der Gewaltenteilung in Showtime

Zwei Superstars in einem supermittelmäßigen Film. Showtime macht zu wenig aus seiner interessanten, medienkritischen Prämisse.
Zwei Superstars – Eddie Murphy und Rebort De Niro – in einem supermittelmäßigen Film. Showtime macht zu wenig aus seiner interessanten, medienkritischen Prämisse.

Die Produzentin Chase Renzi (Rene Russo, Nightcrawler) weiß jedenfalls, wie sie ihre Druckmittel richtig ausspielt und ehe sich Mitch versieht, hat ihn sein Chef dazu verdonnert, einem nationalen Fernsehpublikum zu zeigen, wie echte Polizeiarbeit funktioniert. Blöd nur, dass (nicht nur) die Zweitbesetzung diesem Ansinnen im Wege steht. Mit Trey Sellars (Eddie Murphy) wird ihm ausgerechnet ein Streifenpolizist als Serien-Partner zur Seite gestellt, der insgeheim von einer Karriere als Schauspieler träumt …

Showtime zeichnet das Bild einer Gewaltenteilung, in der sich die Machtverhältnisse verschoben haben. Die Medien wachen nicht mehr bloß von ihrer – nachträglich installierten – Säule der Vierten Gewalt aus über die klassischen Hoheitsbereiche der Rechtsstaatlichkeit. Man stelle sich vor, die Polizei knickt ein, weil sie negative Schlagzeilen fürchtet. De facto zieht der Sender in Showtime die ausführende Gewalt am Nasenring durch die Manege.

Was sich der Journalismus vom Reality-TV abgeguckt hat

Manege ist auch der passende Begriff. Dem Sender geht es nicht um eine journalistische Präsentation der Polizeiarbeit, sondern um eine Emotionalisierung der selbigen zum Zwecke der Unterhaltung. Reality-TV eben, das sich durch die gezielte wie überstrapazierte Ansprache der Gefühlsebene von einem dokumentarischen Ansatz unterscheidet. Vom „Zurechtbiegen“ der Wirklichkeit, wie es von den Produzentinnen in Showtime praktiziert wird, ganz zu schweigen.

Nichts in Showtime ist journalistisch, und doch tangieren die Entwicklungen, die der Film nachzeichnet, im zunehmenden Maße den Journalismus: Weil die gefühlsbetonte Reality-Schiene gut beim Publikum ankommt, spielt die Emotionalität auch in der Berichterstattung eine immer größere Rolle. Nachrichtenmedien bedienen sich verstärkt narrativer und stilistischer Mittel, die man aus klassischen Reality-Formaten kennt. Man denke an die ständigen Einspieler „echter Menschen“, die das Geschehen aus einer erhöhten, aber nicht wirklich beteiligten Position heraus subjektiv kommentieren. Oder an die bewusste Provokation des Publikums, das dazu bewegt werden soll, sich aufzuregen. Gut und billig ist, was einen Nerv trifft.

Lesetipp:
Warum funktioniert Reality TV? Eine rhetorische Analyse am Beispiel „Goodbye Deutschland“

Eine Medienrealität, die nur wenig mit der echten Realität zu tun hat

Die Cops Mitch und Trey inszenieren selbst – schließlich soll der Einblick in ihre Polizeiarbeit authentisch ausfallen.

Dieser „Schrei nach Liebe“ ist vor dem Hintergrund des enormen Konkurrenz- und ökonomischen Drucks bis zu einem gewissen Grad verständlich. Gefährlich wird es, wenn die Gefühle die Fakten überlagern und der Blick fürs Wesentliche verlorengeht. US-Forscher sehen in der emotional überladenen Berichterstattung der großen US-Nachrichten einen Grund für den politischen Erfolg Donald Trumps. Indem sie jeden seiner abstrusen Tweets aufgriffen, hätten ihm Journalist*innen das verschafft, worauf der einstige Reality-Star (The Apprentice) so scharf gewesen sei: Aufmerksamkeit, die von wahren Problemen ablenkte.

Die Auswüchse einer Medienrealität, die zunehmend Kommentatoren überlassen wird, zeigen sich hierzulande im öffentlichen Diskurs rund um die Corona-Pandemie. Egal, ob Pro-Schulschließungen oder gegen Alltagsmasken: Es gibt kaum noch Debatten, die sich sachlich und konsensfähig auflösen lassen. Freilich: Das mag in der Natur einer Pandemie liegen, die so viele Menschen persönlich betrifft wie nie zuvor … doch gerade weil unsere Gesellschaft im Kollektiv auf Lösungen angewiesen ist, wirkt ihre Polarisierung umso bedrohlicher.

Showtime: Solide Grundidee, verschwenderische Umsetzung

Aber ich schweife mal wieder ab. Das Nachdenken über die Verwicklungen des Reality-TV für den Journalismus ist zweifelsohne interessanter als der Genuss von Showtime. Es gibt ein paar süffisante Gags, die auf die inszenierte Authentizität eines Formates wie Showtime einzahlen. Vor allem dann, wenn die durch Film und Fernsehen kolportierten Klischees aufs Korn genommen werden. Großartig ist der Auftritt des nur bedingt als Method Actor geltenden William Shatner, der den beiden Cops als Schauspiel-Coach zur Seite steht, um ihnen die Gepflogenheiten des Jobs näherzubringen. Etwa wenn er ihnen vorführt, wie man sichergestelltes Kokain auf Echtheit überprüft – schön mit der angefeuchteten Fingerspitze nämlich. Mitchs trockener Kommentar: „Und was ist, wenn es Zyankali ist?“

Irgendwann allerdings hat sich der satirische Subtext erledigt und der leidlich unterhaltsame Action-Krimi-Plot rückt in den Mittelpunkt. Anstatt sich die Stärken des Reality-TV eigen zu machen und diese ironisch zu brechen, verfällt Showtime in die einfallslose Formelhaftigkeit, die der Film zu parodieren versucht. Das ist kein Verbrechen. Aber die fahrlässige Verschwendung einer interessanten Grundidee.


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