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so ticken Journalisten im Film

Cheap Shot gegen Tricky Dick: Frost/Nixon (2009)

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Vom playboyhaften Talkmaster zum verdienten Journalisten: Ende der 1970er Jahre knöpft sich die britische Fernsehberühmtheit David Frost den ehemaligen US-Präsidenten Richard Nixon vor. Die Welt erwartet ein ungleiches Duell, das der Politgauner für sich entscheiden wird. Der Spitzname Tricky Dick kommt schließlich nicht von ungefähr: Nixon hatte in seiner Amtszeit (1969 bis 1974) systematisch die Prinzipien der Demokratie ausgehöhlt, um seine Machtfülle zu erhalten. Doch Frost gelingt, worauf die Nation lange gewartet hat – er entlockt Nixon ein Schuldeingeständnis. Der Verbal-Thriller Frost/Nixon feiert die Geburt einer Interviewlegende. Der Kater kommt bei der Recherche danach.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Universal Studios.

Gefürchteter Interviewer, weltberühmter Journalist und Journalisten-Legende: Als David Frost 2014 74-jährig an einem Herzinfarkt verstarb, verneigte sich eine Branche. Längst hatte sie ihn zu einem der ihren erklärt. Mitverantwortlich ist dieses eine Interview. Es ist zwar unfair, Frost journalistisches Schaffen auf diesen einen TV-Moment zu reduzieren. Fakt ist: Die mehrstündige Frage- und Antwortrunde mit Ex-Präsident Richard Nixon verhalf dem jungen Briten nicht nur zu Weltruhm, er begründete dessen Ruf als Journalisten. Zuvor ging er allerhöchstens als journalistisches Leichtgewicht durch. Er war ein Fernsehschalk, der sich mit politischen Satiresendungen einen Namen gemacht hatte.

Frost/Nixon setzt in einer für den Fernsehstar kritischen Phase ein. Seine Karriere ist 1974 ins Schlingern geraten, seine vergangenen Sendungen wurden zuletzt immer häufiger und frühzeitiger abgesetzt. Während er sich auf eine Show vorbereitet, verfolgt er im Fernsehen den Rücktritt Nixons, der damit einem Amtsenthebungsverfahren zuvorkommt.  Der Watergate-Skandal offenbarte einen Präsidenten, der seine Regierungsvollmachten missbraucht und das amerikanische Volk getäuscht hatte. Nixon ist schuldig. Und dennoch bringt dieser Mann die Chuzpe auf, in der für ihn markanten Victory-Pose abzutreten. Brite Frost fasst die fixe Idee, den meist gehassten Amerikaner seiner Zeit zu interviewen. Allerdings weniger aus einem journalistischen Interesse heraus. Frost geht es darum, seine Popularität in den Vereinigten Staaten anzuheizen.

"Sind Sie nicht dieser Typ aus dem Fernsehen?" Playboy David Frost (Michael Sheen) klopft am Mile High Club an.

„Sind Sie nicht dieser Typ aus dem Fernsehen?“ Playboy David Frost (Michael Sheen) klopft an der Pforte des Mile High Club an.

Vom Publicity-Gag zur TV-Sternstunde

Millionen Menschen an den Fernsehgeräten verfolgen den Rücktritt des Präsidenten live. Mit einem Exklusivinterview, glaubt David Frost, ließe sich bestimmt Kasse machen. Doch die Sendervorantwortlichen, bei denen der Moderator vorstellig wird, lehnen ab: Warum sollte es einem Briten zustehen, das ehemalige US-Oberhaupt zu interviewen? Und: Weshalb sollte ein Sender interessiert sein, die Wahnsinnsgage von 600.000 Dollar zu aufzubringen? Nur damit sich der rhetorisch beschlagene Nixon wie ein Aal durch den Wust von Anschuldigungen winden kann? Und am Ende womöglich rehabilitiert dasteht? Genau das hat Richard Nixon im Sinn, als er dem Interview nach mehrfacher Anfrage im späten Jahr 1976 zustimmt.

Aus dem Publicity-Gag wird Ernst: Frost stemmt die Produktion aus eigener Tasche und wirbt händeringend um die Unterstützung von Sponsoren. Selbst als das Interview unmittelbar bevorsteht, wendet Frost seine gesamte Energie auf, um das finanzielle Risiko zu minimieren, anstatt sich auf die Vorbereitung des Gesprächs zu konzentrieren. Die Vorbehalte gegen Frosts Scheckbuchjournalismus scheinen sich zu bewahrheiten. In den ersten von insgesamt vier Aufnahmesitzungen führt Nixon, ganz Elder Statesman, seinen Gastgeber vor. Erst als Frost registriert, dass er nicht nur sein eigenes Renommee aufs Spiel setzt, sondern im Begriff ist, die Reputation seines hart arbeitenden Produktionsteams zu beschädigen, nimmt er die Rolle des knallharten Interviewers an. Der Rest ist Geschichte. Mehr oder weniger.

Der Talker und seine Entrourage: David Forst bleibt seinen idealistisch veranlagten Beratern lange Rechenschaft schuldig.

Der Talker und seine Entrourage: David Frost bleibt seinen idealistisch veranlagten Beratern lange Rechenschaft schuldig.

Frost/Nixon verzerrt die Realität

Frost/Nixon erweckt einen authentischen Eindruck.  Das Set, der Aufbau des Interviews, einzelne Kameraeinstellungen – das ganze Drumherum, es wirkt, als wäre es den Originalaufnahmen entsprungen. Eingestreute Interviewszenen, in denen die Figuren die Ereignisse reflektieren, verleihen dem Film einen dokumentarischen Anstrich. Dabei ist Frost/Nixon in vielen Belangen ein Blendwerk. Die historische Akkuratesse wird zugunsten der Dramaturgie geopfert. Der Film erlaubt sich zahlreiche Freiheiten. Er weicht von der Chronologie des echten Interviews ab, viele Dialoge haben in dieser Form nicht stattgefunden oder wurden aus anderen Interviews Nixons übernommen, die psychologischen Scharmützel zwischen den Protagonisten sind frei erfunden.

An dieser Praxis ist an sich nichts Verwerfliches. Spielfilme sind in der Regel dazu da, um ihr Publikum zu unterhalten. Selbst die „härtesten“ Journalistenfilme, die journalistische Funktionen für sich beanspruchen, weil sie sich auf die Suche nach der Wahrheit begeben bzw. weil sie bemüht sind, die Suche nach dieser Wahrheit möglichst wahrheitsgetreu nachzuerzählen, arbeiten mit Verdichtungen, Auslassungen und anderen künstlerischen Freiheiten. Man denke etwa an Dustin Hoffmans Vorzimmer-Tricksereien in Die Unbestechlichen, die es nur deshalb ins Skript schafften, weil der echte Watergate-Enthüller Carl Bernstein seiner Figur eine Extra-Portion Schneid verpassen wollte. „Beruhend auf wahren Begebenheiten“ heißt eben nicht „der Realität entsprechend“. Es ist ein dehnbares Label. Als Politdrama, das auf realen Ereignissen fußt, zieht sich Frost/Nixon eine  Zerrung zu.

Mr. Präsident sind Sie ein Betrüger?

„Mr. President sind Sie ein Betrüger?“

Kein richtiges Schuldeingeständnis

Das macht Frost/Nixon keineswegs zu einem schlechten Film. Ganz im Gegenteil: Frost/Nixon ist ein packend erzähltes Duell zweier Egos – hervorragend gespielt von Michael Sheen (als Premierminister Tony Blair in The Queen und Trainerlegende Brian Clough in The Damn United mit Faible für historische Figuren) und Frank Langella (Skeletor in Master of the Universe!). Wie in Michael Manns Heat. Nur ohne Action. Dafür mit jeder Menge verbaler und non-verbaler Kommunikation. Doch gerade weil der Film eine ungeheure Sogwirkung entfaltet, ist die Ernüchterung umso größer, wenn man sich des Ausmaßes der Übertreibung bewusst wird.

Nicht nur, dass sich der Film künstlerische Freiheiten erlaubt. Er überhöht das gesamte Ereignis. Das eigentlich Spektakuläre an dem Interview sei weniger Nixons Schuldeingeständnis gewesen, sondern vielmehr die Tatsache, dass der ehemalige Präsident sein dreijähriges Schweigen brach, hält der Historiker Christoph Classen fest. Zumal es sich nur um ein partielles Schuldeingeständnis handelte.

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„Scheißt der Papst in den Wald?“ (Dialog sinngemäß)

Das Spiel mit der Macht der Bilder

Wer das Material von damals betrachtet, stellt fest: Nixon bekennt sich zu keinen konkreten Straftaten. Er spricht lediglich davon, sein Land enttäuscht zu haben; davon, es zu bereuen, die Gelegenheit vergeudet zu haben, die von ihm angestoßenen Projekte und Programme für weitere zweieinhalb Jahre mitzugestalten. Der echte Nixon sieht während dieser Beichte weitaus weniger konsterniert aus als sein filmisches Pendant. Der Verdacht liegt nahe, dass David Frost dieses Eingeständnis gar nicht so sehr entlocken musste. Ein Rhetorik-Ass wie Richard Nixon wird sich eine Antwort auf diese Frage zurechtgelegt haben, alles andere ist jedenfalls nur schwer vorstellbar. Der Sieg des Underdogs erscheint auf einmal ungleich kleiner.

Frist/Nixon ist ein schizophrenes Seherlebnis, weil es uns vor Augen halten will, wie die Macht der Bilder funktioniert, diese Macht aber gleichzeitig für seine Zwecke ausnutzt. Wir sehen zwei Protagonisten dabei zu, die wissen, dass eine einzelne Kameraeinstellung über den Ausgang dieses Rededuell entscheiden kann. Nixon, der sich vertraglich zusichern lässt, dass ihm die schwitzige Oberlippe regelmäßig trocken getupft wird, verliert, weil die Fassade in einem kurzen Moment bröckelt. Der Böse ist entlarvt. Das Publikum feiert. Mission accomplished. Dass bei der Erfüllung dieser Mission einiges unterschlagen und dazu gedichtet wird – geschenkt. Tatsächlich war das Interview für beide ein Gewinn. Indem er halbherzig zu Kreuze kroch, stellte Nixon zumindest einen Teil seiner Ehre wieder her. Von dem fürstlichen Honorar, das er für diesen Auftritt einstrich, ganz zu schweigen. David Frost ebnete dieser TV-Moment bekanntlich den Weg nach ganz oben. Er interviewte im Laufe weiteren Karriere alle britischen Premierminister seit 1964, alle US-Präsidenten seit 1969 und zahlreiche Prominente aus aller Welt. Das schafft man allerdings nicht aufgrund eines einzelnen Interviews. Wenn es so etwas wie eine journalistische Punchline gibt, dann die hier: Journalisten, bereitet eure Interviews gut vor.

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Frost/Nixon – Das Original-Interview zur Watergate-Affäre

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3 Comments

  1. Schöner Artikel!
    Michael Sheen ist auch in MASTERS OF SEX ganz hervorragend (und historisch) unterwegs, Frank Langella aber vor allem als DRACULA bekannt geworden, wenn ich persönlich ihn auch erstmals in DARKMAN gesehen habe. 🙂

    Was mir noch fehlte, weil ich es damals spannend fand, ist, dass der Film ja die Theaterversion zur Vorlage nimmt, bei der sich ebenfalls bereits Sheen und Langella äußerst erfolgreich auf dem Broadway gegenübersaßen, zumal Langella für die Rolle den Tony Award erhielt.

    • Patrick

      Danke 😉

      Ist das eine generelle Empfehlung für Masters of Sex? Bin im Moment doch etwas dem Serienwahn verfallen…

      Das mit dem Theaterstück habe ich gar nicht richtig verfolgt, wie ich zugeben muss.

      • Ich finde die Serie super! Zumindest S1 & S2, die dritte haben wir selbst noch nicht gesehen. Schöner Zeitgeist, und die Themenbreite ist spannend.
        Kommt nicht an MAD MEN ran, liegt aber auf einem guten 2. Platz der Sittengemälde. 😀

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